Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 38 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m. 38 ^JRttsche «eit» 8 früherem Leben und Große dieser Gemeinden und der noch lebende Rest bereitet sich für die Großstadt vor. denn das Leben dort selbst ist eintönig geworden, das alte jüdische Gemeindeleben hat aufgehört, dernationale Boykott erschwert den Kampf ums tägliche Brot, die kleinen Gemeiden sind nicht mehr imstande, die kulturellen Bedürfnisse seiner Einwohner zu befriedigen, kurz, diese wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verhältnisse veranlassen viele, die Gemeinde zu verlassen. Dazu kommt noch das undemokratische System der Gemeindeverwaltung, die jede Regung und jedes Leben, das vielleicht geeignet wäre, die jetzige triste Lage der Gemeinde ein wenig zu verbessern, im Keime erstickt. Denn in Händen dieser Kultusgewaltigen befindet sich gewöhnlich auch die wirtschaftliche Macht, Kraft, welcher Widerspenstige, die sich ihrem Diktate nicht fügen oder sich ihrer Vormundschaft entziehen wollen, in die Schranken gewiesen werden. Diese jüdischen Machthaber, die die Juden politisch und oft auch wirtschaftlich ausbeutet:, haben nur ein Gegenwartsprogramm, denn wozu an die Zukunft denken, da sie doch die ersten sind, die der Großstadt zustreben. Doch ist die Großstadt das Eldorado? Nein. Sie bildet das Treibhaus des Abfalles. Dort hört jeder Zusammenhang zwischen den einzelnen Juden auf, dort gibt es keine beruflichen Verschiedenheiten zwischen Juden und Christen, wie diese in unseren Gemeinden besteht. Gemeinsame Schulen, gleichartige Bildung, gemeinsame politische und gewerkschaftliche Organisationen machen den Gegensatz zwischen Juden und Christen kleiner und beschleunigen den Abfall voin Judentum. Wir stehen also vor dem großen Problem: Wie könnte man diesen Auflösungsprozeß aufhalten, wie könnte man die Judengemeinden vor Verfall schützen? Da ich mich zur jüdischen Moderne bekenne, glaube ich nicht, daß es eine Lösung gibt, es wäre denn das Umschichtungs- und Konzentrationsproblem. Alle anderen Lösungen sind nur Palliative und daher nur für kurze Zeit. Die Judenfrage in Mähren muß also ungelöst bleiben und die Juden Mährens die Leiden des Exils mit der übrigen Judenschaft der Welt teilen. - In Mähren erobern bekanntlich die Tschechen allmählich alle deutschen Sprachgebiete und dies geschieht nicht deswegen, weil sie vielleicht tüchtiger sind als die Deutschen, sondern weil sie tief mit dem Boden verwachsen sind, weil ihnen der Bauernstand gehört. Aus gleicher Ursache können die Juden in Mähren sich nicht halten. Die Juden Mährens stehen also vor der Entscheidung. Sollen sie sich in den Schmelztiegel der Großstadt flüchten, oder sollen sie diese kleinen Judenzentren, die gleichsam Isolierzellen bei seinem Chef und erklärte ihm, daß er bereit sei, auf den Vorschlag cinzugehen ... Es war, als zuckten dcni Professor tausend Teufel um die listigen Augen, als er seinen Schüler beglückwünschte. Als Dr. Isert Leven bestieg er die erste Sprosse zu seinem Ruhm.... Nun war er groß, nun konnte er aufqehen in der Wissenschaft, forschen und bohren, immer weiter, immer vorwärts zur Höhe.. Seinen Eltern hatte er geschrieben als?*׳in alles vorüber war. Er wollte sich in seinem Entschlusse nicht wankend machen laßen. Am nächsten Tag kam ein Brief aus seiner Heimat. Fremde Handschrift. Sein alter Lehrer schrieb ihm, daß seine Mutier aus Gram gestarben. Der Vater habe sein Kleid zerrissen, sich auf die Erde gesetzt und um den aektorbenen Sohn, geweint. Er weigere sich Trost anzunehmen. Seine Tage wären gezählt, der Kummer verzehre ihn.... Nichts mehr. Eisig kalt. Jedes Band war zcrriffen, alle Fäden gelöst.... Wild hatte er da aufgelacht. Seine Eltern geopfert den: Glück. .Sein Heim vernichtet. Nicht beugen lassen schrie es in ihm. Du bist stark, ertrage es! Und mit doppeltem tLifer warf er sich auf sein Studium..... Täglich fast besuchte ihn der alte ^ofessor. ״Schön, junger Freund, Sie haben gezeigt, was fester Wille verniag. Viel Glück, viel Glück!" Er hätte ihn