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Jüdische Volksstimme · 1912-12-05 · Heft 35 (5.12.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 35 (5.12.1912)
Date
1912-12-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. So. Philosemitisches im frühen Mittelalter. Historische Skizze. Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in Bisenz. Die geachtete Stellung, deren die Juden im heidnisch-römischen Reiche sich erfreuten, sic währte noch lange nach dem Erstarken des Christentums, ja, sogar noch lange Zeit, nachdem die christliche Religion Staatsrcligion geworden war. Zwischen Juden und Christen gab es so mannigfache Berührungspunkte, die einen freundlichen Verkehr nahelegten. Aus den gleichen Wurzeln waren beide Religionssystcme entsprossen, man teilte den gleichen Gottesglauben, schöpfte aus den gleichen Schriften, und niemand war mehr darin bewandert als die Juden, welche sie von altcrshcr zum Gegenstände besonderer Studien gemacht, während die Christen sie erst noch kennen zu lernen hatten. Worin man sich trennte, das war die Messiasfrage, die von den Juden verneint wurde, weil ihr erhoffter Messias ihnen nicht die Entsagung, sondern die Erfüllung aller ihre nationalen Wünsche zu bringen hatte. Den Juden aus ihrem Unglauben einen Vorwurf zu macken, das fiel niemandem ein, zumal sie eine Fülle geistiger Waffen besaßen, mit deren Hilfe sie auf das unzweideutigste zu beweisen vermochten, daß ihr Messias niemals der der Christen sein konnte. Bei dieser Sachlage zog man cs vor, sich nicht unnütz zu erhitzen und lebte, wozu die gemeinsame Moral eine treffliche Brücke bot, denn auch tatsächlich friedlich und freundschaftlich miteinander und dieser Verkehr wurde auch noch unter den christlichen Kaisern von Konstantin bis Valentinian dem Ersten und Thcdosius und selbst dann noch fortgesetzt, als die christlichen Bischöfe in das altrömische Lasterleben vcrsanken und den Juden, die sic durch geistige Wasfen nicht zu besiegen vermochten, eine fricdsclige Haltung zu zeigen begannen. Es läßt sich daher aus allem erkennen, daß in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters der alte und der neue Bund ihre Unterschiede noch nicht so scharf hervortreten ließen, zeigte sich doch damals das Verhältnis der beidcrscitigcn Bekenner noch von Achtung und Liebe durchweht. Christliche Priester saßen gerne an den Tafeln der Juden und luden auch diese wieder in ihre Häuser zu Gaste. Die leidenden Chrisrcn auf dem Krankenbette riefen in der Todesnot. wenn die Reliquien ihrer Heiligen keine Rettung mehr zu bringen schienen, auch jüdische Acrztc zu Hilfe. Bischof Hilarius von Arles wurde von den Juden so sehr verehrt, daß sie bei seinem Begräbnisse (449 n. Ehr.) in zahlreicher Menge sich beteiligten und öffentlich hebräische Psalmen sangen. Dieser juvcnsrcund- *liche gesagt — viel lieber in Philo und Jose- Mischehen geknüpft wurden, obzwar solche gemischte Ehen schon von Konstantius (um n. Ehr.) untersagt wurden. War Kaiser Kurl der Große den Juden güus'.igcr gesinnt als all seine Vorsatzrcn in fränkischen Reiche, übcrtraf ihn gleichwohl sein Sohn, Ludwig der Fromme, an Menschenfreundlichein Wohlwollen für seine jüdischen Untertauen. Ein eigener Judcnmeistcr (Magister Indacorum) wachte über ihre Privilegien und ihnen zuliebe wurden die Wochcnmärktc zu Lyon, dieser bedeutendsten und reichsten Handelsstadt, in der sich die meisten Juden aufhieltcn und in enger, freundschaftlicher Verbindung mit der andersgläubigen Bevölkerung lebten, von Samstag auf einen anderen Tag verlegt. Von der Gcißclstrafe, sowie von den Gottesurteilen mit Feuer und Wasser sollten sie entbunden sein, wie sic überhaupt Kaiser Ludwig überall da in Schutz nahm, wo man sie bedrücken und ihre bürgerlichen Rechte schmälern wollte. Auch des frommen Ludwigs Gemahlin, die geistvolle Kaiserin Judith, hegte eine viclbesprochene Vorliebe für das jüdische Volk. Die karolingischen Gcbeimräte lasen — es ist ausdrückliche gesagt — viel lieber in Philo und Josephus als in den Evangelien. Die Hofdantcn ließen sich von