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Jüdische Volksstimme · 1912-12-27 · Heft 38 (27.12.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 38 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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״Jüdische Volksstimme." ־ - : -----Nr. 38 helin IerusaIe in s, .als er letzten Donnerstag vor einem distinguierten Publikum über das Thema sprach: ״Der Kulturwert des Judentums." Hat das Judentum überhaupt einen Kulturwert in dem Sinne, daß seine Erhaltung im Interesse unserer heutigen fortgeschrittenen Kultur wünschenswert, ja sogar des Kampfes wert ist? Worin besteht dieser Kulturwert? Entspricht die alte ״Gesetzesreligion" mit.ihren vor 3000 Jahren gegebenen Vorschriften und Anordnungcn auch unseren heutigen Anschauungen oder muß sic als veraltet und überlebt kurzer- Hand abgeschüttelt werden? Mit feinem Verständnisse beantwortete Jerusalem diese Fragen. Daß das Judentum einen Kulturwcrt habe, beweise schon die Tatsache, allem, daß cs sich habe bis heute erhalten könneu. Wieviel es für die moderne Wissenschaft, nainentlich für die Jurisprudenz geleistet, deren Grundlage jahrhundertelang der Dekalog gebildet, welche Bedeutung der Tätigkeit der jüdischen Gelehrten iin Mittelalter zukomme, die lateinischc und griechische Werke philosophischen und historischen Inhalts übertragen und so die Grundlage für das weitere Studium derselben geschaffen habe, wie viele jüdische Geistesprodukte bei den christlichen Gelehrten in größtem Ansehen standen und auf ihre Geistcsrichtung entscheidenden Einfluß genommen haben, wie schließlich in der Neuzeit kaum eine Erscheinung sozialen oder rein geistigen Charakters entstand, ohne daß Juden sic entweder als Führer oder als Mitarbeiter ausgebaut und fortgebildet hättcn (Marx und Lassallc, Adolf Fischhof,. Lud- >vig August Frankl usw.), wie innig verwebt die ganze Entwicklungsgeschichte des 19. Jahrhunderts mit der Teilnahme der Juden an dem kulturellen Fortschritte ist — all dies wußte Jerusalem mit beredten Worten und in eindringlicher Weise zu illustrieren. Auf die religiöse Anschauung des Judentums eingehend, bemerkt Redner, daß Judentum und inoderne Wissenschaft wohl zu vereinen seien, daß ersteres durch das Gebot der Sabbatruhe, durch die Gesetze gegen Verarinung, durch das Gebot der Nächstenliebe und der Hilfe dem leidenden Feinde gegenüber, ferner durch das ausdrückliche Gebot der Lebensfreude, durch die hohe Auffassung des Gottesbegriffcs dem Idealbilde einer Religion vollkommen entspreche. Die vielen religiösen Vorschriften seien zugleich fast durchwegs, und zwar so, daß eine Scheidung der innig miteinander verwobenen nationalen und religiösen Momente schlechthin nicht'möglich sei. Die vom Zionismus geforderte Hervorhebung des nationalen Momentes sei nach Redners letzten Rest von Menschentum aus den Knochen, gesogen.... . ׳6!'׳ an das Geländer. Die A.:genlider wurden ihm schwer und schlossen i׳ch. Und er sah ein Licht von weitem. Eine kleine Flamme in einem heimlichen Raume. Sein Vater, der strenge, plichrtrcue Mann, strich ihm liebkosend über die Locken, in eitel Stolz und Wonne beugte ׳'ich seine Mutter nieder und iugte ihn. ״Jsak wird ein tüchtiger Junge werden, »׳!• . . ou.i'■‘, sagte gerade der Vater. Uiid er fühlte sich so stolz, daß der Vater iiiu!00le und sprach: ״Gewiß, Vater, wie Juda so stark will ich werden und so mutig!" — Im Fluge war er zum Jünglina hcrangereist. Seine Eltern hatten nur sein Glüct ini Auge und schickten ihn in die Hauptstadt,-damit er seine Studien vollende. Beim Abschied nahm ihn der Vater bei der Hand und bliate ihn! fest in die Augen. ״Mein Sohn, mache unserm Namen Ehre!" Mehr konnte der starke Mann nicht hervorbringen. Tic Mutter war ihn! weinend um den Hals gefallen. ״Sei brav mein Junge! Wenn dir etwas fehlen sollte, dann komm zu deiner Mut- Versprich cs mir!"