Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 32 (14.11.1912)
- Date
- 1912-11-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ״Jüdische Bolksstimme." M.32 Aus dieser Tatsache heraus erklärt sich auch der neue Hausiergesetzentwurf. Er wird äugenominell werden, wie der vorige. Darüber kann nach der jetzigen Zusammensetzung des Pariamentes kein Zweifel sein. Wieder einmal wer׳- den Tausende von Existenzen vernichtet und an den Bettestab gebracht werden. Der Hausierberu! war ihre letzte Ausflucht. Und nun fall ihnen auch diese Existenzmöglichkcit genommen werden. Wiener KuLtuswahlen. Nur wenige Tage trennen uns noch von dein Hauptwahltage für die allgemeine Wählerklasse der israelitischen jtultusgeineinde in Wien und noch hat ein eigentümlicher Wahlkampf nicht ein׳- gesetzt. Wählerverfaminlungen größeren Stils mit obligater Programmentwicklung seitens der Kandidaten haben nicht stattgefuitüen und auch die sonst bei Wahlgelegcnheiten gar nicht schüchlerne offizielle Presse von hüben und drüben schweigt sich gründlich aus und erwähnt mit keiiler Zeile die bevorstehenden Kultuswahlen. Was man nutet: gewöhnlichen Umständen als Wahlstimmung bezeichnet, ist nicht vorhanden. Scheint auch gar nicht notwendig zu sein. Denn einen Wahlkampf wird es diesmal aller Voraussicht nach wohl nicht geben. Es wird gepackelt. Tie Frage des Aufteilungsschlüssels der frcigewordenen Mandate an die derzeitigen Kultusgrößen und mc in Betracht kommenden Kandidaten der zionistischen Partei bildet das ganze Um und Auf des diesjährigen Wahlkampfes. Die Sicher-- heit, fast mühelos Mairdate zu erhalten, scheint doch gefahrloser und bequemer zu sein, als ein mit schweren materiellen Opfern vcrbund-'uer Wahlkampf mit recht problematischem Erfolg. Wohl gibt ein Wahlkampf die Möglichkeit, mit der Wählerschaft in näheren Kontakt zu kommen, die Ziele des Zionismus zu propagieren und ihm neue Anhänger zu gewinnen, aber es ist andererseits auch leicht einzusehen, daß ein solchcr Wahlkampf auch zu sehr von der regulären Arbeit ablenkt und ein schließlicher Mißerfolg der besiegten Partei eher schadet, als nützt. Dieser Einsicht hat sich denn auch diesmal die zionistische Parteileitung nicht verschlossen und isi auf ein Kompromißangebot (!!) der herrschenden Partei cingegangen, trotzdeui gerade jetzt begründete Hoffnung auf den Sieg einer zionisti- Liste bestand. Deshalb und nur deshalb ist die zionistische Partei diesmal von ihrer seit zwölf Jahren stets befolgten Taktik abgegangen und hat das Friedensangebot nicht ausgcschlagcn. daß die ״Hiesigen" geben. Sie vermaßen es sich, davon zu sprechen. Und nun wurde cs ernst, lieben? Verschenken? Sein teüres Geld zum Fenster . . . .? Da gingen die Leute und sie sprachen, jeder einzeln zu dem Fremden: ״Man möchte schon, ja, es ist ja gewiß sehr lobenswert, aber die hiesigen Leute, ich bitte Sie, die sind doch so bar allen Ideales . . . Der Sprecher dachte natürlich an alle und schloß noch natürlicher sich aus. Aber der Zweite, Dritte, kurz alle l.ite׳., nicht anders. Endlich wußte der Fremde, w׳e die Wahrheit gekleidet sei und ging fort . . . . floh aus der Stadt. Man ebnet die Straßen, gräbt Brunnen, sorgt für die teure Sicherheit. Tie Stadt macht noch immer Fortschritte. Alte Häuser werden eingerisscn, neue erbaut, Anlagen werden geschaffen. Rüstig ist der Körper, tätig sind die Hände, unermüdlich alt der Leute Fuß. Denn das gleißende Glück goldener Götzen glänzt. Am Tage leuchtet gratis die Sonne, des Nachts für fünf Pfennige pro Stück die Lampe. Alles geht seinen gesunden, natürlichen Gang. Die Stadt, sagt man, sei im Fortschritte begriffen. Ich aber sage euch, daß es eine sterbende Stadt ist. Wenn also nicht alles trügt und die Ver- Handlungen sich zuletzt nicht doch zerschlagen, so wird ein