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Jüdische Volksstimme · 1912-12-12 · Heft 36 (12.12.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 36 (12.12.1912)
Date
1912-12-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 ״Jüdische v,a,stimme.« Sette 8 begründete, durch ihre musterhaften Jnstitutionen und.den in ihre herrschenden echten Thorageist yorbildliche orthodoxe Religionsgesellschaft, und in der jüdischen Gemeinde, die neben den seit zirka 70 Jahren die Herrschaft in der Gemeindcstube innehabenden, sich jetzt verschämt liberal nennenden Reformjuden, eine große Zahl wahrhaft konservativ denkender religiöser Elemente in sich vereinigt. An der Spitze der orthodoxen Religionsgesellschaft steht als geistiger Erbe Samson R. Hirsch, der'durch seine Prinzipienfestigkeit'und Gelehrsamkeit wohlbekannte Rabbiner Dr. Breuer, während an der jüdischen Gemeinde, um die Parität zu wahren, zwei radikal-umstürzlerische und zwei konservative Mäneinträchtig — soweit dergleichen möglich — nebeneinander wirken sollen. Jedoch liegt, um der starken Anziehungskraft der Neligionsgesellschaft auf den konservativen Teil der Gemeinde entgegenzuwirken, die Leitung säintlicher Kaschrusinstitutionen vertraglich in Händen der sögenannten Gemeindeorthodoxen und ebenso dürfen auch alle Steuern der Konservativen nur für Erhalt und Ausbau, der den strengsten Anforderungen Rechnung tragenden religiösen Eincichtungen, verwendet werden. Wenn nun auch ein Großteil der konservativen durch dieses Entgegenkommen bewogem teils ans Pietät, tei>s aus Geschäfts- und verwandtschaftlichen Rück sichten, teils aus angeborener Entschlußunfähigfeit, der alten Gemeinde nicht den Rücken kehrt, so sind sie dennoch, den! Zuge des Herzens folgend, mit geringen Ausnahmen — da das preußische Austrittsgesetz dies für Frankfurt ermög licht — auch ordentliche Mitglieder der Religionsgesellschaft geworden Sie werden in letz tsrer als vollwertige Mitglieder betrachtet, denen alle Aemter, Ehren und Würden ohne Weiterungen osfenstehen. Die unabweisbare Notwen digkeit, die elementare, unbedingte Pflicht für den religiösen Jehudi, auch der Israelit. Religionsgesellschaft, dieser aus kleinsten Anfängen zur Führerin der Orthodoxie gediehenen Gemeinde» anzugehören, wird nur von einem verschwindend geringen Bruchteil fanatischer Antitrennungsorthodoxen bestritten. Die Forderung Rabb. Dr. Breuers an die Leitung der Agudas Jisroel läuft nun im einzelncn darauf hinaus, daß diese Gruppe und die konservativen Gemeinderabbiner Dr. Nobel und Horowitz, die ja naturgemäß nicht der Religionsgesellschaft angehören können, statutarisch nicht m die Leitung der Agudas Jisroel gelangen dürften. Die allgemeine Formel hierfür lautet: ״Jenes Mitglied der Aguda, das an einem Orte wohnt, wo eine orthodoxe Separatgemeinde er!- stiert, ohne Mitglied derselben zu sein, hat kein ׳ passives Wahlrecht." Diese Formel bildete bis nun das schwer zu nehmende Hindernis auf dem Wege zur Konstituierung der Frankfurter Ortsgruppe. Rabb. Dr. Breuer beharri, trotzdem diese in Gestalt eines Pesak פסק gekleidete Forderung, sowohl seitens seiner engsten Kampf- und Gesinnungsgenossen, des auf dem unbedingten Austrittsstandpunkte stehenden Verbandes der orthodoxen Rabbiner Deutschlands, als auch seitens des minder scharfen traditionell gesetzestreuen Rabbinreverbandes einmütige Ablehnung erfahren, mit der ihn auszeichnenden Festigkeit auf die unveränderte Annahme derselben. Auch die orthodoxe ungarische Landeskanzlei hat sich init dieser Forderung identifiziert. Doch ist die Stellungnahme dieser sich in bloßer Negation gefallenden Körperschaft, aus hier nicht näher zu erörternden Gründen von keinerlei Gewicht. Der ablehnende Standpunkt des provisorischen Komitees und mit verschwindend geringen Ausnahmen auch Ansicht des gesamten orthodoxen Deutschlands, wird durch folgende hier nur skizzenhaft wiedergegebene Argumentation begründet. Wenngleich der Austrittsgedanke nunmehr' auch in Deutschland auf siegreichem Vormarsche begriffen ist — zu dieser klaren Scheidung hat das ״neueste Testament" Dr. Cäsar Seligmanns und und Genossen, die jüngst veröffentlichten krasieste Leugnung als neue Religion Israels proklamiercnden Richtlinien nicht wenig beigetragen — so hat derselbe noch durchaus