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Jüdische Volksstimme · 1912-10-24 · Heft 29 (24.10.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 29 (24.10.1912)
Date
1912-10-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 ,Lüdische 8olttsti«me." Leite 3. göttlichen Fürsten zu heben, ihn in vorbildlicher Üneigennützigkeit zu zeigen. Denn vom Kampfs selbe zurückgekehrt, weist er dem ihm huldigenden Fürsten gegenüber die Zumutung, als wollte er persönlich aus dem Siege einen Nutzen ziehen, mit dem feierlichen Eide zurück: דרמתי ידי אל 1״ ״Ich erhebe meine Hand zum Ewigen, dem höchsten Gotte . . . weder Faden noch Schuhriemen will ich annehmen." So steht er im Kampfe wie im Frieden gleich groß vor unseren Augen, sein Leben und Wirken sind in allen Aeußerungen nur die sichtbare Betätigung des höchsten Ideals: ״Und du sollst zun! Segen werden." Eine besondere Beachtung verdienen aber noch zur Beurteilung des Wesens Abrahams jene Bibelverse, welche diesem Berichte über dessen Sieg unmittelbar folgen. Da lesen wir: Nach diesen Begebenheiten erging das Wort Gottes an Abraham in einer Erscheinung, wie folgt: אל־תירא אבדם אגבי מגן לך שברך הרבה מאד ״Fürchte dich nicht, Abräm, ich werde dir zum Schilde sein und dein Lohn ist sehr groß." Unsere Alten, die sich auf die Kunst besondcrs verstanden haben, aus wenigen flüchtigen Andeutungen ein vollkommenes Bild über längst vergangene Zeit oder dunkle Vorgänge im Seelenieben eines Menschen zusammenzustellen, sie fanden oder fühlten es auch hier aus den einem beruhigenden und tröstenden Wort von Abr.: ״ אל תוראfürchte dich nicht" heraus, daß dis vorher geschilderten Begebenheiten die Veranlassung hiezu boten. Und mit Rücksicht auf Abra- Hains ebenso edle wie mutig starke Persönlichkeit genügt ihnen ein so einfacher Grund mit Recht nicht, daß er nur wegen der möglichen Kämpfe mit den von ihm vorher geschlagenen Königen einer solchen Beruhigung bedurfte. Sie mutmaßten vielmehr bei ihm eine Art seelischer Depression, aber aus ganz anderen Ursachen als aus Furcht vor menschlicher Feindseligkeit. Ihn ängstigte, wie sie meinen, sein eigenes ״Ich", daß er im blutigen Kampfe durch die Vernichtung von Menschenleben dessen idealer Lauterkeit einen schweren Schaden zugefügt, oder, uni in der Sprache unserer Weisen zu sprechen, daß er, der Bote Gottes auf Erden, sich gegen den Geist der Liebe und der Barmherzigkeit v e rs ü n d i g t habe. Andererseits mochte aber auch, ebenfalls als Folge seines Sieges über das feindliche Heer, die für sein Leben und für die von Gott eröffnete große Zukunft seiner Nachkoinmen im Lande Kanaan so überaus wichtige Frage sein Inneres lebhaft beschäftigen, ob die mannigfachen Zusagen Gottes auf den Besitz dieses Landes nicht auch die stille Aufforderung und die Pflicht für ihn enthalten, schon jetzt, wenn es sein müßte, auch mit Waffengewalt dieses Land zu erwerben. Tenn gerade in der Stunde des Sieges im fremden Interesse mußte die fahrelange Untätigkeit, in welcher er bezüglich der Lösung dieser Aufgabe des Landbesitzes oder der Landeroberung verharrt hatte, als eine schwere Unterlassungssünde erscheinen. Handeln aber wollte er, soweit seine eigene Person oder auch so ein merkwürdiges Gefühl haben, so ein Traumichnicht. Der Säugling greint nicht mehr. Ihre Augen sind auch trocken geworden. Wie ausgelöscht, wie entwässert. Es ist so ruhig um sie. 'Rur die Uhr geht und ihre Herzen gehen. Der Leierkasten ist verstummt. Die Luft ist schwer, dick. Wie Armeleutgeruch .... Der Mann ist hereingekommen. Mit stummein Gruß, mit ernsten, düsteren Mienen. Spricht kein Wort.