Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 34 (28.11.1912)
- Date
- 1912-11-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bette 3. Nr. 34 ' ״Jüdische nicht zu, sehr zum Schaden der Sache und des JudentumS. Ein krasses Beispiel, namentlich in religiöser Bezke^ung, liefert uns der Verfall der jüdischen KultusgLiheinden in Böhmen. 1״,;Sa ist förmlich die Religion zu einem Geschäfte htzMgesunken, man trachtet so viel als möglich aus derselben hinauszuschalgen. Dieses artet sogar zu einer Konkurrenz zwischen Kantor und Rabbiner aus. '■j': Anstatt zur Hebung der religiösen Gefühle zusammen zu arbeiten, über- und unterbieten sich Kantor unö '׳Rabbiner bei den Gemeindemitgliedern in Anerbietungen religiöser Bedürfnisse und Handlungen. Ist ein Todesfall in der Gemeinde eingetreten, erbietet man sich, einen Mischnah-Abschnitt für den Verstorbenen zu lesen, unter Hinweis, ein anderer kann es nicht so gut. Ist eine Konfirmation in Aussicht,׳ sofort erbietet man sich zum Konfirmandenunterricht, gibt zu verstehen, es sei dies geeignet, die Religionsnote zu beeinflussen. Und erst bei Trauungsvornahmen, da wird Braut und Bräutigam von den zuständigen Faktoren überlaufen, um Betrauung mit der Trauung. In Prag scheint ein förmlicher Handel mit Trauungsdelegationen betrieben zu werden. So ist cs bei allen religiösen Handlungen, alles wird nach dem Maße der Einträglichkeit eingcschätzt. An dieser Jagd beteiligen sich leider auch solche, die sich als streng orthodox geberden, ohne zu bedenken, daß. sie durch ihr Vorgehen den Ast absägcn, auf dem sie sitzen, indem dies geeignet ist, die religiösen Gefühle zu untergraben. Es nützt nichts, es muß darauf hingewiesen werden, soll die Religion nicht zu einer Farce herabsinken. Bei der ohnehin vorherrschenden materiellen Lebensanschauvng, wirkt dieses Vorgehen doppelt schädlich und zersetzend. Aengstlich muß vermieden werden, den Eindruck zu erwecken, als ob die Vornahme von Handlungen, von deren Einträglichkeit abhängig sind. Diese Einträglichkeit respektive Entlohnung hat einzig und allein der Kultusvorstand zu regeln und gerecht zu׳ verteilen; dieses erzeugt eben in erhabenem Maße die Eifersüchtelei zwischen Kantor und Rabbiner, sie erstreckt sich dadurch, so auf das Einkommen wie auf deren Tätigkeit, welches dann öffentlich kritisiert wird, wovon sogar die Blätter Notiz nehmen; zumeist aber wird in denselben der Kantor glossiert. ... Darum ist es auch leicht ersichtlich, von welcher Seite dies ausgeht. Einseitig darf die Sache nicht aufgefaßt werden, denn wir müsicn von dem Standpunkte ausgehen, daß die Rabbinerinstitution der logische Fortbau der Propheten und die Kantoreninstitution die der Priester ist, demnach beide Teile ihre volle Daseinsberechtigung haben. Der eine ist dazu da, das Volk zu belehren, den Weg der Religion zu weisen, religiöse Fragen zu entscheiden, dem anderen wieder ist als צ’צ* sein Wirkungsfreis vorgeschrieben/ indem er als Sendbote der Gemeinde, diese im Gebete zu vertreten und durch seinen Vortrag zur Andacht anzuregen hat. Die Pflichten beider sind so hoch, so erhaben und hehr, daß sie eine egoistische Auffaffung nicht vertragen. Rabbiner und Kantor dürfen nur das einzige Ideal haben, der Religion ohne Nebengedanken zu dienen, losgelöst von jeder alltäglichen Trivialität, sollein. Es ist Friede, der ruhige Bürger freut sich seiner Arbeit, der Sicherheit, des Lohnes, der seinem Fleiß zuteil wird, da tönt von fern die Schlachttrompete. Und bald stürzen sich die feindlichen Scharen über die freundlichen Gefilde. Dörfer und Städte brennen, Wolf und Rabe freuen sich des großen Mahles, das ihnen von Chmilnitzki angerichtet wird. Der Hatman überblickt die Wüste, die er geschaffen, und freut sich des vollbrachten Rache- Werkes, aber der Fluch Israels heftet sich grauenhaft an die Hufe seines Rosses und die Tränen der polnischen Müttter, deren Söhne die Schlachtfelder decken, schreien zum Himmel wider ihn. ״Sie sind ein Künstler," sagte ich. ״Ja, das ist er," rief die schöne Frau mit leuchtenden Augen, während der Knabe seinen Vater mit stiller Begeisterung