Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1912-10-31 · Heft 30 (31.10.1912) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 30 (31.10.1912)
Date
1912-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621807-2621837--1781-2622848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2. 3tu SO ׳ ".Jüdische BolkSstimme״ , allenthalben und bei jeden! Anlasse zur Geltung wirtschaftlichen Existenzen kommt. Sie dient ebenso zur Erlangung von Vorteilen mannigfacher Art, und kommt in den höchsten Gesellschaftsklassen nicht minder jedoch aber wie in den aller untersten VoWschichten zum Vorscheine. Durch die Protektion werden heutzutage vielerlei Begünstigungen gewährt, aber auch mannigfache Nachteile abgewehrt, so daß sie in verschidenerlci Form zur Anwendung kommt. Die Protektion wird aber grenzenlos gebraucht, und überboten. In vielen Fällen stehen sich. Konkurrenten auf der Wagschaale gegenüber und zappeln nach dem Uebergewicht. Bei derlei Gelegenheit tritt in der Regel die Partei in den Vordergrund. Sie steht ihrem Angehörigen hilfreich zur Seite, indem sie entweder zur Erlangung seines Vorteils oder zur Abwehr seines Nachteiles eintritt. Bei der Partei kommt es aber wieder auf ihre Stärke, auf ihre Organisation an. Denn naturgemäß wird eine festgefügte, aus zahlreichen Mitgliedern vereinigte Partei bei ihren Anforderungen an kompetenter Stelle zumeist weitgehendere Berücksichtigung finden, als eine kleinere, gelockerte Partei, oder gar als eine einzelne Person. Wenn jemand sonach in wirtschaftlicher Bezichung seine Anforderungen stellt oder gar eine Begünstigung beansprucht, für die keine Regel besteht, wird gleich die Zugehörigkeit zu der einen oder der anderen Partei und deren Unterstützung!naßgebend und danach wird auch der Erfolg bemessen. Im vorstehenden habe ich Dir einige Andeutungen gemacht. Ich könnte Dir, lieber Freund, zahlreiche Argumente in wirtschaftlicher, religiöser und gesellschaftlicher Beziehung anführen, welche Dir die Nützlichkeit und Notwendigkcit Deiner politischen Betätigung und Deiner Parteizugehörigkeit dartun sollen. Allein, ich bin der festen Ueberzeugung, daß sic alle bei Deincr scharfsinnigen Auffassung, Deiner klugen Einsicht und Ueberlegung überflüssig sind, zumal Du mich schon sicherlich zur Genüge verstanden hast. Wer im gegenwärtigen Zeitalter der Politik fernsteht und noch parteilos ist, gleicht einem kleinen, von einer Kette losgelösten eisernen Ringlein, welches sich auf dem Mist herumgelvälzt, verrostet, ohne daß cs sich der Mühe lohnt, es aufzuhebcn. Der Parteimann aber gleicht icn'em ebensolchen Ringlein, das nicht größer als jenes, mit noch unzähligen gleichen Ringlein in einem großen, ausgebreiteten Netz eingeschmiedct ist, welches allem Unbill standhalten kann. Von den Sonnensttahlen getroffen, blinkt es ״Komm jetzt mit mir, wirst Du bald alles wissen." Er faßt ihre Hand an und zieht sie mit sich fort. Worttos folgt sie ihm überallhin durch die dunkelnden Alleen, in denen trübe Laternen brennen, zu den! großen, freien Rondeau, wo tagsüber Kinder spielen, und durch das kleine Psörtchen hinaus zu dem umzäumten, abgeschiedenen Partteil, wo in einer!)tische das erzerne Standbild, der heiligen Mutter Gottes mit dem unsäglich leidensvollen Antlitz aufgestellt ist. Da bleibt er stehen. Und während seine Hand nach seinen! Hute langt, ihn voll stummer Andacht von seinem Kopfe herabzieht, geht ein Leuchten wie ein Triumpf durch seine Augen und plötzlich fällt er nieder auf die Kniee und sagt im gepreßten Tone, in dem aber doch ein unterdrückter, kaum merklicher Jubel schwingt: ״Seit heute Mittag-nur Dir gleich zu sein-״ Sie steht neben ihn!, regungslos, als wäre das Leben von ihr gewichen und sieht ihn mit großen, entsetzten Augen an. Das will ihr nicht eingehen, was er da inacht. Ettvas ist in ihr, das sich wehrt. Aber langsam kommt so ein