Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 32 (14.11.1912)
- Date
- 1912-11-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 82 ^Jüdische v-a»sti««e.« Sette ». größeren Teil jedoch aus anderen Freunden und An» Hangern der Ägudath. Um in keiner Weise den Gedanken aufkommen zu lassen, daß dieses Komitee fich gleichsam als den allein berechtigten Repräsentanten der Agudah fühle und Teilnahme von anderer Seite nur innerhalb des Rahmens der Mitgliederrechte zulasse, während es die Leikungsfunktionen für sich allein Vorbehalten wissen wolle« wurden alle jüdischen Bethausvereine Wiens eingeladen, eine vorbereitende Konferenz durch ihre Vertreter zu beschicken und Delegierte in das provisorische Komitee zu entsenden. Die Bethausvereine waren dieser Einladung gefolgt, hatten mit größtem Interesse von der Bildung eines Arbeitskomitees aller Vereine Kenntnis genommen und Werktätige Mithilfe versprochen. Durch dieses richtige Vorgehen des provisorischen Komitees war ein gedeihliches Zusammenwirken aller Agudah-Freunde von vornherein gesichert. Infolge der ungünstigen Zeit — die Sommermvnate sind in den Großstädten für Agitationsarbeit vollkommen ungeeignet — wurde beschlossen, mit intensive: Propaganda erst zu Beginn des Herbstes ein.׳,:!setzen. Inzwischen war das Komitee bestrebt, den individuellen Wünschen der einzelnen Vereine Rechnung zu ireg<״> und den Kontakt zwischen allen herzustellen. Die erste Versammlung von Dr. Reiniger, dem, man kann es schon sagen, offiziellen Leiter der Agudah- Versammlungen, geleitet, fand unter Beteiligung aus fast allen Schichten der Bevölkerung statt. Gewiß, es gab dort keinen Unterschied, keinen Mißton. Rament-' lich war der große polnische Bethausverein, an dessen Spitze Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Mayersohn steht, durch Vorstandsmitglieder vertreten, die hingekommcn v.r-e,:, um der Agudah Fahnentreue zu geloben. Die Agud.ih- Arbeitspartei war einig. (Die kleinen Zusammenstöße am Schluffe der Versammlung entsprachen Wohl mehr persönlichen Motiven.) Viel größerer Erfolg war der zweiten, im Hotel Continental abgehaltenen Agitationsversammlung beschieden, deren Redner, Rabbiner Dr. Klein aus Nürnberg, die gebieterische Notwendigkeit eines Zusammenschlusses aller Gesetzestreuen in überzeugender Weise dartut und durch seine Begeisterung Schwung und Ent- Wicklungsfreudigkeit in die Massen brachte. Diese beiden Versammlungen waren von dem ״Provisorischen Komitee der A. I." als der zurzeit offiziellen Vertreterin der Agudah mit größter Sorgfalt ins Werk gesetzt. Dasselbe Komitee hat sich seit Kattowitz die erdenklichste Mühe gegeben, den Agudah- Gedanken zu propagieren, Mitglieder und Freunde zu werben. Es hat eine Riesensumme von technischer und geistiger Arbeit geleistet, der die Anerkennung nicht vorenthalten werden darf. Außer den offiziellen Veranstaltungen fanden in jüngster Zeit Versammlungen einzelner Tempeleercine (letztens im polnischen Bethausvereine) statt, die wohl, wie es scheint, ohne Befolgung irgend welcher Sonder- Politik, die Aufgaben der Leitung durch rührige Kleinarbeit und Agitation von Mann zu Mann ergänzen. Das ist ein gutes Omen! Die Agudah hat im Zeichen der Eintricht begönnen, die Eintracht wird ste hoffentlich zur Errcichung ihres Ideales leiten. Jerusalemer Chronik. Dieser Tage fand hier unter zahlreicher Beteiligung die Einweihung der neuen Jeschibah statt, die Herr Gerson Kohen im Vororte ״Giw'ath Schaul" erbaut hat. Der Saal der Jeschibah war überfüllt, so daß sehr viele drauhen stehen mußten. Einige der anwesenden! Rabbiner hielten Ansprachen an das Publikum, in welchen sie auf die Bedeutung der Anstalt für die Pflege des Talmndstudiums hinwiesen. Hierauf wurden mit Musik und Tanz zwei Thorarollen abgeholt, Geschenke, die der neuen Jeschibah gestiftet worden waren. Da die Herausgabe der orthodoxen Zeitung ״Moriah" in letzter Zeit finanziellen Schwierigkeiten begegnete, hielten Vertreter orthodoxer Kreise eine Beratung ab, in welcher Weise das Blatt zu erhalten sei; zu diesem Zwecke wurde ein Komitee eingesetzt. Die ״Moriah" ist bisher zweimal wöchentlich erschienen. Jetzt erscheint sie bereits viermal wöchentlich, und nach ihren Angaben wird sie in nächster Zeit zu einer Tageszeitung