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Jüdische Volksstimme · 1912-12-12 · Heft 36 (12.12.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 36 (12.12.1912)
Date
1912-12-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Gvte 2 ' ״ ,; י . ־Jüdische BokkSstimme." Nu 36 auch die gesamten anderen Ausweisungen sind dem Gutdünken karrierelüsterner oder rachsüchtigcr ״echtrussischer" Lokaladministratoren zuzuschreiben. So wird auch aus Kiew gemeldet, daß dort eine Gruppe Äus den Dörfern ausgewicsener Familien gegen das Vorgehen des Gencralgouverncurs dech Senat und dem Minister des Innern eine Beschwerde überreicht hat. Darin berufen sich die'Beschwerdeführer auf das Stolypinschc Zirkular vom Jahre 1907, das allen Juden, die sich irgendwo bis zum August 1906 ״unrechtmäßig" niedergelassen hatten, das Domizilrecht verlieh. Allein das ist ja jenes Zirkular, das, anstatt die Leiden der russischen Juden zu mildern, nur zu einer Quelle neuer Qualen und Schikanen geworden ist. Darum ist nur wenig Hoffnung vorhanden, daß die ungefetzlichcn Massenausweisungen von Jud^i! redressiert werden dürften. Die drei jüdischen Deputierten in der Duina werden mit Petitionen überschwemmt, aber sie müssen ihre Ohnmacht eingestehen, denn ihre Proteste gelangen nicht'einmal ins Innere der Ministerien. In den Registraturen werden sic als wertlose Makulatur verwendet, denn der Jude hat kein Recht, auch das nicht, zu bitten. Die Londoner ״Morningpost" bringt aus Odessa herzzerbrechende Nachrichten. ״Das Dekret, das alle Juden aus den Dörfern der jüdischen und südwestlichen Gouvernements austreibt, wird jetzt aufs strengste durchgeführt. Die drei jüdischen Deputierten in der Duma werden in Massen von Bittgesuchen armer jüdischer Dorfbewohner in den Gouvernements Jekaterinoslaw, Podolien und Wolhynien um ihre Intcrvention gebeten, damit die Austreibungen wenigstens bis Frühjahr verschoben werden. Seit 1. September sind über 6000 Juden aus Nikolajew vertrieben worden und zwar auf Grund eines anderen Ediktes. Diese Juden wohnen in dem neuen Hafen erst feit 1906. Wenn das ganze Marineprogramm für das Schwarze Meer ausgeführt sein wird, sollen auch die noch in Nikolajew bleibenden Juden, etwa 25.000 bis 30.000 Personen, vertrieben werden." Das sind Aussichten der rusiischen Juden für die Zukunft. Und genau so, wie vor dem Kriege mit Japan hebt Rußland auch heute Soldaten aus. Achtzehn Armeekorps werden auf die Beine gebracht und an die Grenze geworfen. Die Rüstungen werden fieberhaft fortgesetzt und mit all den waffenfähigen Jungen wird auch die jüdische Jugend zu den Fahnen geschleppt, um demselben Moloch das hoffnungsfrohe Leben zu opfern, der den Lebensfaden der Väter mit unbarmherziger Hand zerreißt. Für wen, wofür kämpfen sie, diese jungen Juden? Dürfen sie Nachdenken, ohne in Wildheit auszuarten? Es ist ein hartes schöpfen (Koran, Sure 17,72), so sendet der Allgütige dir zu aller Erdengröße noch die höchste Gnade — das Wasser des ewigen Lebens. Trinkst du davon, so wird der Tod in alle Ewigkeit keine Macht über dich haben; willst du nicht trinken, so wird Gott dich abberufen, wenn deine Stunde gekommen ist." Salomo bat um Bedenkzeit, versammelte die Großen und Gelehrten seines Reichcs, um sich mit ihnen zu beraten. Alle rieten ihm einstimmig, er solle von dem Wasser des Lebens lrinken, denn Unsterblichkeit sei das höchste Gut der Welt. Dennoch zögerte Salomo und berief auch das ganze Tierreich, um dessen Meinung zu hören. Auch hier war niemand, der ihm nichl riet, das Wasser des Lebens zu trinken.;Um׳ ein kleines, unscheinbares Tier, der stächeuge Igel, erhob sich, trat vor den Thron des weisen Königs, vollzog alle Zeremonien der Ehrfurch! und sprach: ״Erhabener König! Es heißt ,stvar, nur der halsstarrige Widersinn bringt sich in Gegensatz zu der allgemeinen Ueberzeugung. Indessen mochte ich in tiefster Demut einen Gedanken dir zur Erwägung geben." Und als der König den Igel ermutigte, zu sprechen, meinte der: ״O König der Herrlichkeiten, ist das Wasser des elvigen Leben nicht nur für dich allein destimmt, sondern auch für deine Kinder, Angehörigen, Verwandten und Gefährten