dumpfes Begreifen über sie und sie fühlt wie es in ihr ruhig wird, die Starre weicht und eine wohlige Mattigkeit sich anschmiegt an sie. schon von weiten!, wie wenn es zu einem Stück zusainmcngeschmolzen wäre. Wird aber hingegen ein einziges Ringlein an dem Netz berührt oder angeschlagen, gerät das ganze Netz in Schwingung, — doch ich bin von meiner eigentlichen Antwort abgewichen. Diese soll nun aber kurz lauten: In Deinem eigenen, urnotwendigsten Jntercsie, im Jntereffe Deiner Wirtschaftlicheid Existenz und zu Deinem besieren Fortkommens in sozialer, religiöser und gesellschaftlicher Bezichung mußt Du Dich politisch betätigen, und einer Partei angehören. Deine zweite Frage: wie diese Tätigkeit sein soll und welcher Partei Du Dich anschließen sollst, will ich Dir in einen! zweiten Briefe deinnächst beantworten. Mit treu-jüdischem Gruße Israel. Der Zionismus in Kroatien. Es mag Manchem vielleicht auffällig erscheinen, daß der zionistische Gedanke bei uns, in unserem südslavischen Lande — ich habe hier speziell Kroatien-Slavonien, mit seinen vor 10 Jahren noch fast vollkommen assimilierten oder zuinindest indifferenten Juden im Auge — Der־ hältnismäßig rasch Verbreitung gefunden hat, während in Ungarn, unsere!n Schwesterlande init seinem zun! größten Teile noch im Gedanken an Zion fußenden, im Kampfe gegen Entjudung und Assimilation erzogenen Juden nur sehr schwer und langsam Fuß zu fassen imstande war. In der Tat, nimmt man den Spendenausweis des Nationalfondes als Maßstab für die Ausbreitung der Zionsidee an, so läßt sich alleroings nicht leugnen, daß by: Vergleich zu unseren Gunsten ausfällt, daß wir mit unseren 25.000 Juden verhältnismäßig viel mehr für ven Zionismus geleistet haben und auch leisten, als Ungarn mit seinen! circa 800.000 jüdischen Bewohnern. Für den Zionisinus allerdings — aber nicht für den Zionsgedanken, für die ziomstische Idee —l Die Propaganda, die Spendensammlung für den jüü>,^en Nationalfond ist gewiß viel und trägt auch sicherlich zur Verbreitung unseres gutjüdischen Ideals gar manches bei — es ist jedoch bei weitem nicht alles und darin allein kann und darf sich unsere Aufgabe nicht erschöpfen! Gar mancher spendet für den I. N. F. ohne überhaupt an Zion zu denken, und der Erfolg einer Sammlung hängt hauptsächlich von der Ausdauer des Sannnlers, von dem Ansehen, das zufällig der Vertrauensinann im seinem Orte Und ihr Auge schaut nicht mehr entsetzt, auf seine kniende Gestalt, nur milde, fast wehmütig. Und ihre Stimme ist nicht kalt, trocken, nur traurig, als sie sagt: ״So haben wir uns nie verstanden. Ich mich tief in Dir getäuscht. Gewiß, diese Prozedur wird Dich mir niemals gleich machen." Und ein ironisches, welkes Lächeln haucht wie ein Schatten über ihr Gesicht. Dann nach einer Weile: ״So, da hast Du meine Hand zum Abschied. Du könntest auch mir einmal untreu werden. Vor diesem Schmerz will ich meine Seele bewahren. Die erste Enttäuschung wird sie überwinden, bei der zweiten könnte sie zusammenbrechen. Das will ich nicht. So... Da hast Du meine Hand!" Sie hält sie ihm hin und sieht über ihn hinweg n!it müden Augen. Die Worte hat sie tonlos hergesagt, völlig resigngiert, nur zum Schluß hat ihre Stimme gezittert. Und er hat plötzlich ihre Hand an sich gerissen so kräftig, daß sie einen Schmerzlaut ausstieß und bedeckt sie init Küssen und Tränen. Sie aber steht hochaufgerichtet neben ihm, stumm und regungslos, läßt ihm ruhig ge־, währen, nur um ihre Lippen zuckt es von Zeit! zu Zeit und ihre Augen sind fest geschloßen. I genießt und noch vielen anderen Umständen ab, unv nur fetten!!! es wahrhafte.Begeisterung für 0M Zionismus uns ferne tzehreü Z!e!e, v!e oen!Aenoer dazu beweg!;, wofür ja me minimale ij»or!r der Sewswegeuerung m oen Spenüen-; avsweijen zur Genüge zeug!. Der Zionismus veroankt in Kroatien sein Enttiehen sowohl, als auch seine Verbreitung lener