Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 33 (21.11.1912)
- Date
- 1912-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIII|1. Jahrg. Nummer 33 - - - - י " - - Erscheint jeden Donnerstag. Bezugspreise Für Österreich-Ungarn. halbjährig . . ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. Einzelne Nummer 20 h. Kronen 6*20 Kronen 10־— Mark 10־- Rubel 650־ Franks 12־— Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. BuHhändlerische Vertretung: C>* klemm, Leipzig Postspm kassakonto N .842. Geschäftsstelle, W.en: 1., Rot« •ratze Nr. 31. Telephon 3009/VIII. Sprechstur׳n 10—12 Uhr llnoerlangteredaktionelle Beiträge n nicht honoriert Manuskripten ist Rückporw :fügen. Brunn—Budapest. Wien 21. November 1912. 11 ׳. Kislew 5673. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: An die Juden aller Länder! — Der böhmische Distriktstag. — Wilhelm Klein: Zur Besetzung des Prager Oberrabbinats. — Volkstragödie in der Türkei. — Das rote Gebetbuch. — Von de.־ ״Jto". — Für die Ju8en in der Türkei und in den Balkanstaaten. — Vom Schächten. — Ein: prophetische Ankündigung des Krieges gegen die Türkei im Buche Sohar. — Eine hervorragende jüdische Mathematikerin. — Statistisches zur jüdischen Prozentnorm an den russischen Bitdungsanstalten.— Korrespondenzen. — Brünner Nachrichten. — Wiener Kultusgemeinde- Wahlen. — Eingesendet. — Rundschau. — Malwine Grünwald: Warnung. — M. Groß: Jüdische Bühne. — Prof. Dr. A. Deutsch: Eregetisches zum Wochcnabschnitte . — Bücherbesprechungen. — Nachklänge zur Wiener Religionslehrer-Bildungsanstalt s. A. An die Juden aller Länder. Nach den mannigfachen schweren Prüfungen, Massenbrände, Cholera und Erdbeben, die im Laufe der letzten Jahre das Judentum unferes Landes heimgesucht haben, ist nun eine Katastrophe von unsagbarer Furchtbarkeit über uns hereingebrochen. Der Balkankrieg hat alles verwüstet, was in den Städten und Dörfern der europäischen Türkei — mit alleiniger vorläufiger Ausnahme von Konstantinopel, Saloniki, und bis zu einem gewissen Grade auch Adrianopel — an jüdischem Besitz: Böden, Häuser. Buernwirtschaften, Handelslagern und beweglicher Habe, vorhanden war. Schwert und Brand haben alles weggefegt und den! Erdboden gleichgemacht. Viele friedliche und unschuldige Menschenleben sind dieser blutigen Orgie zum Opfer gefallen. Zu Tode erschreckt, halbnackt, entblößt von allem Notwendigsten, hinausgehetzt in die furchtbare Oede der Herbstnacht, die rauhe Stürme und Regengüsse durchtoben, haben unsere unglücklichen Brüder in wilder Flucht ihr Leben zu bergen suchen müssen. Durchfroren, halvverhungert, verwundet und verstört, wie die Tiere verstaut in überfüllten gefährdeten Bahnzügen, zum Teil sich zu Fuß hinschleppend, sind sie endlich in der Hauptstadt angelangt: hilflose Mütter und bleiche Kinder, Greise am Bettelstab, verzweifelte ruinierte Männer, eine Flut von Schrecken und Not in unsere ohnedies schon schwer heimgesuchten und verängstigten jüdischen Stadtviertel ergießend. Die Gemeinden von Mustapha-Pacha, Kirk- Kilisse, Bunar-Hissar, Viza, Lule- Burgas, Baba-Eski, Demotika, Silivrie, Tschorlou und in zahllosen Dörfern der Provinz existieren nicht mehr. Ihre Reste lagern in unseren Synagogen und Wohnhäusern, die sich barmherzig ihnen öffneten. Jeder Tag bringt neue Scharen von Flüchtlingen. Adrianopel und Saloniki sind gleichermaßen überflutet und richten verzweifelte Hilferufe an unsere Hauptstadt. Wir haben nach Maßgabe menschlicher Kräfte versucht, dieses Elend zu lindern. Wir haben den Hungernden Brot gegeben, den Entblößten Kleidung, den Müden eine Bettstatt, den Durchfrorenen die Wohltat des wärmenden Feuers. Aber unsere Kräfte müssen bald versagen. Die zur Verfügung stehenden Mittel, die unsere Gesellschaften und Privaten durch Sammlungen rastlos zu vergrößern bemüht sind, gehen schnell auf die'Neige. Es werden große Summen notwendig werden, um für so viele der Aermsten der Armen Matratzen und Decken, Kleider und Nahrung, Wohnstatt und Arznei, Holz und Kohlen herbeizuschaffen. Und noch ist das Elend nicht auf dem Gipfel. Der Krieg dauert fort, die Judenschaft Adrianopels und Salonikis, unter deren Toren gekämpft wird, können jeden Tag vom gleichen Schicksal betroffen werden wie die kleineren Gemeinden. Alltäglich fallen Tausende von Ottomanen, und unter diesen fallenden Kämpfern sind gewiß auch viele, viele der Unsrigen. Wenn der Friede geschlossen sein wird, werben alle diese gefallenen Brüder nicht wiederkehren, und ebenviel armen jüdischen Familien werden ihre Stützen und Ernährer fehlen. D um werden wir neue Tausende brotloser Seelen zu den bereit» Vorhandenen zu zählen und zu retten haben. Wir zittern vor der Katastrophe, die sich dann in ihrem ganzen Umfange vor uns auftun