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Jüdische Volksstimme · 1913-01-09 · Heft 2 (9.1.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 2 (9.1.1913)
Date
1913-01-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sk-׳t- 2 ״Jüdische Bolksstnnme." Nr. 2 )ahrigen Hebungen, die er bei einem approbier-; Die Richter in Moskau haben laut einem Juden nicht gerade günstig gestimmte Zar tun ten Zahnarzt oder Dentisten durchgemacht, sich Gesetzesparagraphen ihr Urteil gefällt und zweiwird? an einer Universität einem Dentistenexamen zu!hundert Männer und Frauen, die das grau-' Die rusiische Justiz hat sich wieder einmal unterziehen und nach bestandener Prüfung selbständig zu praktizieren. Für die Juden bedeutete aber die Erlangung des Dentistendiploms zugleich eine Einreihung in die Kategorie der Privelegierten, denen das Wohnrecht auch außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons zusteht. Hunderte, ja vielleicht Tausende von Juden haben diesen langwierigen und mühevollen Weg zurückgelegt, um von den Wohnrechtsplackereien befreit zu werden, und sich dann den von ihnen erwählten anderen Wirtschaftszweigen hinzugeben. Da kam vor einigen Jahren eine Verordnung, laut welcher von einer gewisien Zeit an nur mit dem Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis ausgestattete Personen zum Dentistenexamen zugelafsen werden sollten. In jenem Uebergangsmoment ließen sich zahlreiche Juden, denen an der Erlangung des Wohnrechtes lag, von nichtjüdischen Zahnärzten in Smolensk Zeugnisse ausstellen, daß sie bei ihnen die nötigen Vorbereitungsjahre durchgemacht hätten, ohne daß esJ)cr Fall war, und meldeten sich noch in letzter Stunde zur Dentistenprüfung. Zu diesem Examen hatten sie sich, wenn auch nicht vorschriftsmäßig, recht intensiv vorbereiten müssen, da ja die Examinatoren aus Universitätsprofesteren sich zusammensetzten und also die ersorderlicheu zahnärztlichen Äenntnisie verlangen. Die Prüflinge nahmen aber die ganze Arbeit mit in den Kauf, um nur das ersehnte Wohn- Privileg zu erhalten; denn praktiziert hat niewand von ihnen, wie absolut erwiesen ist. Nach Jahren der Vergessenheit wurde die Sache ruchbar, und schließlich entwickelte sich daraus der einzigartige Prozeß mit fast dreihundert Augeklagten, denen sechzig Verteidiger zur Seite stauden. Tie Blüte der russischen Advokatur war vertreten. Männer von Nus wie Karabtschewski, Maklakow, Teslenko, Maljantowitsch unter anderen nahmen an der Verteidigung teil. Es gab während des Prozesses nicht wenige Momente, die die Tragik des russischen Judendaseins streiften, aber die Gesamtsituation.der rufsischen Juden ist bei dieser recht passenden Gelegenheit genügend in den Vordergrund des Interesses gerückt worden, da die Verteidigung es merkwürdigerweise vorzog, jeden Fall individuell zu behandeln. Besonders erschütternd waren jene Fälle, in denen die Angeklagten naiv meinten, sie hätten sich durch das Dentistenzeugnis für alle Eventualitäten ein .zweites Wohnprivileg verschafft, obwohl sie eigentlich eines schon besäßen. ״Für alle Eventualitäten!" Denn welcher Jude könne sicher sein, daß ihm sein Wohnrecht durch eine neue Beschränkung nicht am nächsten Tage genommen werden würde? samste Ausnahmerecht haben umgehen wollen, mit Schande bedeckt. Es ist eben dieselbe Justiz, sonst aber nicht die geringste Schuld auf dem Gedie fast alle Pogromstifter freigesprochen oder wissen haben, zur Kerkerhaft verurteilt. Sie zu minimalen Strafen verurteilt hat. fühlten allerdings selbst, daß ihr Verdikt allen־ - moralischen Gesetzen Hohn spricht, und plädier- Dl6 (Befabr ails dkM Oste» ten zugleich für kaiserliche Gnade. Ein mutiges! Nichterkollegium hätte aber von vornherein ein-! Die Donaumonarchie hat durch ein kraftvoll sehen müssen, daß die Angeklagten im Grunde' entschlossenes Auftreten und durch Aufwendung genommen Ankläger waren, von der Warte nicht barbarischer Gesetze, sondern ethischer Prinzipien betrachtet. sechshundert, höchstens 3tosa Enge! mit tausend Gulden." Gelle wußte bei Heller