Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 35 (5.12.1912)
- Date
- 1912-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621842--1845-2622917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
W^WW **•.-צ ■■~T\־ <•־ '7־tS/fÄ?•;•■kV'■■'•». wm: Erscheint jeden Donnerstag. XlU I. Jahrg. Nummer 35 ffi--—-:-8 Bezugspreise Für Österreich-Ungarn. halbjährig . . Kronen 5'20 ganzjährig..Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — I Rußland, ganzjährig. Rubel 6'50 j Balkan, Frankreich.Franks 12 — Einzelne Nummer 20 h. | O-:-8 Herausgeber: Max Hickl Inserate: die 6 spallige Pekitzeile 30 K. ruhhändleri'che Vertretung: Otto Klemm, Leipzig Postspaikassakonto Nr. 312.842. Geschäftsstelle, Wien: I., Rotenlurmstraße Nr. 31. Telephon 3009/VlIh Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Brünn—Budapest Wien 5. Dezember 1912, 20 ׳. Kislcw 5673 Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Euch klag' ich an! — Deutsche und Magyaren. - Nationale Nückgratlosigkeit. — Dr. Jos. Hoff: Philosemitisches im frühen Mittelalter. — Jda Bäck: Wieso es kam ... — Jüdisches Heldentum. — Ein Beitrag zum Verfalle des Judentums in den mährischen Gemeinden. — Dr. I. Güuzig: Die Charakteristik des Tetragrammatous. — Brünner und Wiener Nachrichten. — Eingesendet. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Moous Zur. — D. A. Deutsch: Bibeleregetik zum Wochenabschnitt. — Dr. I. Niemrover: Weibliche Chanukagäste. — Bücherbesprechungen. Euch klag' ich an! Es ist in der tief erschütternden Tragik des Schicksals der Judenheit begründet, daß sie ein empfindlicher Reaktionsapparat für alle Geschehnisse des großen und kleinen Lebens geworden ist. daß man ihr, wie an der Barometersäule. die Schwankungen in der politischen Atmosphäre ablesen kann und daß sie immer wieder in Mitleidenschaft gezogen wird, sobald sich irgendwo etwas zu regen beginnt. Russische Anarchisten schleudern Bomben, die Folge ist ein Judeninasakre, Slaven verbrüdern sich mit den Serben, der Kulminationspunkt der Feier ist das Klirren eingeworsener Scheiben in jüdischen Häusern, die Deutschen schwelgen in Patriotismus und fordern Satisfaktion für die gekränkte Staatsehre, nicht ohne gegen die Juden loszuziehen, deren Großkapitalisten das energische Eingreifen des Staates zu verhindern wissen. Und so geht es fort, in ununterbrochener Folge, die Angreifcr wechseln, das Opfer bleibt stets dasselbe. Immer wieder kommt die Judcnfrage zum Vor¬ Feuilleton. Wieso es kam. Von Jda B öck. Es hatte wieder md argen Verdruß gegeben. Paul wollte bei einer Chanukafeier Geige spielen und Mütterchen mochte so was nicht. Sie war ja so gut und lieb und einsichtsvoll und kam den Kindern stets mit Verständnis entgegen, aber für jüdische Feste war sie durchaus nicht eingenommen. Der Besuch von Tante Mihi hatte noch gefehlt! Daß diese reiche Dame, die ausgerechnet jedes Vierteljahr einmal angefahren kam, -gerade heute kommen und Mutti auf- Hetzen mußte. Pauls Stirnadern schwollen noch jetzt bei der Erinnerung an die ironischen Worte, die ihn vorhin so in Harnisch gebracht hatten. ״Eine Menorah am Fenster! Müsse man sich nicht vor den Parteien im Hause schämen, die entweder Arier oder moderne Israeliten seien? Neulich hätte auch schon Erna, Pauls gehörsame Schwester, bei Tante Mitzi nichts mehr schein, allen jenen zum Trotz, die ihr Bestehen seit Jahrzehnten zu leugnen versuchen und die sich jeder Lösungsmöglichkeit mit der Arroganz impotenter Schwächlinge entgegenstemmen. Als man zu ihnen kam und sie aufforderte, an dem Heil und der Zukunft des eigenen Volkes mitzuarbeiten, da wurden sie unwillig und verstopften sich gewaltsam die Ohren, um nicht hören zu inüsscn. Und als man dringlicher wurde und Antwort heischte, da meinten sie blos, der Staat werde seine Bürger schützen, auch wenn sie Juden wären. Und da sich wieder einmal Schreckliches vollzogen hat, da jüdisches Blut in Strömen geflossen und die Hilferufe geschändeter jüdischer Frauen die Luft durchschneiden, nun müssen sie angesichts der vollendeten Tatsache sehen und einsehen, das; sich Niemand auf die Seite der Juden stellt, daß inan sie kalt ihrem Schicksal überläßt. Als im Verlaufe des Morüens auf dem Balkan die Nachricht vermittelt wurde, daß die Osmanen ihre Schwerter ini Blute der Christenheit Konstantinopels baden wollen, da wurden mächtige Kriegsschiffe ausgerüs er und in den Bosporus gesendet, unrxmit ihrer drohenden Masse Respekt in dem Leven der Christen einzuflößen .Und siehe da, die Vorsicht hat gewirkt, keinem Christen wurde ein Haar gekrümmt, wobei überhaupt noch stark zu bezweifeln ist. ob die Mohammedaner wirklich so böse Absichten gehabt haben. Tie Kriegsereignisse lassen wenigstens nicht daraus schließen. Erst einem christlichen Staate war es vorbehalten, die Rolle