alten, ehrwürdigen Juden gerne den Segen erteilen und schenkten dafür deren Frauen kostbare Gewänder, um ihre Dankbarkeit zu zeigen. Diese philosemitische Strömung veranlaßte daß, wie in der guten alten Zeit, ein sehr rege: Ideenaustausch stattfand. So beobachteten manche Christen, um nicht irre zu gehen, außer der Sonntagsruhe auch noch die Sabbathfeier und fanden die Vorträge der jüdischen Kanzelredner in der Synagoge oft fesselnder als die Predigten der Geistlichkeiten in der Kirche. Do und dort wurde den Juden sogar erlaubt, neue Synagogen zu erbrauen, was doch die Kirche längst verboten hatte. Schließlich nahm die judenfreundlichc Bewegung solch große Dimensionen an, daß Agobard, Bischof von Lyon, schwere Vorwürfe gegen die Christen seines Sprcngels auszusprechen für nötig hielt und nach und nach gelang es ihm auch durch seine judenfeindlichen Sendschreiben und Streitschriften nicht nur andere hohe Würdenträger, sondcrn auch das Volk auf seine Seite zu ziehen. Die Juden im fränkischen Reiche, die sich in ihrer bürgerlichen Freiheit bedroht fühlten, beschwelten sich bei ihrem Judcnmcister und setzten es auch beim Kaiser Ludwig dem Frommen durch, daß gegen Bischof Agobard wegen seines judcnfeindlichcn Verfahrens eine Untersuchung angestellt wurde. Das Resultat dieser Untersuchung war, daß alle Juden im Reiche auf der Stelle ihre alten Privilegien und Freiheitsbriefe zurückerhiclten. Zwar suchte sich Agobard in seiner Schrift ״de insolentia Judaeorum" in Form von lächerlichen Beschuldigungen gegen die Juden zu verteidigen, doch gelang es ihn, keineswegs, des Kaisers Vorliebe für seine jüdischen Untertanen zu erschüttern. Selbst sein persönliches Erscheinen in Paris konnte an der Tatsache nichts ändern, daß seine antisemitischen Anklagen als erfunden und erlogen erkannt wurden, und so war alles, was er erreichen konnte — eine Abschicdsaudienz, in der er die kaiserliche Ungnade zu fühlen bekam. Eine solch unhöfliche Behandlung seitens des kaiserlichen Hofes ließ Agobard, der bis zum letzten Augenblick nicht nachließ, die Juden in Wort und Schrift zu verfolgen, nach Rache sinnen, die er zu üben bald Gelegenheit fand, denn in den Streitigkeiten, die zwischen Kaiser Ludwig und seinen Söhnen ausgcbrochcn waren, nahm er offen für die letzteren Partei. Nach der Zeit der Karolinger lebte der jümische Stamm namentlich in Deutschland still und ruhig dahin. Seine Beliebtheit in den höchsten Kreisen hatte sich zwar verloren, doch hörte nan nicht über Bedrückungen klagen. Ueber- .,anpt ist anzunchmen, daß der Jude in jener früheren Zeiten des Mittelalters, solange sich )er Germane nur auf Ackerboden, Viehzucht und as Kriegshandwerk verlegte, auf den Meier׳ Höfen jeweils ein gerne gesehener Gast war, dc r damals den großen und kleinen Handel fas wch allein in Händen hatte und fremde Waren Scidcnzeugc und Spezereien, die Kostbarkeitei ses Morgenlandes, anbietcnd und anpreiscnt durch Deutschlands Wälder trug. Als jedoch du deutschen Städte zu erblühen und wichtiger zi werden und die Bürger selbst sich dem Hände ’u widmen begannen, wurde der Jude, immc eifcrsüchter 1nü׳ scheelen Augen betrachtet, vw diesen wcggcdrängt und den Geldgeschäften zu getrieben. Von da an wurde er von den Chri sten immer mehr und mehr verhaßt, was er frü her gar nicht gewesen war. Erster Kreisturntag der Jüdischen Turncrschaft, Kreis Westösterreich, in Wien. Ein Ereignis von großer Tragweite, we' chcs einen Markstein in der Geschichte der jüd׳ scheu Turnbcwcgun gbilden soll, wird in de nächsten Tagen in Wien stattfindcn: Ter Krei Westösterreich der jüdischen Turnerschaft hä am 8. Dezember d. I. seinen ersten Krcisturi tag ab. Noch' ist kein Dezennium verflossen, sei dem in Berlin die jüdische Turuerschaft von dr> Vereinen gegründet wurde und schon hat sich tu dem Heuer in Berlin stattgefundenen Verbandturntage die Notwendigkeit ergeben, die jüdische Turnerschaft in Kreise zu teilen. So wurden die in Oesterreich mit Ausnahme, Galiziens und der Bukowina bestehenden Verbandsvereine zum Kreis Westösterreich vereinigt. Die Kreisleitung