Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 30 (31.10.1912)
- Date
- 1912-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Xill|t. Jahrg. Nummer 30 Erscheint jeden Donnerstag. Bezugspreise Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen 62־Q ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig ....... Mark 10 — Rußland, ganzjährig . .׳.. . Rubel 8׳b0 Balkan, Frankreich ..... - . Franks 12׳— Einzelne Skimmer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die k spaltige Petitzeile 30 h. L u hhändlerische Vertretung: Otto Klemm» Leipzig ^Postspa kassakonto Nr. 312.842. Geschäftsstelle, Wien: I., Rotenturmftraße Nr. 3t. Teltpqon 3000/Vlll. Sprechstunden von 10—12 Uhr ünrer:a!,gteredaktumells Beiträge werden nicht honoriert Manuskripten ist Rurkpvrto beizusügen. Brünn—Budapest Wie« 31. Ctlokr 1912. ' 20. LH-Ichwa» 5673 Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: B. Nippel, Czernowitz: Nationale Organisation. — Dr. M. Frankfurter: Der Zionismus in Kroatien. — Versammlung der Agudah Israel in Wien. — Dr. D. Wolffsohn: Eine Rechnung ohne den Wirt. — Pragensia. — Brief aus Czernowitz. — Jg. Nosenfeld: Skizzen. — Wiener Nachrichten. — Brünner Nachrichten. — Korrespondenzen. — Eingesendet. — Jüdische Turnkonferenz in Palästina. — Von der modernen hebräischen Uebersetzungsliteratur. — Salomon Dembitzer: Zwei Gedichte. — Dr. A. Deutsch: Exegetisches zum Wochenabschnitte . — Lazar Gestettner. — Dr. F. R. Heinschel: Lemel. - Nationale Organisation. . 1. von B. Nippel (Czernowitz). Lieber Freund! Die Beantwortung deiner Frage: ״Ob du dich politisch betätigen und dich einer Partei anschließen sollst", fällt mir nicht zu schwer. Es ist mir zwar nicht unbekannt, warum du bis nun der Politik fern standest. Dich haben die bösen Beispiele und die traurigen Erfahrungen abge- ,schreckt, die andere ״Politiker" vor dir gemacht haben. Allein es gilt nicht für alle dasselbe. Den Undank ernten zumeist jene, die Fremden allzuviel dienen, und sich selbstlos für das Wohl an-;derer opfern. Für das Volk, für den harmlosen .Bürger ist aber die politische Betätigung, die Zugehörigkeit zu politischen Parteien unumgänglich ja, geradezu ein dringendes Gebot der Notwen- Skizzen meinem Freunde I. Sonnenschein Von Ignaz Rosenfeld, Wien. IV. Sic sitzen auf der .״olzbank im Parke unter einem großen, weitästigen Kastanienbaum. Die Luft ist ruhig. Weltabgeschieden da? kleine stille Plätzchen, an das sie beide schöne Eriunerungen knüpfen. Niemand stört sie. Kein fremder Schritt knistert auf dem kiesbestreuten Wege, der hinunterführt zu dem leise murmelnden Strome. Ein kleiner rotschimmernder Strahl er glanzt matt in dem?Wasser. Vielleicht ist's der gedämpfte Widerschein der verlöschenden Sonne. Man sieht sie nicht. Der Himmel überdunstet von grauem Dampf und Qualen. Und über .tznen wölbt sich das grüne Laubdach. Manchmal geht ein ״munen durch die Wipfel, daß sie leicht erbeben und den beiden ist, als Winke der .Himmel. Jetzt beginnt er zu sprechen. . Der Vogel, der zur Nacht betend gesungen: verstummt plötzlich. Er lauscht auf die Worte des Mannes. Der spricht von Liebe und Zukunft. Eigentlich ist es das selbe. . Und sie hört zu. Kennt das Lied,schon auswendig, kennt die üblichen Redewendungen und digkeit. Denn die guten alten Zeiten sind vorbei, und die Verhältnisse haben in jeder Beziehung eine durchgreifende Umgestaltung erfahren. — Jene goldene Zeit, da der Mann, der Bürger anspruchslos seinem bescheidenen Erwerbe nachgegangen, da sich sein Wirken alltäglich unverändert abgewickelt hat, ist längst vorbei. Jenes Zeitalter, wo die Menschen in friedlicher Eintracht miteinander lebten und die Politik den Wohlhabenden, den Reichen überlassen zu müssen glaubten, die Zeit, wo die Teilnahme an der Ver- Wallung in Staat und Land nur einzelnen Ständen und gewissen Personen eingeräumt war, — ist längst verflossen. Das Rad der Zeit hat eine Umwälzung herbeigeführt: es sind neue Verhältnisse entstanden, für das Volk ausgebreitete Rechte geschaffen, mit denen aber auch eng verschlungen neue Pflichten ins Leben getreten sind. Ob es eine Folge des Anwachsens der Bevölkerung, ob es ein Ergebnis der erweiterten Rechte, oder ob es nur eine gewöhnliche Erscheinung der Zeit ist, daß der Kampf um das Dasein unter den Menschen ohne jede Rücksicht und erbarmungslos geführt wird, daß sich demgemäß auch die Lebensbedingungen äußerst schwierig gestalten, das zu erwähnen muß ich deiner reifen Einsicht überlassen. Eines will ich dir aber anführen: an Stelle des