wirksam. Los, dem sie entgegengehen, weit härter noch als das der Väter. Und niemand ist da, der sich ihrer annimmt, der Verständnis für ihre Pein und Qualen zeigt. Wegen einer Handvoll Albaner ging ein Waffenklirren und Säbelgerassel durch ganz Eyropa. Das Geschick von Hunderttausenden von Juden findet keinen Schützer. Sie werden sich selbst überlassen, sich und ihrem Leid .... Glossen. (Zu den Vorgängen am Balkan.) Auch in den Reihen der Griechen haben Juden gekämpft und für die Parole ״Kreuz gegen Halmond" ihr Leben eingesetzt. Und trotzdem sind ihnen die Greuel von Saloniki nicht erspart geblieben. Trotzdem hat man die Juden aller möglichen und unmöglichen Verbrechen geziehen, um nur einen Vorwand zu haben, sich an ihnen dafür zu rächen, daß nicht schon im ersten Momente des Einzugs der Griechen nach Saloniki, diese voller Jubel begrüßt und sie nicht prompt als Erlöser gepriesen haben. Daher und weil sie sich nicht sofort in den Wechsel der patriotischen Gefühle zurecht finden tonnten, wurden jüdische Läden geplündert, jüdische Weiber mißhandelt und vergewaltigt und alles, was jüdisch ist in Saloniki geschändet und in den Kot gezerrt. Die griechische Soldateska durste Orgien der Roheit feiern ״ad majorem dei gloriam" bis es selbst den griechischen Führern zu bunt wurde. Der griechische König zitierte vor seinen Thron Türken und Juden. Elfteren um ihnen gegenüber zu konstatieren, daß er nicht türkisch sprechen könne und trotzdem den türkischen Mut bewundere, letzteren um ihnen seinen allerhöchsten Schutz zuzusagcn. Und verständnisinnig, wie nun die griechischen Befehlshaber einmal sind, wurde, um weitere Exzesse der griechischen Soldateska hintanzuhalten-dem Saloniker Juden und Türken das Waffentragen verboten. Kommentar überflüssig. * Zwei Dogmen, die zum ständigen, ״unwiderleg baren" Argumentenarscnal der ״christlichen" Presse gehört haben sind nun gegenstandslos geworden. Um die jüdische Inferiorität zu beweisen wurden die Juden samt und sonders für feig erklärt und um einen Grund zu haben, sie als schädlich und als staatszerstörendes, hochverräterisches Element hinstellen zu können, wurde ibnen eine geheime Organisation imputiert, die die Juden aller Länder durch ein unzerreißbares Band knüpfen soll. Ersterer Fehler mache sie zum Militärdienst untauglich, letzteres Faktum beweise, daß die ״Heimatlosen" nicht wert seien der Gastfreundschaft der edlen, christlichen Völker. Und nun hat sich im Balkankrieg das Gegenteil hcrausgcstellt. Nicht nur Juden sind in der ersten Reihe eines jeden Heeres gestanden, nicht nur, daß sie sich in den Kämpfen hervorragend beteiligt und durch Mut und Tapferkeit sich ausgezeichnet haben, sondern nicht fo daß alle dir erhalten bleiben, die deinem Herzen teuer und deinem Leben ein Zierat find, so trinke und werde mit ihnen selig. So dir aber das Wasser des Lebens nur für dich allein von Gott gesendet worden, fo enthalte dich des Trunkes. Denn unzweifelhaft müßte es ein unaussprechlicher Gram für dich werden, alle, die du liebst oder schätzest, allmählich von dir gehen zu sehen, während du selbst in unabwendbarem Leden einsam zurückbleibst auf Erden; und alle Herrlichkeit könnte dich nicht mehr froh machen." Das hörte der weise König mit tiefem Nachdenken, rief den Engel des Herrn herbei und sprach: ״O du liebreicher Bote göttlicher Huld! :׳(ein, ich werde nicht von dem Wasser des ewigen Lebens trinken l Und in gottergebener Demut werde M erwarten die Stunde meines Todes, die GM^mir festgesetzt hat von Anbeginn, wie cs in dem heiligen Buche heißt: ״Nicht beschleunigen und nicht verzögern kann der Mensch oie Stunde seines Todes." (Koran, Sure 16,63.) Mir solcher Botschaft entschwebte der Engel in die Gefilde des Paradieses. Und als der weise König den Igel belohnen wollte, — siehe, da war er von dannen gegangen — der Engel hatte ihn mit sich genommen, denn auch er war ein Sendling des Himmels. wenige jüdische Jünglinge haben sich als Freiwillige den Kämpfenden angeschlossen. Und zwar sowohl auf Seiten der Balkanmächte, als auch auf türkischer Seite. Denn sind die Juden auch eine Einheit, ein Ganzes, eine Nation, so haben sie doch