Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 36 (12.12.1912)
- Date
- 1912-12-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erschei«t jeden Donnerstag. XUljl Jahrg. Rnmmer 36 Bezugspreise;ür Österreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig. . . ... £rutfdjlanb, ganziährig. Kußlanb, ganzjährig. Pcltan, Frankreich. Einzelne Nummer 20 . Kronen 620־ . Kronen 10•— . Mark 10 — . Rubel 8'bO . Franks 12׳— h. * Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 svallige Petikzeile 3>» n. 4 u hhändler! ch - Vertretung: £tto Klemm.. Leipzig Pusiwu kasakoniv Nl .11 Seschöfisstelle, W> l, SRi׳׳■ tu.mji . st, אי,. Mi. TeuPhon 3U09/V11I. spr»ktzstu).dc» Dun 10-12 Ui) Unoer langte redaknoneUe Beitrage tverde» »tchi hvnuri, ri Manuskripten ist Ruckpurtu »«,zusugen >-:-m Brünn—Budapest!2. Tczcmbcr 1912. 2 Thrwech 5'/: 3 Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Wohin? — Glossen. (Zu den Vorgängen am Balkan.) — Türkische Legenden. — Frankfurter Stimmungsbild. — ״Was ist und was will der Zionismus?" — Makkabäerseier in Pilsen. — Freie jüdische Vereinigung in Deutschland (Erklärung). — Dr. Kanter, Zwittäu: Kinderhändler. — Brünner Nachrichten. — Korrespondenzen.. — Rabbiner Dr. A. Deutsch: Exegetisches zum Wochenabschnitte . — Zum Niedergange der Judengemeinden in Mähren. — Aus Prag. — Bücherbesprechungen. — Rundschau. Die P. T. Empfänger werden dringendst behufs Vermeidung der Postauftragsspesen um gefl. sofortige Bezahlung des Hdo1MM11158׳e1kager ersucht. — Posterlagscheine liegen der heutigen Auflage bei. Die Administration. «feiiilleton. Türkische Legenden. Das türkische Volk und Land hat uns niemals vorher soviel Interesse abgewonnen wie jetzt, wo ״dort unten in der Türkei die Völker hart aufeinanderschlagen". Mit erhöhtem Interesse wendet yian sich heute auch der türkischen Literatur zu. Auf dem Gebiete der vergleichenden Sagenforschung nun wird man in der türkischen Uebersetzungs- und Eigenliteratur wunderliche Begegnungen haben. Nämlich: mit den . Heroen des alten Testaments, die in der türkischen Legende Heimatrecht gefunden. Im folgenden geben wir einige Proben dieser Legenden, deren Gegenstand und Wurzelboden die Bibel ist, deren poetische Blüte vielleicht in Indien gepflückt wurde, um in muselmanischen Landen Früchte der angewendeten Sittenweisheit zu tragen: Moses und Gottes Lampen. Einst betete Mose, der große Prophet, der Heilige — über dem der Segen sei — auf dem Aerge zur Nachtzeit, als die Welt in der Hut Gottes schlief. Am Himmel strahlte des Mondes milder Schein und Millionen Sterne gossen ihr funkelndes Licht zur Erde, mit freudigem Flimmern, als wollten die Heerscharen in tausend Lobgesängen Gottes Güte und Größe preisen. Wohin? Väter: ״Wohin, ihr Söhne?" ״Nach Osten, das heilige Rußland schickt uns!" Söhne: ״Wohin, ihr Väter?" Nach Westen, Rußland verjagt uns!" Liliens Federzeichnung wird uns vor die Seele gerückt. Die lange Schar der jüdischen Väter wallt aus Rußland nach dem Westen. Wohin? In ihren Augen hockt Entsetzen und Angst. Die Züge spiegeln all das erlittene Weh und Ungemach wieder. Langbärtige Greise, die Arn!e krampfhaft um die ()eilige Gesetzesrolle geschlungen. Weite Talesims umhüllen sie und die vertrockneten Lippen murmeln zitternd Gebete. So ziehen sie aus, aus jenem Lande, in dem sie geboren, dem sie als treue Untertanen gedient und das sie nun mit eiserner Hand heraustreibt. Nur die Thora haben sie gerettet, den Glauben der Väter, alles andere wurde willkommene Beute brandschatzender Kosaken und durch Wudki gereizter Muschiks. Ein schier endloser Zug der Trauer und gebrochener Kraft. Und sie begegnen einer zweiten Schar. Markige, sehnige Jungens, mit stämmigen Armen, bekleidet mit der Schirmkappe der russischen Soldaten. ״Wohin, ihr Söhne?" ״Nach Osten, das heilige Rußland schickt uns!" Das junge Judentum ward ausgehoben und zieht nach dem Osten. Rußland schickt seine Regimenter gegen Japan, die jungen Juden müssen mit, welch bittere Ironie des Schicksals. — kämpfen und streiten für ״Väterchen", der ihre Väter grausam verstößt. Ter aufgehenden Sonne wandern sie entgegen, der hagere Knochenmann bildet die Avantgarde. Grinsend schwingt er Sense frohlockend über die große Da zog durch das Herz des Propheten die unendliche Herrlichkeit der Gestirne und er sann über ihre rätselhaft sicher geordneten Bahnen. Und während sein Herz des Himmels Herrlichfeit pries, mühte sein Kopf sich mit dem Gedanken, ob Gott, der Hocherhabene, der Lenker des Weltalls, der Herrscher aller Wesen, niemals müde, niemals vom Schlaf übermannt werde. In solchen Gedanken und in Anbetung versunken, sah Moses eiHen Engel herabschweben, der in seinen Händen zwei brennende, strai!