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Jüdische Volksstimme · 1912-12-05 · Heft 35 (5.12.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 35 (5.12.1912)
Date
1912-12-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 ״JLNfche «oll,stimme.« Seite 3. mit Gut unb Blut, mit ihrer Arbeit und ihrem Wissen an der gemeinsamen deutschen Kultur in Oesterrcich mitzuarbeiten, als Fremdlinge von sich zu stoßen. Die Nassensrage ist gegenwärtig nur mehr ein demagogischer Behelf, cs gibt tatsächlich kein raffcnreincs Volk mehr. Nur Sprache und gemeinsame Kultur bilden gegenwärtig noch den Rahmen für die verschiedenen Nationen. Es gibt wohl unbestritten Juden in Oesterreich, die länger im Besitze deutscher Sprache und Kultur stehen, als unzählige ..arisch-christliche Volksgenossen". Diese Sähe werden anno domini 1912־ niedergeschrieben, nachdem die Juden bereits seit ungefähr zwanzig Jahren für ihre Anerkennung als Nation kämpsen. Diese Anbiederung an die Deutschen wird in einer Zeitung veröffentlicht, die jüdischen Interessen zu dienen vorgibt, trotzdem wir wegen solcher ähnlicher Worte schon so oft Fußtritte von ebendenselben Germancn bekommen haben, an die diese Worte gerichtet sind. Wie ich gestehen muß: mit Recht. Ter Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird, unsere Israeliten aber, die justament ״Deutsche" mosaischen Glaubens sein wollen, fühlen die Verachtung nicht, die ihnen immer von neuem seitens der Deutschen bewiesen wird. Sic fühlen sie nicht oder wollen sic in ihrer Würdelosigkeit nicht fühlen. Nach den Zurückweisungen und Demütigungen, die wir in den letzten Jahrzehnten erlitten haben, nach der Geringschätzung und Geringwertung, die uns seitens der Deutschen zuteil geworden ist, wäre cs Pflicht auch der nichtnational gesinnten Juden gewesen, sich auf sich selbst zu besinnen und allen Uebergriffcn gegen das Judentum, von welcher Seite sie auch kommen mögen, mannhaft cntgcgenzutrctcn und nicht sich immer und immer wieder denen anzubicdcrn, die uns hassen und um die Anerkennung als ״Deutsche mosaischer Konfession" bei. den Patcntgermanen zu greinen. Die es trotzdem tun, verdienen die Verachtung, und die Lauge von Hohn und Spott, mit der sie dafür übergosscn werden. Berthold Auerbach hat sein Leben der Idee der Assimilation geopfert, hat dem deutschen Volke Perlen deutscher Erzählungskunst gegeben und ist verlassen, einsam und verbittert gestorben, mußte sein Lebenswerk zusammcnbrcchen und grimmen Judenhaß in Deutschland auflodern sehen, Heine wird noch nach dem Tode gehaßt, Börne, der sein Blut für die deutsche Sache hingcgebcn, mußte zum Schluß doch einsehen, daß er der Fremdling, trotz aller ehrlichen Arbeit für das deutsche Volk und trotz sein Glaubenswechscls für die Deutschen doch der Fremde, der Jude geblieben ist. Und diese Erfahrung mußte nicht einer machen. Und seither ist cs nicht besser geworden. Das eine ist sicher: Es bestehen weniger Gegensätze zwischen z. B. Deutschen und Tschechen, als zwischeu Juden und Deutschen. Nebeneinander wollen wir leben als gleichberechtigte und gleichwertige Nationen. Das ist das Bestreben der jüdischen Moderne. Wenn R. L. sagt: ״Die Rassenfrage ist gegenwärtig nur mehr ein demagogischer Behelf, cs gibt tatsächlich kein rassenrcines Volk mehr," so verkennt er damit den Gang der Entwicklung. Es waren das Einzelnc, die langsam restlos aufgcgangen sind im dcuthals kein Ueberlegen, ich mußte mich fügen. Mein Vorschlag, euch in einem Institut unterzubringen, scheiterte an Papas festem Widerspruch. Er bewies mir, daß ihr weder in ein nichtjüdischcs noch in ein jüdisches gegeben werden könnet, weil euch in jenem die freie Religions- Übung verweigert würde, während er sie in diesein nicht wünsche. Euer Vater kränkelte trotz der Luftveränderung und des milden Klimas immer mehr. Tie Trennung von uits lastete auf seiner Seele, vielleicht auch der Abfall und der schiiterzvolle Brief eures Großvaters, in welchem ihm das Schreiben und .Kommen für immer untersagt worden war. Tas Herbste aber war, daß die Gesellschaft sich ganz von ihm zurückzog, nachdein der Zufall ihr die Taufe verraten hatte. Tas Spottgedicht eines Studenten, das