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Jüdische Volksstimme · 1913-01-16 · Heft 3 (16.1.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 3 (16.1.1913)
Date
1913-01-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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©tttf 2 ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 3 sein gebracht haben, das; der mit so viel marktschreicrischer Reklame zur Schau getragene religiöse und politische Liberalismus dieser Herren nur Maske, aus politischer Heuchelei und Täuschung beruht. Hat einst in der Alliance der WahlspruchL"“-“ בל ייטראל die Richtlinien ihres Handelns klargesiellt, so kann ihr heute nach der Entrechtung ihrer Mitglieder, denen nunmehr nichts anderes übriggcblieben als Ja und Amen zu sagen;ונא““ אב als passendste Devise empsohleu werden. Das kann der wahre Libcralimus nicht sein, der zur Erhaltung seiner Herrschast sofort nach vollzogener Wahl in souveräner Richtachtung seiner Auftraggeber, dieselben durch ein Vorstandskomplotl aller Rechte entkleidet, der seine Herrschaft in der Frankfurter Reformgemeinde auf der Basis des Kooptatiousrechtes feines Vorstandes ansübt, der sich in Wien an der ickurie der Höchstbcstcucrteu, in Düsseldorf und Breslau an das Drciklasscnwahlrecht klaminert, der aus blasser Zionistcnsurcht in Köln und Duisburg djc Entrechtung der jüdischen Ausländer bei der Negierung austrebt. Wenden wir uns hingegen dem Wahlrechte der orthodoren Gros;- und .üleingemcindcn zu, so finden wir in regelmäßiger Sicherheit jedes Mitglied oder Steuerzahler in gleichem liberalsten Ausmaße berechtigt, Ehren und Würden zu bcanspruchcn. Und wir werden nicht länger im Zweisel sein, daß der Name liberales Judentum für Reform, Richtlinien und Sonntagsjudentum nicht anders als eine Irreführung der jüdischen öffentlichen Meinung bedeutet, die seit der Durchsetzung der Judenemanzipation seitens der damaligen politischen liberalen Parteien für das Wort liberal, in dankbarem Erinnern, ein außerordentliches Faible bewahrt hat. Die dreifache Gliederung der Frankfurter Judenschaft in Orthodoxe, Liberale und Gemeindeorthodoren, unter welch letztere sowohl die im Nahmen der Ncformgemcinde lebenden Gesetzestreuen als auch die Kouservativeu respektive Schinkenorthodoren — wie sie von liberaler Seite gerne genannt werden — zu begreifen sind, hat naturgemäß auch auf die Entwicklung des jüdischen Gemeindelcbens im sonstigen Deutschland, daß ja seit jeher gewohnt war, sich seine Direktiven von Frankfurt zu holen, abgcfärbt. Beinahe in allen jüdischen Großgemcinden Deutschlands hat sich diese Trittclung nach Frankfurter Vorbild vollzogen. Dagegen hat sie in der freien jüdischen Vereinigung organisierte Mittelhartest die gleichfalls im Gegensatz zur göttlichen Osscnbarungslehrc, das Entwicklungs-: Prinzip auch für das Judentum gegeben erachtet,! sich aber scheut, diesem Standpunkte j prinzipielle Folgen zu geben (nichtsdestoweniger aber mit einer ganz merkwürdig klingenden Entschiedenheit gegen ihre konsequenteren liberalen Gesinnungsgenossen protestiert, ihnen planlose, unwissenschaftliche Veränderungen vorwersend), bei ihren Bciuühungen die Quadratur des Zirkels zu lösen, zu wenig Anhängerschaft gefuitdcu, um als Richtung gewertet zu werden. Das Zusammenleben und Wirken der Gemeindeorthodoxen mit den Reformen in derselben Neligionsgcmeinde ist vom Regenerator der orthodoren Judenheit DeutschlandS. R. Hirsch religionsgesctzlich aus mannigfachen Gründen, von Lenen der unheilvolle Einfluß eines unjüdischen Milieus auf die Heranwachsende Jugend hervorzuheben wäre, aufs schärfste mißbilligt worden. Er betrachtete die Austrittsfrage als den Angel- Punkt jüdisch-religiöser Entwicklung und Pflegte um die weitreichende Bedeutung dieser Frage zu illustrieren, anspielcnd auf eine Talmudstelle in diesem Sinne zu sagen: ״Die dritte Frage, die der himmlische Gerichtshof jedem Juden vorlegen wird, werde lauten: ״Bist du ausgctreten?" Jedoch hat der nicht minder gelehrte Würzburger Rabbiner Seligmann Bär Bambcrger ז׳צ׳ל das Verbleiben in der Neformgemeinde unter gewissen lauteten — die übrigens in der Frantfurter Resormgemeindc nicht sämtlich vor- Händen