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Jüdische Volksstimme · 1912-12-12 · Heft 36 (12.12.1912) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 36 (12.12.1912)
Date
1912-12-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36. ,^Jüdische BolkSstimme." Seit» 5. Dessau: Dr. Weisse, Rabbiner in Berlin; Dr. Werner, Rabbiner in München: Dr. M. 2. Zuckermandel, Rabbiner des Mora Leipzigerschen Beth-Hamidrasch in Breslau. (Weitere Unterschriften folgen.) Kinderhändler. Von Dr. Kanter- Zwittau. Vor einigen Tagest ist ein Buch der früheren Polizeiassistcntin von Stuttgart, Schwester Henriette Arendt, erschienen, in welchem die Verfasscrin über ihre Erhebungen und die von ihr eingeleitete Fürsorgetätigkeit vom September 1911 bis zum September dieses Jahres berichtet. Interessant sind diese Mitteilungen deshalb, weil die frühere Polizeiassistentin den Nachweis erbringt, daß in Rußland sowohl, als auch bei uns in Galizien ein schwungvoller Kinderhände! besteht. Von diesem Handel, das sei gleich bemerkt, sind jüdische Kinder leider nicht ausgeschlossen. Und das ist betrübend und beschämend zugleich. Doch davon später. Wir lassen zuerst die Verfasserin selbst sprechen. ״Ich begann meine Erhebungen," so erzählt Schwester Arendt, ״im März dieses Jahres in Oberschlesien. Non der Kriminalpolizei in Katto- Witz wurde mir als feststehend mitaeteilt, daß Kinder aus Oberschlesien zu verbrecherischen Zwecken nach Rußland verschleppt werden." Schwester Arendt erzählt dann über die Auffindüng von neun kleinen Kindern von ein bis drei Jahren, die halbverhungert, von Schmutz starrend, aus Pritschen liegend und ganz verwahrlost aufgesundcn wurden. Sie waren bei einem Waldheger in Polen untergebracht und wurden von dort aus an Bettler weiterverkauft. Ein hoher russischer Polizeibeamter, an den sich Schwester Arendt in dieser Sache gewendet hat, bestätigte der Polizeiassistentin die Tatsache der Verschleppung von Kindern nach Rußland und erzählte, daß vor wenigen Jahren noch in der Nähe von Wilna eine sogenannte Krüppelfabrik bestanden habe, in der Kinder gewerbsmäßig zu Krüppeln verunstaltet und dann an Bettler verkaust wurden. Bei einer polizeilichen Hausdurchsuchung wurden hier 78 Kinder vorgefunden und cs wurde ermittelt, daß ein Arzt im Solde dieser Verbrecher stand und jedes der Kinder auf eine andere Weise verstümmelte. Die Mehrzahl der Kinder wurde geblendet. Sie wurden dann zu hohen Preisen an Bettler verkauft, insbesondere an solche, welche die großen Wallfahrtsorte besuchen und die Äaufsunnne dort sehr rasch wieder herausschlugen. ״Von Polen," -schreibt Schwester Arendt Weiter, ״reiste ich nach Galizien und hielt mich einige Zeit in Krakau aus. Das Kinderelend, das ich dort sah und speziell das Elend unter den unehelich geborenen israelitischen Kindern, übersteigt wohl alles, was man ans diesem Gebiete in Europa sehen kann. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß gerade Österreich und speziell Galizien ein sehr guter Boden für den Kinderhandel ist und daß die israelitischen Kinder einen hohe n Prozentsatz zu den Kleinen weißen Sklaven stellen. Durch eine Stellenvermittlerin wurdeic mir nicht weniger als 50 Kinder offeriert zum Mindcstbetrage von 100 K. Für ein hübsches, blondes, vierjähriges Mädchen verlangte dessen Vormund 400 K. Die eigenen Eltern, Großeitern und sonstigen Verwandten sind bereit, ihre Kinder zu verkaufen, wenn sie Hoffnung haben, Geld herauszuschlagen (?). Was dann ausdiesen Kindern wird, ist ihnen ganz gleichgültig. Ein jüdischer Lastträger, der wiederholt wegen Diebstahls im Gefängnis war, ist gewissermaßen Generalvormund für uneheliche Kinder. Er bot mir verschiedene seiner Mündel zum Kauf an. In Begleitung dieses Lastträgers und des anderen Vormundes, der mir sein Mündel uin 400 K verkaufen wollte, begab ich mich zum Vormundschastsrichter, der nur sofort mitteilte, daß die beiden Leute Verbrecher seien. Umso schlimmer, erwiderte ich, wenn man solchen Leuten Vormundschaften überträgt. Wenn sich die Leute aber darum reißen, meinte er erstaunt."