Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 33 (21.11.1912)
- Date
- 1912-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sri?- Se-te 2 ״Jüdische Volksstimme." Nr. 33 gilt, einen ganzen erheblichen Bruchteil unseres Volkes! Der Großrabbiner der Türkei: H. Nahoum. Ter Präsident des Landeskomitccs der Alliance Jsraelite Universelle: I. Feruaudez. Ter Vertreter des Hilfvcreines der Deutschen Juden: Tr. T. F. Markus, Oberrabbiner d. Aschkenasim. Ter Präsident der Großloge des Orients I. O. B. B. I. Nicgo. Spenden werden von der Administration dieses Blattes entgcgcngcnvmmcn und ihrer Bestimmung zugcführt. Der böhm. Distriktstag. Ter Tistriktstag der böhmischen Zionisten, welcher am Sonntag den 17. d. M. hier stattfaud, erhielt ein neues feierliches Gepräge durch die Anwesenheit des .*oevvn Generalsckretärs Murt Bluinenscld, welcher zun: erstenmal das A. C. am böhmischen Distriktstag vertrat, und vom Obmann des D. 51. Herrn Dr. Singer mit warmen Worten begrüßt wurde. Letzterer eröffnen׳ den Tistriktstag mit dem Gedenken der in! letzten Iabre verstorbenen Zionisten Bölimcns. Die Verhandlungen des Distriktstaget׳ waren durchaus ernst und würdig und es zeigte sich, baß das letzte D. welches mit knapper Masorität gewählt wurde recht bald das Vertrauen aller Zionisten erworben hatte, und einstimmig das Absolutorium erhielt. Während auf den letzten Distriktstagen zwei scharf getrennte Parteien einander gegenübcrstande:׳.. zeigte sich, daß angesichts einer gemeinsamen fruchtbaren Tätigkeit, alle Spczialintcressen in den Hintergrund rücken; cs wurden deshalb o!c Verhandlungen durch keinen Mißton getrübt. Tas Bestreben, die bestehenden Hebel zu beheben und die Vertreter der Provinzvercinc mit Anrcgnngen und zweckdienlichen Beschlüssen zu versehen, hat Platz gegriffen. Einleitend kcnnzcichnctc der Vorsitzende Herr Ernst Bechert mit einigen Worten die Lage am Balkan und die .Rückwirkungen auf unsere zionistischen Bestrcbringen und äußerte sich in sehr beruhigender Weise. Hierauf wurden die diversen Rechenschaftsberichtc erstattet. Herr Tr. Hugo Herrmann verlas den allgemeinen Tätigkeitsbericht, Herr Thein den Kassabericht, aus welchem hervorgeht, daß das Vernrögen des D. Ä. von 400 K des Vorjahres auf 1480 K gestiegen ist. Herr Prof. Wertheimer erstattete den Nationalfondsbcricht, laut welchem im letzten Jahre 20.877 IC 86 h aus Böhmen abgeführt wurden. In der Generaldebatte wurden einige fruchtbare Anregungen gebracht und Kritik der Verhältnisse in einzelnen Volksvcreinen geübt. Schließlich wurde dem abtretenden D. K. einstimmig das Absolutorium und der Dank des Distriktstagcs votiert. In der Mittagspause besuchten die Delegierten korporativ die Bezalelausstcllung im Nudolphineum. Nachmittags hielt Herr Kurt Vlumenfeld ein ausführliches Referat, in welchem er auf die Mitzstände, die in den böhmischeu Vereinen sich vorfinden, hinwies und eine große Zahl von Vorschlägen und Anregungen gab, welche in Deutsckiland erprobt und als erfolgreich befunden wurden. Er gab einige Methodcn zionistischer Arbeit an und wies darauf hin, daß im Sommer in Wien der Kongreß stattfindet und daß auch die böhmischen Zionisten diesen gehörig vorbcreiten müssen. Der Refcrcnt gab die Anregung, in jeder Stadt einen Zyklus von Vorträgen zu veranstalten, welcher von einem einzigen geleitet werden muß, und er charakterisierte diese verschiedenen Vorträge. Refcreut wies daraufhin, daß die Zionisten allzu viele Konzessionen unseren Gegnern machen und bat, nur Zutrauen zu seiner Sache zu haben. Hernach hielt Herr Dr. Gütig das Preßrcferat und teilte dem Distriktstag mit, daß die ״Selbstwehr" in die Hände des D. K. übergegangen sei. Ein wichtiger Beschluß des Tages ist folgendcr: Es besteht hier in Prag eine tschechische Monatsschrift (Czesky