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Jüdische Volksstimme · 1912-11-07 · Heft 31 (7.11.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 31 (7.11.1912)
Date
1912-11-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ,Züjnsche BottSstimme." R». 3b Nationale Organisation. Non B. Nippel, Czernowitz. Die Beantwortung Deiner zweiten Frage: ״Aus welche Weift Du Dich politisch betätigen, und welcher Partei Du beitreten sollst?" gestaltet sich weit schwieriger als jene der ersten Frage. Denn diese Frage, so harmlos sie auch klingt, verbirgt in sich eine Fülle von Erscheii'ungen, welche bei jedem einzelnen Menschen eigentümlich geartet sind, und sonach, in einen begrenzten Nahinen nicht eingefaßt werden könuen. Wie jemand seine Eigenschaft zum Ansdrucke bringen soll, kann ebensowenig präzisiert werden, wie wenn man einem Tonkünstler das Gefühl bezeichnen wollte, mit dein er sein Spiel zuni Vortrage bringen soll. Wie sich jemand einer idealen Betätigung zu befleißigen hat, — denn solche ist auch die politische Betätigung — das entspringt seiner eigenen Initiative, seinem Bedürfnisse, seiner Empfindung. Diese Eigenschäften eines Menschen sind׳ aber mannigfach und individuell geartet. Da mußt Du Dich schon Deinem eigenen Ich vertrauensvoll überlassen und Dienem — Selbst anvertraucn; dieses wird Dir die Art und Weise Deiner Wirksamkeit trefflich zeichnen. Deine Eignung und Leistungsfähigkeit dem Bedürfnisse Deiner Jndividualitat angemessen, mit staunenswerter Findigkeit zutage fördern wird. Es wird Dir das Licht Deines Bewußtseins, gleich der aufgehenden Sonne, allmählich immer Heller e!leuchten, und Dein Horizont wird immer eine erweiterte Ausbreitung erfahren. Um aber Deinem freundschaftlichen Wunsche in engem Nahmen einigermaßen Rechnung zu tragen, will ich Dir annähernd Andeutungen machen: Du mußt zunächst unbedingte Anhanglichkeit zu Deiner Partei und unerschütterliches Vertrauen sowie Gefolgschaft ihrer Leitung dekünden. Das ist aber noch nicht alles; denn die Partei benötigt zu ihrem Bestände nebst personlicher Unterstützung auch materieller Mittel. Es obliegt Dir daher, auch materiell Deine Parlei zu fordern und ihre Presse nach Kräften zu unterstützen. Du darfst nicht übersehen, daß die Presse heutzutage ein mächtiger Faktor ist, der seine Stimme sowohl innerhalb der Partei selbst wie auch nach außen hin erhebt, und die Interessen ihrer Mitglieder in jeder Beziehung wirksam wahrt. Wenn aD Dich der Nus ergeht, mußt Du Deiner Partei unbedingt und Vertrauensvoll Gefolgschaft leisten, alle Beschlüsse der Parteiführung genau und widerstandslos befolgen; selbst wenn.manches gegen Deinen Willen geschielst, Deiner Ansicht nicht entspricht, darfst Du nicht Widerstand leisten, weil Dir nicht alle Momente und Beweggründe bekannt sein können durch welche sich die Parteileitung zu dieser oder jener Maßnahme entschlossen hat. Auf alle Bewegungen in Deinem Parteilagcr und eventuell auch jene anderer Parteien — sofern Deine Parteileitung von denselben keine Kenntins hat — ebenso aus alle Vorfälle in Deiner Umgebung, die für Deine Partei von Bedeutung sein können, ist Deine Parteileitung aufmerksam zu machen. Du sollst also bei jeder Gelcgenheit und bei jedem Anlasse ein treuer Partcimann sein und in würdiger Weise Deinen Mann stellen, und auf diese Weise Dir selbst und Deiner Partei Vertrauen und Achtung eriverben. ״Welcher Partei Du beitreten sollst?", das kommt auf verschiedenerlei Gesichtspunkte an, von welchen Du Dich leiten läßt. In dieser Hinsicht tominen nämlich zwei Nichtungen in Bcrracht, deren Ziele aber säst die gleichen sind. Es bestehen vornehmlich nationale Parteien und wirlschaftlichc Parteien. Während die ersleren bei Wahrung der nationalen Interessen auch wirtschaftliche Politik betreiben, verfolgen letztere