oegeifrerren juoiscyen smoierenven Jugenv, Weiche zu ismbe derachtziger, Anfang oer neun- Ziger Jahre des vorigen JährhunberiS in Wien, oer Wiege bes polnischen Zionismus, vom Banlerotte oer Assiimianon angeerett, dem!)rationaljuoentum sich zugewendet; Die an der ideacen Große unseres unvergetzliihen Herzt zu einer smulhen Hohe sich emporzuranren oas. Gluck hatten und oie dann als Apostel der jüdischen Renaissanze zuruck ins Land kamen. Als erster Rieoerschlag dieser ihrer Begeisterung für das Juoentum!st die Entstehung der ״Bar Giora", , Vereinigung jüdischer Hochschüler aus den süoslavischen Landern in Wien, selbst zu betrachten, (.deren segensreiches Wirten den Lesern dieses Vlattes zur Genüge bekannt ist, als daß ich es hier erst hervorzuheben brauchte^. Im Lande selbst wurden teils auf Anregung, teils unter Mitwirken dieser Herren nach und nach verschiedene zionistische Vereine gegründet. In Esseg entstand der zionistische Verein ״Theodar Herzl", deren Gründer und Mitglieder wirklich harte Arbeit zu verrichten hatten, ehe sie ihn auf jene Höhe zu bringen vermochten, auf der er noch vor kurzem stand; der Verein war Sammelstelle des I.!)i. F. und eine Zeit lang Herausgeber der yon unserem hochverdienten Gg. Dr. A. Lichtin Agram begründeten, ״Zidovsta smotra". In Vinkovci wurde der Verein ״Zion" gegründet, Viroitica: der jüdisch-wisienschaftiche Verein ״Zerubabel", dessen Begründer und Leiter unser rühmlichstbekannte Gg. Dr. H. E. Kaufmann ist, Brodasy: ״Juda Halewi", Semlin: ״Jüdische Lesehalle und Bibliothek", Agram: ״Judäa" und ״Achdus"; ja auch ein zionistischer Mädchenverein, der eine Zeit lang unter - bem> Namen ״Sulamith," . in.Djakovar existierte,!st zu verzeichnen. Ein großer Teil dieser Vereine — so weit sie überhaupt noch bestehen — führt nur noch eine Scheinexistenz, deren Hauptleistung im Einheben der Vereinsbeitrüge und Absammeln der Schekel besteht. Eigentliche zionistische Arbeit wird heute bei uns fast nichts geleistet! Der Zionismus ist — kann man sagen — in Kroatien-Slavonien mehr in die Breite als in die Tiefe gegangen und darum ist er auch— gewiß, es gibt zahlreiche Ausnamen— im Ganzen genommen, auf der Oberfläche geblieben und nicht ins Allgemeinbewußtsein der breiten Schichten der kroatischen Judenheit übergegangen. Während in Ungarn durch die heftige Fehde der Orthodoxen und Neologen der Parteienkampf alle Kraft absorbiert und den Einheitsgedanken, der im Zionismus liegt, nicht zum Durchbruche gelangen läßt; während auf der einen Seite die Assimilation ihre herrlichsten Blüten treibt und Persönlichkeiten a la Julius Kovacs, recte Straßer züchtet, die i!n Uebermagyarismus groß tun und deshalb von vornherein dem Zionismus feindlich gegenüberstehen, sind die anderen seine Gegner, weil sie ihm gestreichelnd die Eigenschaften der zur Asche verbrannten roten Kuh (Parah-adimah) andichten und der Ansicht huldigen, daß der Zionismus, dieser Asche gleich, die Unreinen wohl reinigt, die Irreligiösen also dem Judentum zuführt, die Reinen jedoch verunreinigt und dem religiösen Judentum entfremdet. Während also Chauvinismus einerseits und religiöser Parteikampf andererseits die Haupthindernisse für die Entwicklung des Zionismus bilden, waren hier bei uns, schon infolge der intensiv ausgebildeten nationalen Anschauungen der Serben und Kroaten, alle , Vorbedingungen zur schönsten Entfaltung des l zionistischen Gedankens gegeben. Der Erfolg hätte auch m. h. den Voraussetzungen entsprochen, wenn richtigeintensive Arbeit geleistet Mährisch-sdüesisdie Bank Brünn. Telephon Nr. SSO, Direktion. Ferdinandsgasse Nf. 29 Telephon Hr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen /II 01 gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Büchel und in laufender Rechnung mit T* |2 (0 geschähe aller Art, ßörsen-u.Wechslergeschäfte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.