umgewandelt werden. Im hiesigen Institute der Dominikaner sind gewisse 'Veränderungen von sich gegangen. Die hiesigen Dominikaner gehören gewissermaßen einer wissenschaftlich - fortschrittlichen Richtung an. Ihre Bibliothek ist Wohl die reichhaltigste in Jerusalem und sie steht jedem wissenschaftlich Arbeitenden, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, zur Verfügung. Seit 1892 geben sie eine ״Revue Biblique" heraus, die auf dem Gebiete der Bibelforschung Wertvolles geleistet hat. In letzter Zeit scheint man jedoch in kirchlichen Kreisen mit ihnen wenig zufrieden zu sein. Insolgedessen hat ihr geistliches Oberhaupt seine hiesige Stelle niedergelegt und wird überhaupt bis auf weiteres Palästina verlassen. Die ״Revue Biblique" wird in eine Revue Palestinienne orientale" umgewandelt werden und wird sich von nun an von der eigentlichen Bibelforschung fernhalten. Zirka 60 Freiwillige veranstalteten letzten Donnerstag eine patriotische Kundgebung, der sich bald viele hundert Personen anschlossen. Der Gouverneur Muhaddi Bey hielt eine zündende Ansprache, in welcher er darauf hinwies, daß in dieser Stunde der Bedrängnis Muslims, Juden und Christen sich zum Schutze des Vaterlandes in Treue und Eintracht vereinigen müssen. Ein alter Mann trat hervor und sagte: ״Zweimal bin ich in den Krieg gezogen, jetzt bin ich zu alt dazu und darum bitte ich, meine beiden Söhne an meiner Statt anzunehmen. Wenn es nottut, stelle ich auch mein ganzes Vermögen zur Verfügung." Das verjudete Rumänien. Manchmal ist es auch ergötzlich, die antisemitischen Zeitungen zu lesen, und man hat da das Gefühl, als wenn der ganze Antisemitisinus ein politischer Karneval wäre. Vor kurzem brachte ein antisemitisches Blatt die Notiz, daß die Pariser Juden an der Börse die aller.'ige Schuld am gegenwärtigen Sinken der Kurse tragen. Der Krieg an sich habe selbstredend gar nichts zu bedeuten, nur die Juden bedienen sich seiner, um damit Geschäfte zu machen. Wenn man bedenkt, daß es häufig gerade die Juden sind, die an solchen spontanen Kursstürzen an׳ ineisten zu leiden haben, dann begreift man, von welcher Lächerlichkeit solche Behauptungen sind. Es scheint, als wenn in den Köpfen der Antisemiten sich die Welt ganz anders abspiegelt. Für sie ist der Jude eine machtvolle Person, der die Geschicke Europas lenkt. Am meisten Spaß aber hat uns die Behauptung gemacht/ daß die Macht der Inden sich am meisten in Rumänien zeige, und daß Rumänien seine Mobilisation rückgängig machen mußte, weil Rothschild ihm dies diktiert hat. Wörtlich heißt es dann: ״Bekanntlich ist Rumänien mit Haut und Haaren den Juden und besonders den Rotschilds verschrieben." Wie ist uns denn? Hat man nicht davon gehört, daß die Juden in Rumänien gänzlich entrechtet sind und sogar zu jeder Zeit ausgewiesen werden können? Hat man nicht davon gehört, daß die Juden in Rumänien nicht einmal das Recht haben, ihre Kinder in die allgemeinen Schulen zu schicken? Sieht so ein Land aus, das den Juden verschrieben ist? Wie groß muß die Macht der Juden in Rumänien sein, wenn ihnen auch das bescheidenste menschliche Recht versagt wird'. Wir müssen gestehen, auch in antisemitischen Zeitungen selten so viel Dmmheit, Bosheit und Lüge miteinander gevaart gesehen zu haben wie in dieser Notiz. Es fehlt nur noch, daß die Antisemiten die Behauptung aufstellen, daß auch Rußland mit Haut und Haaren den Juden verschrieben ist. Prof. v. Luschan über die jüdische Rasse. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt am 29. Oktober im Oberlichtsaal der Philharmoniker zu Berlin seine erste allgemeine Versammlung nach den Ferien ab. Geheimrat Prof. Dr. v. Luschan, der Direktor des Museums für Völkerkunde, sprach vor einer zahlreichen Zuhörerschaft über die ״Rassenzugehörigkeit der Juden". Die vielverbreitete Auffassung, daß die Juden in ihrer Mehrheit Semiten seien, bezeichnete der Vortragende als nicht stichhältig. Für den Anthropologen zersalle die Frage nach der Rassenzugehörigkeit der Juden in zwei weitere Fragen: 1. Wie verhält sich das Judentum zu den übrigen Semiten? und 2. Welches ist das Verhältnis der Semiten zu den übrigen Rassen? Der Forscher frage sich, ob es eine reine Rasse überhaupt noch gebe. Die Antwort hierauf sei noch nicht gefunden, man sei auf