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Jüdische Volksstimme · 1912-11-07 · Heft 31 (7.11.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 31 (7.11.1912)
Date
1912-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 ,Zwilche Bolttsti««e." Seitr I. chische an der Tagesordnung. Namentlich das schöne Geschlecht begann in beträchtlicher Anzahl ihren Rücken den galanten Bewohnern des hohen Olymps zuzukehren, die so oft ihre jungfräulichen Töchter ohne vorangegangenen Priestersegen zu Müttern von Gottessöhnen gemacht. Das starke Geschlecht aber scheute den Übertritt zum Mosaismus wegen der Zirkumzission.׳ Manche Philosophen hinwieder hielt das Sabbathgesetz davon ab, das an einen Gott erinert, der das All in sechs Tagen geschaffen. Eine schöpferische Kraft, meinten sie, kann undenkbar in Nichtstun sich zurückziehen. Für uns ist dieser Einwand insofern belanglos, als nur das Schaffen aus dem absoluten Nichts aufhört, während die Schöpfungen in der Kombination — die Providenz — fortdauert. Dieser Einwand und dessen Widerlegung finden in der angedeuteten Allegorie Ausdruck. Eine Matrone fragte einst einen Rabbi: ״Was macht eigentlich euer Gott nach den sechs Schöpfungstagen?" Darauf der Rabbi: ״Er schließt Ehen." Sie hingegen wollte ihm beweisen, daß dazu keine göttliche Einwirkung erforderlich. Auf einen Wink von ihr trat eine stattliche Anzahl ihrer Sklavinnen in Reihe und Glied ein. Bald darauf erschienen ebensoviele Sklaven und nahmen Stellung den Ersteingetretenen gegenüber. Hierauf erteilte sie ihren Leibeigenen den gemesienen Befehl, daß seder sein Visavis als seine Ehehälfte abführe. Doch nur allzubald sollte sie erfahren, von welch kurzer Dauer ein Glück sei, das einem Machtspruche sein Dasein verdankt. Welchen Anblick boten schon am darauffolgenden Tage die Hoch- Hochbeglückten von gestern! Das starke Geschlecht präsentierte sich ihr mit Augenrändern, an denen die blutigen Spuren der gehörnten Ausläufer an den Fingerspitzen seiner schwächeren Ehehälfte unverwischbar waren. Und das schöne Geschlecht? Das war tätowiert! Die von zartem Rosa angehauchten Wangen hatten stellenweise die Fäuste der Ehemänner gebläut. Alle baten flehentlich ihre Herrin, sie nicht länger des ihnen zugedachten ehelichen Glückes teilhaftig sein zu lasten. Wir haben also hier eine legendarische Frauenrechtlerin vor uns, die der Meinung lebt. Hörige, d. h. Personen, für die der Wille ihres Eigenens richtunggebend ist, in allen Lebenslagen ihrem Machtspruche unterordnen zu können. Aber die Erfahrung hat sie zu der Erkenntnis gebracht, daß der die Rechnung ohne den Wirt macht, der glaubt, sein Machtgebot auch in Fällen geltend machen zu können, wo immer Regungen in Betracht kommen. Und die Nutzanwendung? Auch der ehrw. Herr Kollege macht analog der besprochenen Matrone in seinen Vorschlägen die Rechnung ohne den Wirt. In sein Kalkül zog er auch die Herreu Kantoren und Lehrer ein. An zwei Typen mährischer Kantoren. Josef Pfefferkorn und Smaja Chasan. Nicht gering ist die Zahl der Herren Chasanim, zu denen mich mein Beruf in Berührung gebracht. Keinem von denen darf ich mit gutem Gewissen das Ehrenzeugnis versagen, daß er seinem inneren Wesen nach bald dem einen bald dem anderen Typ mehr entsprachen. Und solche Charaktere sollte man beim Streben nach Hebung erster. Religiosität durch äußeren Zwang als mitwirkende Faktoren verwenden