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Jüdische Volksstimme · 1912-10-31 · Heft 30 (31.10.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 30 (31.10.1912)
Date
1912-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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*Sawföfc KWttimt** ■ *.ul -.. .— «ewS. worden Ware. Man bedenke nur, daß bei all den^ daß die einzelnen Vereine und Vertrauensmann neu in ihrer zionistischen Arbeit-einzig und allein auf sich selbst angewiesen sind und von der Lan-i deszentrale durch keinerlei Vorträge, Agitationsreden usw., unterstützt werden, Kröatien-Slavonien demnach auf den bisherigen Kongressen mit 2 Delegierten vertreten war, also zumindest 400 Schekelzahler' besitzt und schließe darnach was hier noch zu leisten und welcher Erfolg zu erzielen wäre. Was jedoch hauptsächlich bei uns vernachläffigt wurde, das' ist H e r z l s Forderung: ״Rückkehr zum Judeutume vor der Rückkehr ins Judenland" zu beherzigen. ״W'odom ajin la'- awod eth haodomoh!" Man hat es verabsäumt, den Boden bei uns zu bearbeiten und empfangsfähig für den Zionsgedanken zu machen. Man braucht wahrhaftig nicht erst Misrachist zu sein, um den nationalen Charakter unserer Religion mit all ihren Satzungen und Bräuchen klar zu erkennen und ihr die größtmöglichste Werbekraft für den Zionismus zuzuerkennen und selbst Moses H e ß, der Vorläufer Herzels — Wohl über jeden Zweifel erhaben Misrachist gewesen zu sein — schreibt im 7. Briefe seines ״Rom und Jerusalem": ״Ich kenne nur eine jüdische Genosienschüft, die uralte Synagoge, die glücklicher Weise noch besteht und noch so lange fortbestehen wird bis die nationale Wiedergeburt des Judentums vollendet ist." Kroatien mit seiner jungen jüdischen Bevölkerung ist eigentlich ein Land mit nur sehr geringen religiösen Traditionen und hier hat die religiöse Reform, die dem assimilatorischen Bestrebungen des vergangenen Jahrhunderts ihr Entstehen und ihre Verbreitung verdankt, die aber das Judentum entmannt und entkräftet, entnationalisiert und entjudet hat, am leichtesten Eingang gefunden, so doß der jüdische Gedanke hier nur in einem gewissen Unterbewußtsein gelebt hat und zum Teile auch noch lebt. Da liegt m. h. der wunde Punkt, woran der Zionismus in Kroatien am meisten krankt und hier hätte vor allem Hand angelegt werden müsien. Wir müsien zu allererst die geeignete Plattform für den Zionismus schaffen, müssen pflügen und eggen, Mm die zionistische Saat ausstreuen zu können, vom üppig wuchernden Unkraut vorerst den Boden befreien, auf dem das in die Tiefe gesenkte Samenkorn in die Halme schießen und zur herrlichen Frucht sich entwickeln soll! Drum fort vor allem mit all der seichten, flach nivellierenden Reform dem Krebsschaden am Körper des Judentums, den wir als Erbe aus dem vorigen Jahrhundert herübergenommen haben! Drum auf, zum Kampfe gegen Reform und Entjudung in Schule, Haus und Synagoge! Wir haben schwere Arbeit und müssen von vorne beginnen. Die deutschen Zionisten haben dies schon längst erkannt, drum finden wir sie auch in dem Kampfe der Gesetzestreuen gegen Liberale stets auf seiten der elfteren überall dort, wo es gilt, das Judentum mit seinen traditionellen Gebräuchen gegen liberalreformistische An- und Eingriffe zu verteidigen. Unsere Agramer Gesinnungsgenosien, die