Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 33 (21.11.1912)
- Date
- 1912-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621840--1821-2622891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rn. 33 jüdische Bolk»sti««e." Veite 3. lehnung des ehrenden Rufes veranlaßte, blieb er uns erhalten. Seit.6 Jahren Direktor der Talmudthora-Schule hat er sein organisatorisches Talent an dieser Anstalt bewiesen und letztere zu einer Musteranstalt erhoben. Während der schweren Erkrankung Dr. Ehrenfelds und seit dessen Hinscheiden versah er das würdewie' bürdevolle Amt des Oberrabbiner-Stellvertreters in allgemein zufriedenstellender Weise, die von guter Vorbedeutung für das Overrabbinats- Definitivum ist. Und seine von unseren Glaubensgenosien tschechischer Zunge geforderter׳ Sprachkenntnisse? Dr. Brody, zwar Ungar von Geburt, absolvierte seine Studien in Preßburg, Wien und Berlin in deutscher Sprache׳ von, Jahre 1898 bis 1906 wirkte er in N a ch o d, wo er sich in der tschechischen Sprache derart ausbildete, daß er sie für sein Amt völlig beherrscht. Fragten, so sei übrigens bemerkt, die Katholiken, ob z. B. der von Geburt deutsche Erzbischof Baron Skrbensky auch bei der Ernennung perfckt tschechisch konnte? Das religiöse t 1 rchliche Moment war dabei das einigende Band. Und uns Juden sollten in einem ähnlichen Falle derartige, wie bereits erwähnt, unbegründ e t e Bedenken in zwei feindliche Lager teilen? ״Kol Jisroel Achim", alle Israeliten sind iiu Glauben Brüder, welche Sprache immer sie auch im Praktischen Leben sprechen. Und ihrer aller Sprache versteht ihr geistlicher Oberhirt. Das Prager Oberrabbinat war und ist eine r el i g i ö s e und keine parteipolitische, geschweige denn nationale, außer jüdisch-nationale Jnstitution. Einen wir uns auf diesem Gebiete und möge die verschwindende Minderheit, die jetzt Opposition treibt, Vertrauen zu dem von der Mehrheit als Oberhirt ausersehenen ehrw. Hrn. Dr. Brody fassen! Ehrlichkeit und Offenheit verlangt sie von ihm, demnach muß auch sie ehrlich und offen sein. Herr Dr. Brody, der im schönsten Mannesalter steht, als Kanzelredner, wie als Forscher groß ist, wird als Prager Oberjurist sich würdig an seine Vorgänger in diesem Amte anreihen als Zierde seines Standes, als Zierde der Prager Gemeinde und des gesamten Judentums. Die Entscheidung ist in die Hände der gewiegtesten, ehrenwertesten Vertreter unserer Judenschaft in Prag gelegt. Sie haben den einzig in Betracht kommenden Kandidaten vorgeschlagen, und sie werden in Würdigung seiner bisherigen Leistungen mit Manncsmut und Offenheit auch für ihn in der entscheidenden Sitzung stimmen. Herr Dr. Brody ist ein Einheimischer, er ist in Nachod heimatsberechtigt. Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Beste liegt so nah'? Wilhelm Klein. Völkerlragödie in der Türkei. Nun scheint das Schicksal der Türkei bestegelt Zu sein. Die Türkei geht, mit oder ohne ihre eigene Schuld, dem Zerfalle entgegen. Wir Juden sind cs gewöhnt, die Konsequenzen der Tatfachen zu ziehen und uns mit jedem Schicksal abzufinden. Aber das Schicksal unserer jüdischen sei. Grausames Geschick, dachte ich bei mir. war dies deine Absicht, mir die Rettung verlockend hinzuzeigen, um sie mir dann auf ewig zu entreißen? Einst stand ich nun voll trübseliger Gedanken an das Fenster gelehnt. Es fiel mir aus. daß viele meiner jüdischen Bekannten mit Weib und Kind festlich vorüberzogen. Jnuner mehr meiner Glaubensgenossen folgten. Ich sann über die Ursache, schlug endlich den Kalender nach und sah, daß heute das Versöhnungsfest gefeiert werde. Da ergriff es mich plötzlich eigentümlich, Gewissensbisse empfand ich, wie ich bisher aller religiösen Gemeinschaft fern geblieben war. Ich sah mich als Knaben, wie ich an der Hand de- Vaters an diesem Fest voll heiligen Schauers nach dem Gotteshause gewallt war; ich achtete nicht auf meinen ärmlichen Anzug, es drängte und trieb mich fort. Hurtig sprang ich zu den Büchern meines Vaters, zog das rote Gebetbuch hervor und in Sturmeseile zog ich ins Gottes- Haus. Ich trat ein, die umstehende Schar blickte mich sonderbar