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Jüdische Volksstimme · 1912-12-05 · Heft 35 (5.12.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 35 (5.12.1912)
Date
1912-12-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«»׳•j« 2 ״Jüdische DolksstimMe." jL. 35 Vertretung des Judentums, die von den Natioiialjuk'11 seit bald zwei Jahrzehnten gefordert wird, hätten wir jene achtunggebietende Körperschafr: mit der Wucht der Zmvrsicht, 8aß die Massen hinter ihr'stehen, könnte sie verlangen, fordern, das; der Judenhcit' Schutz gewährt werde, gleichviel in welchen Ländern sie lebt. Jetzt sehen wir wieder, wie not uns der Zusammenschloß tut und in welch hohem Grade wir blos ans uns und unsere Einigkeit angewiesen sind. Ihr, die Mächtigen Reichen und Satten des Volkes seid abseits gestanden und seid in gcdankeuloscm Egoismus eure eigenen Wege gegangen. Ihr habt euch geweigert und eure Mithilfe versagt. Ihr hättet helfen und lindern können, wo andere machtlos waren. ״Euch klag' ich an!...״ Deutsche und Magyaren. W i c n, 1. Dezember 1912. Das siegreiche Vordringen des Balkanbundes und die daraus resultierende Ausbreitung der slavischen Macht auf dem Balkan ist auch auf die Stellung der slavischen Völker in unserer Monarchie nicht ohne Einfluß geblieben. Bisher wurden sie von der österreichisch-ungarischen Regierung ebenso wie jede andere Volksminorität behandelt, galten, wenn ihre Abgeordnete nicht gerade durch Obstruktion die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich lenkten als quantite ncgligeablc und mußten sich eine Unterdrückung ihrer nationalen Bestrebungen und die Ignorierung ihrer bis zu einem gewissen Grade sicherlich bcrcchtigtcn Forderungen gefallen laßen. Das hat sich nun um ein Bedeutendes geändert. Will die österreichische Negierung ein Hinüberschicben der slavischcnVölkcrschaften über die schwarzgelbcn Pfähle Hintauhalten, so muß sie gegenüber dem Slaventum in Oesterreich und Ungarn die bisherige kühle Haltung aufgcben und ihnen eine ihrer Zahl entsprechenden Einfluß auf die Verwaltung der Monarchie einräumcn. Das aber ist Glcichbedeutung mit einer Schwächung der bisherigcn politischen Stellung der Deutschen und Ungarn. Und das können beide nicht verwinden. Es ist daher in den letzten Wochen eine Annäherung zwischen den Führern der Deutschen und Magyaren erfolgt, welche wol in Bälde in einem Bündnisse ihren offiziellen Ausdruck . finden dürfte. Ob nun ein solches Schutz- und Trutzbündnis tatsächlich zustande kommt, ob und inwietvcit dadurch das Verhältnis der beiden bisher führenden Nationen zueinander und gegen das Slavcntum tangiekt wird, kann uns Juden nach allem was wir bis nun davon wissen, gleichgültig sein. Wir werden dadurch keinesfalls berührt. Das scheint aber nicht auch die Ansicht einiger jüdischer Bezirks- und sonstiger Käseblattschriftstcllerlinge zu sein, die sich immer und immer wieder ihren armen Kopf für christlichsoziale und deutschnationale Schmerzen zerbrechen zu müssen glauben. Bei ihnen hat dies Bündnis einen Hellen Jubel ausgelöst und eine wahre Schreibwut entfesselt. Die Deutschen fürchtcn Gott und sonst nur noch die Slaven und deshalb freuen sich die Deutschen mosaischer Konfcssion, daß nun ein Bündnis zustande kommt, welches nach ihrer Meinung das beste Bollwerk gegen slavische Expansionsgelüste sei. Es ist das eine Freude, die für einen Juden unbegreiflich ist, wenn man bedenkt, daß unter den Patentdeutschen, die die Allianz schließen, auch die alles andere eher als judenfreundlichen Deutschradikalen und die Christlichsozialen sich befinden. Dieser Freudenausbruch ist aber unverantwörtlich und kann von den schlimmsten Folgen begleitet sein, weil er ostentativ gegen die Slaven gerichtet ist, mit denen wir noch leidlich gut leben. Täuschen wir uns nicht! Der Nationalitätenkampf in Oesterreich-Ungarn spielt sich in den denkbar schärfsten Formen ab. Die verschicdenen N'ationen in Oesterreich-Ungarn sind eben nach ihrem Kräfteverhältnis Hammer oder Ambos. Sie schlagen oder werden geschlagen. Und