innerhalb ihres internationalen, Wirtschaft-!ichci Programmcs auch nationale Interessen. Denn in den letzten Jahren hat die Strömung in der nationalen Zugehörigkeit, das Bewußtsein der Nasscngemcinschaft derart überhand genontmen, daß selbst innerhalb der großen inkernationalen Wirtschaftspärteien sich nationale Fraktionen gebildet,-die ihre nationalen Interessen in eigene Hände genominen haben. Auch in diesem Belange wird Dich meine Antwort kann: befriedigen, da ich Dir nur Andeutungen machen kann; alles weitere aber Dir und Deiner Überzcugung überlassen muß. Naturgemäß wirst Du Dich einer Partei anschließen, in welcher Du gleicher Gesinnung begegneil, einer Partei beitreten, deren Ängehörige mit Dir brüderlich empfinden. Du wirst jener Partei angehören, zu welcher Du Verkrauen hast, der du mit Ruhe die Wahrnehnlung Deiner Interessen in jeder Beziehung überlassen kannst, der Du aber auch ungezwungen und aus freier Überzeugung willige Gefolgschüft leisten wirst und der Du endlich auch Leine nwralische wie materielle Hilfe opferwillig zur Verfügung stellen kannst. Und nun obliegt Dir die Pflicht zur Wahl. Der Zusammenbruch der Türkei und der Zionismus. Der Tragödie letzter Akt hat begonnen. Die.Türken haben, wie die Dinge nun liegen, wohl ausgeipren, unü werden, wenn auch ^1ege die taruiirophalen Niederlagen der letzlen Lage wemilacyen sollten, genug an Prestige eingeoutzt haben, genug deutlich ihre mil1tari;a,e Ohnmacyt und Zersayrenheit bewiesen haben, uiii noch irgendwie als maßgebender Faktor in europastchen Angelegenheiten gelten zu tonnen. Wenigstens nicht in absehbarer Zeit. Geschwächt durch oen, ein volles Jahr dauernden Kamps Niit Italien, zerrüttet im Innern, entblößt aller Hilfe von außen, ist die Widerstaildstraft der Lurtei gebrochen. Früher oder spater mutzte daher der nwrsche Bau zusammenürechen, mit unerbittlicher Notwendigreit sich das Gesetz des Werdens und Vergehens auch an dem swlzen, weiten Osmanischen Reiche erfüllen. Der feige Aiifall von vier Seiten hat nur beschleunigt, was koiiiiiien mußte: den Zerfall der türkischen Macht. Man muß zugeben, schnell genug ist es geschehen. Überraschend schnell. Kaum drei Wochen 1>nd es her, da würben die offiziösen Skaten zwischen den Mächten gewechselt: diverse Gemeinplätze gereizten und gereizteren Tones als diplomatisches Produkt stundenlanger Ministerrats- und sonstiger Sitzungen. Die Friedensbeinühungen der Mächte scheiterten und da nun die Entscheidung der Kriegstüchtigkeit und dem Kriegsglücke überlassen wurde, einigte sich die Diplomatie auf die Formel: Aufrechthaltung des Status quo ohne Rücksicht auf Sieg oder Niederlage der türkischen Truppen. Das alles, uni Machtverschiebungen auf dem Balkan hintanzuhalten, die zu Komplikationen führen könnten und so eine Gefahr für den europäischen Frieden wären. Und heute, nach kaum wenigen Tagen, stehen wir bereits vor einem fait accompli, welches die diplomatische Formel über den Haufen wirst: dem Zusammenbruch der Türkei. Wenigstciis insoweit sie europäisch ist. Die türkische Armee ist aufs Haupt geschlagen, in kopfloser Flucht und in Auflösung begriffen und die Türkei den von allen Seiten vordringenden verbündeten Balkanmächten wehrlos preisgegeben. Die einst so mächtige Türkei, die durch Jahrzehnte der Schrecken der Völker war, die dann in die Defensive gedrängt, ein halbes Jahrtausend allen Angriffen auf ihren Bestand getrotzt hatte, ist in wenigen Tagen niedergerungen worden. Mit dieser veränderten Lage muß auch der Zionismus insoweit er palästinensisch ist, unbedingt rechnen. Ist es doch kein Zweifel״ daß die unheilvollen Folgen der türkischen Niederlage den asiatischen Teil des Osmanischen Reiches in pnglcich größerem Matze treffen wird, als den europäischen Teil. Ist der asiatische Teil auch nicht unmittelbar