nun in verhältnismäßig ansehnlicher Zahl ihren Einzug in die Kahalstube gehalten haben, würden.sich ein großes Verdienst um die zionistische Sache in Kroatien erwerben, wenn sie hier die Axt. anlegen und eine Bresche legen würden in die reformistisch-assimilatorische Hochflut des Agramer Gemeindelebens, den dies wäre richtunggebend für das ganze Land. Aber auch den aktiven Mitgliedern und alten Herren der Bar-Giora, sowie allen bewußt jüdiichen Zochschülern. die ja schon vermöge und infolge ihrer Intelligenz und ihrer zukünftigen Stellung in der Gemeinde bei'vielqebend zu wirken berufen sind, harret diese ickiöne Aufgabe, die wahrlich des Schweißes der Edlen würdig ist. Ich glaube, diese kurze Betrachtung nicht würdiger schließen zu sollen, als mit.den Morten Heß': ״Kein altehrwürdiaer Gebrauch sollte mir abqeschafft. kein hebräisches Gebet verstümmelt oder nur in deutscher (kroatischer) Ueberleßung voraetragen werden, kein Felltaq, kein Sabbat verkürzt oder auf einen christlichen verlegt werden. Vorbeter und Sänaer sollen mir keine seelenlose Instrumente sein, ich würde vielmehr stxena darauf achten, daß die Gebete und Gesänae von frommen Männern und Knaben vorgetraaen würden, die nicht nur den Ansvrüchen der Kunst, sondern auch der Religion genügten. Das Bethaus ist kein Theater und die Vorsänger, wie die Predj^er sollen etwas anderes, als gut ,Komödianten sein. — Was nicht aus dem Her- .zen stammt, kann nicht zu Herzen gehen, —Die Gebete, Gesänge und Predigten solcher) die un- ^eren heiligest'Nationalkultus für eine veraltete ,Institution halten, können nicht erbauen. Daruvar, Dr. Moritz Frankfurter, - Bezirksrabbiner. Eine Pechrwng ohne den Wirt. Ein Beitrag zur Besprechung des Verfalles der mährischen Kultusgemeinden. Don Dr. D. W o l f f s o h n. Der /Damenartikel ״Cherchez la femme" (Nr. ,30 des gesch. Blattes) hat einen Bewunderer Desselben in der darauffolgenden Zeitungsnummer veranlaßt, therapeutische Heilmittel gegen 'die beklagenswerte Gemeindeschwindsucht vorzüschlagen. Die Bestallung von Profoßen zur Ilebetwachung der täglichen Frequenz der Synagogenandacht wäre seiner Meinung nach ein wundtrwirkendes Serum gegen das überhandnehmende Siechtuin unserer Kultusgemeinden. Ist es nicht auffallend, daß er ungeachtet der rückhaltlosen Anerkennung, der geistvollen Ansichten, die,in dem Artikel ״Cherchez la femme" enthalten sind, sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht einen diametral entgegengesetzten Standpunkt zu deren Autrix einnimmt? Wenn von Tischnotpitz aus ein Bath Kol in die Oeffentlichkeit mit' der dezidierten Erklärung, daß die Lithyrgie nicht der Tragpfeiler des Mosaismus sei, so sind das goldene Worte, die ich ohne Bedenken unterschreibe. Und im Gegensätze dazu empfiehlt ihr Lobredner eine erzwungene Tempelandacht, als Kraftpastille, die allein die Religion vom sicheren Untergange retten kann. Aus dem Tenor besagter therapeutischer Prophylaxis zu schließen, floß der oppositionelle Artikel aus der Feder eines Mannes meiner Gilde.* Als Rabbiner aber weiß er so gut wie ich, daß unsere Gebete als Ersatz für den außer Brauch gesetzten Opferkultus eingeführt wurden. תם־לה במקום קרבן תקנו Welches war aber das Hauptpostulat für ein gottgefälliges Opfer? Freiwilligkeit! .