Kompromiß der dermaugen Kultuswahlweisheit letzter Schluß sein und einen Lvapirampf überflüssig machen. .Auf.der offizieuen Lifle für den 24. November werden diesmal neben 7 Kahalsgrüßen auch zwei oppositioneue Kandidaten prangen: Der Obmann des jüdischen Nattonaiverelnes für Oesterreich Dr. Jatob Ehrlich und Ober-Ingenieur Robert Stricker. Nun werden also doch in die Wiener Kultusstube Zionisten einziehen. Trotz aller Totsagungen der modernen, jüdisch-nationalen Bewerjung, trotz aller gelehrten und ungelehrten Vortrage und Angriffe gegen den Zionismus, trotz offiziellster Ignorierung aller aus die Samm- .ung der Juden hinzielenden Bestrebungen, werocn doch zwei Vertreter des jüdisch-nationalen Gedankens in der Kultusstube sitzen, in der-!eiben Aultusstube, die bisher unantastbarer Besitz der unentwegt deutschen Israeliten mo-!aijcher Konfession war. Freiwillig, aber frei- 1ich in Voraussicht der Dinge, die sonst von selbst gekommen wären, hat die Kahalspartei, die siarrsinnigste Vertreterin der Assimilation, die zwei zionistischen Kandidaten aus ihre Liste gesetzt uiid damit quasi ihre beginnende Altersfchwäche zugegeben. Nun ist in die Hochburg der Assimilation eine Bresche geschlagen. Diesmal sind es nur zwei Kandidaten. Aber in zwei Jahren ist wieder Kultusratswahl und man kann es sich schon heute an den Fingern ausrechnen, daß diese zwei dann nicht die einzigen modern-jüdischen Vertreter beliben werden. Wien ist diesmal vorangegangen. Die anderen Städte werden Nachfolgen. Zum Niedergang der mährischen KuUusgemeinven. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Samuel Freifeld in Straßnitz hat uns die Vorbedingungen einer jüdischen Organisation klar und deuttich vorgezeichnet, ,ihm gebührt der Dank als Erster, seine Dienste zur Mitwirkung angetragen zu haben, nicht weniger der löblichen Reoaktion, die den Anstoß hieczu gegeben, um rechtzeitig ein radikales Mittel zur Hintanhal-!ung des Verfalles des Judentums in Mähren anzuwenden. Es versteht sich von selbst, daß eine solche Organisation von Juden, die Herz und Sinn fürs wahre Judentum haben, geleitet werden müßte, nur darf nicht viel unnütze Zeit verstreichen, bis dat, qui cito dat. Die Organisation ist doch in der Tat ein höchst wichtiger, dringend notwendiger Behelf, lehrt doch die Erfahrung, daß nur Einheit Macht ist, daß alle Stände nur durch ihre Organisation zum Ziele gelangten. Was wäre heute aus der Arbeiterschüft, dem Beamtentum, den Lehrern, wenn sie!ich nicht rechtzeitig organisiert hätten, freilich bezieht sich diese Art Organisation nur auf die Existenzfrage, es wird aber gerade hierdurch allen Umstanden genügend Rechnung getragen. Bis allher hat es der Jude durch seine Einzelstellung nicht weiter gebracht und nur das Judcntum zum Verfalle; sich selbst überlassen, verfielen oftmals die Juden von einem Extrem ins andere, schlossen sich bald dieser, bald jener Parteirichtung an, hatten nicht Zeit und Gelegcnheit, an Religion und Judentuni zu denken, auf die Erziehung ihre Kinder in religiöser Bezieung ihr Augenmerk zu richten, so daß alle jüdischen Einrichtungen und Gebräuche gänzlich in Vergessenheit gerieten. Vom Jahre 1848 kämpften die Juden Schulter an Schulter für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und was ist wohl das Endresultat? Die Freiheit hat ein anderer, nicht sie, die Gleichheit ist am Papier geblieben, und die Brüderlichkeit züchtete jene Ausgeburt, den Antisemitismus, unter dem wir alle sehr zu leiden haben. Hätten sich die Juden zu jener Zeit schon organisiert, wären an die Spitze einflußreiche intelligente Männer getreten, da stünde das Judentuni heute in jeder Beziehung ganz anders da, aber anstatt besten haben die reiujen Herren, die vom Ghetto zum Baron sich hinausscywangen, es vorgezogen, im