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Jüdische Volksstimme · 1912-12-12 · Heft 36 (12.12.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 36 (12.12.1912)
Date
1912-12-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. »,Jü-rsche BolkSstimme." Nr. 36 Brasilien: 2 Kolonien mit 56 Seelen. Vereinigte Staaten von -Nordamerika: 9 Kolonien mit 1300 Familien. Diese Farmen waren ursprünglich im Besitze englischer Bauern. Der Boden war jedoch so schlecht, daß die englischen Bauern diese Ansiedlungen fluchtartig verließen, besonders da gerade damals der fruchtbare Westen erschlossen wurde. In den Pogromjahren 1880—82 kamen viele rusiische Juden nach Newyork. Da traten reiche englische Juden zusammen, kauften diese Farmen und der eiserne Wille der Juden habe es vermocht, daß sie die blühendsten Amerikas sind. Kanada: 2538 Familien. Trotz des eisigen Klimas, das dem Sibiriens gleichkommt, haben die jüdischen Bauernfamilien es vermocht, wohlhabend zu werden. Cypern: Auf Cypern leben 189 jüdische Bauern. Der Boden ist der denkbar schlechteste und die antisemitische Bevölkerung des Landes verbittert den Juden fürchterlich das Leben. Trotz alledem sind die Juden dort wohlhabend geworden. Palästina: In Palästina gibt es 30 Kolonien mit 9000 Seelen. Es ist aber der prächtigste Bauernstand. Als man nach Palästina, das als ein echtes Karstland angesehen wurde, ging, hatte man nichts als Spott für die ersten Kolonisten. Die Opfer sind nicht vergebens gewesen. «2)er Landmann ist der Herr des Landes. In N o d o l i en, einem Lande, wo die schrecklichstcn Einfälle etwas gewöhnliches waren, sind noch heute die Bauern des Landes die gleichen, wie vor Jahrhunderten, nämlich Ruthenen. I׳.׳ Posen erhalten sich zum Trotz der Deutschen die polnischen Bauern. Alle Entnationalisierungsvcrsuche sind vergebens, auch alle Unterdrückungen, Einschränkungen usw.. In R u ssisch - Polen hat die Jahrhunderte hindurch betriebene Vernichtungspolitik der Russen den polnischen Bauer gedrückt, aber vom Lande nicht zu verdrängen vermocht. Der Zionismus hat sich die Aufgabe gestellt, den Tausenden von Luftmenschen, die keincn Erwerb finden können, sicheres Brot zu vcr schaffen. Die jüdische Mildtätigkeit ist schlechi angebracht. Sie opfert Kranken, spendet für Tote, Tausende für alte müde Greise, die in Lande der Väter sterben. Doch für ein Werk d״: Gesundung, ein Werk, das jüdische Elend endo.ültig aus der Welt schaffen will und den Jude:׳ ein sicheres, ehrliches Brot zuweist, ist nicht das entsprechende Verständnis vorhanden. Man müsse des Jüdischen N a t i o n a l f o n d s gedenken. Ein Gedanke verdiene reichlichst Untcrstützung, die Schaffung einer Bukowin a c r I ü d. Kolonie in Palästina. Die Juden der Bukowina mögen 10 jüdischen Familieii zu Brot verhelfen. Unsere Aufgabe ist es. den unglücklichen jüdischen Brüdern den Weg in das Land der Väter ebnen helfen. Jankl. NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERSICHEkUNGS GESELL SCHAFT, WIEN, L ASPERNPLATZ 1 tm eigenen Palais. — Versichertes Kapital drka 380 Mtttonca. Reserven drka US Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden Aberall gesucht. - Unser neuester Tarif mit 5*0 ]Ahr leb fallender garanfetre . Prämie Generalag^ntm für Wien. 1., Aap platz 1, Lmc־ David Nebenzat/1 J&ub Direktion f&r Prag, ׳ r 1,122 ndagas»? 