לרצון לפני ה׳׳-*><זי> לרצונכם תזבחו Und wenn Fräulein Jeanette Bauer in positiver Hinsicht den Schwerpunkt des Judentums auf die religiöse Erziehung der Jugend verlegt wissen will, so schlägt sie auch hierbei eine Richtung ein, die der Pentateuch vor ihr geebnet. Das aus Aegypten ausgezogene Sklavenvolk, das nur zu oft die Geißel des Treibers gekostet, hatte keinen gesunden Magen, der Milch und Honig, den in Freiheit eingeheimsten Ertrag des gelobten Landes Verträge. Erst die nachwachsende Generation, die unter dem Wetterwechsel der herrenlosen Wüste ihren Willen gestählt, war für die Berufenheit des Weltpriestertums geeignet. Der Herr Kollege möge es mir verzeihen, wenn ich hier meinem Zweifel an der Eignung des gegenwärtigen Geschlechtes für unsere wahre Berufenheit ausspreche. Bei der sinaitischen Offenbarung wurde uns das Amt des Weltpriesters übertragen. Ein Weltpriester soll aber frei sein: er soll sich vor keiner fremden Macht bücken. Selbst der Zeitströmung muß er Widerstand leisten, so diese eine Richtung eingeschlagen, die abseits der ihm vorgezeichneten Bahn liegt. Ich frage nun allen Ernstes: Sind wir, die Nachkommen derer, die Aegyptens Sklavenjoch abgeschüttelt, wirklich frei? Ich fürchte nicht, widersprachen zu werden, wenn ich behaupte, die überwiegende Mehrzahl des gegenwärtigen Geschlechtes trägt das Sklavenjoch der Assimilation. Selbst unsere öffentlichen Andachten — gleichviel ob sie durch einen Walzer oder eine Polka, durch Choral oder anderem Singsang verschönert oder gehoben sind — sind Nachäffungen. Noch zu Adereth' Zeit war ein durch Melodien ״gehobenes" Beten völlig unbekannt (siehe dessen Responsen, verp. 216) die Kirche war und ist es, die durch Einwirkung auf die Sinne ihre Besucher andächtig stimmen will. Das Judentum hingegen mag nur ein Beten aus Pflichtgefühl: vop innen muß der Antrieb dazu gegeben sein. Und wer möchte wohl der öffentlichen Andacht an Werktagen, die mit Siebenmeilenschuhen abgehalten werden, das Wort sprechen? Wenn Fräulein Bauer in der Suche nach dem Weibe, mit der Behauptung herausrückt, ״ein schön geleiteter Gottesdienst inacht das Judentum nicht aus," so sind das Worte im Geiste und Sinne unserer alten Propheten gesprochen. Seine eigene Frage, ob denn Gott an Opfern Gefallen habe, beantwortet der Prophet Micha mit den Worten: ״Was fordert der Ewige von dir, als: Auf Recht halten, Liebe üben und demütig wandle vor deinem Gon." Und daß diese drei Postulate nach Talmud Makkot 24 a den Inhalt aller Gebete ausmachen, brauche ich Wohl dem Herrn Einsender des Artikels in Nr. 37, in dem ich einen Berufsgenossen vermute, nicht wohl zu sagen. Ohne Bedenken pflichte ich allerdings der Ansicht bei, daß öffentliche Andachten zu den notwendigen Einrichtungen einer Kultusgemeinde gehören. Im gerneinsamen Bethause finderr wir uns zusammen, um gemeinsam von Gott das zu erflehen, was wir ohne seinen Beistand nicht erlange!