ansah. ״Haben Sie nie daran gedacht, sich weiter ausbilden zu lasten?" fuhr ich fort. ״Ja, aber ich müßte in das Ausland gehen," sagte er, ״und es hieße sich für einige Zeit von Wieb und Kind trennen." ״Und das wollen Sie nicht?" ״Nein." Wiesind Sie aber zu dieser Kunst geten sie sich nicht selbst herabwürdigen und die Religion, die sie vertreten, in den Augen ihrer Glaubensgenoffen wie Andersgläubigen herabsetzen. Des rein Menschlichen kann sich wohl niemand ganz entkleiden und werden Auswüchse immer hüben und drüben Vorkommen. Gefällt sich der eine in Tiraden, nichtssagenden, abgedroschenen Phrasen, seinen Geist leuchten zu lassen, um sich auf den Gelehrten herauszuspielen, so gefällt sich der andere als Künstler, indem er Caruso, Slezak oder Piccaver kopieren will; daß dadurch die Wirkung ausbleibt, ist wohl selbstverständlich, hängt aber von der Individualität ab, mit der Auffaffung des Berufes im großen und ganzen, vom ethischen Standpunkte hängt dies nur lose zusammen, denn deffenungeachtet kann man dabei die Uneigennützigkeit seiner Handlungen bei jeder Gelegenheit dokumentieren. Zur öffentlichen Diskussion aber, dürfen solche Schwächen nicht gemacht werden. Die erste Bedingung einer gedeihlichen, für die religiöse Entwicklung nützliche Tätigkeit in der Kultusgemeinde, wie in einer zu schaffenden Organisation ist demnach ein Zusammengehen des Rabbiners mit dem Kantor, ohne persönliche Rancüne, ohne persönlichen Nebenabsichten, nur zu -Nutz und Frommen der Religion und sollten sie sich mit Rat und Tat an die Hand gehen, welche Schritte und von wem hierzu die geeignetesten wären. Keinem Kantor wird es einfallen, dem Rabbiner seine günstigere Situation zu neiden, oder seine Autorität nicht anzuerkennen, dafür aber darf der Rabbiner sich in seiner Autorität nicht überhebcn, dem Kantor seine Tätigkeit nicht öffentlich kritisieren, ein jeder wirke in seinem Kreise, nach seiner Weise mit bestem Wiffcn und Können. Keine Ueberhebung, keine Bevormundung darf bemerlbar sein, ein jeder habe das gleiche blecht, seine Ansicht zu vertreten. Die Lebensführung und Anschauung muß mustergültig, bildend und aneifernd für alle Mitglieder wirkend sein, um daß sie alle ebenso uneigennützig dem allgemeinen Beste» ihre Kräfte leihen. Demnach wäre es auch verfehlt, wenn im Schoße der Vertretung einer zu schaffenden Organisation Standesfragen in den Vordergrund gestellt werden würden, denn die Organisation darf keine Kasten bilden und die Jntercffen einer solchen wahren, sie hat nur einzig und allein die Aufgabe, das jüdische Element zu wahren, ihre Nationalität und Religion! zu heben. Tann, nur dnn kann eine derartige Organisation segensreich wirken. Schön. Schilderungen aus dem Prerauer Ghettoleben. von Jahre 1838 bis 1848, mit Streiflichern bis in die Gegenwart, und Jugenderinnerungen eines Achtundsiebzigjährigen. Von Jgn. Brie ß sen. in Ölmütz. Jüdischer Buch- und Kunstverlag Mar H i ck l. Brünn, 1912. Der 78jährige Verfasser tritt eigentlich bald ins 80. Lebensjahr, denn.seine ״Jugenderinnerungen" sind bereits im Vorjahre erschienen. Die Schilderungen aus den: Prerauer Ghettoleben bilden eine zweite, vollständig umgearbeitete und erweiterte Neuauflage der Jugeuderlangt, die Sie unstreitig besitzen, haben Sie einen Lehrer gehabt?" ״Ja und nein!" erwiderte der Jude, ״ich bin in Sambor geboren. Mein Vater war Schames (Synagogendiener) dort. Bei der Militärmusik war ein Jude, der die Geige spielte. Er hat mich unterrichtet ein halbes Jahr lang. Das weitere habe ichZ'o — von selbst gelernt." Ich staunte. ״Und Sie?" wendete ich nach zu der schönen jungen Frau. Sie sah ihren Mann au, strich mit der weißen Hand über das dunkle Pelzwerk ihrer Samtjacke und lächelte. Da der Geiger zustimmend nickte, erwiderte sie jetzt: ״Das ist ein Roman." ״Wie das?" ״Ich bin auch aus Sambor," fuhr sie fort, ״mein Vater war ein wohlhabender Kaufmann dort, und Ich war schon als Kind mit dem Sohn eines reichen Getreidehändlers verlobt. Ta sah ich Baruch, meinen Mann. Er kam zu Purim als Bauernmusikant zu uns und spielte die Geige. Sein Spiel gewann ihm mein Herz. Doch die Eltern wollten ihn nicht zum Schwiegersohn. Er galt als Taugenichts, weil er weder den -Talmud studieren, noch ein Handwerk erlernen wollte. Um mich zu vergessen, wurde er Soldat; aber er vergaß mich nicht, und ich dachte innerungen. Zwischen der ersten und zweiten Auflage ist fast ein Jahr verstrichen, und der Verfasser dürste infolgedessen um ein Jahr älter geworden sein. Wir schicken dies deshalb voraus, weil uns das Psalmwort einfällt: .