dazumal bestandenen Liberalismus, welcher alle Angehörige im Staate und Lande unter seiner Flagge vereinigte, wo keine Unterschiede in der Confession und Nation bestanden, wo der Mensch als solcher angesehen und seiner Rechte teilhaftig geworden. — an Stelle dieser vertraulichen Gemeinsamkeit ist heutzutage eine Widerwärtige Abgesondertheit unter den Bilder, in die er seine Liebe kleidet. Aber doch liegt ein Zauber darin. Es gibt doch Lieder, die man immer wieder hören möchte. Und so neigt sie ihren Kopf nach rückwärts. Schließt halb die Augen und läßt sich einhüllen in Liebe und Zukunft. Aber sie träumt nicht, sie denkt mit. Weiß ganz genau, wo er eine Pause machen, wo er näher an sie Heranrücken und ihr Haar streicheln wird. Das ist immer gleich. Denn weiter kommt» nicht. Zum Schluß erzählt er von banger Ahnung, seltsamer Angst und von vielen ungelösten Fragen. Dann bleibt er still und sieht sie lange an. /Sie fühlt es deutlich. Rührt sich nicht, hält die Augen noch fester geschloßen, ihr Mund ist halb geöffnet, die kleinen geschwellten Lippen dürsten. Das ist der Moment einer Erwartung, eines unbestimmten Traumzustandes. So vergehen Minuten. Plötzlich wirst er die Hand durch die Luft. Als verscheuche er etwas. Jetzt wird er etwas sagen, denkt sie bei sich. Und sie strengt sich an, es zu erraten. Aber er hat ja über alles gesprochen: über seine Liebe, seine Zukunft, von banger Ahnung, seltsamer Angst und vielen, ungelösten Fragen. einzelnen Menschenklassen eingetreten. Wir leben dermalen in einem Zeitalter der politischen Absonderung jeder Nationalität und Organisation jeder einzelnen Jnteressentengruppe. Es ist gegenwärtig eine Epoche, wo die Angehörigen jeder Nation, jeder wirtschaftlichen Interessentengruppe sich zusammengetan haben, um vereint ihre Rechte zu verfolgen und gemeinsam ihre Interessen zu wahren. Die Menschheit zerfällt l-eutzutage zum größten Teile in national-politische oder Wirt» schaftliche Organisationen, die über das Wohl und Wehe der ihnen angehörenden Mitglieder wachen, ihre Interessen wahrnehmen und jeden Anlaß benützen, um Vorteile zu erlangen, oder Nachteile abzuwehren. Durch und mit Hilfe seiner Partei gelangt der Einzelne zu seinem Vorteile. Nicht etwa, daß die Gesetze irgendwie eine Änderung erfahren haben, oder daß die Rechte den Einzelnen versagt werden. Im Gegenteil! Es sind neue Gesetze geschaffen, welche dem Volke mehr Recht und Schutz einräumen. Der Staat wird auf Grund des Gesetzes weise regiert und die Rechtsordnung ist mehr denn je entwickelt. Allein, du weißt ja, lieber Freund, daß die Gesetze allen Bürgern im Staate gleiche Rechte und Pflichten vorschreiben, und daß die Anwendung tiefer Formen allen Staatsangehörigen gegenüber praktisch sehr schwierig, beinahe unmöglich ist. Denn bei der vielfachen Verschiedenartigkeit der Interessen der Einzelnen, bei den mannigfachen Gegensätzen der Parteien, bedeutet unter Umständen die Gewährung des Rechtes dem Einen, für den Anderen ein Unrecht. Ich brauche dir wohl nicht zu beronen, daß die Protektion heutzutage die mächtigste Triebkraft ist, welche Ta sagt er mit unterdrücktem Seufzer: ״Weißt Tu, daß ich Dich nie erreichen werde —?" Ta öffnete sie ihre großen, blauen ׳Augen und sieht ihn fragend an. Sie begreift nicht recht. ״Wie meinst Tu das? Sind wir nicht gleich? Würdest Du mich sonst lieben?" Und plötzlich geht ein Blitz durch ihr Hirn. Meint er vielleicht ihr verschiedenes Religions bekenntnis —? Und sie tastet sich zitternd in den Gedanken fort. Ein merkwürdiger Widerstreit entsteht in ihr. Das wird doch nicht richtig sein, sagt sie sich vor. Wir lieben in einander unsere gemeinsame Seele, wie Eltern ihre Kinder. Tie macht uns gleich, verwischt den äußeren Unterschied der Geburt und wir sind ihr treu, unserer Seele wie unserer Religion. Das muß er doch wissen. Wenn er mich lieb hat und treu ist, daß das kein Unterschied ist, das Äußere, das ist losgelöst, geht uns nichts an, unsere Liebe nichts an, das lebt nur mit, neben uns, muß aber auch betreut und geehrt werden wie unsere Seele. Das ist Tradition, die uns heilig sein muß, weil sie an unserer Wiege stand. Das kann es nicht sein, denkt sie. Was denn —? Sie schaut ihn wiederum an, so durchdringend, als wollte sie in ihm lesen. Da senkt er seinen Blick und sagt etwas nervös: 4 Große Auswahl!! Shnagögenornate auch Lüfierkutte» uud schöne seltene Gelegenheitskänfe im Spezialhaus für Syrragogeuoruate :» t*l :י- Lieferant lablreicfaec in unp tClt, 11, Taborstraße 54 Aetdrabbiner qiqoa ru-1.—\ w