lidovy!ist), herausgegeden vom Verein Poale-Zion, welche über Beschluß des Distriktstagcs vom D- Ä. gekauft wird und subventioniert wird und von der Partei verwaltet wird. Die Studenten vom Verein ״Theodor Herzel" werden in! Einvernehmen mit allen Volksvcreinen in tschechischen Sprachgebieten diese Zeitung als 14tägiges Organ weiterführen. Bei der vorgenommenen Neuwahl für das D. K. wurden fast alle Herren, die im alten D. K. waren, wiedergewählt. Es sind folgende Herren gewählt worden: Brandeis, Professor Freud, Dr. Gütig, Ing. cand. Hofmann, Dr. Singer, Thein, Prof. Wcrtheimer. Zu Revisoren die Herren Karpelcs und Rcsek. Die ersten Beratungen lassen auf ein Jahr solidarischer und fruchtbarer Tätigkeit schließen. Zur Besetzung des Prager Oberraubinats. Habcmus Papam? Haben wir schon einen neuen Oberrabbiner? Diese Frage, seit dem leider so frühzeitigen Hinscheiden des ebenso gelehrten als hochsinnigcn Dr. Ehrenfeld gesegneten Andenkens aktuell, ist in das entscheidende Stadium getreten. Dank dem Ernst und der Umsicht des aus der Mitte der Repräsentanz gewählten Vorschlagskomitees (Präsident Dr. Rosenbacher, Vizepräsident Dr. Bendiener und Kais. Rat Haurowitz, Dr. M. Fischt und Kais. Rat Robert Fuchs) wird die Lösung der für Prag und Böhmen wichtigen Frage im Sinne der wahrhaft jüdisch und gerecht Empfindenden ausfallen. ״Dem. Verdienste die Krone" muß auch in diesem Falle gelten. Und wir wüßten wahrlich bei aller Unvoreingenommenheit, deren wir nicht im mindesten geziehen werden können, keinem besseren Vorschlag zuzustimmen, als dem dpr obgenannten Herren, die in der Designierung des ehrw. Herrn Dr. Heinrich Brody als alleinigen Kandidaten für die vakante Stelle eines Prager Oberrabbiners Tausenden geradezu aus der Seele gesprochen haben. Die Nörgler, Allerwelts - Besserwisser und vom Eigendünkel Ergriffenen sind natürlich wieder am Werke, um ihr Holzscheit zum Holzstoß der Vernaderung beizutragen. In diesem Falle vergebens. Jede gute Sache verträgt eine sachliche Kritik; wäre dem nicht so, so wäre sie eben unter aller Kritik. Und Dr. B r o d y besteht in einem solchen Falle jede noch so strenge, gerechte Beurteilung. Er ist streng orthodox und doch ein Sohn der neuen Zeit; als solcher wird er auf dem Prager Boden mit Umsicht und den ihm eigenen Scharfsinn der Prager Mutt^gemeinde jene in Religiosität begründete SMung wiedergeben, die sie seit Jahrhunderten ausgezeichnet hat. Dr. Brody genießt als Hebraist, als jüdischer Gelehrter im Ausland einen volltönenden Namen, den er durch in wissenschaftlichen Arbeiten niedergelegtcs,tiefgrünbiges Wissen ehrlich erworben hat. Keines Mediziners Güte lächelte ihm: er mußte den besonders jüdischen Gelehrten dornenvollen Weg gehen, um sich durch Nacht und Hindernisse zum Licht durchzuringen. Er ist auf rabbinischem Gebiet als Koryphäe nicht minder bekannt wie üuf literarisch-historischem ganz besonders auf dem der neuhebräischen Literatur. Seine mit Pros. A l b r e ch t in Oldenburg herausgegebene Chrestomathie der neu-hebräischen Dichterschule fand die allgemeine, ungeteilte Anerkennung der Fachgelehrten. Er ist der Begründer der ״Zeitschrift für hebräische Bibliographie" und sein ״Diwan Jehuda Halevy" hat im Verein mit den angeführten und aus Platzmangel nicht angeführten Arbeiten ihm im Vorjahr die Berufung an das Rabbiner-Seminar in Berlin verschafft. Dank der weitschauenden Umsicht unserer Repräsentanz, welche Dr. Brodys souveräne Persönlichkeit richtig gewertet hatte und ihn zur Abdiese konnte ich nicht insgesamt mitnchmcn. Ich konnte nur die dem Entschlafenen Wertvollsten aussuchen, die anderen nahm mir ein Buchhändler ab. Zwar streckte er seine dürren Hände auch nach dem, das ich zurückbchielt, aus, aber ich konnte mich trotz des hohen Angebotes nicht entschließen, mich von