den Endreim hatte:״ Jud, was geht dich unser Kreuz an? Bleib daheim und lege Tcffilim!" brachte ihn vollends aus dem Gleichgewicht. Ich eilte zil ihm lind fand ihn elend und müde. Seine Arbcitsfreudigkcit, sein Frohsinn hatten einer erschreckenden Gleichgültigkeit und Abspannung Platz gemacht. Auf den?tat seines einzig treuen Kollegen holte ich euch ab und war, ehe euer Vater sich's versah, mit Sack und Pack bei ihm. um auf jede Gefahr hin zu bleiben. Papa lebte auf. Tie Kränkungen von außen berührten ihn nicht mehr so stark. Er suchte um Versetzung in eine große Stadt an, die ihm, da er nicht mehr Jude war, gewiß schien und von der er sich viel versprach. Es war an einem Frühsommerabend. Wir saßen plaudernd im Garten. Ihr haschtet scheu Volke, ohne dessen Reinheit auch nur im geringstcn zu beeinflußen. Anders wenn ein Volk, ein ganzcs Volk, und das sind die Juden, trotz R. L. sich an die Deutschen assimilieren. Dann sind sie ein Fremdkörper im deutschen Volke. Dagegen Hilst kein Theorctisieren. Und daß ein solches Ausgehen tatsächlich nicht stattsinden wird, des bin ich sicher. Dazu gehören zwei. Tie Deutschen und Juden. Elfteren sind wir unwillkommen und wir selbst sind bereits so weit selbständig, so weit fortgeschritten, so weit national, daß es wohl nie dazu kommen wird. Tas aber merke sich Herr R. L.: Wer sich nicht als zur jüdischen Nation gehörig bctrachtet, hat keinesfalls das Recht, im Namen der Juden zu sprechen, was faul und morsch ist am jüdischen Stamme, mag gehen. Wir haben uns Jahrtausende hindurch erhalten und werden weiter bestehen. Trotz des Tivergiercns und trotz der nationalen Rückgratlosigkeit einzelner. In diesem Sinne weisen wir die R.-L.-sche Anbiederung aufs entschiedenste zurück. Ter jüdische Nationalismus hat für sich die jüdische Jugend. Und damit die Zukunft. Daran wird die Tendenz der ״Wahrheit" aus der Novarragasse und sogar ein Artikel R. L.s nichts ändern können. A. E. R—r. Diskonto-Jesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel and Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschäfte, hauptsächlich auch für den , Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. Ein Beitrag zum Verfalle des Judentums in den mährischen Gemeinden. So oft man in Anwesenheit der liberalen Israeliten von der konfessionellen Schule spricht werden dieselben vom Schauder ergriffen, natürlich nur. wenn eine jüdisch-konfessionelle Schule gemeint ist. Ganz anders verhält es fick mit evangelischen Volksschulen oder katholische׳ Klosterschulen, in welche die jüdische Jntelligen (lies Plutokratie) ihre Sprößlinge mit beson derer Vorliebe schickt. Und wenn ein ungeratene Junge in ein klösterliches Konvikt kommt, dam strahlt die ganze liberale Mischpocho von Stolz. In den interkonfessionellen Schulen ist die Sache wieder anders. Während die Kinder der wohlhabendsten Familien sich in offiziell christliche Schulen mit großen Opfern drängen uni freiwillig sich dort ein Ghetto errichten, kommet sie in den öffentlichen, interkonfessionellen Schn len zumeist unwillkürlich in dasselbe. Ich jan! Maikäfer. Ta brachte der Postbote einen Er preßbricf. Ein Verwandter schrieb in trockene׳ Weise, Großmutter sei nach langer Krankhei: gestorben. Kinder, was waren das für Stunden für Tage, für Wochen! Eeuer Pater ging wir ein Verlorener umher. Ich hörte ihn oft in seinein Zimmer laut weinen, das er auch vor mit verriegelte. Einst, als ich in meiner entsetzlichen Angst das Auge ans Schlüsselloch legte, sah ich ihn gegen Osten stehen und hörte ihn schluchzend den Kadisch sagen. Er war der einzige Sohn gewesen. Bald darauf warf ihn sein Zustand aufs Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Er flehte euern Großvater in einen! Briefe an, er möchte dich, Paul, in sein Haus nehmen. Euer Vater starb als Jude. Euer Großvater drückte ihm die?lugen zu . . . ." Mutter hatte tonlos, oft mit gebrochener Stintme erzählt. Nun weinten sie alle drei still vor sich hin. Es war allmählich dunkel geworden. Vom Fenster des gegenüberliegenden Hauses blinkte ein einziges Lichtchen herüber, freundlich, ermutigend. Ter Knabe sah es durch Tränett und sprang auf: ״Und nun hat Vater einen Kadisch an