׳ Die frühere Stuttgarter Palizieassistentin schilderte dann an der Hand von Beispielen die sittliche Verwahrlosung der verkauften Kinder, dieser Opfer des schwungvollen Kinderhandels, veröffentlichte Korrespondenzen mit Kinderhändlern, welcher Briefwechsel einen schaudererregenden Einblick in die Praktiken dieser Händler gewährt, in das Elend der verschacherten Knaden, in das schmachvolle Los der schon im zartestcn Alter verkauften Mädchen. Die Wahrnehj mutigen der Schwester Arendt verdienen als! menschliche Dokumente die vollste Beachtung der österreichischen Behörden und — des österreichischeu Judentums. Schreiber dieses sind die jüdischen Verhältnisse in Galizien gänzlich unbekannt; er kann daher die Wahrnehmungen der Polizeiassisrentin Arendt weder bestreiten noch bestätigen. Und doch hat es durchaus den Anschein, daß die Verfasserin in ihren Schilderungen des Elends der jüdischen unehelichen Kinder in Galizien nicht übertrieben habe. Unebeliche Kinder gelten noch immer als Stiefkinder des Judentums, namentlich des österreichischen Judentunts. Vor ungefähr einem Jahre schilderten wir in diesem geschätzten Blatte das Elend der sogenannten Findelkinder, die vom Wiener Findelhaus an christliche 'Arbeiter- oder Bauernfamilien abgegeben werden und die dann, ohne Religion und Glauben erzogen, dein Judentum verlorengehen. An ihr Judentum werden sie lind — auch wir erinnert, wenn sie später die Bahn des Lasters betreten und auf der Anklagebank sitzen. Dann erinnert man sich ihrer jüdischen Abstammung und ihrer Zugehörigkeit zum Indentum und bezeichnet sie als ein Auswuchs des Judentums. Und dabei wissen solche Kinder vom Judentum ebensowenig wie das Judentum von ihrer Eristenz. Die Verwaltung des Wiener Findelhauses trifft dabei keine oder jedenfalls iiicht die alleinige Schuld. Sie muß trachten, die Findelkinder möglichst billig unterzubringen, um Religion und Konfession der Pflegeeltern kann sie sich nicht kümmern. Hie und da erkundigt sie sich beim Rabbiner um das Wohl und Gedeihen der jüdischen Kinder, die in seinem Rabbinatssprenge! untergebracht sind. Der Rabbiner ist aber selten in der Lage, Auskunft zu geben, da er die christlichen Pslegeeltern, die meistens in den Dörfern wohnen, gar nicht kennt und mit ihnen in keinen Kontakt steht. Es kommt auch häufig vor, daß solche Kinder, wenn sie sterben, aus christlichen Friedhöfen unter Assistenz katholischer Geistlicher bestattet werden, da die Pflegeeltern sich teils ״schämen" einzugesteheii, daß sie ein jüdisches Kinde in Pflege batten, teils ist der jüdische Friedhof vom Sterbeorte zu entstritt und die Bestattung auf dem jüdischen Friedhose mit Schwierigkeiten verbunden. Von der sittlich-moralischen Verwahrlosung dieser Kinder soll hier nicht die Rede sein. Wir haben dieses Thema in unserem Leitartikel ״Jüdische Kinder in christlicher Pflege" eingehender besprachen. Ein rühriger Verein in Prag wollte sich der Mühe unterziehen, hier Wandel zu schaffen. Der Obmann dieses Vereines schrieb mir, er werde sich mit dem Kultusvorstande in Wien in dieser Angelegenheit in Verbindung setzen. Was der Wiener Kultusvorstand in dieser Sache beschlossen hat, ist Schreiber dieses nicht bekannt. Und doch wäre es endlich an der Zeit, dieser eminent wichtigen Frage näher zu treten, der Frage der Versorgung und zweckmäßigen Unterbringung und Erziehung jüdischer Kinder unehelicher Abkunft. Der Monat Dezember gilt seit einigen Iahren als der Monat des Kindes. Ueberall wird ״für daS Kind" gesammelt, und Israel gibt gerne und willig für alle Zwecke und namentlich wenn es sich um das Kind handelt. In vielen jüdischen Gemeinden wurde sogar vom antisemitischen Nordmährerbunde ״für das Kind" gesammelt, von welchem Bunde jüdische Kinder selbstredend gänzlich ausgeschlossen sind. Wäre > es nicht an der Zeit, etwas auch ״für das jüdische > Kind" zu tun, für die Kinder, die dem Judentum verlorengehen, die teils geistig, teils körperlich verkrüppelt und verstümmelt werden und dann daran zugrunde gehen? Am Feste der Laubhütten brachte Israel 70 Opfer dar für alle Völker und Nationen, in deren Mitte es lebte. Am Schlußfeste brachte Israel nur ein Opfer dar. Dazu bemerkt der Midrasch: Ter Heilige, gelobt sei er: sprach: ״Habet ihr, Israeliten, für eure