ihnen zu trennen. Es kan! mir vor, als ob ich damit das letzte Band an eine frühere bessere Zeit zerrissen Hütte, mir schien cs, als ob mein Vater init seinein liebevollen Gesichte vor mir stand und!!!ich ermahnte, von den Büchern nicht zu lassen. Aber cs sollte noch schlimmer mit mir kominen, meine Frau fing an zu kränkeln und verfiel einen! schincrzlichcn Siechtum, meine Kinder wuchsen heran, und ich tonnte ihnen nur die notwendigste Bildung, und auch diese nur sehr schwer, geben lassen. Ich tonnte nicht mehr rrockenes Brot für die Mcinigen erschwingen. Was nicht nict- und nagelfest war, wandcrte zum Leihaint oder zum Trödler. Gar oft streckte ich meine Hand nach den Büchern!!!eines Vaters aus, aber ich zog sie immer wieder zurück. Das Kostbarste von diesen war eine in rotem Samt gebundene Bibel, oic von meinen! Urgroßvater herrührt und von drei Geschlechtern emsig benutzt worden war — nicht nur von mir. Mein Vater hatte sie immer in der Hand, wenn er die Festtage zum Tempel wandcrte. Sie war mit silbernen Ecken, Span- ,gen und Schilden besetzt. Unter bitteren Träi ne!! mußte ich auch diese einst abbrechen, uin mit deren Erlös ein Medikainent bezahlen zu; können, aber das Buch mit dem roten, verschössenen Samt hob ich desto sorgfältiger aus. Einst war ich auf ein größeres bcnachbartes Dorf gegangen, um ein Geschäft abzuschlie-! ßcn, das mir einen nicht unbedeutenden Gewinn l verhieß. Es war aber, wie gewöhnlich, mißlungen. Betrübt und ermattet saß ich in! Gasthause und stierte in eine Zeitung. Plötzlich fiel mir eine mit großen Lettern gedruckte Annocc ins Auge. Ein Mann in Marseille, hieß es dort, lvar gestorben, naincns ״Stern", hochbejahrt und ohne Familie, aus meinem Heimatlande! stammend. Infolge seines Testainents wurden l seine etwaigen Verwandten aufgcfordert, sich zu niclöci!, 11111 die nicht unbedeutende Erbschaft j in Empfang zu nehmen.; Mir flimmerten die Buchstaben vor den Äugen, ich las und las immer wieder. Hatte ich nicht einen Großoheim gehabt, der nach Frankreich ausgcwandcrt war und sich dort in einer südlichen Stadt angesiedelt hatte? Mein Vater hatte, wie ich mich immer genauer erinnerte, mehrere Male mit ihm korrespondiert und ihn ״Stern" genannt, wiewohl unser Name ein ganz anderer war, den mein Großvater, der Bruder jenes Stern, angenommen hatte. Ich ergriff tzas Zeitungsblatt und eilte in Sturmesschritten nach Hause. Die Aufforderung war von einem Notar ausgegangen, in den man sich um nähere Auskunft zu wenden hatte. Ich schrieb sofort an ihn, teilte ihm das Familien- Verhältnis mit und bat um Benachrichtigung, wie ich zur Erbschaft gelangen könnte. Ich sollte, so war die Antwort, vorerst eine genaue, gerichtlich beglaubigte Stammtafel einreichen. Um diese zu erlangen, mußte ich notgedrungen in meine Heimat reisen. Welche Mühe hatte ich vorher, die Portogeschweige denn jetzt die Reisekosten zu erschwingen! Von den Büchern, sie waren noch das einzig Verkäufliche in meineu! Besitze, konnte ich mich nicht trennen, ich hielt sie fest, ich mußte deshalb Mi meinen srü- Heren Freunden betteln. Meine Reise sollte jedoch vergebens sein. Man wußte nichts von den Jugendjahren meines Großoheims, da mein Vater erst in meinem Geburtsort eingcwandert war. Ich kehrte gebrochenen Herzens heim, mein Mut war jetzt gänzlich gesunken, nur die Erinnerung an meinen Vater hielt mich zurück, meiner Verzweislung nachzugeben, Hand an mich zu legen, denn der Gedanke an meinen Vater erinnerte mich auch dessen, was ich meinen Kindern schuldig Mährisch-schlesische Bank Brünn. Telephon Nr. 350, Direktion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen lmi», z 11 01 gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- B&chel und in laufender Rechnung mit T0| 2) ״ geschähe aller Art, Börsenu.Wechslergeschäfte.