können? Undenkbar! Und unsere Herren ״Staatsbeamten"? Ein Prophetenwort mit geringer Abänderung möchte ich der Kultusgemcinde zurufen, die ihr Heil daher erwartet. Mehorstasich umachrewajich mimech jozou. Deine Zerstörer und Verwüster sind aus Dir hervorgegangen. Indes gestehe ich rückhatlslos, daß die Anforderungen des Herrn Ratgebers durchwegs gerechtfertigt sind. Nur mit dem vorhandenen Material sind sie nicht durchführbar. ״Gebet mir den Stützpunkt," soll der Archimedes gesagt haben, ״und ich will die Erde aus ihren Angeln heben." Wir müssen daher aus das von Frl. Bauer in Tischnowitz vorgeschlagene jüdische Weib warten. Aber auch das ״Cherchez la femme" ist nicht ^zu übersehen. Aüch das Weib, das sich seiner Be- Stimmung als jüdische Mutter und Frau bewutzt ist, will ״g e s u ch t" sein. Von den übrigen Vorschlägen des geehrten Herrn Ratgebers will ich nur noch die Ansicht meiner Kritik unterziehen, die die Auflösung der Kultusgemeinden zum Ausgangspunkte hat, deren rapide Schwindsucht inkurabel scheint. Die Lomnitzer Kultusgemeinde steht gleichfalls auf dem Aussterbeetat. Einschließlich acht auswärtiger Tempelbesucher nahmen Heuer an! Jomkipur 24 Betende an der öffentlichen Andacht teil. Und die Hälfte der 16 Internen befindet sich im Alter zwischen 70 und 80 Jahren. Da tritt die Frage auf: quo usque? Wie lange noch und keine Minjomzahl ist mehr hier? Und ist es ausgeschlossen, daß von den Jüngeren in Bälde der eine oder andere von der Freizügigfeit Gebrauch machen wird? Da meint der Herr, der ״die Rechnung ohne den Wirt gemacht", sie soll aufgelöst werden. Nachdem meiner Kultusgemeinde die ganze Bezirkshauptmannschaft Tischnowitz inkorporiert ist, deren Ausläufer mit denen von Brünn sich berühren, mußte sie dieser zugeteilt werden. Die Brünner Kultusgemeinde wird in diesem Falle in Rücksicht des bedHtenden Stiftungsvermögens — darunter auch zwei wertvolle Stiftungshäuscr — nicht schlecht sahren. Werden aber die Herren Kultusgemeinde- Vertreter auf ihre Würden verzichten wollen? Dazu kommt noch eine wichtigere Frage in Betracht. Der Schwerpunkt der Klage über den Verfall der Kultusgemeinden liegt in deren numerischer Abnahme. Was soll mit den Immobilien — Synagoge und Friedhof — geschehen? Wer wird diese heiligen Stätten gegen Vastierung schützen? Herr Sieg. Schwarz. Kultusvorsteher in Brünn, dessen Eltern auf dem hiesigen Friedhofe ruhen, teilte mir seinerzeit mit, daß er sein hiesiges Haus zur Aufnahme von drei Siechen einrichten und noch einen anderen Lomnitzer in der Fremde dafür gewinnen wolle, seine hiesige Baracke dazu ebenfalls herzuacben. Alsdann könnte es eingerichtet werden, daß in den schwindsüchtigen mährischen Kultusgemeinden Asyle errichtet werden. Dieser Vorschlag wäre wohl geeignet, die heiligen Stätten gegen Sakrileg zu schützen. Aber auch er dürfte die Rechnung ohne den Wirt machen, wenn nicht vorher die Inkorporierung der hie- ׳'׳aen Gemeinde in die Brünner auf legalem Weae durchgesetzt werde. Lomnitz, den 17. Oktober 1912. Rabbiner Simon Wolffsohn. Verein der Sabbalfreunde Wien. Mittwoch den 23. Oktober l. I. veranstaltete der Verein der Sabbatsreunde einen Vortragsabend, an welchem Herr Dr. Arnold Klein, Rabbiner aus Nürnberg, der dem Wiener Publikum von seiner glänzenden Rede in der Versammlung der ״Agudah" her bekannt war, einen Vortrag über ״Die Zukunft des Judentums und der Sabbat" sprach. Lange vor der