Umgebung große und schwierige Opfer dargebracht, dann bringet mir wenigstens ein kleines Opfer dar." Dies möge besonders Israel der Gegenwart be herzigen, diejenigen wenigstens, die die berufensten Vertreter Israels zu sein vorgeben. Diskonte Jasellschaft bei u; Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt --ich für alle einschlägiger. Bankgeschälte hauptsächlich auch für den tskompt cf'ener Buchforderungen u.:!er den all, rnünstigsten Bedingungen. Jlorrefpoii!c;,cn Voskinvin. Ter hiesige jüdisch-nationale Treibnudc;:ionistischer Mädchenbund ״Fudith", jüdischer Turnverein und stildentenvervindnng ״Lätilia", veruusurltete um sonnia,! den *. Dezember ein (ihamifafcjt, iveldl iS iid) flodijl würdig, schon und gemütlich gestaltete und uns die zuhlreichen ,ccitgäste einen unauslöschlichen Cindruck ausübte. Tie Crösfnungsrcde hielt eund. ing. Crnsl Ultwaiin und erntete großen Beifall. Tann entzündele Herr Liberkantor Rabinowitfch, assiitiert von einem gut geschulten, gemischten Chor mit Harmonn!!!» begleitung, die Clianukakerzen, ivoranf das Haueros balolu vom Chor mit Harinoniniubegleitang, unter Leitnng des Herrn Tberkantors sehr wirkungsvoll und erakl gesungen wurde. sr. Chrw. Herr Rabbiner Tr. 3 (Viuif hielt sodann eine eindrucksvolle z׳ehr>.de,!voraus das Moos zur׳ vom Chor gesungen wurde. Cs folgten dann die Borträge der Arl.: Charlotte Ullinann, die Menorah von Herzl, Hilda Mager, Toast auf die jüdisch-nationale Turiierschcni, Grete schwarz, Toast ailf die jüdisch-nationalen Mädchen und grauen, Herr eand. jur. Philipp Munk brachte einen Tonst auf die jiidiich-nalionale Studentenschaft aus. sämtliche Bor nagende» ernteten einen nicht endemvollenden Beifall. Cs fang dann Frl. Zosefine Freiwillig senr stiminnngs vell das ״Bundeslied", mit Klavierbegleitung versehen non Frl. Rmalia Rufrichtig ,und ״Trärenlieder" von M. Rosenseld, begleitet von Trl. Henriette spitzer. T׳rl Hilda Mauer entzückte die ,veitverfainiiilnng aus׳,er dein Harinoniumspiele mit ihrem großartigen Cieigeuspiel. sämtliche jüdischen .Körperschaften und Vereine unserer siadl waren vertreten. Knniv. z,n seitlich geschmückten sitzungssaale der israelitischen .Kultnsgemeinde fand am ö. Channka atende eine sehr gelungene Makkabäerfeier iiatk, um sie sich die Tarnen Rnna stlesch, ela na Haas, Rosa soinmcr, Crneiiine sützmandl und Herr Heinrich süs-,- inandl sehr verdient gemacht haben. Rach einer kurzen Begrittzung, die Tcau Tr. ,Z-lesch an die C>׳׳chienen.n richtete, folgte das Cutzündcn der Cliann.!lichtlein durch eine» Waisenknaben und daS '.Ibsingen des Moans ,Zur durch die israelitische Schuljugend. Herr!!!abbiner Tr. fs'lesch hielt die mi! grenz er Begeisterung anfgenoin mene ,vesirede. Herr sekrelär Reinkrant dankte dein Tainenkoinitee füc die Hingebung, mit welcher sie oa schöne jüdische ssest arrangierten. Ten Schulkindern insbesondere der Waisenkolonie der israelitischen Mai 11'sgeineinde Wien wurde eine reichliche Zause serviert. Herr Bürgermeister Friedrich ,rischer dachte den staise-!oail au», dein das Rbsingen des .MaiserliedeS folgte. i?rau Rosa sommer dankte dem Herrn Rabbiner Tr. lelesch für die geistvolle :Hede. Herr .Kultusvorneher siegmund Haas sowie der geiamte Lehrkörper der deutschen schule mir Herrn Oberlehrer Brandt an der spihe wohnten der schonen Teier bei, die allen tklinvesenden unvergessen bleiben ivird. Prosinili. Unser Ctg. Wilhelm Lösegeld, z-abrikan! »: Proizniv. har sich mit g-räulein Steffi Brainmee, Tochter des Herrn M. H. Bramnier, .gultnsvorflehers in Ung.-Brod, verlobt. Unsere beiten Glückwünsche. Tie!Redaktion. Trebitsch. sonntag den 1. Tezember fand hier sie Trauung sr. Chrw. des Herrn Tr. Heinrich sch wen g e r, Rabbiner in Llindenbnrg, mit ,rrl. Camilla ritz c i s e i stall. Lange vor der festgesetzten;}eit war der Tew pcl von Gäuen dicht gefüllt. Unter den ׳.'linvesenöe:, bemerkte, man besonders die Teputation der hiesigen 11 »nach Mass und Herrenmodewaren kaufen besten am Sie 1 Id I CH wdbulc 'm Spezialgeschäfte der Firma ״Derby“ V. DRESLER, Brünn, Krapfengasse «r. 24—26. Nur apparte Neuheiten. Feste Preise•

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