׳ki'nnen, wie Leben. Gesundheit, Nahruw ין׳ ioniit bedeutet die gemeinsame Lindacht . öffentliche Manifestation unseres Glaubens an Die göttliche Providenz. Aber eben gerade deshalb muß sie freiwillig und nicht zwangsweise verrichtet werden. Tank dem Hirnmel, liegt Glaubenszwang noch immer außerhalb unseres Assimilationsgelüstes. (Schluß folgt.) *) Ter Herr Einsender befindet sich im Irrtum. Tie Redaktion. Brief aus Czernowitz. Am 12. Oktober veranstaltete die Organisation ״B'nei-Zion" im ötommis- und B»chhaltervereins>aale eine große jüdische Matinee. Ter derzeitige Senior A. Türner vegrugte in einer warmen Aniprache die zahlreich erschienenen Tarnen und Herren, wie» aus oie Bedeutung der Organisation hin und zeigte, das; oieselbe die Vorschule für das weitere Leven sei. A. H. Benno Haukel brachte in gewohnter und trefflicher Weise einige Lieder zum Vorträge. Großen Beifall erntete er mit seinem ״Ewigen Huden" und mit oem herzerschütternden Liede ״ktischinew". Die jtlavieroegleitung besorgte in vortrefflicher Weise Herr Uarl 'Jt e jr e l. Es folgte nach einer kurzen Pause ein Vortrag von A. H. Majer Reiser, betitelt ״Israel im Wandel der Zeiten". Der Redner ging von der Enlwicklung der Gesellschaft aus, kam auf die allen Uultur- Völker zu sprechen und zeigte an der Hand historischer Quellen, wie das hebräische Volk voil seinen Uransängen bis aus den heutigen Tag eine Sonderstellung einnahm und einnim.nt. Im weiteren Verlause seines Vortrages kam Redner aus das Goluth zu sprechen, verwies aus die zioeite Periode der geistigen Produktion des jüdischen Volkes, aus die neuhevräijche Literatur, aus das wunderbare Toppelleven der Huden, aus ihre Ztnechtschast und auf ihren Tenkersiolz. Auch die Assimilation streifte der Vortragende, besprach die Seelenabenteuerlujr, die zentrisngalen Uräste der damaligen Huden, die zwingende Gewalt »ach Brot und die Begründung der neuen Weltanschauung — des SozialismuS durch den jüdischen Geist. Auch die Literatur des Goluth charakterisierte der Vortragende und ivies nach, ivie die Huden an jeder Geisieörichlung in allen Zeilen regen Anteil nahmen. Das Wesen des Zioniomus, seine Ziele und Ideale, seine praktische Palästinaarveit, die Schöpfungen aus allen Gebieten in dem letzten Hahrzehnt beleuchtete der Redner in durchaus sachlicher Weise. Er zeigte, wie im ganzen Organismus des jiidischeu Volkes sich eine Renaissance bemerkbar macht und schloß den mit Beifall ausgcnomincnen Vortrag mit folgenden Worten: ״Rennzehn Hahrhunderte versanken soeben im Strome der Zeiten. Welch gewaltige Gejralten welch historische Gebilde, tvelch Riesenvölker und Riesenwerke hat diese ungeheure Wasjerwüsie geboren und verschlungen? Rur ein Monument steht noch unberührt da, wie der jahrlausend alte Sphinx bis zur Hälfte im Wüstcnsande vergraben unwandelbar im Wechsel der Zeiten — die traurige Ruine Zions, die ihren Schatten mahnend und drohend über das juoische Volk wirst und von deren Trümmern der strafende Gottesspruch sagt: dies Geschlecht lvird nicht vergehen bis alles geschieht." Ten deklamatorischen Teil besorgten die Herren Grohs und G d in vortrefflicher Weise. Besonders erntete ersterer Z-c seinen Vortrag einen stürmischen Applans .Auch Äb. Landes wie auch Herr Reitel ernteten für ihre musikalische» Vorträge reichen Belials. Um!> Uhr abends fand im Hotel Zentral ein Fejtkommers anläßlich des zehnsemejtrigen Bestandes der ״B'nei-Zion" statt. Alle Organisationen schickten ihre Vertreter zu dieser erbaulichen Feier. Tie Provinzstädle Sereth, Radautz und Sndagora entsandten ebenfalls Vertreter. Rachdem der Senior die Gäste aufs herzlichste begrüßte übergab er dem Gründungssenior

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