festgesetzten Stunde war der Saal bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Der Obmann Herr Moritz Felsenburg erösfnete die Versammlung mit einem kurzen Bericht über die diesjährige Vcreinstätigkeit und erteilte dem Rcferenten das Wort. Herr Rabbiner Dr. Klein, stürmisch begrüßt, führte folgendes aus: ״Während man früher die Lebenskraft des jüdischen Volkes anstaunte, seine Zukunft als fraglos ansah, wurde in der letzten Zeit die Zukunft des Judentums als Problem behandelt. Erst durch den Rückgang des alten gläubigen Judentums wurde die früher feststehende Tatsache zur Frage. Die Erhaltung eines selbständigen geistigen Seins ist für die Erhaltung des Judentums Voraussetzung. Für das traditionelle Judcntum ist der geistige Inhalt der alte, der gegebene; cs ist bereits dafür jedes Opfer zu bringen, somit ist chm seine Erhaltung kein Problem. Wohl mutz man bedacht sein, in der Ungunst der Verhältniffe Vorkehrungen gegen die Schwierigkeiten zu treffen, die dem alten traditionellen Judentum sich entgegenstellen. Eine solche Schutzmatzregel bilden die bestehenden Vereine der Sabbatfreunde. Der Sabbat nimmt eine derartige zentrale Stel-- lung im Judentume und in seinem Gesetze ein, dah trotz der gleichen Verbindlichkeit aller Gebote, für ihn besondere Vorkehrungen gerechtfertigt erscheinen. Der Sabbat drückt das Wesen des Judentums am klarsten aus; wer also für die Erhaltung des Sabbats sorgt, sorgt somit auch für die Erhaltung des Judentums; wer den Sabbat gefährdet, gefährdet das Judentum." Referent führt dann im einzelnen die Gefahren aus. von denen der Sabbat bedroht ist. ״Zunächst ist er praktisch gefährdet von den Schwachen. Dieselben hängen noch innerlich am Judentum; sie üben noch dessen Gebräuche und Vorschriften, auch die auf den Sabbat bezüglichen; doch sie entweihen ihn, wenn auch schweren Herzens durch ihre gewerbliche, durch ihre Erwerbarbeit. Sie find inkonsequent, doch die Inkonsequenz wird früher oder später überwunden und zwar nach der negativen Seite. Allmählich werden die Erinnerungen an deren Jugend und Jugendleben verblassen, man verlässt die Uebung der väterlichen Lehre: für die Kinder wird das Judentum ein inhaltsloser Begriff und sie mehren die Reihen derer, die das Judentum leicht verlassen. Theoretische Gegner des SabbaiS sind diejenigen die den Sabbat als blotzen Ruhetag, als blotze soziale Einrichtung bezeichnen. Sie bringen die Frage, ob der Sabbat verlegbar ist. absichtlich oder unabsichllich, auf die Tagesordnung. Als entschiedenste Gegner des Sabvats müssen ferner diejenigen, die, wie die Vertreter des ״liberalen Judentums in Deutschland", den Sabbat erhalten zu wollen vorgeben, sogar die Erwerbsarbeit für verloren erklären, schliesslich aber erklären — anstatt für den Sabbat in seiner Reinheit und Heiligkeit zu kämpfen — es gehe auch so, man müsse den Sabbat aller Erschwerungen zeitgemätz entkleiden. Diese theoretischen Gegner können ihrer Ansfassung nur im offenen- Gegensatz gegen die Quelle, gegen die heilige Schrift vertreten. Ter Sabbat ist ausdrücklich und delillich angegeben. Er ist als Zeichen zwischen Gott und Israel. ״Damit ihr wisset, daß Ich, der Elvige, euch heilige." Er bezeugt in sinnfälliger Weise die lheozenirische Anschauung des Judentums, im Gegensatz zur anthropozentischen der übrigen Völker. Ter Sabbat geht von Gott aus und soll dem Menschen seine Stellung und seine Pflichten zeige». Indem wir den Sabbat hüten, bezeugen wir, dass wir Gott als Schöpfer anerkennen, da׳'. 