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Jüdische Volksstimme · 1913-01-09 · Heft 2 (9.1.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 2 (9.1.1913)
Date
1913-01-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 ,Lübifche B»lksfti««e." Seite 3 geworfen sind, so eine lange Schar von Kram--. Grätz, nur unter einem Doppelbilde darstellen, ladenbesitzern. Zu leiden haben aber auch die! Von der einen Seite der geknechtete Jude mit kräftigeren Elemente darunter. Die Versagung des Kredits trifft nämlich in noch höherem Maße die bekannteren jüdischen Firmen. Während der Weihnachtstage hat man in Warschau die Pogrymstimmung sehr stark empfunden. Viele Juden haben überhaupt ihre Wohnungen nicht verlassen, weil sie der Ueberzeugung waren, daß die wochenlang betriebene Pogromagitation nicht ohne Folgen bleiben würde und manche Symptome für den Ausbruch von Judenerzessen sprachen. Die Hetzreden und Hetzschriften haben gleichwohl den von den Fanatikern so ersehnten Pogrom noch nicht zuwege gebracht-. Vielleicht auch deswegen, weil die polnischen Arbeitermassen die Wut der Schlacht« nicht teilen und weder für den Pogrom noch für den wirtschaftlichen Boykott Sympathien empfinden. Allein wenn es mit einen! Pogrom vorläufig nichts ist und es höchstens zu kleineren Plänkereien kommt, so dauert doch der wirtschaftliche Kampf seitens der bürgerlichen Elemente nach wie vor an. Die Barbierinnung hat z. B. beschlossen, ein großes polnisches Warenhaus züm Verkauf von Friseurutensilien zu errichten und die polnischen Friseure zu verpflichten, in keinem jüdischen Geschäft irgend etwas zu kaufen. Dies ist nur ein Einzelbeispiel aus den zahlreichen ähnlichen Vorgängen, die sich in Warschau und Lodz abspielen. Dabei erheben sich nur wenige polnische Stimmen, welche vor einem solchen barbarischen Kampfe warnen und auch in Oesterreich bleibt es auffallend still, wiewohl die Juden die Ereignisse der letzten WochLn an ihrem Säckel stark zu verspüren haben werden. vr Rudolf Katbolicky gev. Lener der 1. «birg. Abteilung der £andeskran(ttnanstalt wobnt: 6cke Jetdinandsgasse und lobannesgasse (.Rot« k«m.) ordiniert täglich 2 מסס bis 4 Ubr qaebm. Innspreever Nr 603. Israel im Wandel der Zeiten. (Von Mayer Reifer, Czernowitz.) dem Wanderstabe in der Hand, dem Pilgerbün del auf dem Rücken, mit verdüsterten, zum Himmel gerichteten Zügen, umgeben von Kerkerwänden, Marterwerkzeugen und dem glühenden Eisen der Brandmarkung: auf der andern Seiic dieselbe Figur mit dem Ernste des Denkers aus ianen Stirn, mit der Forschermiene in den verklärten Gesichtszügen, in einem Lehrsaale, gefüllt mit einer Riesenbibliothek in allen Sprachen der Menschen und über alle Zweige des göttlichen und menschlichen Wissens, Knechtgestall und Denkererfolg. — Die äußere Geschichte dieses Zeitraumes, eine Leidensgeschichte, wie sie kein Volk in diesem gesteigerten Grade erlitten, die innere Geschichte eine allumfassende Geistesgeschichte, die. von der Gotteserkenntnis auslaufend, alle Kanäle aus den! Stromgebiet der Wissenschaften aufnimmt, mit sich vermischt und vereinigt, wie sie wiederum nur Eigentum die ses Volkes ist. Forschen und wandern, denken und dulden, lernen und leiden, füllen die lange Reihe dieses Zeitraumes aus. Dreimal, sagt Grätz, hat die Weltgeschichte in diesem Zeiträume ihr Kleid gewechselt. Das greise Römertum siechte und sank ins Grab; in dessen Moder entwickelte sich die Puppe der europäischen und asiatischen Völker, diese entfalteten sich wiederum zu der glänzenden Schmetterlingsgestalt des christlichen und islamitischen Rittertums, und aus den׳ eingeäscherten Burgen desselben schwang sich der Phönix gesitteter Völker- Verhältnisse empör. Dreimal wechselte die Weltgeschichte, aber die Juden blieben dieselben, hochstens wechselten sie die äußerliche Form. Dreimal wechselte aber auch der geistige Gehalt der Weltgeschichte. Aus dem ausgeprägten, aber hohlen Bildungszustande versank die Menschheit in Barbarei und finstere Unwissenheit; aus der Unwissenheit aber erhob sie sich wieder in die lichte Sphäre einer höheren Bildung; der geistige Inhalt des Judentums blieb derselbe nur sättigte