hat den ersten Kreisturntag des Kreises Westösterreich für den 8. Dezember angesetzt. Aus allen Teilen Westösterreichs werden jüdische Turner und Turnerinnen nach Wien kommen zu ernster Beratung und froher körperlicher Betätigung. Nicht gedrückte Menschen mit krummem Rücken und scheu blinzelnden Augen, sondern kraftvolle, aufrechte Juden mit offenem geradem Blick werden der jüdischen Bevölkerung Wiens ein Bild jugendlicher Kraft gepaart mit ernstem Streben geben. Im frohen Wettkampf werden die Besten um die Palme des Sieges ringen und ein großes Schauturnen soll der breiten Oeffentlichkeit die Größe und Kraft der jüdischen Turnbcwegung vor Augen führen. Wir heißen alle Turner und Turnerinnen, welche keine Mühe und Kosten scheuen, um den welche keine Mühe und Kosten scheuen, um dem Kreisturntage beizuwohnen und den Glanz des Festes zu erhöhen, herzlich willkommen. Wir freuen uns, mit ihnen in Kontakt treten und durch persönlichen Verkehr die Bande, die uns verknüpfen, enger schließen zu können. Wir richten gleichzeitig an alle, an unsere Gönner und Freunde, unsere Gegner und Widersacher, sowie an jene, die uns noch ferne stehen, die herzliche Einladung, unsere Veranstaltungen zu besuchen und aus eigener Anschauung die Arbeit, die wir geleistet haben, zu sehen und kennen zu lernen. Volkstümliches Wetturncn in der Turnhalle des Ersten Wiener Jüdischen Turnvereines, 9; Bcz., Liechtensteinstraße 20: 8—10 Uhr vormittags. Schauturnen in den Sofiensälen, 3.׳ Bez., Marxcrgasse: Beginn 9 Uhr abends. Die Charatteristik des Tetragrammatons. Zur Ergänzung der in Nr. 42 dieses Blattes von mit gegebenen Erklärung der verschiedenen Abbreviaturen des vicrbuchstabigen Gottcsnamcns möchte ich hier der Vollständigkeit wegen noch einiges hinzusügcn. Es dürste sür die kabbalistischen Leser dieses Blattes gcwitz von großem Jntereffc sein, zu crsahrcn, daß als Erster sich schon ein aus dem 13. Jahrhundert stammender Kabbalist, R. Abraham den Alexander aus Köln, mit der Erklärung des Tetragrammatons und der Abkürzung und Umschreibung desselben eingehend beschäftigte und diese seine Ansichten in einem Büchlein nicdcrlcgtc, das unter dem Titel ״Kether Schem-Tob" bekannt und 1810 von Jsak aus Lithaucn zu Amsterdam hcrausgegeben wurde. Einige Auszüge aus der Schrift, nach einem Hamburger Manuskript, hat Jellinek in seinen Beiträgen zur Geschichte der Kabbala (Leipzig 1853) geliefert. Den eigentlichen Mittelpunkt dieser Schrift bildet folgende Betrachtung über das Tctragrammaton und die sich ihm anschließenden zehn Scsirot. Gott wählte die vier Buchstaben Jod, He, Waw, He zu seinem Namen, weil sic sich von allen anderen Buchstaben durch besondere Eigentümlichkeiten auszeichncn. Das Jod, graphisch betrachtet, ist dem mathematischen Punkt gleichaus dem sich die räumlichen Körper entwickeln, und symbolisiert die Geistigkeit Gottes, der nichts gleichkommt, sowie den reinen heiligen Geist. In der Reihenfolge des Alphabets bildet das Jod den Mittelpunkt, hat, wenn man die Buchstaben Ehaf, Lamcd, Mein, welche zusammen das Wort ין ל ך (König) geben, mzu nimmt, neun Zeichen vor, und ebensoviel hinter ich, was die Idee ausdrückt: der Ewige ist König und rügt das ganze Universum, die höhere und niedrige Welt. Das H c, graphisch betrachtet, ist dem im H c r- S c n ruhenden Gedanken, dessen Sinnbild das Jod, lcich; von der phonetischen Seite betrachtet, drückt cs urch einen bloß Hauch das Sein aus, und in einem Zahlcnwcrt fünf ist cs die Hälfte von zehn, er die durch die vier Ströme des Eden symbolisierten icr Humorcs des Köpers nebst der Seele entsprechen, )as Waw, welches nach dem H e folgt, hat die 8ctalt eines Körpers und verdünnt sich immer mehr nach ntcn, wie der menschliche Körper die schwächste der Naniscstationcn ist. So werden durch die drei Buch- Die schönste Schrift kürzester Zeit erreicht jedertnannin! K k. deh. aut, Schreinschule Professor Rudolf Roubitscbek« Prao Ül£117£fcttlat7 17 nach auswärts hriemcher Unterr1a*J, umiltupiaiz lickt nach eig.grs.grsch. Methode

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