'vir Gottes Diener sind, datz wir von der Erde und deren Darbietungen nur den Gebrauch machen dürfen, *׳.׳:! er uns gestattet. Nur lver de» Sabbat in allen seinen traditionellen Vorschriften einhält, gibt damit Zeugcnschaft für seinen Schöpfer. Wer ihn als blotzen Ruhetag ansieht, betrachtet das Judentum höch'iens als ethische Vorschrist. Wer also den Sabbat angreift, greift das innerste Wesen des Judentums an. Gerade weil heute der Erwerbsgedanke überwuchert, mutz der Jude sein Judentum besonders hüte». Je schwerer der Sabbat zu halten ist, desto nötiger ist er. Es genügt also nicht, den Sabbat selbst zu feiern, er mutz auch dazu mithelfen, dass andere ihn mitfciern können. Diejenigen, die schwach genug sind, selbst diese Pflicht nicht zu erfüllen, sollen ans Liebe zum angestammten Judentum, diese Kerntruppe, die Sabbatfeiernden fördern und ihnen die Erfüllung ihrer Pflicht leichter zu machen sich bestrebe». Alle, insbesondere die in einflussreichen gesellschaftlichen und öffentlichen Stellungcn, müssen bestrebt sein, gesetzliche Massnahmen zu fordern, die den Sabbatfeiernden die Qpfer erleichtern. Wer für die Erhaltung des Sabbats einsleht, steht ein für die Erhaltung, für die Zukunft des Judentum." Stürmischer, nicht endenwollender Beifall folgte den Worten des Redners. Der Vorsitzende dankte den Erschienenen, insbesondere den Herren Rabbinern, Kultusvorstehern, Professoren und anderen illustren Gästen und schließt mit dein Appell, die Worte des Referenten zu beherzigen und die Ziele des Vereines der Sabbatfreunde zu fördern. Nach Schluß der Versammlung kamen viele Teilnehme! derselben im Restaurant Pinkas «Hotel Neu׳ Norks zum Abendessen zusammen und besprachen .in gehobener Stimmung die beiden glänzenden Vortrüge des verehrten Gastes. Herr Wolf Pappenheim feierte den Gast und gab der Freude Ausdruck, datz ein wahr- Haft jüdischer Gedanke die sonst voneinander getrennte Gesellschaft einen könnte. Herr Bezirksrat Back dankt Herrn Rabbiner Dr. Klein für seine glänzenden, ans der innersten Ueberzeugung gesprochene» Worte, die auch Fernstehende dem alten Judentume zurückgewinnen können. Mit grosser Aufmerksamkeit und stürmischem Beifall wurden die Ausführungen des Herrn Tr. I. S. Bloch aufgenomme». Er rühmte die Gclehrsamkeit des Gastes, dessen Ausführungen eine Fülle von geistiger Anregung bot. ״Möge es den Vereinen, denen wir den Genuss danken, Herrn Dr. Klein bei n»S zu schen, gelingen, glänzende Erfolge zu erzielen." Tr. Reiniger wünscht in einem launigen Trinkspurch der gesamten jüdischen Fachpresse die glänzendste Entwicklung, weil die für ein gedeihliches öffentliches Leben Voraussetzung sei. Herr Sporer wünscht allen Jnititutionen, die der Vertiefung der Thora i» religiösem Sinne dienen, da» beste Gedeihen. Herr Felienburg feierte die Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit des Gastes. Herr Rabbiner Tr. Klein dankte für die vielen Ehren, die er als unverdient ablehnte und rühmte die Opferwilligkeit der bürgerlichen «nicht rabbinischen« Mitarbeiter. Herr Oberkantor Müller entzückte durch seine glänzenden musikalischen Vorträge die Gesell schaft. Es war schon Mitternacht längst vorüber, als sich die Gesellschaft in befriedigender Stimmung auflöste. .

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