der Geißel zu übernehmen und schamlos in jüdischem Blute zu waten. Die Griechen besetzten Saloniki, die Stadt, in welcher!)0.000 Juden im besten Einvernehmen mit ihren Mitbürgern ihren Geschäften nachgingen und als das Kreuz auf der großen Moschee aufgezogen wurde, vermengte sich das feierliche Glockengeläute mit dem Wimmern und Klagen Tausender von hilflosen Juden, die dem Mordstahl der griechischen Eroberer erbarmungslos genießen wollen. Widerlich verjudet wären sie usw. Paul hatte die Zähne zusammcngebissen, seinem Fach ein Büchlein entnommen, in dem er scheinbar gleichgültig blätterte, und schließlich das Zimmer verlassen. Er wußte, daß Tante Mitzi, die in allem herumschnüffelte, das aufgeschlagene Bändchen zur Hand nehmen würde und freute sich seines Streiches. Bald hörte er ihre hohe Stimme bis auf den Flur hinaus: ״Das ist doch eine jüdische Chuzpe von dem Jungen. mir so was unter die Nase zu breiten." Wahrhaftig, ״Chuzpe" war ihr im Zorn entfahren. Paul lächelte vergnügt. ״Natürlich hat er es eigens getan, bitte, verteidige ihn nicht. Nun, mich siehst du nicht sobald in deinem Hause. Du kannst nichts dafür. Ich würde doch sehen, ob ich mir mit solch einem Buben nicht helfen könnte! Wozu läßt du ihn überhaupt heimkommen? Mag er bei seinem Großvater bleiben, zu dem er bester paßt. Was hat er nur aus Erna gemacht, diesem vernünstigen, moderne!. Mädchen, das ich bald in die Gesellschaft ein;!׳.- führen gesinnt war. Kann ich sie heute mit ihren verdrehten Ansichten einem Grafen X. oder einer Komtesse A .vorstellen? ״Tante, ich bin eine zum Opfer fielen. So gräßlich war das Plündern und Morden, daß die italienischen Freischärler die griechischen Fahnen verließen, weil sie es verabscheuten, mit Räubern und Mordbrennern gemeinschaftlich im Felde zu stehen. Was hilft es, daß der Großrabbi sich zum König der Hellenen begab und ihn um Hilfe anslehte? Was hat die Zusicherung des Königs geholfen, daß er den Juden seinen Schutz angedeihen lasten wird? Das Morden und plündern dauert weiter und stündlich bringt der Draht neue, herzerschütternde Hiobsposten. Und als sich die Juden an die Mächte wandten und meinten, daß ihnen das gleiche Recht gebüre, wie den christlichen Untertanen des weiten Tsmanenreiches, da ward man in Wien und Berlin ״verstimmt", wie es in den ofiziellen Berichten gelautet hat. Verstimmt und reservirt, senn es sind blos Juden, wehrlose Juden, die aus dem Hinterhalt gewaltsam ins Jenseits befördert werden. Und all das spielt sich zur selben Zeit ab, da man im Begrife ist, das Christentllm der Albanesen von Wien aus selbst mit den letzten Mitteln zu verteidigen, da man die Berufung in 'ich fühlt, ungeachtet der Größe der Opfer, die Pflichten des religiösen Protektors auf sich zu nehmen. Die Juden sind gute Patrioten, und sie haben sich jetzt gezeigt, daß sie es verstehen, für ihr Vaterland auf dem Felde der Ehre zu sterden. Und sie zeigen es imer wieder, daß sie auch den Willen haben, die Ehre des Vaterlandes zu verteidigen und für sie mit dem blanken Stahl einzutreten. Die allgemeine Begeisterung läßt cühle, nüchterne Erwägungen nicht gut aufkommen. Weiß Gott, es könnte bös werden, wollte;iuin Nachdenken und zu dem Schluß kommen, daß internationaler Schutz jedwedem Menschen gcbüre. Und doch, es wäre ungerecht, wollte man die Mächte allein schuldig sprechen. Die größere Schuld liegt an den Juden selbst, wenigstens au dem Großteil der Juden. Hätten wir heute jene Jüdin!" sagte sie kürzlich mit einem Stolz, der geradezu lächerlich erscheint. Ich habe doch bereits alles abgestreift und stöhne unter dem ver wünschten Erbteil meiner Vorfahren, wie wirst erst du zu leiden haben, wenn dir die Ui'ver nunft deiner Kinder alle Türen verramu.elt Nun. guten Abend! Fröhlichen Chanuka!" Noch ein ironisches Lachen. Tie war draußen. - ״Getaufte und Baldgetaufte von Beda", las die Mutter und legte daun rasch das Büchlein s >rt. Es klingelte. Erna, Pauls ältere Schwester, ein sechzehnjähriges, hübsches Mädchen trat ein. Paul folgte ihr. Sic warf eineu raschen Blick auf Mutter und Bruder und fragte hastig: ״Habt Ihr Verdruß gehabt? Tante Mitzi war hier, nicht? Ta hat sie wieder Kritik geübt, wie?" Paul iah den kummervollen Zug im Antlitz der geliebten Mutter und schritt erregt auf und nieder. ״Wozu sie auch kommt?!" stieß er hervor. ״Uns wird sie nicht in ihre Kreise ziehen, uns nicht!" Widerlich verjudet findet sie uns!" Erna warf den Kops zurück: ״Diese Assimilantin, die nicht begreifen will, daß sie trotz ihrer Million eine ver-! achtete Jüdin bleibt, die man nur des Geldes Große Auswahl! 1 Eyuagogenoruate auch Lüsterkutteu und schöne seltene Gel׳ geaheitskaufe im SpezialhauS für Syuagogeuoruale Rudolf Goldstein, Wien, U Taborstraße 54 Telephon 21990 (iuterurbau). Wiederverkäufe,: Rabatt!