יאם בנבלח־ת ו:!־ Von der ״Stärke" und Schärfe des Geistes und des Erinnerungsvermögens des Verfassers legt diese zweite Auflage beredles Zeugnis ab; es gehört iir der Tat eine ״Gewure" dazu, an dev Schwelle des 80. Lebensjahres mit jligendlichem Enthusiasmus und jugendlicher Begeisterung sich auf das nicht immer ungefährliche Gebiet der Schriftstellerei zu begeben. Ter greise Perfasser scheint ohne Furcht zu sein, denn seine Arbeit ist ohne Tadel. Diese vom Brünner Verlag sorgfältig ausgestattete Broschüre bietet eine Fülle von Anregung und Belehrttng; das Ghettoleben in Prerau ist darin geradezu mit Virtuosität geschildert, ebenso das alte jüdische Familieu- und Gemeindeleben überhaupt, wie auch verschiedene religiöse Gebräuche im Gvtteshause, in der Familie und auch — auf Dem ״guten Orte", die der Verfasser überall zu begründen sucht. Ganz besonders lesenswert sind die Aussührungcn Brief;' bezüglich des ebenso schäuülichen als lächerlichen Märchen von sogenannten ״Ritualinord". (Seite 72—78.) Hier besonders׳ lernt man den Verfasser als den guten, 1 irmfühlenden Juden und edeldenkendeii Meuschen kennen, dessen Herz sich gegen diese Schmach, die man dem Judentum und seiner Lehre noch immer anzudichten sucht, aufs tiefste empört. Bei der Lektüre dieser sehr interessanten und beleb renden Ansführungen vergißt man vollständig das Alter des Verfassers; man glaubt einen Jüngling vor sich zu haben, der mit seiner Ingendkrast sein- Ideale, sein Liebstes und Kostbarstes verteidigt, llnd dafür sei Herrn Brief; ganz besonders Dank gezollt. Der ganze Ertrag dieses überaus lesenswerten Büchleins hat der Verfasser dem Unterstühungsvereiu für mittellose jüdische Techniker in Brün» gewidmet. Dies und der Umstand, daß die ״Schilderungen ans dem Prerauer Ghettoleben" in jeder Hinsicht schön geschrieben sind und viel des Jnteressaiireii enthalten, sichern dieser Brochüre einen glänzenden Absair und den! noch jugendliche» Verfasser - viele Freunde in Mähren wie in ganz Oesterreich. O -f a. Der Liberalismus und die Schächtfrage. In letzter Zeit zeigte sich eine merkwürdige Erscheinung. Leute, die sich liberal nennen, tveten öffentlich als Gegner des Schächtens auf. Das beweist uns, wie sehr die tlariien. einfach, sten Begriffe durch Phrasen verwirrt tverden können. Liberal sein beißt, jede tleberzengnng achten und für die berechtigten Bedürfnisse eines jeden Volksteiles sorgen. So lauge es daher Judeit gibt, die ausschließlich iruell leben, h״r jeder ivirklich liberal denkende Meujch die Pflicht, diesen Leuten ihre Gewissensfreiheit ׳,» lassen und ihnen den Fleischgemiß nicht durch engherzige Beschränkungen zu verkümmern. seiner immerfort tind mehr als je, als der lag herankam, wo ich mit einem andern vermählt werden sollte. Das war wie eine Fügung Gottes. Gerade den Abend vorher kam Baruch zurück, und noch in derselben Nacht entflohen um׳ zusammen. Am folgenden Tage segnete uns ein alter Rabbi, der meinen׳ Baruch gut gesinnt war, und seitdem zieh׳ ׳ir in der Welt umher, wie Sie uns hier sehc ״Uiu ibeii reie niemals bedauert, dem Reichtum ei, agt zuhaben'׳'" fragte die Schank. Wirtin. ״Nein," gab die Frau des Musikanten zur Antwort, ״ich liebe meinen Mann, und unser Sohn macht uns so glücklich, und dann die MusikD ״Sie lieben also Ihre Kunst?" ״Ob ich sie liebe!" — - — Es war spät geworden, ich warf die Flinte um, reichte dem Musikanten die Hand zum Abschiede und ging die Dorntraße meinem Hanie zu. Während über mir der stille, feierliche Sterneuhimmel war. schwebten aus der Ferne sauste fromme Tone, gleich guten Gei!rern zu mir her. Es war die Geige des jüdischen Musikanten, die mir das Geleite gab.