den Wirkungen und Ver- Heerungen des-Krieges archgesetzt, so sind doch die Folgen dort ümsö furchtbarer. Sticht zuletzt wegen des großen Prozentsatzes der nichtmohaminedänischen Bevölkerung .der asiatischen Türkei, die bisher nur mit dem Aufgebot aller Macht in Schach gehalten werden konnte. Im europäischen Teile des Osmanischen Reiches lag auch dessen Stärke. In Konstantinopel konzentrierte es seine Gewalt, von hier aus wurden alle Teile des weiten Reiches beherrscht. Und die Regierung verstand es auch, von hier aus die Separierungs- und Selbständigteitsbestrebungen, die meist von den Franzosen oder Engländern inspiriert und unterstützt wurden, nieöerzuhalten oder noch rechtzeitig zu unterdrücken. Heute aber ist die europäische Türkei, der Schwerpunkt der türkischen Macht, im Besitze der verbündeten Balkanminiaturmächte, und es erscheint daher ziemilch problematisch, ob die türkische Regierung sich aus dem Kriege noch so viel Ansehen, Autorität und Macht wird herausgerettet haben, um mit Erfolg erneute Selbstänüigkeitsbestrebungen der Armeniers Griechen, Kurden, Syrier und last not least Araber hintanzuhalten und den Einflüssen Englands und Frankreichs energischen und erfolgreichen Widersrand entgegenzusetzen. Stach diesen -Niederlagen, nach Äirkkilisse,. Kumanovo und Adrianopel erscheint das als ausgeschlossen. Umsomehr als nach der bisherigen Entwicklung der Dinge am Kriegsschauplätze weitere türkische Mißerfolge und daher auch eine weitere Schwächung der Türkei zu erwarten steht. So ist denn ein blutiger Bürgerkrieg als nächste Folge der letzten Ereignisse fast mit Sicherheit zu gewärtigen. Und der Schauplatz dieses Bürgerkrieges wird gerade der asiatische Teil der Türkei sein. Dazu gehört auch Palästina. Unter solchen Auspizien wird die Psorte nach Beendigung des Krieges an die Arbeit gehen müssen. Wenn der äußere Frieden geschloffen sein wird, wird innerer Krieg das Land aufwühlen und ihm neue unheilvolle Wunden schlagen. Da setzt für den Zioinsmus die Frage ein: Was nun? Die zionistische Partei hat bisher immer ihre jeweilige Taktik, den gerade Herrschenden' Strömungen oder Regierungsformen in der Türkei angepaßt. Die Frage der zionistisehen Taktik in Bezug auf die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina ist wieder aktuell geworden, angesichts der Zertrümmerung des türkischen Reiches. Daran ändert nichts das Faktum, daß die führenden zionistischen Blätter eine abwartende Haltung einnehmen und sich zu den Eventualitäten, die sich als nächste Konsequenz der Vorgänge auf dem Balkan ergeben könnten, gründlich ausschweigen. Die Erörterung wird dadurch wohl verzögert, aber nicht gegenstandslos. Umsomehr als uns nur noch wenige Monate vom Zionistenkongreffe trennen. Die Umwälzungen in der Türkei müffen und werden dann ihren Niederschlag in einer Revision des zionistischen Programms finden. Wien, 1. November 1912. A. E. R—r. Eine Rechnung ohne den Wirt. Ein Beitrag zur Besprechung des Verfalles der mährischen Kultusgemeinden. (Schluß.) Und meine Stellungnahme zu den übrigen Vorschlägen des ehrwürdigen Herrn Kollegen? Vom rein theoretischen Standpunkte aus beurteilt, sind sie durchwegs logisch richtig gedacht. Sind sie aber auch praktisch durchführbar? Bei deren Lektüre, ,mußte ich unwillkürlich an eine rabbinische Allegorie denken, in welcher einer Dame die Hauptrolle übertragen ist. Vor Entstehung des Christentum war die Judäisierung als Effekt der Übertragmig der Bibel ins Grie- Mährisch - schlesische Bank Brünn. Telephon Wr. 350, Direktion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. *erzinst EINLAGEN gegen Büchel und in laufender Rechnung mit 41-1° י1יי gebundene Einlagen laut Übereinjcommen. Bankgeschähe aller Art, Börsen-u.W^ghsljergeschäfte.

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