20. ״»eu, L ite» Robert Oerste . Sub-D1 ektu*n 1V» Lemb rg, Saalnoctis 3. Letter Lflbi T1.be Hauptagentur fOr BrOnn, WawrastraBe 10. Lei er: Samuel Reininger. Makkabäer-Feier in Pilsen. Im 7. d. M. fand im großen Waldcksaalc die diesjährige Maklabäcrfcicr statt, die den Veranstaltern, dem jüdischen Volksvcrcin ״Zion" in Pilsen alle Ehre machte. Ein festlich gestimmtes Publikum füllte den Saal und lauschte aufmerksam den gediegenen Vorträgen. Nachdem die ersten Klänge der vom Kapcllnicistcr Zimblcr geleiteten Eiscnbahncrkapellc vcrklungen waren, erschien auf der mit blau-weißen Stoffen und einem großen Hcrzl-Bild geschmückten Bühne Herr .M. U. C. Paul Gcrstl (Bariffia) aus Prag und trug den von phil. cand. Otto Frankl (Bariffia) verfaßten. zündenden Prolog mit warmer Empfindung und ergreifender VortragSkunst vor. Die nun folgende Festrede, die Herr I. U. Dr. Herbert Birnbaum (Bärissia) hielt, zeichnete sich durch die besonders schöne Form und den Reichtum an Gedanken aus. Herr Dr. Birnbaum versteht cs, der Makkabäergeschichte neue, interessante Seiten abzugcwinnen und seine Festrede hoch über das Niveau der konventionellen Festreden zu heben. Der Redner begann: ״Ein kluger Kopf hat einmal gesagt, daß die Weltgeschichte reicher ist an Wieder- Holungen als an Tatsachen. Das gilt besonders von unserer, jüdischen Geschichte. Der alte Spruch des Rabbi Akiba: ״Alles ist schon dagcwcsen" bewahrheitet sich auch hier. In der ganzen jüdischen Geschichte treten uns immer wieder zwei Gruppen entgegen, die man als Assimilanten und Jüdischnationale bezeichnet. Die Assinnlanten wollen seit jeher, wie cs auch die Makkabäergcschichte zeigt, den Untergang des Judentums und sein Aufgchcn in den umgebenden Völkern, während die Jüdischnationalen das Gegenteil wollen. Seit Alcxander der Große den Orient erobert, hat die hellenistische Kultur auch den Orient erobert. Das, was die Hellenisten damals taten, daß sie sich der griechischen Kultur zuwendcten, war am Anfang nur Reform, am Ende aber Verrat. Reform, weil sie eine Besserung der Zustände wollten, Verrat, weil sie dann zu den stärkeren Feinden übergingen. Die Hellenisten übernahmen damals die griechische Kultur, Sitte, Theater und auch griechische Namen. Ein Ucbcrblcibscl dieser Zeit ist z. B. der unter den Juden so verbreitete Namen Isidoras. Auch als die Juden mit den Germanen zusammenkamen, eigneten sie sich viele germanische Namen an, Mc sic mit Stolz ihren Sprösslingen beilegten, so z. B. den Namen: Siegfried. So finden wir heute einen Siegfried oder Isidor und der Träger dieses Namens ist weder ein alter Germane, noch ein alter Grieche, sondern ein alter Jude. — Eigentlich ist nach unseren heutigen Begriffen die ganze Weltgeschichte ein Assimilationsprozeß. Die Assimilation geht rücksichtslos vor sich, auch wenn sich der schwächere Teil mit aller Kraft wgcgen wehrt. Aber nur dann ist die Assimilation mög-!ich, wenn der stärkere Teil den schwächeren assimilieren will und ihn dazu zwingt. — Heutzutage werden die Juden aber nicht gezwungen ihr Judentum abzuwerfen, denn kein Volk will die Juden in seinem