Vermutungen angewiesen. Es gebe reine Rassen vielleicht in China, vielleicht in Rußland, vielleicht im Innern Afrikas oder sonstwo. An- Haltspunkte für die Rassenforschung geben häufig gemeinsame körperliche Eigenschaften, politische oder ideelle Eigenheiten. In längeren Ausführungen behandelte Redner dann die Rassenreinheit der Semiten. Die reinsten Semiten fände man unter den Beduinen. Tie Ausführungen des Gelehrte:: wurden durch eine große Zahl verg he r anthropologischer Lichtbilder erlaut! . denen die entsprechenden Erklärungen gegeben ourde». Zum Schluß äußerte sich Geheimrat v. Luschan über die Zukunst des Judentums vom Standpunkt des Anthropologen. Die Zukunft des Judentums stehe mit der verfeinerten Kultur im engsten Zusammenhang und hänge 0• besonders mit der Zukunst der Großstät ׳. n Verbindung. Schon jetzt gäbe es in Mitteleurona kaum mehr große jüdische Gemeinden. Im Gbe^o allein finde man das Judentum in seiner 1׳e>'en Widerstandskraft. Ten Zionismus könnte er als erfahrener Orientkenner nicht begreifen. An den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine freie Aussprache an, in der ein Redner den Ansfübrungen des Vortragenden entgegentrat, während die anderen sie billigten. Eine interessante Entscheidung der böhmischen Statthaltrrri. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Komotau hat bei Aufstellung des Budgets der Gemeinde unter anderen Subventionen auch dem Aüdischeu Nationalfonds 50 K zugeiviese». Nun fanden sich aber im KultuSvorstand Herren, welche gegen diese Spende protestierten, und da sie überstimmt wurden, brachten sie eine Beschwerde bei der politischen Aussicht^- behürde, der BezirkShauptmaunschaft Komotau, ei», in der sie geltend machten, daß die Kultusgemeinde nach dem Gesetze nur für die ״religiösen Bedürfnisse" der Geineindeangehörigen zn sorgen habe, die Zuwendung an den NationalsondS aber eine ״politische Temonstration" sei. Die Brzirkshauptmannschast hat der Beschwerde ׳!attgegeben und den Beschluß des Knltnsvvrslandes als ungesetzlich ausgehoben. Gegen diese Entscheidung nun beschloß der KultuSvorstand Komotau. den Rekurs an die böhmische Statthalterei zu überreichen lind betraute damit das Vorstandsmitglied Herrn Tr. Hermann Hirsch. In dem Rekurse lonrde ausgeführt, daß die Entscheidung der Bezirkshaupiinamischast ein nngesetzlicher Eingriff in die Autonomie der KultuSgemeinden sei: da die Kultusgemeinde auch süc andere, nicht direkt religiöse Zwecke, wie Kraiikeiihäuser, Waisen- Häuser, Wohlfahrtsvereine, Mittel bewillige, müsse ihr auch das Recht zustehen, den jüdischen NationalfondS, dessen Zwecke in dem Rekurs dargelegt wurden, zu snvventioniercn. Dieser Tage langte nun die — inappellable - Entscheidung der k. k. Statthalterei in Prag herab,!vo durch dein Rekurs vollinhaltlich stattgegeben, die Em scheidnng der Bezirkshanptmaniischaft ansgehoben und der angcsochtene Beschluß des KnltuSvorsiaudeS bciläligt wird. Eröffnung eines jüdischen Lehrerinnenseminars in Jaffa. Dieser Tage wurde hier das vom Odeisaer Palästinakomitee begründete jüdische Lehrerinnenseminar, das den Namen des verstorbenen hebräischen Schriftstellers E. L. Leivinsky trägt, feierlich eröffnet. Zum Direktor der Anstalt wurde Tr. N. Tuross ernannt. Die neue Anstalt ist vierstufig, und es soll ihr späterhin auch ein Kursus s!' ׳ .Kindergärtnerinnen angegliederk werden. Eine bevorzugte Stellung im Lebrvlan des Lehrerinnenseminars wird die theoretische hiesige Stelle niedergelegt und wirst überhaupt Die Juden im Balkaukrieg. Rabbi Jakob Meir, Lberrabbiner in Saloniki, hat ein Manifest erlassen an seine Oilaubensgenossen, in welchem er sie anssorstert. sein Vaterlande beizustehen. Die Juden in Konslantinopel unterstützen die Regierung mit Begeisterung. In Saloniki und Adrianopel wurste!- ganz.׳ Bo׳״' one von jüdischen Freiwilligen or gan >׳' nbskriptioiislisteii wursten in allen jüdi! Zentren in Umlauf gesetzt. Viele jiidijche r uiten haben sich in das rote.Kreuz ausnehmen lassen. Auch in Bulgarien und in Serbien herrscht unter den Inden große Begeisterung für den Krieg. In Rußland haben sich etwa 1000 jüdische Freiwil' gemeldet, die in die türkische Armee eintrete Klen. Di zrader jüdische Gemeinde hat einen Aufruf e> ־n an die jüdische Bevölkerung.