Reiten, Rennen und Jagen ihren Ruym zu suchen. Die Intelligenz, die oei Andersgläubigen Einlaß fand, schämtesich seiner Mitvruder, und so blieb nur ein Häuflem religionstreuer Juden zurück, sich sewst uoerlassen, dem Stronie der Zeit preisgegeben; sie niutzten es erdulden und mitansehen, wie ihre Llinoer trotz aller Befähigung, trotz der größten Anstrengung, des unermüdlichen Fleißes und Ausdauer, und nüchterner Lebensweise, fiets bei alleni und jedem zuruckgesetzt wurden, sie mußten es oft bei Bewerbung noch so niedriger Steuen mit Ruhe anhören, wie ihnen der Rat erteilt wurde: ״Ein Bißchen Wasser, und es wird gehen." Konnte unrer solchen Umständen das Judentum auch erstarken? Mußte nicht Zweig um Zweig hiervon fallen? Gewiß'. Denn zur religiösen Betätigung gehört Ruhe und Ordnung, fön;! nagt der. Verfall von außen und innen immer mehr, der religiöse Geist wird abge-;lumpst, das Streben zur Erhaltung des Judentunis wird brach gelegt und die Unlust, die Nachkommenschaft für das Judentum zu erziehen in den Vordergrund gebracht. Nur eine ordentlich angelegte Organisation wäre für die Zukunft eine fefie Stutze, eine wahre Burg für den Bestand des Judentums im allgemeinen, für den iLinzelnen insbesondere, der Gedanke, eine Stütze hinter sich zu haben, würde stärkend und belebend wirken, wurde frischen Mut einslößen, das religiöse Gefühl steigern und neu beleben; die Organisation würde das Judentum zu einem Fakror machen, mit dem man zu allen Zeiten zu rechnen hätte, diese würde Eharaktere züchten, iiiüßte führen und leiten, auf daß das Hin- und Herschwanken endlich einmal verswinden und zielbewutzt gehandelt würde. Oft gar oft werden wir unbewußt in den Kamps hineingezogen. Was vermag wohl der Einzelne ohne Rückendeckung? Gar nichts. Wir bleiben immer und für jeden Fall der Spielball der Laune, die Verachteten und Perhöhnten, Wir werden es bald erleben, Tschechen und Deutsche werden sich aussöhnen und über den Juden werden dann beide herfallen, wenn nicht bald zur Organisation geschritten wird. Es muß allen zur heiligen Pflicht gemacht werden, mitzuarbeiten, auf daß baldigst Ersprießliches geleistet werde. Es mutz einmal der Anfang gemacht werden. Wie hat sich der Vorgang wohl zu gestalten? Vom praktischen Standpunkt wäre in erster Reihe als größte Gemeinde die Repräsentanz der Brünner Kultusgemeinde im Vereine mit der Vertretung der zwei ältesten Gemeinden Mährens, Boskow'tz und Nikolsburg, das Präsidium des Rabbiner- und Kantorenbundes sowie das Präsidium des mähr. Jüdischen Landesmassasonds, die Lehrerschaft in Betracht zu ziehen, die Redaktion hätte einen Aufruf zu verfassen, daß von seiten aller jüdischen Gemeinden, die obenangeführten bittlich angegangen werden, die Führerschaft zu übernehmen. Das so gebildete Komitee hätte ein Organisationsstatut nach jeder Richtung hin auszuqrbeiten, dem Plenum vorzulegen, von welchem auch bei der Generalversammlung ein ständiges Bureau geschaffen wird, welches ferner mit der Leitung betraut wird und an welches sich der Einzelne sowie die Gesamtheit in sämtlichen Fragen zu wenden hätte, welches, kurz gesagt, das Judentum nach außen und innen vertreten müßte. So beiläufig wäre der Vorgang am leichtesten und würde in Kürze zu cinein von allen ersehnten Ziele führen. Jede andere Ansicht wird gerne angehört und jede Mitarbeit dankbarst angenommen. Agudiana. Unmittelbar nach der Kattowitzer Konferenz konstituierte sich in Wien das ״Provisorische Komitee der Agudath Jisroel", zum Teil auS den Delegierten, zum Mährisch-schlesische Bank Brünn. Teiephon Nr. 350, Direktton. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen Ai! 0! gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Buchei und in laufender Rechnung mit T0| 2| ־ geschähe aller Art, Börsen-u. Wechslergeschäfte.