er sich mit neuen Gedankenstoffen und Gedankenformcn. Hat das Judentum dieses Zeitraums die ruhmreichsten Märtyrer aufzuzählen: so hat es auch hervorragende Denker ercugt, die nicht bloß eine Zierde des Judentnms geblieben sind. Es gibt wohl keine Wissenschaft, keine Kunst, keines Geistesrichtung, woran die Juden nicht mitgearbeitet, worin Juden nicht ihre Ebenbürtigkeit dargetan haben. (Fortsetzung folgt.)" Die Hebräer und Israeliten gehörten, wie bereits bemerkt, der semitischen Rasse an. Sie teilten niit den übrigen Semiten den Tempel an abstraktem Denken, der in ihrer Sprache begründet liegt und an plastischer Gestaltungskraft. Ihre Mission war: die Idee des Monotheismus in die Welt zu tragen. Während die anderen semitischen Religionen auch in ihrer höchsten Entwicklung nur ein 'Naturdienst waren, hatten die Hebräer einen geistigen Monotheismus, indem Gott uls Geist, als schlechthin freier, sittlicher Wille erfaßt wird, der nicht in der Natur aufgcht und mit der Welt nicht identisch ist, sondern der in unendlicher Freiheit und Erhabenheit alle endliche Natur beherrscht. Aus dem religiös innigen Leben der Hebräer folgte auch ihre geistige Regsamkeit, die im Lause der Zeit zuin herrschenden Prinzip wurde. Das körperliche wechselt seine Form, die Idee ist ewig, unvergänglich. Und durch das stete hohe Geistesleben der Juden wurde das körperliche gewissermaßen hypnotisiert; da ihr Geist ewiges Leben wollte, wurde auch im Volks körper der Wille zuin Leben geweckt. Dieser Wille zum Leben trotzte den: siegreichen Christentume, das die letzte Existenz Judas zu vernichten drohte. Das Heidentum erlag der neuen Lehre, nicht aber Israel! Mit dem Buche in der Hand begann es nach Verlust seines Vaterlandes die große Eri!Wanderung. Hier begründete das jüdische Volk eine zweite Periode seines Geisteslebens: die neue hebräische Literatur. Bücher und Gedanken waren ja so lange die einzige Heimat der Juden. Wären sie vor den Zeiten Esras und Nehemias über die Erde zerstreut Warden, sie wären wohl spurlos von den sie umgebenden Kulturen und Unkulturen aufgesaugt worden; denn damals war ihr starker Glaube an das geistige Prinzip, das sie Gott nannten, noch nicht erwacht. Wollte man von dem langen, fast achtzehnhundertjährigen Zeitraum des Goluth ein deut- Prager Brief. Der neue Oberrabbiner. Habemus Papam. Das seit dem Hinscheiden des Oberrabbiners Dr. Nathan Ehrenseid, gesegneten Andenkens, verwaiste Oberrabbinat ist nunmehr beseht. Die Repräsentanz der Prager Kultusgemeinde hat in Erwägung aller Umstände und in Berücksichtigung aller von den einzelnen Strömungen in der Gemeinde geforderten Wünsche aus dem Ternavorschlage für das Amt Herrn Dr. Heinrich Brody zum Oberrabbiner gewählt. Abgesehen von seinen in einem früheren Aufsatz dargestellten Wissenschaftlichen Fähigkeiten war es vorzüglich sein mehr als zehnjähriges Wirken in Böhmen selbst, die Kenntnis der heimischen Verhältnisse und nicht in letzter Beziehung auch die der tschechischen Sprache, die für seine Wahl bestimmend waren. Sein organisatorisches Talent hat Herr Dr. Brody als Direktor der Talmud-Thora-Schule bewiesen, die durch ihn zu einer vorbildlichen Musteranstalt geworden ist. Während der Krankheit Dr.. Ehrenfelds und seit dessen Tode hat er die Agenda des Prager Oberrabbinates in gewisienhaftester Weise besorgt, so daß seine Wahl eigentlich nur als Umwandlung eines Provisoriums in ein Tefinitivum angesehen werden kann. Wir beglückwünschen die Gemeinde zum neuen geistlichen Oberhirten, der trotz seiner Jugend — er zählt 45 Jahre — auf eine stattliche Reihe hervorragender Werke auf dem Ge ler und Neider im Rozvoj und Cas, die von dem antisemitischen Cech aufgegriffen und dem Oberrabbinat schaden, wohl aber die Besserwisser zur Besinnung bringen sollten, wessen Geschäfte ie eigentlich besorgen. Oberrabbiner Dr. Brody ist ein Mann des Friedens und ein strenger Hüter der jüdischen Satzungen. Möge ihm eine lange, ersprießliche Wirksamkeit in der Prager Gemeinde vergönnt sein! Sein bisheriges Wirken bürgt dafür, daß er sich seinen großen Vorgängern, einem Eleasar Fleckles, Rapoport, Hirsch und Ehrenfeld würdig