Volkskörper restlos aufgehcn sehen, höchstens einzelne Parteien oder Gruppen, aber nie ein Volk als Ganzes. Die heutige Assimilation ist unmöglich, da cs nur ein Assimiliertwerden ,aber kein Assimiliercnwollen gibt. Einmal wäre vielleicht die Assimilation möglich gewesen, als zur Zeit des Hellenismus, als Ncgicrungsmaßnahmen die Juden schon von Geburt an zwangen, seine Eigenart abzustreifen, um im fremden Volke aufzugchen. Damals aber erstand Mathatijahu und seine Söhne dem Volke und diese Männer retteten die Juden vor dem Untergang. Und wenn wir heute und bei allen Makkabäerfeiern aus diese Helden Hinweisen und sie feiern, so tun wir dies nicht wegen ihrer kriegerischen Tüchtigkeit, sondern weil wir uns mit ihnen eins wissen in dem Streben der Juden, dem Judentum den Willen zum Fortbestehen cinzuflößcn, der sich uns zeigt im Judenstolz, in der Judenlicbe und in der jüdischen Hoffnung." Reicher Beifall folgte den trefflichen Ausführungen des Redners. — Die bereits rühmlich bekannte Opernsängerin, Fräulein Josza L e k n c r aus Prag erfreute das Publikum durch den Vortrag des ״Alten Ghcttolicdchcns" von Lazar Svcrdloff und der Arie aus ,:Samson und Dalila" (von Saint-Saens). Ihr prächtiger, passoscr Alt begeisterte das Publikum zu stürmischem Beifall, den Frl. Lckncr mit xiner Zugabe, dem ״Asra" von Rubinstcin quittieren mußte. Ihr Vortrag zeugte von tief künstlerischem Empfinden, glänzender Schulung und prächtigem Stimmaterial. Herr M. U. C. Franz Kornfeld begleitete die Künstlerin in präziser und gediegener Weise. Den Clou des Abends bildete natürlich Leo Gollanin. Herr Dr. Birnbaum führte die Zuhörer in einer Conference in die Gedankenwelt des jüdischen Volksliedes ein und verstand es vorttcfflich, das Publikum in die richtige Stimmung zu versetzen. Herr Gollanin aus Berlin, von seiner Frau Jda Gollanin verständnisvoll begleitet, sang in seiner unerreichten Art den ״Ales beiß", ״Sehnsucht nach Jerusalcm" und ״Dos Pckele". Die eigenartige Kunst Gollanins, die hier zum erstenmal gehört wurde, packte und ergriff auch hier das Publikum und der stärkste Beifall des Abends galt dem beliebten Künstler. Es folgten Rezitationen des Herrn M. U. C. Paul G c r st l (Barissia) aus Prag, der mit dem kräftigcn Ahasvcrgcdicht von Mathias Acher: ״Ihr und ich", mit dem fein empfundenen Mosenthalschen Gedicht ״Heimat in der Fremde" und Richard Huldschincrs. | feurigem Makkabäergedicht ״An Juda" das Publikum zu lebhaftestem Beifall veranlaßte. Den Abschluß des j Programms bildete Leo Gollanin, der mit dem meister-! haften Vortrage der Lieder: ״Dos Tallesl", ״Die Mame; un dos Kind" und :,Die Megillc" das Publikum mit sich fortriß. Ein tosender Jubel folgte dem Gesänge des Meisters und zwang ihn zu einer Zugabe. Das Publikum dankte für diese, ״Die zehn Brüder", mit beispielloser Begeisterung. Ein flottes Tanzkränzchen beschloß den Abend und hielt.die tanzlustige Jugend bis zum grauenden «Morgen beisammen. Der Abend war sehr gut gelungen. Freie jüdische Vereinigung in Deutschland. Erklärung. Angesichts der in Nr. 9 der Monatsschrift ״Liberales Judentum, S. 210 ff., veröffentlichten ״Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum" legt die Sorge um die Er- Haltung des