- lcnd Helle Lampen trug. ״Moses," rief der Engel, ״der Herr sendet mich, dir zu sagen, daß du diese Lampen die ganze Nacht hindurch, bis die So .in wieder ihren erhabenen Lauf begim^oMf deineu Händen gen Himmel hebest^sM^W sollst du versäumen, ihre Flamme züWnen^iß kein Lufthauch sie lösche — denn es ist heiliges Licht." Damit entschwebte der Engel. Stunde um Stunde hielt der Prophet mit andächtigem Sinne die strahlenden Lampen empor. Aber je inniger seine Augen dem Himmelglanz sich zuwendeten, desto armseliger erschien ihm allmählich der Lampenglanz. Und nicht gar lange, so war dieser ganz erloschen, denn die Lampen waren den Händen des eingeschlafenen Propheten entfallen und lagen in kläglichen Scherben zu seinen Füßen. Ta rief der Bote Gottes aus der Höhe ihm zu: ״O, Moses, du Meister des Volkes״ verstehe, was Gottes leuchtende Milde dich lehren will: so wie die Lampen deinen Händen entglitten, da du Zahl der billigen Opfer. So treffen sich die beiden Züge und von aller Lippen glaubt man zu hören: ״Wohin?" Und für alle gibt es bloß eine Antwort: Ins Elend, ins Verderben, in den sicheren Tod. So zeichnete Lilien die Schicksalstragödie der russischen Juden. Tie Weltgeschichte ist ein Hexenkessel. Tie Ereignisse werden in den Kessel geworfen, es zischt und brodelt und schließlich kommen sie in neuer Gestalt wieder zum Vorschein. Was den russischen Juden vor dem zlriege mit Japan widerfahren, wiederholt sich heute, mit demselbeil Schrecken, demselben Grauen und der gleichen Furchtbarkeit. Wieder ist in Rußland eine große .Campagne in die Wege geleitet worden, wieder hängt der Ausweisungsbefehl über tausenden von verschüchterten Häuptern, und wieder haben Lausende zum Wanderstab greifen und die Pilgerfahrt äntreten müssen, in ferne, unbetannte Länder. Hintereinander kominen verzweifelte Klagen über Massenausweisungen von Juden aus Dörfern. Viele Hunderte jüdischer Familien in den Gouvernements Jekaterinoslaw, Podoiien und Wolhynien müssen niitten im Winter das harte Los des Exils teilen. Allein im Kreis D u b n o sind es zweihundert Familien, über denen daS Damoklesschwert der Ausweisung schwebt, und wenn sie auch den äußersten Versuch machen, die Aushebung der administrativen Maßnahme noch in letzter Stunde durch den Semit zu erwirken, so bieten diese Versuche nur wenig Aussicht auf Erfolg, da der Senat feit Jahren antisemitischen Tendenzen huldigt und sich nur selten durch Menschlichkeits- oder Gerechtigkeitsforderungen beeinflussen läßt. Und nicht nur im Kreise Tubuo sind alle diese Akte der Administration rein willkürlicher 'Natur, schliefest, so würden Gottes Händen Sonne. Mond und Sterne, die welterleuchtenden Hin!- melslampen, entfallen und seine Feste in Trüminer schlagen, wenn Müdigkeit seine große Weltenseele mit den Bandey deS Schlummers gefesselt hielte." Das war daS letzte Mal, daß Moses an Gottes Güte Fragen gerichtet. Salomo und die Unsterblichkeit. Mohammed, der große Prophet — über dem Heil und Segen sei — hat in seinem heiligen Lloran den Ausspruch niedergelegt: ״Es gibt leinen Propheten auf Erden, der nicht irgend einmal von Gott zu der Wahl zwischen Tod und Leben berufen worden wäre." (Koran, Sure ll»,ll'.;.) Also geschah auch dem großen Salomo, dem König in Israel. Aber wenn auch der Wunsch, in die Allgnade deS Höchsten und in seine erhabene Paradiesesherrlichkeit zu entschweben, die Seele dieser anderen Propheten, alle den Tod wählen und das Leben geringschätzen ließ, so war Salomo für sich im Zweifel, wie er die Wahl entscheiden solle. ES geschah nämlich einst, als SalomoS Weisheit, Macht und Herrlichkeit auf Erden strahlte, daß Gabriel, der getreue Bote des allmächtigen Weltbcherrschers, zu ihin kam und ihr» einen Becher mit dem Wasser des ewigen LeHmS reichte. ״Höre." sprach er, ״wie im heiligoi^Muche der Weisheit steht: ״Gott hat den Kindern Adams Ehre gegeben vor allen Ge- Große Auswahl!! Syuagogeuornatc auch Lüstertutte» uud schöne seltene GclcgcnheitskänfarUa. SpczialhanS für Tynag0ge-,oru-uc tCU, II|1 Taborstraße 54 Wiederverkäufe» Rabatt! Telephon 21990 (iuterurbau). Lieferant zahlreicher ia und anoläu-ischer Knltusgemeiudea n»d k. t Feldraddiuer Reich illustrierte Preisliste»!