und Pfennig, wieviel ein jedes Mädchen der Gasse Mitgift bekommt. — ״Was fällt Dir ein, dreitausend Gulden zu begehren? Bist Du meschugge?" Aber Koppele, sonst sehr nachgiebiger Natur, blieb hartnäckig bei seiner Forderung von dreitausend Gulden Mitgift und ״davon dürfe kein Kreuzer fehlen", setzte er immer mit Nachdruck hinzu. Mädchen mit dreitausend Gulden Mitgift gab es aber in Galantha nur blutwenig, und so wurden auch die Schadchonim wieder seltener und Koppele blieb ein paar Jahre Heiratskandi- Moskau. Erschütternd war der Schlußakkord des Moskauer Monstreprozesses gegen die jüdischeu Dentisten. Schwerlich haben sich in den Mauern des Katharinasaales, in dem die Gerichisverhandlungen stattfanden, jemals solche Szenen von tiefster Tragik abgespielt, wie gestern, da das grausame Verdjkt verkündet wurde. Dieses Urteil, das 178 Personen, die nicht eine Spur vom Verbrechertum an sich haben, zur Einreihung in die Arrestantenkompagnien (schweren Kerker) verdammte und nur für 1-1 Angeklagte die ״milde" Gefängnisstrafe stipulierte, kam doch für die Betroffenen überraschend. Wie hätten auch diese ausnahmslos anständigen und häufig ehrenwerten Männer und Frauen glauben so!- len, daß sie plötzlich aus der Gesellschaft ausgestoßen werden und das Los der ärgsten Verbrecher teilen würden? Und warum? Weil sie sich aus einem ״unrechtmäßigen" Wege das Domizilrecht in dem Lande erworben hatten, in dem sie geboren und dessen Staatsbürger sie sind! Welcher russische Jude kann überhaupt das Gefühl haben, daß irgendein Schritt seinerseits gegen diese Enrechtuug ungesetzlich sein sollte? Von jeher betrachtet er jeden Abwehrversuch gegen diese Niederdrückung der primitivsten Menschenrechte als seine heiligste Pflicht, und auch die russische Regierung hat selbst in den schlimmsten Versolgungszeiten die Umgehung des Ausnahmsrechtes seitens der Juden als eine erklär liche Defensive betrachtet. Darum war man, auch diesmal fest überzeugt, daß der Gerichtshof sich genieren würde, fast zweihundert unschuldige Menschen in ein Meer von Elend hinabzustoßen. Wäre es ein mutiger Gerichtshof gewesen, ein wirkliches Tri bunal, das über Recht und Unrecht entscheidet, so hätte hier das ganze Unterdrückungssystem verdammt werden müssen, das die Gesetzesumgehuug als Notwehrmaßregel unumgänglich macht, das achtbare und ehrliche Menschen dazu treibt, sich falsche Zeugnisse ausstellen zu lassen, um das Wohnrecht" zu besitzen. Doch dazu hätte der Gerichtshof ein besonders hochstehender, seiner Pflicht gegenüber dem Recht und der Menschlichkeit bewußter sein sollen. Indes menschliches Einsehen haben und nicht wegen Umgehung des Wohnrechtes eine furchtbare Katastrophe zeitigen würde. Die Verteidiger hatten auch reichlich für ihn gesorgt und den Nachweis erbracht, das! im gegebenen Falle selbst von rein juristischem Standpunkt aus die Anwendung eines mildereu Paragraphen am Platze sei. Doch sie hatten gut reden. Bei der gegenwärtigen antisemitischen Stimmung entschloß sich der Moskauer Gerichts- Hof zu solcher Milde nicht. Als die zweihuirdert Verurteilten vernahm men, daß sie zu Zuchthäuslern degradiert wor den seien, da war der Jammer unbeschreibliche Der Saal ward vom Schluchzen der Frauen und dem Klagen der Männer so erfüllt, daß der dat ohne Erfolg. Endlich kam ein Schadchen aus. .. der Fremde und fragte bei ihm bescheiden an, ob ’ Vorsitzende die Verlesung des Urteils mehrfac j er fünftausend Gulden nehmen würde, mit so unterbrechen mutzte. Ein Echo des ganzen ruß viel wüßte er eine Partie. Das Mädchen sei sehr sisch-jüdischen Elends, das neuerdings grenzen hübsch, sie habe zwar einen ״falschen Blick", der los geworden, war hier so vernehmlich, daß auc» ihr aber sehr gut stehe, und schlage ein wenig mit den Verteidigern die Tränen in den Augen der Zunge an, ״was sie jedoch um zehn Jahre standen, und es redete die Sprache der Verdau! jünger mache." mung über die Menschenfolter. Koppele willigte auch in die sünftauseitd Der Gerichtshof beschloß, den Zaren um Gulden und es wurde der Tag der ״Beschau" be- Milderung des harten Urteils zu bitten. Warum stimmt. Gelle der, er alles anvertraute, sagte hatte er es aber nicht gewagt, von der Handhabe wieder:! des milderen Gesetzesparagraphen selbst Ge- (Schluß folgt.) brauch zu machen? Denn wer weiß, was der den ungeheurer Mittel ,die dräuende Gefahr, die von Osten her auftauchte, in respektvolle Entfernung gebannt und Väterchens Säbelgerassel, Waffengeklirr entgegengestellt, das die Säbel schleunigst in die Scheiden jagte. Es kann als sicher angenommen werden, daß Oesterreich in Frieden weiter leben und an der Korrektur der ausgefallenen und verwüsteten Werte arbeiten kann. Eine Folge aber haben die möglichen Komplikationen dennoch. Die antijüdische Agitation wurde aus dem benachbarten Rußland in Oesterreichs Gelände hineingetragen und hat in den Grenzgebieten, besonders in Galizien, rasch Wurzel geschlagen. Antisemitismus hat es ja in Galizien immer gegeben, nicht bloß theoretischen, sondern auch praktischen, aber die Furcht vor den Gesetzen, hat die Bevölkerung dennoch isher immer von vorbereiteten und mit Bewußtein inszenierten Gewaltakten gegen die Juden abgehalten. Die Vorstöße waren bisher stets Ausbrüche momentaner Verhetzung und hatten ihr Ende gefunden, sobald Polizei und Militär energisch einschritt. Nun aber droht es anders zu werden. Die rusiophile Bewegung in Galizien : at den Kampf gegen die Juden mit in ihr Programm ausgenommen und will ihn nach dem Muster der ״echtrussischen" Beispiele durchführen. ״Wirtschaftlicher Boykott, und, wenn es ein muß, auch Pogroms", das sind die Heilsehren, die über die rusiischen Grenzpfähle ihren Einzug in Galizien gehalten haben. So lebt nun schon seit Wochen die jüdische Bevölkerung Galiziens in stetiger Angst vor den Ausbrüchen )er ״rUssifizierten" galizischen Bevölkerung und in den Städtern! Hab der wirtschaftliche Boykott rotz des Boykotterlasies Hochenburgers eingeetzt. Was derartige Verfolgungen für die zahlosen kleinen und kleinsten Geschäftsleute Galtziens zu bedeuten hat, liegt auf der Hand; den scheren, durch nichts aufzuhaltenden,. Wirtschaftichen Ruin, der durch die allgemeine prekäre Lage des Wirtschaftslebens noch beschleunigt wird. Wie man es zu machen hat, lehren die rüssischen Polen: Das Polentum, das vor wenigen Jahren gegenüber dem Judentum die Ideen der Toleranz hochhielt, ist jetzt fanatisch antisemitisch geworden. Diese Erscheinung ist natürlich nicht, wie viele Polen versichern, eine Folge der letzten Warschauer Wahlkampagne. Schon seit Jahren besteht ein scharfer Antagonismus seitens der Polen gegen die Juden, der nicht zum wenigsten auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen ist. Allein noch nie hat der Haß seitens der Polen solch häßliche Formen wie jetzt angenommen. Was sich momentan in Warschau und in den anderen russisch-polnischen Städten abspielt, erinnert lebhaft an die Pogromatmosphäre. Der Boykott der Juden nimmt ungeheuerliche Formen an und ist ein neues Kapitel terroristischer Vergewaltigungen. Die letzte Heldentat, der nationaldemokratischen Boykottvertreter ist der Beschluß, den die Bevollmächtigten der städtischen Kreditgesellschaft in ihrer letzten Versammlung gefaßt haben. Danach darf die Zahl der jüdischen Bevollmächtigten die Norm von 20 Prozent nicht übersteigen. Dieser Beschluß ist vom ehemaligen Dumaabgeordneten Nowodworsky empfohlen und von den versammelten Bevollmächtigten mit 138 gegen 69 Stimmen angenommen worden. Da aber 56 Juden in der Versammlung zugegen waren, so bedeutet es, daß nur 4 Polen gegen den Beschluß votiert haben. Zahlreiche jüdische Existenzen sind durch den Boykott ruiniert worden. So allein über 200 Musiker, die infolge des Boykotts auf die Straße Mährisdi-sdilesisdie Bank Brünn. Taltplion Nr. 350, Direktion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen a3\ KJ« KOI gebundene Einlagen laut Übereinkoriftnen. Bank- Büchel und in laufender Rechnung mif 4| ־ל OIs J |0 geschäfte aller Art, Börsen-u.Wechslergeschäfte.

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