überlieferten Judentums uns die Pflicht auf, warnend unsere Stimme zu erheben. Denn durch diese Richtlinien werden biblische Satzungen, die ein teures Erbe unserer Gesamtheit sind, außer Kraft gesetzt. Insbesondere bedrohen schwere Eingriffe in die biblischen Ehegesetze die Heiligkeit der jüdischen Familie. Die Antastung der Sabbathheiligung und die völlige Uebergehung anderer wichtiger Religionsgesetze bedeuten einen verhängnisvollen Bruch mit den Grundanschauungcn unserer Religion. Wir stehen auf dem Boden des positiven Judentums und erachten dessen Erhaltung und Kräftigung für unsere wichtigste Aufgabe. Wohl erkennen wir für alle Lebenserscheinungen das Gesetz einer organischen und kontinuierlichen Entwicklung an. Gerade deshalb müssen wir aber alle diesem Gesetz und dem Ernst der Wissenschaft des Judentums widerstrebenden planlosen Veränderungen und willkürlichen Neubildüngen mit Entschiedenheit zurückweisen. Wir lehnen alle Vorschläge ab, die geeignet sind, einen Zwiespalt im Judentum hervorzurufen. Wir wollen den religiösen Sinn und die Einigkeit in den Gemeinden fördern und in innigem Zusammenhangs mit unserer Vergangenheit bleiben. Dr. Bermann, Kreisrabbiner in Insterburg( Dr. Berger, Rabbiner in Berlin-Wilmersdorf: Dr. Biram, Rabbiner in Hirschberg i. Schl.: F. Blum, Rabbiner in Mühlhausen i. Els.: Dr. Brann, Dozent am jüdisch-theol. Seminar in Breslau: Dr. Deutsch, Landrabbiner in Kassel; M. Ellguther, Rabbiner in Neisie; Dr. I. Eschelbachcr, Rabbiner in Berlin; Dr. I. Finkelscherer, Rabbiner in München: Dr. Flaschner, Rabbiner in Nürnberg: Leo Fränkel, Herzog!. Landesrabbiner in Meiningen: Dr. Frank, Rabbiner in Köln a. Rh.: Dr. S. Freund, Rabbiner in Hannover: Dr. Friedmann, Rabbiner in Lublinitz: Dr. Goldschmidt, Rabbiner in Kolberg: Dr. Grabowsky, Rabbiner in Barmen: Dr. Gronemann, Landrabbiner in Hannover; Dr. Grünthal, Rabbiner in Berlin-Charlottenburq, Dr. M. Guttmann, Rabbiner in Kulm i. W.; Dr. Holzer, großherzogl. Rabbiner in Worms: Dr. Horowitz, Dozent am jüd.-theol. Seminar in Breslau: Dr. Knoller, Direktor der Bilduugsanstalt für jüdische Lehrer in Hannover; Dr. Kopfstein, Rabbiner in Beuthcn O.-S.; Dr. M. Krakauer, Stiftsrabbiner in Breslau; Dr. H. Kroner, Bezirksrabbiner in Oberdorf; Dr. Th. Äroner, Kirchenrat und Stadtrabbiner in Stuttgart: Dr. Kuschnitzky, Rabbiner in Breslau: Dr. Lazarus, Direktor des Lehrer-Seminars in Kassel; M. Levy Rabbiner in Hagenau i. Els.: Dr. Loevy, Rabbiner in Graudenz; Dr. Lewinsky, Landrabbiner in Hildesheim; Dr. V. Marx. Rabbiner in Straßburg i. Els.; Dr. B. Meyer, Rabbiner in Thann i. Els.: Dr. N. Netter, Oberrabbiner von Lothringen in Metz: Dr. Peritz, Rabbiner in Li'egnitz, Dr. Perlitz, Rabbiner in Nakel; Dr. Pick, Rabbiner in Straßburg, W.-P.: Tr. Pick, Rabbiner in Berlin: Dr. F. Rosenthal in Breslau: Dr. Salzberger, Rabbiner in Erfurt; Dr. Scheftelowitz, Rabbiner in Köln a. Rh.: Dr. Stier, Rabbiner in Berlin: Dr. Treitcl. Bezirksrabbiner in Laupheim; Dr. Walther, herzoglich anhaltischer Landesrabbiner in Die scbonsic Schrift in Kürzester Zeit erreicht }ederaiannin! H- K. best, aut, Schreibschule Professor Rudolf Roubltscbek Prag, menzelsplatz 47

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