in den schweren Stunden ihres Vaterlandes nicht daran vergessen, was sie denen schulden, die ihnen, den Verfolgten, Hcimatslosen und Entrechteten: Zuflucht, Heimat und Lebensmöglichkcit geboten haben. Und so kämpften sie nicht selten gegen ihre Brüder, weil sie für ihr Land kämpften. Und die staatscrhaltendcn, patriotischen, türkischen Arier? Diese, denen jeder antisemitische Redakteur mit apodiktischer Sicherheit Superiorität zuschreibt? Von diesen wollen die balkanbündlerischen Kämpfenden nur die Rücken gesehen haben. Und was sagen die antisemitischen Zeitungen jetzt? Natürlich: Die Christey hatten keine Pflicht, gegen ihre Brüder zum Schwert zu greifcn, um so mehr, da die Niederlage der Türken die christliche Freiheit bedeute. Was ein waschechter, stramm christlichsozialer Redakteur ist, ist eben um die Begründüng nicht verlegen. Was schiert es ihn auch: Wenn nur die Juden etwas abkrirgcn und die treuen Leser an den Stumpfsinn glauben. Im Zeichen des Kreuzes zogen die vier Balkanfürsten in den Krieg. Wenigstens sollte dieses Schlagwort die balkanbündische Ländergier beschönigen. Und nun kommt fatal der Streit um Saloniki, zwischen Bulgaren und Griechen, dazwischen. Unter welchem Zeichen wohl dieser Kampf ausgetragen werden wird, darauf darf man gespannt sein. * In einer Reihe von 'Städten der Bukowina und Rumäniens sind von rumänischen Studenten Massen- Volksversammlungen zum Protest gegen die Unterdrückungen der Kutzowalachen von seiten der Griechen abgehaltcn. Und liest man die bezüglichen Versammlungsberichtc, so erinnert man sich unwillkürlich an die Behandlung der Juden seitens derselben Rumänen in den Gebieten in denen sie herrschen. Unsere Brüder In Rumänien sind rechtlos, jeder Willkür der Beamten ausgcsetzt, jeder Baum der Bevölkerung preisgegeben, wehr- und schutzlos. Nicht einmal haben sie die ärgste Schmach in Rumänien schweigend ertragen, der Schöndüng ihrer Weiber machtlos zusehen und die Zerstörung ihres Vermögens und ihres Besitzes ruhig erdulden müssen. Gewiß: die Behandlung der Kutzowalachen durch die Griechen ist vcrdammcnswert. Aber ist es nicht minder auch das Verhalten der Rumänen, die unsere jüdischen Brüder zu Militärdiensten heranziehen, von ihnen horrende Steuern einfordern, sie aber trotzdem wie Fremde behandeln und ihnen trotz ihrer jahrzehntelangcn Ansässigkeit in Rumänien und entgegen den Bestimmungen des Vertrages vom Jahre 1878 das primitivste Recht, nämlich das Bürgerrecht und die und die Gleichberechtigung verweigern. Hat nun des-- halb bisher gegenüber den Vorgängen in Rumänien auch nur ein Rumäne seinen Protest erhoben oder auch nur ein Wort des Bedauerns fallen lassen? Gewiß: den Rumänen geschieht Unrecht. Nicht minder aber auch den Juden seitens derselben Rumänen! Sollten sie nun den Splitter im Auge der anderen sofort sehen und den Pfahl im eigenen Auge gar nicht bemerken können? Wien, 8. Dezember 1912 A. E. R—r. Frankfurter Stimmungsbild. Frankfurt a. M., 3. Dezember. Es ist eine der eigentümlichsten Begleiterfcheinungen des -Werdeganges des Agudas Jisroel, daß sie bis nun in Frankfurt a. M., dem Geburtsorte der Agudas Jisroel-Jdee, derzeitigem Sitz des provisorischen Komitees und wahrfcheinlicherweife auch Forum der ersten freigewählten Vertretung der gesetzestreuen Judenheit nicht zur Konstituierung einer Ortsgruppe gelangen konnte. Ursache dieser befremdlichen Zurückhaltung der sonst fo rührigen und eifrigen Frankfurter Orthodoxie, die in stolzem Lokalpatriotismus für sich das Wahrwort geprägt, ״Frankfurt in der jüdischen Welt voran", waren die von den verwickelten Gemeindevcrhältnissen herrührenden ein energisches und zielsicheres Arbeiten hindernde und retardierende Momente. Die Frankfurter Judenschaft zerfällt in zwei Hauptgruppen, in die von Samson R. Hirsch Mährisch-schlesische Bank Brünn. Telephon Nr. 350, Direktion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. .■ erzinst EINLAGEN gegen A3! Vqi gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Büchel und in lautender Rechnung mif 14׳_ ״־ "Is O j0 geschäfte aller Art. Börsen־u.Wechslergeschäfte.

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