nicht allgemeine Geltung erlangt und es gehe daher durchaus nicht an. die an Tauro und Mizwaus festhaltenden Austrittsgegner als minderwertige Juden zu stigmatisieren. Auch verweist man darauf, daß Rabbiner Dr. Breuer in Konsequenz seines Austrittsstandpunktes, denselben auch gegenüber den in seiner Kehillah eine führende Rolle spielenden Vorstehern, die gleichzeitig auch Mitglieder der anderen Gemeinde sind, in Anwendung, bringen müßte. Die feine Distinktion, die diejenigen^ welche die Mitgliedschaft beider Gemeinden besitzen, als nur פורשים מז הצברו sich von der Gesamtheit loslösende charakterisiert und sie nachgerade noch für die Bekleidung von Vortandsmandaten zuläsiig hält, während sie die nur der Reformgemeinde angehörigen Orthodoxen als פו,־־שים מח־בי הצבור (sich von den Wegen der Gesamtheit absondernde) aller üdischen Ehrenrechte wirkt nicht überzeugungsrüstig und findet keinen Anklang. Auch haben nicht nur die deutschen Rabbiner, sondern auch die Führer der rusiischen Orthodoxie — deren )reite Massen das Hauptkontingent und Arbeitsgebiet der Aguda bilden sollen — die Geaunim mefursomim von Wilna, Karlin und Riga, neten mit aller Entschiedenheit gegen das Ausschließungsprinzip auf. Tie Quintessenz dieser Auffassung!aßt sich für den Laien in den prägnanten Worten des ältesten rusiischen Gaons, des Karliner Raws zusainmenfasien: לא באה הגורד;־לרחק אלא לקרב (dem Wesen der Aguda wird man nicht durch Verstoßung gerecht, sondern durch Heranziehung, durch Verbindung). Wird aus jeder Frage eia Schibolet gemacht, dann ist eia Praktisches Zusammenarbeiten der auf den verschiedensten Kultnrstufen stehenden orthodoxen Gruppen ein Ding der Unmöglichkeit. Die provisorische Leitung der Aguda, die hauptsächlich aus hervorragenden Baalebatiin Rabb. Dr. Breuers zusammengesetzt ist, geriet hierdurch in eine heikle Situation. Nicht wenigen der Außenstehenden schien es undenkbar, daß das provisorische Komitee der Entscheidung!פסל seines Raws entgegenhandcln könnte. Man fürchtete, daß das Komitee der Stand festigkeit Dr. Breuers erliegen und daß insbesondere, der als מוקיר רבנן bekannte Ja fob Rosenheim, der Herzl der Aguda, sich infolgedessen von der Leitung der Aguda zurückziehen würde. Nichts kennzeichnet diese Stimmung besser, als der von mehreren Orten Deutschlands eingelaufene Antrag, der über die Person Jakob Rosenheims — der hier in Frankfurt seinen Geschäftssitz hat — verfügend, verlangte, daß derselbe לטובת הב? ל seinen Wohnsitz von dem gefährlichen Frankfurt nach Berlin verlege. Doch war diese Furcht keinen Augenblick in den Vorgängen begründet. Die Leitung der Aguda Jisroel blieb fest. Sie ist in bezug auf Klal Jisroel berührenden prinzipiellen Fragen exterritorial und kann nur die Entscheidüngen der Vertretung der Gesamtheit der Rabbinen, des Waad Horebonim, als bindend betrachten. Bei aller Hochschätzung für ihren verehrten Rabbiner, können sie nicht in dessen Anschauungen, die von seinen Genossen und den Autoritäten der Zeit bekämpft werden, die Nichtschnür ihres Handelns erblicken. Das Provisorische Komitee hat nach langen Verhandlungen erkannt, daß Rabb. Dr. Breuer von der Lehre, mit der er allein steht nicht weicht von der Wahrheit, die er als solche erkannt, auch vor der Gesamtzeit seiner Gegner nicht wankt ־ chweren Herzens sieht es sich gezwungen, au; die wertvolle Mitarbeit des Frankfurter Rab biners Verzicht leistenHU müssen und ihren Weg Letauwas Klall Jisroel auch gegen Rabb. Dr Breuer zu Ende zu gehen. Gestern hat sich unter Rosenheims Vorsitz die Frankfurter Ortsgrupp der Agudas Jisroel konstituiert. Was ist und was will der Zionismus? Czernowitz, 4. Dezember. Aus dem 4. zionistischen Seminar des jüdischnational akademischen Vereines ..E'.nunah". (Nach dem Vortrag des Herrn Univ.