oft zerreißen mögen ob dieser süßen Freundlichkeit, ob des versteckten Hohn's. bilden, eine Zeirlang zu halten versuchen? Könnte man diese nicht wirtschaftlich stärken, wäre es nicht möglich, sie. durch Aufklärung Widerstandsfähiger, durch Organisation zu einem politischen Faktor zu machen. Doch da dürften die Juden Mährens sich nicht auf fremde Hilfe verlassen, sondern zu dem bekannten Mittel der Selbsthilfe greifen. Sie müßten vor allem sich zusammenschließen, sich organisieren (die Judenschaft Mährens, nicht die Kultusvorsteher und Bürgermeister der politischen Geineinden). Die geheime Regierung in Brünn, die Verwaltung des Landesmasiafonds, sollte nicht mehr die A l m o s e n g e b e r in sein, und das Prinzip der Öffentlichkeit einführen. Sie sollte das Forum der mährischen Judenschaft sein, und könnte so die Unterinstanz des schon lange erstrebten Kultusgemeindebundes Oesterreichs werden. Eine nationale Kammer der Juden sollte sie werden, die sich nicht bloß mit konfessionellen Angelegenheiten beschäftigen dürfte, sondern auch kulturelle und Wirtschaftliehe Fragen lösen. -Dadurch würden wir eine Körperschaft erlangen, die legitimiert im ),amen der Juden sprechen könnte. Natürlich müßten die Virilstimmen unserer Kultusvorsicher aufhören und nur durch ein allgemeines und gleiches Wahlrecht gewählte Vertreter, die das Vertrauen des Volkes genießen, könnten dort unsere Interessen vertreten. Es ist sicherlich nicht anzunehmen, daß die derzeitigen Macht Haber plötzlich die Flinte ins Korn werfen werden, sondern diese Position müßte man erst erobern. Diesem Kampfe müßte ein erster um die Demokratisierung der Kultusgemeinden vorangehen. Diese Zentralisation hätte viele Vorteile. Sie könnte so manchem Nebel in den kleinen Gemeinden abhelfen. Die einzelnen Gemeinden würden nicht so isoliert dastehen und könnten von der Zentrale finanziell und moralisch unterstützt werden. Vor allen: müßte das Schulwesen reorganisiert werden, ein Lehrerseminar gegründet werden, denn es mangelt an tüchtigen jüdischen Lehrkräften. Der Religions- und hebräische Unterricht sollte modernisiert, nicht reformiert werden. Ein einheitlicher Lehrplan sollte für diese Disziplin ausgearbeitet werden, einheitliche Lehrbücher herausgegeben werden. Die Geschichte der Juden sollte als eigener Lehrgegenstand in den Lehrplan ausgenommen werden, denn nur die Kenntnis der Geschichte unseres Volkes kann die Jugend zu neuer Begeisterung für das Judentum entfachen. Ter Unterricht sollte nur pädagogisch gebildeten Fachleuten anvertraut werden und nicht den Kontoren und sonstigen Beamten der Kultusgemeinden, die oft nicht einmal die Unterrichtssprache vollkommen beherrschen. Auch die Beamtenschaft der Gemeinden müßte reorganisiert werden und diese aus der Abhängigkeit von den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde gebracht werden. Die Nebenein- So war er dem Glücke nachgerannt, hatte seine heiligsten Gefühle vernichtet, seine ganze Vergangenheit zerstört.... Und das Glück war nicht gekommen ... War ihm die Erreichung seines Zieles auch damals schon nur das Mittel gewesen, um die aufsteigenden Anklagen verstummen zu mache׳- als auf seine um ihm als Xii׳׳׳-׳׳ •׳■״ und das zu gelten, was imn:er stürmischer in seinem Innern tobte und nicht zur Ruhe kommen wollte, als Beruhigung für ihn selbst, so brach jetzt alles ungehindert hervor und begrub ihn. Er wehrte sich und unterlag. Er raffte sich wieder auf und knickte zusammen. Mutter und Vater verloren..... Fremd stand er in dieser neuen Welt. Kalt waren die Strahlen der neuen Sonne, keine lcbensspendende Wärme ... kein Ersatz für das Verlorene.... Da überkam ihn die Tragik seines Lebens, das Trostlose und trieb ihn hin — zum Ende. Sterben. Ein süßes Hinübcrschlummern in den ewigen Schlaf, in die ewige Ruh', ein schmerzliches Verlassen der fröhlichen Welt, das Einziehen in die Schatten des Schweigens. Ihm wurde so ruhig zu Mute. Ter s-turn: '׳ ׳׳'einen: Innern hatte sich gelegt, alles war friedlich geworden. Er sah wieder die schöne Stube, seinen Vater, die gütige Mutter. Kein