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Jüdische Volksstimme · 1913-02-06 · Heft 6 (6.2.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 6 (6.2.1913)
Date
1913-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XIV|2. Jahrg. Nummer 6 Erscheint jede« Donnerstag. niinir. Bezugspreise Zur Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen S2׳< ganzjährig.Kronen 10•- Deutschland, ganzjährig. Mark 10 - Rußland, ganzjährig. Rubel 6־- Balkan, Frankreich.Franks 12־- _Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. ' Buckhändleri'che Vertretung: Otto Memm. Leipzig üieschästsslelle. Wien: I., Rotenturmstraße Nr. Sl. Telephon 300S/VM. Sprechstunden von 10—12 Uhr. Postsparkaffakonto Nr. 312.842. U , verlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert , Manuskripten ist Rückporto beiz »lügen. .Brünn—Budapest. ZVitN b- Februar 1913. 29. Schcbath nK73. Prag—Lemberg. * Aus dem Inhalte: 'H> Frankl: Zur Steform des Cheders. — Josef Rapplcr: Jüdische Kriegsgeschichte. — Erkläret mir. Graf Harrach —? — Dr. W. Münz: Schrecknisse der Nacht. — Antisemitische Llgitaii0H in Ostgalizien. — Judenverfolgungen in Südarabien. — Wiener Nachrichten. — Briinner Nachrichten. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Theaterrundschau. — Zur Erhaltung der mährischen Judengemeinden. — Agramer Brief. Das Judentum in Serbien. — Dr. A. Deutsch: Exegetisches zum Wochenabschnitt. — Bücherbesprechungen. Zur Reform des Cheders. Friedrich Dittes äußert sich in seiner ״Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes" über die Judenheit') folgendermaßen: ״Und so haben wir denn die Israeliten als das einzige wahr- Haft pädagogische Volk des semitischen Stammes zu betrachten. Sie allein stehen noch heute als lebendiger Zweig dieses alten Stammes inmittcn der großen Völkerfamilie׳, Jahrhunderte hindurch rrnter ägyptischer, babylonischer, persischer, mazedonischer, syrischer und römischer Knechtschaft, unter den Verfolgungen durch Heiden, Christen und Mohammedaner, unter dem Drucke harter Gesetze, unter der Verachtung der Nationen, unter der aussaugenden und cntwürdigenden Staatskunst der Regenten haben sie ihr Eigenleben bis auf diesen Tag behauptet, ihre r) Schule der Pädagogik von Dr. Friedrich Dites, 4. Aufl. Seite 811. Feuilleton. Schrecknisse der Nachts Von Dr. Wilhelm M ü n z. Rabb. in Gleiwitz. In der alten Gemeinde Tarnhofen lebten einst zwei Talmudjünger; sie waren wie Brüder zueinander. Tag und Nacht saßen sie im Lehr- Hause zusammen uild studierten im Talmud und in den anderen heiligen Büchern. Ihr Mund ließ nicht ab von der Lehre. Ihr frommer. Eifer und ihr ausdauernder Fleiß kannten keine Grenzen. In den Wintermonaten pflegte Gabriel schon in der zweiten Nachtwache, bald nach Mitternacht, sich vom Lager zu erheben; er steckte seine Laterne an und begab sich nach der Wohnung seines Freundes Benjamin, klopfte an das niedrige Fenster und rief: ״Benjamin, stehe auf, wir wollen lernen gehen!" Bald öffnete sich die Tür und die beiden Freunde schritten in heiliger Eilfertigkeit durch die nächtlich schweigenden Straßen dem Lehr- *) Nus dem Buche: ״Einsames Land. Erzählungen und Stimmungsbilder". Von Dr. Wilhelm Münz, Rabbiner in Gleiwitz. 2. erweiterte Auflage. Verlag von I. Aauffmann, Frankfurt a. M. Freiheit, ihre Rechte, ihre Arbeit, ihre Eristenz standen fast immer und überall in Frage, ihr Vaterland, fast auch ihre Sprache haben sie verloren: aber ihr Blut, ihren Charakter, ihr Selbstgefühl, ihren Nationalstolz, ihren Glauben haben sie bewahrt. Wenn irgendein Volk auf den: weitcn Erdenrunde, so haben die Israeliten bewiesen, welche Macht in einer konsequenten Erziehung liegt. Tenn nur aus der systematischen Fortpflanzung des Judentums von Geschlecht zu Geschlecht ist die beispiellose Zähigkeit und Dauer desselben begreiflich. Aber nicht die Starrheit des Chiuesentums,, sondern die individuelle Selbständigkeit und Entwicklungsfreiheit ist das Lebens- und Erziehungsprinzip der Israeliten. Sie wissen sich in die Zeit, in die Menschen, in die Umstände zu schicken, und unter allem Wechsei des äußeren Daseins ihre Eigenart zu be- Haupte»; sie verschließen sich gegen keine 'Neuerung, und ihre Geschichte ist im großen und ganzen eine Geschichte des Fortschrittes, nicht des Rückganges, der steten Verjüngung, nicht des tödlichen Siechtums." Ich zweifle nicht, daß jeder Unbefangene hierin Dittes beipflichtet. Wenn wir demnach das Wirken des so sehr bekämpften Cheders einer rückschauenden Betrachtung unterziehen, gelangen wir zur unwiderleglichen Einsicht, daß dasselbe nnschcitzbare Dienste dem Judentnmc geleistet hat, indem es nicht nur schlechterdings eine hebräische Sprachschule, sondern ein par excellence religiös-nationales Institut war, dank welchem der Ostjude