wird, und vor der Ungeheuerlichkeit der Aufgabe, die unserer wartet. Es ist dein türkischen Judentume unmöglich, diese Aufgabe aus eigener Kraft allein zu erfüllen. Das Judentum der ganzen Welt wird sie übernehmen müssen. Einstmals, nach dem unglücklichen türkischrussischen Kriege, war es Baron Hirsch, der die ruinierten jüdischen Gemeinden rettete, indem er Millionen zu ihrer Verfügung stellte. Dieser hochherzige Beistand wird uns heute fehlen: sein nobles Herz schlägt nicht mehr unter uns. So muß denn das Alljudentum heute verrichten, was dieser unsterbliche Wohltäter dereinst allein getan hat. Darum, jüdische Brüder, wenden wir uns an Euch, pochen wir an Eure getreuen Herzen. Eilt uns zu Hilfe, schnell und entschlossen, helsl so schnell und so kraftvoll als Ihr könnt! Es Feuilleton. Das rote Gebetbuch. In meines Vaters Hause sah man wenig vom jüdisch-religiösen Leben. Meine Mutter glaubte der Mode huldigen und die Beobachtung der Speisegesetze, als eine nicht mehr zeitgemäße, außcracht lassen zu müssen. Mein Vater seufzte wohl zuweilen darüber, doch schwieg er, um nicht die ihm unangenehmen Ohnmachtsszenen hervorzurufen. An einzelnen Satzungen der Religion hielt er jedoch unbeirrt fest. Am Neujahr mußte das Gotteshausbesucht werden, wenn auch die Freundinnen meiner Mama das Schofarblasen nicht für ästhetisch hielten; am Versöhnungstage mußte in der Synagoge ausgeharrt werden, wenn auch Mama trotz Riechfläschchen und frisch gepflückter Buketts Tags darauf an Migräne litt; Mazzoth mußte angeschafft werden/wenn sie auch Mama einen nicht menschenwürdigen Fraß nannte und last not least Kaddisch wurde gesagt, das Jahreslämpchen wurde angezündet, da bekanntlich die Mode bisher den Tod nicht aus der Welt bannen konnte. So schwach auch sonst der Vater der Mutter gegenüber war, in meine Erziehung durfte sie sich nicht hineinmischen, hier duldete er reine Allotria, ich mußte täglich hebräischen Unterricht nehmen. Alle Dummheiten, alle Ungezogen- Heiken verzieh mir mein Vater, doch.wehe mir, wenn mein Religionslehrer Klage über mich führte. Aber böses Beispiel wirkt; deshalb darf es niemanden wundern, daß ich, als ich erwachsen war, und mich in der Hauptstadt etabliert hatte, trotzdem jedes religiöse Gebot vernachlässigte. Ich glaubte mich durch die Entrichtung der Gemeindesteuern mit der Gemeinde, ihren Leiden und Freuden, abgefunden, ja ich wußte überhaupt nicht, wo die Synagoge stand! Plötzlich erhielt ich die Nachricht, mein Vater sei gestorben. Ich eilte in meine Heimat, ging auch trauernd und tiefgebeugt hinter der Bahre des selig Entschlafenen einher. Doch ich dachte auch nicht im entferntesten daran, die fast jeden! Israeliten heiligen Trauergebräuche zu halten; freilich vergaß ich nicht, einen Flor um meinen Hut befestigen zu lassen. Ich nahm mir nur soviel Zeit, um die Hinterlassenschaft zu ordneu, um das alte Gerümpel einem Auktionator zum Verkauf zu übergeben. Kurz vor meiner Abreise kam ein Bekannter meines seligen Vaters zu mir, und machte mich auf die kleine hebräische Bibliothek, die mein Vater einst ererbt hatte, aufmerksam, und wünschte sie zu kaufen, ״da ich sie nicht gebrauchen würde '. Bei diesen Worten dämmerte es gleichsam in mir auf, ich erinnerte mich, wie oft mein Pater in den alten Büchern gelesen, wie viel sorg'älkiger er den Bücherschrank als den Geldschrank ver schlossen hatte. Ich folgte einem besseren Impuls, lehnte die Veräußerung ab, suchte vielmehr die Bücher heraus, verpackte sie selbst und »alm! ne mit nach Hause, wo ich sie in ei׳ kleine Truhe, die in einem fernen Winkel meiner Wohnung stand, legte. Jahre waren vergangen. Ich hatte um ein wackeres Weib gefreit und sie gewonnen, ich hatte das Glück, mehrere brave Kinder zu de sitzen, auch meine Geschäfte gingen^ vortrefflich, j und mein Vermögen wuchs von Tag zu Tag. Doch es sollte nicht immer so bleiben. Du weißt ja, lieber Leser, wie es so ini Leben geht. Ist da־ Glück im Zuge, so geht es siegreich immer vor wärts, immer höher — aber nicht minder bä:! der Fall an; kommen wir erst ins Sinken, dann fallen wir, bis wir vom Abgrund verschlungen werden. Mir wollte nichts n:eh gelingen. Ich mußte mein schönes Hais, meine prachtvolle Einrichtung verkaufen, und mit dem klägliche!׳ Ueberrest bezog ich eine enge, ärmliche Wohnung im dritten Stockwerk eines Hinierhauses. Beim Räumen kam ich auch an die Trübe, welche die Bücher meines Vate״s enthielt, auch Große Auswahl!! Syuagogenornate auch Lüfterkutte» und schöne setteue Gelegenheitskäufe im Spezialhaus für S ogenoruate Rudolf G-ldstei«, Telephon 21999 (iuterurbau). ien, III. Taborstraße 54 Wiederverkauf« Rabatts Lieferant zahlreich, i»׳ und ausländischer Kult» ׳gemeinde» und k. k. Feldrabbiuer Reich illustrierte Preisliste»!