an, ich achtete nicht darauf, sondev zog mich in dtzn äußersten Winkel zurück. Zuerst versank ich in tiefes Sinnen, die Gesänge des Vorbeters und die Responsen der Gemeinde trafen kaum mein Ohr. Tief aus Herzensgründe rangen sich meine Gebete zum Brüder in den Balkanländern ist vorläufig noch sehr ungewiß. Die Wahrheit gebietet zu konstatieren, daß die Mohammedaner sich stets den onden gegenüber toleranter und gerechter ge zeigt haben, als die Christen der unkultivierten Länder. In den von den Balkan staaten eroberten Gegenden befinden sich große jüdische Gemeindcn und sie machen heute schwere Zeiten mit. Bulgarien hat si,k> bis jetzt auch den Juden gegenüber als modernes und freies Land gezeigt und wir wollen hoffen, daß König Ferdinand, der ein ebenso kluger wie moderner Herrscher ist, zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Juden der neuen Länder seine besten Bürger werden können, wenn sie Freiheit und Gerechtigkeit genießen. Schon schwieriger ist das von den Griechen und Serben zu sagen. Das griechische Volk war im Orient stets stark antisemitisch und die Juden in Saloniki werden wohl von ihren neuen Mitbürgern nicht sehr entzückt sein. Auch die Tätigkeit der Alliance wird durch diesen Krieg eine ganz andere Wendung nehmen müssen. Ihr ganzes Schulwesen wird wohl jetzt in der europäischen Türkei sehr in Frage gestellt. Während die türkische Regierung es gern gesehen hat, daß die Alliance in ihrem Bereiche Schulen gründete und Kultur förderte, ist es sehr wahrscheinlich, daß Buglarien, Serbien und Griechenland ein fremdes Schulwesen nicht dulden werden. Die Alliance wird wohl gezwungen lebhaftesten Anteil an allen jüdischen Dingen Orient zu verlegen. Noch schlimmer ist es, daß dieser Krieg so viel Janlmcr und Elend in den jüdischen Reihen verursacht. Aus allen jüdischen Zentren in der Türkei wird über die große Not der Gegenwart geklagt und cs wird von den Juden des We- Nens erwartet, daß sie ihren Brüoern opferfreudig zur Seite stehen werden. Leicht dürfte es nicht sein, die schweren Wunden, die die Kriegskatastrophe geschlagen hat, zu heilen. Hoffen wir. daß die nächste Zeit den Frieden bringt und daß mit ihm auch eine Milderung für die armen Juden eintritt. Bon der Jlo. London. Unter Israel Zangwills,Vorsitz fand hier eine Sitzung der britischen Sektion der ״Jto" zu dem Zwecke statt, um zunächst einen kurzen Bericht des Führers der Angola-Erpedition, Prof. Gregori, entgegenzunehmen. An der Sitzung haben auch das Amsterdamer Mitgiled der vom letzten Jtokongreß eingesetzten Kolonisationskominission, Herr I. Kisch, und der Direktor des Lister-Jnstituts für präventive Medizin Dr. C. I. Martin teilgenommen. Letzterer wurde zur Beratung zugezogen, um über gewisse, das Klima betreffende Fragen Aufschlüsse zu geben. Es wurde beschlossen, den ausführlichen Bericht sowie das Ergebnis der Bodenanalyse abzuwarten und auch denjenigen Mitgliedern des Kolonisationskomitces, welche nicht in der Lage waren, der Sitzung beizuwohnen, die Möglichkeit zu bieten, die allgemeinen Ergeb¬ Allerbarmer hervor, zuerst für mein krankes Weib, dann für meine hinwelkenden Kinder, zuletzt hielt ich Einkehr in mein Inneres und wollte schier verzweifeln, daß ich Gott vergessen konnte. Tann kehrte mein Geist zur Wirklichkcit zurück, ich erhob mein Gebetbuch, küßte es, öffnete den Teckel und o Himmel . . . was ein- Pfand ich? Auf dem ersten Blatte war angefangen von der Hand meines Urgroßvaters, fortgesetzt von Großvater und Vater eine sorgfältig geführte Stanimtafel, N'amen, Geburtstag, Geburtsort, Verheiratung, Kinder, Sterbetag, Begräbnisvlatz, auch sämtliche wichtigeren Ereignisse in der Familie waren daselbst verzeichnet. Da standen auch alle Angaben über meinen Großoheim, der Tag seiner Abreise, sein Aufenthalt in Mar- 'eitle usw. Ich sank in die Knie und beugte mich tief n den Staub, lange, lange. Endlich erhob!