Streit mehr in seinem Innern. Sanfte, schme:chelnde Weisen trugen seine Seele empor zu den blitzenden Sternen. kommen, durch welche der Beamte und besonders der Rabbiner zum Strohmann wird, sollten abgeschafft und durch das erhöhte Gehalt ausgeglichen werden. Um die Gemeinde wirtschaftlich zu heben, müßte man, besonders dem kleinen Kaufmann, billigen Kredit gewähren, durch Gründuilg von Volksbanken. Dies wären die ersten Richtlinien, nach welchen vorgegangen werden :nüßte. Zun: Gelingen dieser Aktion wäre es natürlich notwendig, daß die Masse für diesen Plan gewonnen wird. Es müßte daher eine Organisation gebildet werden, die in jeder Stadt durch Versammlungen und Vorträge die Juden für diesen Plan gewinnt und sie auf die Gefahr, die ihnen im anderen Falle droht, aufmerksam macht. Tie. Juden Mährens haben eine glorreiche Vergangenheit. Sie müssen sich ihrer Ahnen würdig zeigen und nicht resigniert sich ihren: Schicksal ergeben. Vor kurzer Zeit besuchte ich den Friedhof einer alten Iudengeiueinde in Mähren. Auf einen: Grabsteine war zu lesen: ״N. N.. Altbürgermeister. Ein Kämpfer für Freiheit und Fortschirtt." In der Stadt erfuhr ich's. Dieser Mann hat auch seinen Beitrag zun: Verfalle der Indengemeinden in Mähren geleistet. I-e. Brief aus Czernowitz. Zionistisches Seminar der ״Emnuah". Der Jüdischnational - akademische Verein ״Emunah" hat sein diesjähriges Seminar mit dem Vortrag des Tr. PH. Korngriin über ״Die Strömungen in: Zionisinus" eröffnet. 'Nach einer Begrüßungsansprache durch den Prüfe.׳ der ״Emunah", jnr. Ludwig Ehaies, der auf die Bedeutung Oes zionistischen Seminars, das > einer förmlichen Institution wurde, hinwie:׳, ging Dr. Korngrün ohne störendes Beiwerk sofort auf den Kern des Themas ein und legte dessen Grundgedanken eindeutig dar. Redner er brachte den Beweis, daß der Zionisinus alle Strömungen in: modernen Judentun:e enthält, und kan: dann auf die vier Fraktionen oder besser gesagt, Parteien in: Zionismus zu ipre chen. In: weiteren Verlaufe seines Vortrages beleuchtete der Redner theoretisch die einzelnen Strömungen im Zionismus, deren er vier kennt. Die erste ist die Misrachiströinnng, die alle or thodoren Zionisten verkörpert und folgender maßen ihre Existenzberechtigung begründet: Die Vorschriften der Religion können im Goluth infolge des abnormalen ökonomischen Lebens nicht dnrchgeführt werden, weshab man eine:: Platz, ein Territorium ausfindig machen muß. wo inan dieselben unbehindert durchführen kann. Palästina ist die Geburtsstätte der jüdischen Re ligion und nur dort kann sie genau gepflegt werden. Das Wesen dieser Partei ist also die Wal! rung des religiösen Judentums, das Endziel das Baseler Programin, die zweite Strömung i»1 Zionisinus ist der Poale-Zionismus, den Redner theoretisch wie folgt begründete: Die stetige Entwicklung des Kapitalisinns ״!!!>! den Mittelstand vernichten, d. h. er muß proletarisiert werden. Da aber eine norntale Proletari׳ sierung in: Goluth ausgeschlossen nt. so muß ein Territorium geschaffen werden, wo diese iozialen Gesetze verwirklicht werden können. Tie dritte Ströinnng iit der Ku!:!!rzionismus. der eine jüdische Eigenart, einen jüdischen Tvpi's, jüdische Charaktere schassen will. Im Goluth kann infolge der Zerstreuung kein Jndenlhpns entstehen: die ganze, alle Gebiete uinfaüende Goluthkultur, alle ihre Werke und augeniäuim- Zwitterbälge. Kinder ans Mischehen. Nur an der O-uelle der jüdischen Kultur, in - Palänino. kann eine echt jüdische Kultur und somit eG echt jüdischer Typus entstehen. Das We!en des Kulturszionismus liegt in folgendem Aus spruche: Ter Zionismus ist die Rückkehr zum Juöeiitnn! durch die Rückkehr ins Judenland. Die letzte Strömung wäre der philantropiiche Zionismus. der eigentlich der Wnndpnnkt, die faulste Stelle im modernen Jndentum ist und keine Zuklinft hat, der sich in: Territorialismus und in anderen ״iSinen" äußert. Mit einen: Hinweis auf eine gesunde, lebensfrohe jüdische Jugend, die keine Hindernisse zur Erreichung ihres Zieles kennt, schloß der Redner den mit großem Beifall aufgenomrnenen Vortrag.