mir, Vater und Großmutter auch. Ich will ein guter, ein glaubenstreuer Jude werden, will mich vor aller Welt frei dazu bekennen, will den Fleck an unserer jüdischen Ehre verwischen, will auch dich, mein Mütterchen zur guten Jüdin machen. Und nun, Erna, wollen wir zünden! Er soll mein Vorbild werden, unser tapferer Held unser, herrlicher Juda Makkabi!" ״zumeist". ' ׳inzelnen Fällen bauen sie sich auch hier i hetto eigenhändig zu ihrer ewigen Schmach Es gibt ׳.sche Schulen, die ursprünglich jüdische Schm.., waren, die aber dann für jüdifches Geld mit einigen christlichen Schülern versetzt und interkonfessionaltsiert werden. Ter Ortsschulrat und die Gemeinde besteht ausschließlich aus Juden. Tiefe aber wollen sich tticht zu erkennen geben und nehmen willig das ihnen geschenkweise angebotene Kreuz auf ׳ich und de klarieren die von Juden gestiftete und erhaltene, nach dem Wortlaut und Geist des Gesetzes interkonfessionelle Schule als ein christ-katholisches Institut. Ter jüdische Ortsschulrat und der jüdische Bürgermeister pflanzen in jedem Schulzimmer das Kreuz aus und anch nicht ein einziger Raum wird für den jüdischen Religionsunterricht reserviert, der nicht die Embleme des Ehristentums zur Schau tragen würde. Weder der Rabbiner, der die jüdische Priesterwürde für sich in Anspruch nimmt, noch die Vorstellung der jüdischen Kultusgemeinde wendet sich gegen ein derartiges Unrecht. Wenn nnsere Jugend, unsere Zukunft in dieser Weise preisgegeben wird, wenn das Judentum seit mehreren Jahrzehnten in den Kultuseinrichtungen zugunsten christlicher Einrichtungen abdiziert, so muß es schließlich auch aus dem jüdischen Hause für immer verschwinden. Jüdisches Heldentum. P r a g, im Dezember 1912. Tas große Ringen auf dem Balkan geht seinem Ende entgegen. Ströme von Blut sind geflossen. Hunderttansende modern unter der Erde und ebensoviele sehen einer düsteren Zuktinft entgegen. Tie Kriegsfurie kennt kein Erbarmen, wahllos schöpft sie mit grausamer Hand aus den vollen Reihen. Tie Judivitualität ist verlorengegangen, der einzelne bloß eine Rummer in den schier endlosen Schwarmlinien. Sie haben alle ihr Bestes geleistet, sie alle, die nun nach dem grausen Geschäft der ewigen Ruhe pflegen. Und doch sind ihre Rainen für die?lach- Welt verlorengegangen. Im engen Familienkreis wird die Erinnerung an die einzelnen gefeiert, die große Geschichte wird bloß Massengräber registrieren.!Rur ganz Auserwählte leuchten aus der strahlenden Kette ruhmreicher Helden besonders hervor, so zwar, daß ihre?lauten der?lachvelt erhalten bleiben. Und unter diesen wenigen ist eine große Zahl von I u d e n. die ihre Bravour und Unerschrockenheit mit dem Leben bezahlten. In allen Heeren ans dem Balkan haben Juden gekämpft. Sie waren mit unter den Ersten, die dein!Rufe des Vaterlandes folgten, ne waren abe auch mit unter den Ersten, die ihre Brust den feindlichen Kugeln boten. Durch die Tat haben ne bewiesen, wie haltlos und er bärmlich jene?lnwürfe der?lntiseiniten sind,' die den! Juden die Fähigkeit zum Wafsenhandwerk absprechen wollen. Ter kültne Reiterleutnant?ltnar, der mit seinen Kameraden den Helden tod starb, jener umsichtige jüdische Major, der die Fahne seines Heeres zum Siege und!Ruhm führte, sie alle sind unantastbare Beweise dafür, daß der jüdische Soldat als ganzer??lann den Platz aussüllt. der ihm zngewiesen wird. Tie Vergangenheit ' tt das bereits gelehrt und die Gegen!! t s bestätigt, Auch im deutschen und ö schen Heere har es jüdische Helden geg. .> , and sie werden auch in der Zukunst ihre Verl! glichkeit erweisen, wenn sie gerufen werden. Daran wird auch die Behandlung der Juden in unserer?lrmee nichts ändern. Viel leicht werden dann die leitenden Faktoren sich eines Besse־׳ besinnen und einsehen, daß!Ran ttesntut u persönliche Tapferkeit durchaus nicht an!> alismus gebunden und daß die Juden im -? durchaus wert und würdig nnd. ihren andere .uueraden gleichgestellt zu sein. vr. Rudolf Kaibolicky gew. Leiter der I.cbirg. Abteilung der CandesKranltenanstalt wohnt: Ecke Jerdinandsaasse und 30banne$ga$$e ordiniert täglich von 2 bis 4 Uhr nachm. Jernsprecher Nr 803.

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