׳' mich, las noch einmal. Oben aber standen die Worte von der Hand meines Urgroßvaters: ״Ties soll eine Quelle des Lebens fein meinen Söhnen und Enkeln ,so oft sie daraus beten, ein Fels der Zuflucht in allen 'Nöten, ein Wegweiser auf ihrem Lebenswege: G sich aber abwenden und vernachlässigen, we den dürsten und kein Wasser finden." Das Folgende wirst du, lieber Leser, jetzt nisse der Expedition kennen zu lernen. Ein Exemplar des kurzen allgemeinen Berichtes vurde auch der geographischen Kommission der ״Jto", deren Schatzmeister bekanntlich Leopold .׳. Rothschild ist. übermittelt. Ter Vorsitzende gab bekannt, daß Baron Edmond v. Rothschild für den Angola-Erpeditionfonds 100 Pfund Sterling gezeichnet habe. In derselben Sitzung wurden zwei Kolonisationsvorschläge geprüft, oon denen einer dem amerikanischen ״Jto"- )täte zum Lpezialstudium überwiesen wurde. Zangwill brachte ferner einen Brief der austra- Aschen Regierung zur Verlesung, aus dem her- ׳orgelst, daß diese nicht in der Lage sei, die von Zangwill gestellten Bedingungen, die auf eine konzentrierte jüdische Kolonisation in Westaudrallen abzielen, zu erfüllen. In derselben Sitzung legte der gewesene Gouverneur voll Na- :111, Sir Mathew Nathan, der gleichfalls Mitglied des Jto-Rates ist, die Grundzüge für eine Kolonisation in subtropischem Minim vor, die Sir Nathan auf Grund seiner reichen, jahrelangen Erfahrungen aus dem Gebiete des Kolonialwesens zusammeiigestellt hat. Diese Vorläge wurde einstimmig angenommen. Am darauffolgenden Tage fand, gleichfalls unter Vorsitz Israel Zangwills eine Sitzung des EmigrationsRegulierungsdepartements der ״Jto" statt. Auf Antrag des Barons Leopold v. Rothschilds wurde dem Mitgliede Lucien Wolf anläßlich des Ablebens seiner Gattin das Beileid des Jlo- Rates ausgesprochen. Ebenso wurde beschlossen, dem Präsidenten des amerikanischen Jto-Rates Jakob H. Schiff, über bas Hinscheiden des Professors Morris Loeb, eines der eifrigsten Mitarbeiter an dem itoislischen Galvcstonwerke, das Beileid des Jto-Rates auszudrückeu. Zangwill referierte ferner über den Ztveck der -Reise des Präsidenten der itvistischeu Emigratiousgesellschäften in Rußland und des Vizepräsidenten der ״Jto". Dr. Jochelmann, nach Amerika. Er er hofft von dieser Reise weitere bedeutende Erfolge in dem Bestreben dev ״Jto", die jüdinhe Emigration von den stark bevölkerten Handelszcntren Nordamerikas abzuleuken. Für die Juden der Türkei und der Balkanstaaten. Ter Hilfsverein der deutsthen Juden schreibt uns: Durch den Krieg auf dem Balkan ist in die jüdischen Gemeinden der kriegführenden Slaa :en, namentlich in Bulgarien und der Türkei, sehr großes Elend eingezogen. Schon Oie llnterhaltung derjenigen Familien, deren Ernährer unter die Fahnen gerin'en morden sind, erfordert große Spfer. Die Schrecken und Verlieerungen des Krie zes haben aber weiterhin -- besonders in der Türkei — - über viele Tausende von Juden lln geil und Verderben gebracht. Ans den dring lichen Bittgesuchen, die dem Hilfsverein der Deutschen Juden täglich in großer Z,ahl;1: zehen, ist die Not dieser unglücklichen Tpfer des trieges, die mir Weil׳ und Kind alles im Stiche leicht erraten. Ich konnte die Angaben meine-- Großvaters bei ihrer Beslimiurheit leicht amtlich oeglaubigt erhalten. Hiermit belvaffnet und mit meiner roten Bibel unter dem Arm trat ich nach dem Feste, durch Vorschüsse mit genügenden Mitteln versehen, die :!leise nach Marseille an. Nachdem die Papiere für richtig befnnden ivnr den, nild ich als einziger berechtigter Erbe an erkannt worden war, erhielt ich ohne Schmiecigkeiten die Erbschaft nnd - heim ging es. Meine Verhältnisse haben sich feibsiverländlich darauf zum Gnten gewendet. Meine Frau ist geheilt, meine Kinder erhalten neben ihrer Gyinuasialschulbilbuug gründlichen bebräischeu Unterricht. Wir alle waren durch die!׳arie Schule der Leiden geprüft und daraus!um im Glauben au den einzigen Gott hervorgegange!:. Nun wirst On es mir aber gewiß glauben, wenn ich dir sage, daß die rote Bibel meiner Almen mein Hauptbuch geworden ist und nets ans mei neu! Tische liegt, auch jeden Sabbat mit mir und meinen Kindexn zum Gottesbause zieht. Das Hauptfest bleibt aus allen aber das Versuhnungs-feft, und wir wünschen dann mir vollem Herzen, daß es zu allen Zeiten allen gläubigen Israeliten ein gutes und iegeubringendes sein möge.