daß sic daher das erstere vorziehen — notabene wenn sie in Majorität sind — ist begreiflich und ist ihnen gewiß nicht zu verdenken. Aber gerade deshalb ist es für uns Juden gar nicht angebracht, in diesem speziellen Falle sich in den nun entbrennenden Kampf um den Vorrang und die Hegemonie in Oesterreich-Ungarn einzumcngcn, durch eine Vermittlung eines magyarisch-deutschchristlistsozialen Bündnisses und durch ein Triumpf- und Freudengeheul über dessen Zustandekonunen die Slaven vor den Kopf zu stoßen. Durch solche ganz unnötige und unüberflüssige Helfersdicnste werden wir uns den Dank der Deutschen uns Christlichsozialen gewiß nicht erwerben, uns aber dafüv den dann sicherlich bercchtigtcn, glühenden ^ß des Slaventums zuziehen. Und was nationaler Haß gerade für uns Juden wirtschaftlich bedeutet, haben uns diverse nationale Boykottbewegungen wol zur Genüge bewiesen. Zwischen Ungarn und Deutschen in diesem Falle die Vermittlerrolle spielen wollen. heißt sich z w i s ch c n Hammer und Ambos legen. \■ v" Und'noch etwas. Die Slaven kämpfen um ihre Gleichberechtigung und für ihre nationalen Ziele wie׳ wir und nicht selten haben sie bei wichtigen Abstimmungen im Parlament ihr Votum abgegeben, um für uns Juden entwürdigende Anschläge eben dieser Tcutschradikalen und Christlichsozialen (siehe Resolution Schmidt abzuwchrcn. Ihnen dafür so zu danken, wäre unserer unwürdig, insbesonder, da nicht zuletzt die Gefahr besteht, daß niit dem Bündnis und der Annäherung der Deutschen unentwegt antiseinitischcn Parteien an Magyaren. Der Nadauantisemitismus mit all seinen gefährlichen Folgen, dann auch nach Ungarn miteingeschleppt wird. Das sollten sich die Herren gesagt sein lassen, die in letzter Zeit wieder ihr Deutschtum hervorgeholt haben und a tout cas stolze Adoptionssöhne der deutschen Nation sein wollen und doch nur jämmerliche Zwitter bleiben. A. E. R—r. Nationale Rückgratlosigkeit.. Wien, 1. Dezember 1912. In der ״Wahrheit", einer Wiener ״unabhängigen Zeitschrift für j ü d i s ch c Interessen" beschäftigt sich in der?lr. 40 vom 29. November Herr R. L. mit ״der Annäherung der Deutschen und Magyaren in Oesterrcich-Nngarn", und kommt dabei zu dem recht merkwürdigen Schlüsse: ״Die charakterfesten Juden haben nun wohl keine Ursache, gegen eine Annäherung der Deutschen und Magyaren Verwahrung cinzulegcn, weil dadurch die österreichische Freiheit und der österreichische Freisin» nur gewinnen könnte." und klingt schließlich ins Finale aus: ״Die Juden haben aber Ursache zu fürchten, daß die derzeitigen Führer der Deutschen von den Magyarcn nicht nur nichts lernen, sondern schließlich dieselben mit ihrem Antisemitismus zum Schaden der ganzen Monarchie anstcckcn werden." Wer an einen solchen, nur durch wenige Zeilen getrennten Antagonismus in der Anschauung des Herrn R. L. nicht glaubt) lese selbst nach. Darüber noch Worte zu verlieren, ist höchst überflüssig. Was aber unsere tiefste Empörung Hervorrufen niuß, sind folgende Sätze, die ich wegen ihrer Klassizität wörtlich hier zitieren will: ״Wenn sich die Deutschen nun so sehr bedroht sehen, dann stimmt cs nicht, Elemente, die bereit sind. wegen in der Gesellschaft duldet, in die sie sich cindrängt." ״Kinder!" Es klang wie ein Wehruf. Die Geschwister sahen einander an und senkten wie beschämt die Lider. Erna umschlang die Mutter, Pauls bebende Lippen preßten sich auf ihre Hand. Willst du uns!loch ilnmcr nicht erzählen, Mutti, wieso es kam? Sind wir noch nicht vernünftig genug? Dürfen wir noch immer nicht erfahren, weshalb .... weshalb Vater seine Religion verließ?" Paul war ganz bleich geworden. Um Ernas Mund zuckte es. Ein dunkles Not stieg in die Wangen der schönen Mutter. Eine bange Pause entstand. Endlich begann sie leise: Wieso es kam?! ״Euer Vater hatte kurz vor unserer Verheiratung eine Stelle als Gymnaimlprofcssor erhalten, die ihm mancherlei Vetpfliastungen auferlegte und ihn in Gesellschaften brachte, die ihn immer mehr vonr religiösen Judentum entfernten. Wir wurden unmcrklich von den Sitten und Gebräuchen der