sind, gestattet, ja, sogar gewünscht. Dieser Wunsch entsprang der nur zu gut begründeten Befürchtung. Las; sowohl die Neformjuden, als auch die infolge äußerer Lebeusumslände individuell nicht ganz frommen Konservativen, durch die Loslösung der Gesetzestreucn. dieser Tragbalkcn der Judenheit, in ihrer Gesamtheit rettungslos und unwiderbringlich dem Judentum und über kurz und lang auch der Judenheit vcrkoren gehen müßten. Dieses Zusammenleben hat durch die Protlamierung der Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum seitens der 04 liberalen Rabbiner und der Parteinahine der Frankfurter Reforingemcinde für dieselbe, eine schwere, kaum heilbare Erschütterung erlitten; denn dieses Programm bedeutet einen verhängnisvollen Bruch mit den Grundauschauungen jüdischer Ueberliefcrung. Es schlägt den historischen Wahrheiten des Judentums ins Gesicht und wagt cs dennoch, sich Judentum zu nennen. Fadcndünn, kaum sichtbarlich, ist die Scheidewand, die liberales Judentum gung der Mitgift, stattfindeu, so hätte er sichs in dem Verlobungstontralt bedungen, den er selbst geschrieben und zu dem er sich seit Jahren schon das Konzept gemacht, daß kein Advokat besser feine Interessen hätte wahren können. Und bei dieser Gelegenheit wurde leider das Hochzeitshaus in ein Traucrhaus verwandelt. Der Brautvater hatte nämlich alle crdcntlichen Qpfer gebracht, um die füustauseud Gulden zusannnenzubringen, nur hundert Gulden sehltcn ihm noch dazu. Er vertraute auf die Großmut des Bräutigams, daß dieser entweder die hundert Gulden Nachsehen oder sich wenigstens mit eine», Schuldschein darüber begnügen werde. Aber da kannte er doppele nicht. Als mit pochendem Herzen und zitternden Händen der Vater das Geld ,zuzählte, bei viertausend und neunhundert aber-schloß und seine Bitte beim Bräuligam anbrachte, sprang dieser von seinem' Sitze aus und schrie: ״Das geht nicht, ich muß die fünftausend Gulden bis auf den letzten Kreuzer haben, sonst behalten Sic Ihre Tochter und ich fahre wieder' heim." Der Alte bat, flehte, weinte, es sei ihm jetzt unmöglich, die fehlenden hundert Gulden aufzutreiben und er möge ihm doch nicht diese Schande nnlun: auch die Partei Koppeles drang in diesen, nachzugeben; Gelle besonders verschwendete ihre ganze Bercdtsamkcit, Koppelcs Herz zu eriveichen: aber alles umsonst doppele blieb eisern, und eine Stunde darauf befand er sich wirklich schon auf dem Wege zurück nack) Galautha. Tic Ursache des Rückganges dieser Partie im letzten Augenblick, die natürlich bald bekannt wurde, weil doch Gelle auch eine Zeugin davon war, machte doppele von nun an zum Abscheu aller Welt, und nicht das ärmste Mädchen hatte ihn Ntehr genommen, wenn er ihr auch noch das ״gute MlciD" dazu gemacht hätte. Trotz alledem gab jedoch doppele noch nicht seine Hoffnungen auf, eine reiche Partie zu machen. Allein, wie ein Fluch hefteten sich die Tränen der um elende hundert Gulden wenige Stunden vor der Chuppe sitzengelassenen Braut und die Schmach ihres Hauses an Koppeles Fcrsen. Er mochte es anfangen, wie er wollte, und n hat's noch fünfmal versucht, aus die ״Beschau" zu fahren, und dreimal wurde er wirtlich wieder Bräutigam — immer kam jene Geschichte der Braut zu Ohren und die Partie ging wieder zurück. So wohlwollend ihm früher die ganze Gasse war, so befleißigte sich jetzt jeder, jede Partie ״abgängig" zu machen, die er in Aussicht halte. Besonders Gelle, die früher so beredt in seinem Lobe war, wurde seine größte und gefährlichfte Gegnerin; sie ging meilenweit zu Fuß, ihn seine sichersten und schönsten Aussichten zu zerstören. Daß sie ihn nicht mehr bei sich wohnen hatte, ist selbstverständlich. So ist Koppele dreißig, vierzig und fünfzig Jahre alt geworden, daß er jetzt ans Heiraten gar nicht inehr denken kann, und wenn er nicht immer Baumwolle in den Ohren trüge, müßten ihm fortwährend die Ohren gellen, denn jedem Frcrndcn wird erzählt, warum Koppele heut noch ledig ist. und liberales Christentum scheidet; abgrundtief und unüberbrückbar die gähnende Kluft zwischeu Nichtlinicnjudentum und Judentum. Weitcr als je eine abgesplitterte Sekte, weiter als die Äaräer, die ja doch nur die mündliche lieberlicferung leugneten, weiter als die Judenchristen, die erst im zweiten Jahrhundert die Speisegcsetze über Bord warfen, hä?