-Prov. Tr. Leon Kellner.) Ter Zionismus hat die abenteuerlichsten Auslegungen mit sich gebracht. In den wenigsten Kreisen ist man sich tatsächlich dessen bewußt, was eigentlich der Zionismus will. Die Polnische Presse hat jahrelang im Zionismus eine gegen das Polentum gerichtete Vernichtungspolitik gesehen. Tie Zeitschrift für das allgemeine Judentum in Berlin, das Organ der jüdischenBankiers in Deutschland, stellt den Zionismus als eine durchaus reaktionäre Bewegung dar. als die Strömung im jüdischen Lager, die der Antisemitismus bei den Christen sei. Für Herzl und Männer seiner Art. die dem Judentum im Geiste bereits den Rücken gekehrt hatten, bedeutet der Zionismus die Rück-!!ehr zum Judentum, also definierte Herzl den Zionismus sehr geistreich als die Heimkehr um jüdischen Volke. Der Zionismus ist die Rückkehr zum Boden, so definiert Herr Prof. Kellner den zionistischen Gedanken. Die Juden sollen endlich eine feste־ Position erlangen. Denn, die Geschichte lehrte uns. wer ich mit der Mutter Erde für sein Leben verbindet, dessen Stellung ist unerschütterlich, selbst wenn die elementarsten Ereignisse eintrefsew sollten. Herr des Bodeiis ist nur der Bauer, weil er im chweiße des Angesichts demselben Früchte abringt. Aller Reichtum ist vergänglich im Wechsel der Zeiten, lehrt uns gerade die Geschichte der Jude n. Wohl war zu allen Zeiten der Geld- .)andel in den Händen der Juden, und doch nirgends gab und gibt es so viel bitter Leid wie iei 90 Prozent der Judenheit. Die zahllosen jüdischen Armen sind wohl die unglücklichsten, die es in der Welt gibt. Tie Juden waren zu allen Zeiten der Zentralpunkt des Welthandels, sie waren in jedem Jahrhundert die Herren der po- «tischen Weltlage; denn zu ihnen ging man, Geld leihen. Staaten, Könige, Fürsten, alle suchten den Juden auf. Es gab jüdische Geldlarone, die in Kellereien ihres Hauses Dukaten in fabehaften Mengen aufgespeichert hatten. Die A r m st ä t t e r und die L u n d e n b u r g s in Wien, der jüdische Geldadel in Spanien usw. Wo sind sie heute? Wo sind die A r in st ä t t e r, zu ihrer Zeit die mächtigsten Reichen der Erde? Verschwunden! Nur eine Gasse in Wien hat ihren Namen vor völliger Vergessenheit bewahrt. Ihre Familie? Lebt sie noch? Hat sie noch die Milliarden ihrer Ahnen? Haben es die spanischen Geldgroßen vermocht, mit ihren Millionen den Schandtaten der Inquisition Einhalt zu tun? 7. und 8. Jahrhundert ging es den Juden in Frankreich, besonders im Süden glänzend. Sie waren alle reich, erfreuten sich solcher Achtung, daß Fürsten, selbst gekrönte Häupter, ihre Gälte waren, die angesehensten Häuser des Sa«: des mit ihnen in Mischehen eingingen, zahllose christliche St atten und Sklavinnen in ihrem?יי■ sitze waren. S׳e waren die Herren ausgedehnter Weingüter, ja, sie verlegten den Markttag auf den Sonntag. Doch bald mehrten sich ihre Feinde und man hetzte die Juden aus dem Lande. Nicht ein Jude war durch Jahrhunderte in Frankreich zu sehen. Bettelarm hatten sie das Land verlassen. So erging es ihnen überall, wenn sie nur etwas Reichtum erworben hatten. Das Geld hals den Juden gar nicht, auch nicht der Großgrundbesitz. Sie hatten nichts Festes in den Händen. Man jagte und hetzte fie von Land zu Land. Doch auch heute verstehen die Juden nicht den Wert selbstbebauten Bodens zu schätzen. Sie kleben noch zu sehr an dem Gelde, die ärmste jüdische Frau würde eher 100 K als ein St,"׳.r bebautes Land nehmen. Die Juden scheinen d e Empfindungen vergessen zu haben, die ihre Bäter vor zwei Jahrtausenden besessen. Viele Juden sehen es als lächerlich an. daß der Jude wieder zum Pflug greife. Manche mei- ::en, es sei nicht die h i st o risch e Funktion der Juden .Viele meinen, der Jude sei gar nicht dazu geschaffen. Doch die Geschichte und Tatsuchen sprechen unbedingt für die Eignung des Juden zur Landwirtschaft. An einer Statistik, die Prof. Kellner uns bringt, sehen wir die ausgezeichnete Eignung des Juden. .">0.000 jüdische Familien bebauen heute auf der ganzen Welt Boden, oft unter den schwierigsten Verhält-nsseu. Wir lassen die hochineressante Statistik jüdischer Bauern folgen. In Rußland gibt es jüdische Bauern kolonien. Baron B e ck e n d o r f hat angeregt, die Juden zur Landwirtschaft zuzulassen. C h e r s o n: 21 jüdische Kolonien, :.0>>0 Familien (16.000 Seelen). Bessarabien: 14 jüdische Weingüter werden von Juden bearbeitet. Tie gesamte Tab a k k u l t u r des Landes ist in den Händen der Juden. Russisch-Polen: In 10.000 Obslgärten werden die prächtigsten Obstgattungen von Juden kultiviert. Argentinien: Tort fängt die Äolonisation im Jahre 1892 an. Es gibt in Argentinien 9 jüdische Kolonien mit 3000 Familien 15.56-1 Seelen). Unter ihnen besitzen viele Bauern ein Vermögen von 100.000—200.000 K.

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