Andersgläubigen umspönnen und wurden unS dessen erst bewußt, als wir euch bereits mehrere Jahre besaßen und ihr uns durch eure Fragen zum Denken anregtet. Zmn Unglück lag unser Aufenthaltsort so fern dem eurer Großeltern, daß wir durch all die Jahre nie zusammenkamen. Ihr wurdet schulpflichtig. In der Stadt wohnten außer uns dloß drei jüdische Familien. Ihre Kinder fuhren alljährlich einmal in die Hauptstadt, um sich dort der Religionsprüfung zu unterziehen. Nun müßt ihr wissen, daß uns niemand für Juden hielt und daß wir euch der Schule solang als möglich fernhalten wollten, damit man nicht erfahre, welcher Konfession ihr angehöret. Du, Erna, warst schwächlich und wir beschlossen, mit deinem Unterricht zu warten, bis Paul sein sechstes Jahr zurückgelegt hatte. Um diese Zeit begann euer Vater zu kränkeln. Die Aerzte rielen Luftveränderung. Sie schien durch die Annähme einer Stelle, die in einer günstig gelegcnen Stadt zu besetzen war, leicht zu erreichen. Euer Vater ersuchte um Versetzung. Da kam der Bescheid, das Gymnasium dort wäre vollkommen judenrein. Gleichzeitig langte der Brief eines daselbst wirkenden Kollegen an, der uns befreundet war. Er flehte euern Vater an, im Interesse seiner Gesundheit, seines Fortkommens, seiner Familie zu dem Glauben überzutreten, der ihm und euch eine gute Zukunft sichere. Er habe ihn in den vielen Jahren, die er uns beobachtete, genugsam Gelegenheit gehabt, Hie Wahrnehmung zu machen, daß wir bloß aus Pietät und keineswegs aus Ueberzcugung Inden seien, unsere Feste hätten wir doch lange nicht mehr gehalten, uns vielmehr die unserer Umgebung zueigen gemacht. Er erinnere sich mit vielem Vergnügen der schönen Weihnachtsabende und der fröhlichen Silvesternacht, die er in unscrcm Hause verbracht hatte. In dieser Weise ging es durch volle zwölf Seiten, in denen mit seltener Ueberrcdungskunst die Vorteile ins Licht geschoben wurden, welche dieser Neligionswcchsel im Gefolge hätte. Ich sah, wie euer Vater abwechselnd blaß und rot wurde, wie der Gedanke in ihm Wurzel faßte, der, wie ich wußte, schon öfter an ihn herangetreten und mir höchst sympathisch war. Ich redete ihm eifrig zu. Einige Tage schweren Kampfes strichen dahin. Die schlaflosen Nächte, die Aufregung und ein anhalteilt» kaltes Negenwetter wirkten natürlich in höchst ungünstiger Weise auf das Befinden eures Vaters ein, dessen Nerven bedenklich erschlittert waren Ich begrüßte daher seinen Entschluß sehr freudig, den Nest der Ferien zu einer Reise zu benützen, die ihn auch in jene Stadt zu seinem Kollegen führen sollte. Es muß nicht erst gesagt werden, daß dieser alles aufbot, um euern Vater zu dem Schritt zu bewegen, der uns beiden für heilsam erschien. Schon nach wenigen Tagen erhielt ich ein Schreiben, in welchem mir angezeigt wurde, daß unsere Uebersiedlung bevorstehe. Ich wußte alles und jubelte. Meine ganze Erziehung hatte nichts mit dem Judentum zu schaffen gehabt und nun, da ihr heranwuchset, empfand ich das Lügengewebe, mit dem ich mich und euch umgeben mußte, die Widersprüche, in die wir uns verwickelten, unerträg-!ich. Die Aussicht auf volle Freiheit im Reden und Tun, auf den Wegfall jeder Beschränkung, die wir uns auferlegen mußten, weil wir ja trotz alledem Juden waren, ließ mich froher atmen. Es traf mich daher wie ein Blitzschlag, als euer Vater mir in seinem nächsten Brief cröfsnete, der Uebertritt sei euch erst nach vollendeten! vierzehnten Jahre gestattet, er wünsche, daß auch ich bis dahin Jüdin bleibe, mich womöglich den größten Teil der Zeit mit:euch an einem anderen Orte aufhalte, weil ihr doch, wenn auch zum Scheine, mosaischen Rcligionsunterricht genießen müßtet. Seine neue Stellung wäre sofort unhaltbar, wenn dies bekannt würde. Da Mährisch-sdilesisdie Bank Brünn. Telephon Nr. 350, Olrektion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen £ 11 01 gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Büchel und in laufender Rechnung mit T* |2 |0 geschähe aller Art, ßörsen-u.Wechslergeschgfte.

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