- All diese Bilder wechselten blitzschnell einander ab, ließen seine ganze Jugend Wiederaufleben, seine schönen glücklichen Kinder- und Jüngling.-- Ueberzeugung als Zeichen der dem Judentums innewohnenden Lebenskraft aufs freudigste zu begrüßen, doch könne zugleich von dem Versuche einer Loslösung des Nationalen vom Religiösen nicht genug gewarnt werden. Uebrigens toäre dies bloß als Uebergangsstadium aufzufassen und werde schließlich wieder zur historischen religiös-nationalen Vereinigung zurückkehren müssen. Das jüdische Volk halte sich für das ״auserwählte". Das sei nicht Eigendünkel, sondern historische Tatsache. Jeder Jude nrußte immer doppelt soviel Geist und Arbeit aufwenden, doppelt soviel Pflichten auf sich nehmen, um sich eine annähernd gleiche Stellung wie die anderen Völker zu erringen. Das sei ״Noblesse oblige" — ein alter Adel, der uns hierzu verpflichte, zur Mehrleistung und zur Mehranspornung unserer Fähigkeiten. Das Judentum sei wohl Gesetzesreligion, indem viele Vorschriften das ganze Leben des Juden bis ins Minutiöseste regeln, doch nicht Gcsetzesreligion in dem Sinne, daß dadurch etwa äußere Werkheiligkeit und Verknöcherung gefördert würde. Im Gegenteil, die eifrige Beschäftigung mit der vorhandenen Lehre und deren geistige Durchdringung, die auch dem Volke in seiner breiten Masse zugänglich gemacht wurde, war gerade geeignet, das religiöse Tun zu verinnerlichen und mit heiligem Ernst zu erfüllen. Aus all diesem sei ersichtlich, daß wir Juden auf die jüdische Kultur nur stolz sein müssen und daß wir verpflichtet seien, die alten jüdischen Lehren wieder zu Ehren zu bringen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch ganz besonders im Kreise der Familie. Die Juden hätten eine merkwürdige. Eigenheit, die zwar nicht hoch genug bewertet, jedoch nicht minder als sehr bedenklich bezeichnet werden müsse: ihre Anpassungsfähigkeit. Wären die Juden cinseits imstande vermöge dieser Veranlagung sich den verschiedenen wirtschaftlichen und geistigen Verhältnissen anzupassen, so enthalte eine übermäßige Verfolgung dieser Veranlagung oft den Keim niedriger Gesinnung und Verleugnung seiner Menschenwürde. Die verachtenswerte Sucht, sich den anderen Völkern zu assiinilieren, das Bestreben, um jeden Preis ihren Beifall zu erha'-ben — der ״Gojismus" — müsse aus unserer Mitte ausgerottet werden. Ein jeder Jude, der eine Schandtat begeht, verübe ein doppeltes Verbrechen. Ein Verbrechen an der ganzen Menschheit und ein Verbrechen am Judentume, dessen Würde er herabgesetzt hat. Deshalb׳ müsse jeder Jude doppelt vorsichtig und doppelt streng mit sich selbst sein. jahre, täuschten ihm Rühe und Zufriedenheit vor.... Ein Windstoß pfiff heulend über die Brück: Die lähinendc Kälte erweckte ihn für einen Moment aus seinem bleiernen Schlummer.... Er sah sich als jungen Doktor, gelobt von seinem berühmten Lehrer, verwöhnt von seiner Umgebung- Gerade über diese Brücke waren sie einst zusammen gegangen, von einem Vortrage, der dem Meister neue Lorbeeren gebracht. ״Mein lieber Doktor, wie lange noch, glaube׳» Sie, werde ich so arbeiten können? Heute schon spüre ich das kommende Alter. Nieinanden triff - es so hart wie den forschenden Arzt. Denn nie- ׳nand benötigt zu seinem Fach jenes Maß von geistiger und körperlicher Spannkraft wie wir. Ich werde alt. Sie sind mein hervorragendster Schüler. Ich wollte, daß Sie mein Nachfolge werden. Freilich, ein kleines Opfer müßten Sie bringen.... Da war er ausgefahren. ״Herr Professor, das um keinen Preis. >.t meiner Ehre will ich das Amt nicht erkauscn... Ich schwöre.... ״Ach lieber Kollega, ich begreife Sie gar nicht. Wie können Sie als gebildeter Mens h sich in Formen pressen lassen, in Zwang und A?