>en sich die Judenliberalen von den Grundlagen des Judentums entfernt. Nur darin unterscheiden sie sich von diesen Sektcn: in dem Willen, die geschichtliche Einheit, ja, sogar eine Neligionsgcmeindeeinheit mit den anderen Juden aufrechtzucrhalten, in der Toleranz, die Andersdenkenden, soweit sie nicht zionistisch oder separatistisch für ganz gute Juden zu halten und schließlich in der Nichtbeachtung der Satzungen ihrer Religion leichtgemacht." Ter Kampf gegen die Richtlinien hat sofort nach deren Veröffentlichung mit einer den Veröffentlichern ganz unerwarteten Vehemenz eingesetzt. Fast die gesamte jüdische Presse hat in eingchenden Aufsehen von religiösen, moralischen, wissenschaftlichen und nationalen Gesichtspunkten aus in entschiedenster, zum Teil leidenschaftlicher Weise gegen die Richtlinien Stellung genommen, lieber 2ö0 deutsche Rabbiner haben gegen dieses Attentat auf das heilige Vätercrbe feierlich Protest eingelegt. Ilnd auch die jüdischen Maßen sind in Bewegung geraten. In zwei Riesenmeetings hat ein Großteil der Frankfurter Judenschaft und nach ihr, die der anderen Städte, die Nichtlinien gerichtet. In der ersten, vom Verein zur Pflege jüdischer Lebensanschauung נהרת צבי veranstalteten Protestversammlung, sprach als Referent Herr Rabbiner Dr. Weill, Buchsweiler. Seine geistreichen Ausführungen fanden den lebhaften Beifall der Versammlung. In der Diskussion kamen hauptsächlich Mitglieder der Religionsgesellschaft zu Worte. Hervorgehoben zu werden verdient die interessante Rede Herrn Louis Cahns, die in einem wirkungsvollen Appell an die Gcmeindcorthodoxen ausklang, aus den Richtlinien die entsprechenden Äonsequenzen abzuleiten und der Neformgemeinde den Rücken zu kehren. In diplomatischeren Rede- Wendungen legte auch Herr Jakob Nosenheim, der anerkannte Führer der deutschen Orthodoxie, den Austritt aus der liberalen Gemeinde nahe; es sei eine unabweisbare Forderung der Thora an ihre Bekenner, nicht mit ihren Zerstörern eine religiöse Gemeinschaft zu bildeu. Selbstredend solle mit den Liberalen auch weiterhin die soziale und nationale Gemeinschaft aufrechterhalten und gepflegt werden; doch nimmermehr könne mit ihnen, die durch ihren kodifizierten Abfall, sich weiter als die Karäer vom Judentum entfernt haben, auf der Basis des bestehenden Staatsgesetzes, das jüdische Sozialgemeinden, jüdische Koimuuucu nicht kennt, eine Neligionsgemeinde gebildet werden. Auch der Zentralverein israel. Gemcindemitglieder, der die konservativen Elemente der Neformgemeinde in sich vereinigt, sah sich veranlaßt, in energisch sein sollender Weise gegen die Richtlinien Stellung zu nehmen. Um unbequeme Mahner fernzuhaltcn, hatte man die Bestimmung getroffen, den Nurrcligionsgescllschaftern nicht das Wort zu erteilen; denn die Gemcindcorthodoxcn hassen die Richtlinien, doch lieben sie cs nicht, auf deren Konsequenzen aufmerksam gcinacht zu werden. Als Referenten hatte man den als vorzüglichen Versammlunasrcdncr bekannten Rabbincr Dr. Fink, Berlin, gewonnen und mit ihm die Vereinbarung getroffen, die religionsgesetzlichen Folgen, die die Proklamierung der Nichtlinien auf die Entwicklung des jüdischen Gemeiudelcbcns logisch nach sich ziehen müßten, nicht in den Kreis seiner Erörterungen einzustellen. Die das Thema allseitig erschöpfenden Darlegungen Rabbiner Dr. Finks, an den prägnanten Stellen von spontanen stürmischen Beisallskundgebungcn unterbrochen, gipfelten in dem Satze: ״Man könne dem Frieden nicht besser dienen, als wenn man seinen Störern den Krieg erklärt." Ter Vorsitzende Stadtrat Fromm dankte dein Redner im Namen der Ncrsammlung für die lehrreichen Ausführungen und pläviert dem Sinne der ״lehrreichen Ausführungen" entgegen für die Lehre der Gemeindeeinheit Mährisch-schlesische Bank Brünn. Telephon Nr. 3S0, Direktion. verzinst EINLAGEN Büchel und in laufender gegen Rechnung mif Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr, 1016, Wechselstube. K K|c P\l| 01 gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- %ß uiza %j [2 (0 , geschäfte aller Art, Börsen-u. Wechslergeschäfte.

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