erweisen wird. Das Prager Oberrabbint ist wohl eine Prager Institution, sie hat aber seit je auch das jüdische Kulturleben in ganz Böhmen und darüber hinaus befruchtet. Tie Judengemeinde in Prag hatte stets einen Rabbiner: für gewisse rituelle Angelegenheiten bestand aber ein Rabbinatskollegium, dem der Oberrabbiner Vorstand- Tieser führte den Titel, weil er tatsächlich der einzige Prager Rabbiner war, während die anderen den Titel ״Gemeinderabbiner" besaßen, um das Trauungsrecht ausüben zu können; im übrigen hatten sie aber auf die Rabbinatsgeschäfte keine Jngerenz und waren ״Prediger" der betreffenden Tempelgemeinden. Zur Zeit, da die Jtlden ihre zivilen und religiösen Streitigkeiten noch dem Oberrabbiner zur Entscheidung vorlegten, hieß dieser auch ״Oberjurist", ein Titel, den in Prag noch der Oberrabbiner Rapoport führte Robert Edler von Fuchs. Tie Prager .Kultusgemeinde tritt in das bürgerliche neue Jahr noch mit einem zweiten freudigen Ereignis. Einer ihrer Besten, der Sinn und Herz ain rechten Ort zu betätigen weiß, Herr Kais. Rat Robert F u ch s. wurde mit Entschließung Sr. Majestät in den Adelsstand erhoben. Als Sohn des Papierfabrikanten Herrn Ignaz Fuchs, geboren, widmete er sich dem kaufmännischen Stande und führte das vom Vater geerbte Unternehmen mit seinem Bruder Herrn Artur Fuchs, bis er vor etwa sechs Iahren austrat, und die selbständige Leitung der Böhm.-Kamnitzer Papierfabrik übernahm, die er zu einem in der ganzen Monarchie bekamtten Etablissentent erhob. In noch jungen Jahreit nahm Herr v. Fuchs regen Anteil an den hunianitären Institutionen in Prag, wurde in die Repräsentanz der .Nultusgemeinde gewählt, wo er insbesondere in Baufragen eine führende Rolle übernahm. So leitete er den Bau des isr. Siechenhauses, den Um- und Zubau des jüdischeu Rathauses, mit geradezu beispielloser Opferwilligkeit verfolgt er als Präsident des Spitalbauvereines die Aktion zwecks Errichtung eines neuen jüdischen Spitals in Prag. In vielen Vereinen ist Herr von Fuchs eifrig tätig, er ist Ehrenmitglied des Verbandes jüdischer Handwerker in Böhmen, Obmannstellvertreter des Zentralvereines zur Pflege jüdischer Augelegenheiten, Kassier des Kreuzervereines zur Unterstützung jüdischer Waisenmädchen usw. — kurz, jede humanitäre, jede wahrhaft jüdische Aktion findet in Herrn Robert v. Fuchs einen stets hilfsbereiteir Berater und Förderer. Der Adel seines Geistes und Herzens findet in dem Adelsprädikat eine treffliche Ergänzung und Anerkennung seines ersprießlichen Wirkens. Die Adelsverleihung hat in Prag und weithin in Böhmen ein freudiges Echo gefunden und die Tausende von Gratulationen waren dem Ausgezeichneten Beweis der Hochachtung und Beliebtheit, deren er sich in allen SchiclMn der Bevölkerung vornehmlich aber bei seinen Glaubensgenosseu erfreut. Dieser Freude hat auch Herr Präsident Tr. Arnold R o s e u b a ch e r zu Beginn der am 5. d. M. slattgefuudeueu Sitzung der Prager Kultusgemeinderepräsentanz Ausdruck verliehen und erklärt, daß die Allerhöchste Auszeichnung des Herrn Robert von Fuchs eine Anerkennung seines Wirkens für die Gemeinde und deren wohltätige Jnslitutionen, mithin auch eine der Gemeinde selbst sei. — Eine besondere Ehrung des Gefeierten plant der Spitalbauverein, dessen Präsident im Festsaal des jüdischen Rathauses eine außerordentliche Versammlung statt, in welcher Herr Univ.-Prof. Ludwig Waelsch die Festrede halten biete der jüdischen Literatur Hinweisen kann. welche die volle Anerkennung berufener Kreise . .. . gefunden haben. Auch auf dem Gebiete kritiwird. Herr Robert v. Fuchs iitöge ad multis liches Bild entwerfen, so könnte man ihn, meint stellt. Wie kleinlich sind die Nadelstiche dre Nörgscher Forschung und als Begründer und Heraus-i annos, das ist unser Wunsch, wie bisher im geber der ״Zeitschrift für hebräische Bibliogra-^ Dienste der Humanität und des Judentums phie" hat Dr. Brody seine bewunderswerten literarischen Kenntnisse und dem ihm eigenen Scharfsinn in den Dienst des Judentums gewirken, getreu seiner Goetheschen Devize: Edel sei der Mensch Hilfreich und gut! Will), l e i n.

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