>- hängizkeit 'eben, ihr Denken und Urtuleu verbergen, es einrenken in vorgeschriebenes , ' Als der Prophet Elisa von seinem Meister Elijahu Abschied nahm, erbat er sich ״eine doppelte Geisteskraft". Auch jeder Jude müsse doppelt stark doppelt fest sein, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. — Der Vortragende zitierte aus dem Gedächtnis eine große Zahl von Belegstellen aus dem Talmud und Midrasch. Als er geendet hatte, dankte ihm rauschender Beifall für seine erhebende, herrliche Rede. Der Vortrag, das darf jedoch trotz der vielen Vorzüge nicht übersehen werden, enthielt einen inneren Widerspruch. Der Ruf ״Zurück zu den alten Traditionen" wurde entkräftet und seiner Wucht beraubt durch die ganz besondere Hervorhebung eines Werkes jüngster Zeit, das gerade die Abkehr von unserer Tradition predigt, das in dem Phantasiegebilde eines schein- und wesenlosen Judentums vollwertigen Ersatz zu finden glaubt für unser vollblütiges, lebensstarkes Heiligtum. Gerade in richtiger »Konsequenz seiner' Ausführungen hätte Jerusalein den Mann entschieden zurückweisen müssen, der auch bei uns ״liberale Richtlinien" einführen möchte, der gegen selbstbewußtes Judentum zu Felde zieht und in unseren Reihen neuen Kampf entfesseln will, neuen Hader, um religiöse Werte. Dr. Ziegler, der Karlsbader Rabbiner, träumt von einem künftigen Reformjudentum, von einer Selbstentkräftung und Selbstentäußerung. Jerusalem, der von der überragenden Bedeutung unserer Religion sprach, von dein noch heute anerkannten Kulturwerte des Judentums, führte all diese Vorzüge zurück auf das Moment, das uns unsere Kraft und Lebensenergie gegeben — auf unsere Bibel. Und den Neformrabbiner Dr. Ziegler, der gerade den entgegengesetzten Standpunkt vertritt, der unsere Religion auf eine unjüdische Basis stellt und ihre Grundfesten zu erschüttern sich anschickt — diesen Mann lobte Jerusalem. Das war betrübend, das warf dunkle Schatten auf die sonst mutige Anerkennung und Begeistcrung, die Jerusalem für das historische Judentuin aufzubringen wußte. Wien. - M. Zum Niedergange der Judengemeinden Mährens. Die ehemals hervorragenden jüdischen Gemeinden Mährens gehen ihrem Verfalle entgegen.. Jüdische Größen standen an der Spitze dieser Gemeinden, deren Ruf weit über die Grenzen unseres Vaterlandes ging. Doch nunmehr geben Friedhöfe das einzige Zeugnis von System,-das vor Jahrtausenden geschaffen, heute längst seine Geltung verloren? Wollen Sie denn sich selbst täuschen?.... Machen Sie sich doch frei, zeigen Sie, daß Sie selbständig sind —!" Nur die ׳Rücksicht auf den hochverehrten Lehrer hatte ihn vor heftiger Antwort zurück gehalten. Damals war der erste Gifttropfen auf seine Seele gefallen.... Der innere Kampf, der nun folgte, hatte ihn geschwächt und entkräftet. Der nagende Zweitel, die antwortlosen Fragen, sie hatten seinen Charakter erschüttert... Der Mangel eines treuen Herzens, dem er sich hätte anvertrauen, die starke Hand eines lebenserfahreuen Menschen, die ihn ans diesem WirrsO hätte herausretten können auf eine Insel der seelischen Ruhe, des inneren Gleichgewichtes — nie hatte er dies so schwer empfunden. In trostlosen Momenten waren ihm die Worte feiner Eltern vor der Seele... Lann verblaßten auch diese allmählich.... - Die Zurücksetzung, wenn er treu bliebe, der große Lohn, wenn er abtrünnig werde. Die Um- Wertung des Verpönten zum Moralischen zur höheren Entwicklungsform der Menschheit, dieser wilde Trubel, dieser Trug mit dem Angesicht t<r Wahrheit, angebetet von vielen Tausenden von den Führern der Gesellschaft... Die Wahrheit zurückgestoßen und verhöhnt — Eines Tages erschien Doktor Jsak Lewin Mährisdi-schlesische Bank Brünn. Telephon Nr. 350, Direktion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen ^3! KÖ| gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Büchel und in laufender Rechnung mif **4| ־ ü1a 0| י-י geschälte aller Art, Börsen-u.Wechslergeschäfte.

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