trotz aller Anfeindungen und bitteren Kampfes ums Dasein jahrhundertelang sein Judentum in unverfälschter Ueberlieferung fortgepflanzt hat; woraus — wie Dittes a. a. O. sagt — die beispiellose Zähigkeit und Dauer des Judentums begreiflich wird- Hause zu. Oft schlossen sie als erste die Halle aus, zündeten ein Lichtstümpfchen über das andere an und in beweglichen, rührendem Tonfall lernten und disputierten sie, bis der Morgen hereinbrach und die Gemeinde zum Frühgebete sich versammelte. Ta wurde Gabriel krank. Benjamin wich nicht von seinem Bette. Er rieb sich auf in der Pflege und Wartung des Freundes. Nur wenn Gabriel schlummerte, schlich Benjamin auf eine Weile aus dem Krankenzimmer, stieg den tiefen Keller hinab und weinte und betete in seiner Herzensangst: ״Herr der Welt, erbarme dich meines Freundes Gabriel.... Nimm ihn nicht in so jungen Jahren von dieser Welt! Möge die Thora ,die er gelernt hat, mögen seine guten Werke als Fürsprecher vor dem Throne deiner Herrlichkeit erscheinen!" Die ergreifende Klage drang aus dein Kellergewölbe in den Flur; die in banger Ergriffenheit lauschenden Hausbewohner sprachen unter Tränen: Benjamin betet für seinen Freund; möge sich Gott seiner erbarmen!" 'Aber die Gebete vermochten die fliehende Seele nicht zurückzuhalten.... Mit einem milden Lächeln auf den bleichen Zügen nahm Ga- Brief Abschied von dieser Welt. Er wurde von dem irdischen Lehrhause nach dem himmlischen Lehrhause abberufen. Wenn das Cheder dennoch seit einigen Jahrzehnten rücksichtslos bekämpft wird, so geschieht dies deshalb, weil es sich gegen die külturellen Errungenschaften der Neuzeit verschlafsen hat und demzufolge sowohl in hygienischer als auch pädagogisch-didaktischer Hinsicht auf einem unleidlich niedrigen Niveau stehen geblie- Tie an den Chedarim wirkenden Lehrer sind nämlich noch imer Leute ohne jede weltliche Bildüng. Sie glauben, ihre erziehliche Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie den Kopf eines Knaben im zartesten Kindesalter nach einer schablonenmäßigen Lehrmethode mit dem äußerst schwierigen Bibel- und Talmudstudium vollstopfen. So kam es auch dazu, daß die geistige Ueberkultur im Cheder körperliche Entartung zeitigte. Tie geistige Ueberanstrengung wirkte auf die Gesundheit umso verhängnisvoller als gleichzeitig im Cheder niemals Leibesübung gepflegt wurde. Die Wertschätzung der Leibesübungen bei den Weisen der klassischen Völker, deren Weltanschauung aus einschlägigen hebräischen Werken auch in orthodoxen Kreisen ziemlich bekannt sein dürfte, ja sogar der allbekannte Ausspruch Juvenals: ״Mens sana in corpore sano" ist bis zur Stunde dem Chederlehrer unbekannt geblieben. Auch der Umstand, daß zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts das Turnen wie auch eine Schulhygiene bei uns eingesührt wurden -״ änderte nichts an der Sache. Tie Meiamdim begreifen leider bis heute nicht, daß die Gesundheit eines Mannes wichtiger sei als sein Kopf allein, daß die Verhältnisse, unter denen wir jetzt leben, keine Leichengestalten brauchen, sondern Männer, die im harten Kampfe ums Dasein sich behaupten können. Wie ein Vogel in eine dunkle Wolke hineinfliegt, so wuchte das ganze Wesen Benjamins in eine dumpfe, herbe Trauer. Man sah einen Träumenden durch die Straßen schleichen. Als aber die Wochen so kamen und gingen und er ohne den Genossen immer mehr vereinsamte, löste sich diese Trauer in eine schlaffe Entsagung«? auf, sein Eifer im Studium erkaltete, und dec Helle Tag, der den Menschen zur Arbeit leuchtet. traf ihn oft müßig zu Hause. Einmal um Mitternacht, als Benjamin, von schweren Träumen umfangen. in seinem Bette lag. klopfte es draußen an das Fenster. Er fuhr aus dem Schlafe auf und hörte die bekannte Stimme: ״Benjamin, stehe aus. wir wollen lernen gehen!" Uneingedenk. daß der Genasse bereits seit Wochen im Grabe ruhte, sprang er von seinem Lager, kleidete sich rasch an und eilte hinaus. Dort empfing ihn Gabriel mit der brennenden Laterne. Schweigend gingen die Freunde nach dem Lehrhause. Es war eine unhein'liche, lichtlose Nacht. Am Himmel jagten die Wolken dahin, durch die Straßen lxulte'der Sturm. An einer Straßenecke traf die einsam Schreitenden ein harter Windstoß, die Laterne m losch und schutzsucheud traten die beiden in einen Torweg. In der gegenüberliegenden Häuserzeile jahen sie aus einem Fenster ein Licht blinken. Dort ln vornehmstem Ausführung von K 30 — aufwärts nur in dem In- Spezialhause für Syn»g׳ gen - Ornate ' in vornenmsier rtus1un׳u״g »u» ״ j-* ■ > Ausland bestens eingeführten Spezi* 1 aiare! Rudolf Ooldstein, Tolonhnn Mr. 21 QQfl. »Iristrierte ,Prfistrataln«». an, Interressenten gratis und franka■. WIEN, II., Zivil■ und Taborstrasse 54. Uniform-Schneider״

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