- Geht auf und ab, aus und ab. Die Hände bat er rückwärts verschränkt. Ta weiß sie schon alles. Das ist immer so. Das heißt: Schon wieder nichts. Und jetzt löst sich etwas in ihr. Die Spannung von früher. Und sie weint. Ganz, ganz langsam, schwere Tränen. Sie rollen über ihre fahlen Wangen und fallen nieder auf ihr Kind. Das öffnet den kleinen Mund, zwei erstaunte Augen blicken hinauf und dann trinkt es hungrig die Tränen der Mutter-. Kein Wunder, wenn du einst wirst so viel iveinen müssen-. Bi't ja gesäugt mit Schmerzentränen deiner Mutter-. das Los seiner Nachkommen in Betracht kam, ohne ausdrücklichen Befehl Gottes nicht. Daher die Notwendigkeit einer prophetischen Erscheinung hier, die ihm auf alle auf ihn einstürmenden Fragen, wenn auch in einer mystisch anmutenden Weise die aufklärende Antwort erteilt. Zunächst erhält er die beruhigende Zusicheruug, daß sein Lohn groß sein wird, d. h. die mutige Tat, die er aus den edlen Motiven der Rettung eines Gefangenen unternoinmen, wenn sie auch blutige Opfer gefordert hat, die Verdienste seines tugendhasten Lebens, das ständig unter den! Zeichen: ״Du sollst zum Segen werden" stand, nicht schmälern, nicht beeinträchtigen wird. Um aber sein Glück noch zu erhöhen, wird ihm abermals auch die Verheißung zuteil, daß er Erben seines Besitzes und Erben seines Geistes so zahlreich wie die Sterne des Himmels erhalten werde. Als zweites wird ihm auch gleich hernach der Besitz des Landes, in welchen! er jetzt wanbeit, durch eine eigenes Bundesschließung Gottes mit ihm in ergreifend feierlicher Weise zugesprochen. Und Abrahams Frage an Gott! «במד, אד ״Wodurch werde ich es erkennen?" drückt nicht etwa einen Zweifel an der göttlichen Verheißung aus, ist vielmehr eine Bitte um Erleichterung durch den Ewigen, auf daß er begreife, durch welche Mittel dieses Land zum ständigen, unverfechtbaren Besitz seiner Nachkommen werden könnte. Und anstatt einer Antwort durch Worte läßt Gott durch die Sprache der Symbole die große Wahrheit ihm verkünden: אמי לי הקב״ה בזכות הקרבגז־ת durch die den Opfern innenwohnende Kraft werden sie dereinst Herren und Besitzer dieses Landes sein. Aus der inmitten der von Abraham dargebrachten Opfertiere aussteigenden Wolke aber dringt zu ihm auch die schwere Verkündigung von dem harten Schicksalsgange seiner Nachkommen in der Geschichte, wie sie dereinst in fremdem Lande als Hüter des abrahamitischen Segens leiden werden, dann aber erst im vierten Geschlechte, wenn einmal das Sündenmaß des Emori voll sein wird, mit der Strahlenkrone eines einzig dastehenden Opfermutes in der Bewahrung des Väterglaubens geschmückt, in dieses Land, wie zu ihrem rechtmäßigen Eigentum als Eroberer wieder zurückkehren. Allgemeine jüd. Kolonisations- Organisation. Am 10. Oktober fand in Berlin die jährliche Mitglicderversammluiig der A. I. K.-O. statt. Ihr war am :10. September die Generalversammlung der Aktionäre des Finanzinstitutes der A. I. K.-O., der ״Orient Colonising Company, Ltd." vorangegangen. In beiden Versammlungcn führte Kommerzienrat und Handelsrichter Gerson Simon den Vorsitz während Tr. Alfred Nossig den Jahresbericht erstattete. Wie aus de» Berichten hervorgeht, hat die A. I. K.-O. im letzten Jahre ihr Aktienkapital und ihre Mitgliedcrbeiträge beinahe verdoppelt. Ihre Propagandatätigkeit, die früher Deutschland und England gewidmet war, erstreckte sich in diesem Jahre auf zwei weitere Länder, Oesterreich und Nutzland. In Oesterreich bildete Wien naturgemätz den Ausgangspunkt. Tank der Unterstützung der führenden Persönlichkeiten der Repräscntanz der Kultusgemeinde, des ״Jüdischen Kolonisations- Vereines" sowie der C. O. B. B.-Logen vermochten die Vertreter der A. I. K.-O. bei planmäßiger Arbeit die jüdischen Finanzkreise Wiens für das jüdische Kolonisationswcrk lebhafter zu interessieren, als dies je früher gelungen war. Unter dem Vorsitze des k. k. Hoflieferanten Heinrich Mendl bildete sich ein vorbereitendes Komitcc, welches für ein neues, von der A. I. K.-O. vorbereitetes Institut eine erfolgreiche Subskription eröffnete, die dann auch in Lemberg fortgesetzt wurde. Ebenso sind in Prag die Vorbereitungen für ein Subskription getroffen worden. Die österreichische Propaganda ruhte hauptsächlich in Händen des Herrn Ernst Löwenbcrg. In den öffentlichen Versammlung, welche in Wien, Prag und Lemberg veranstaltet wurden, fanden die Bestrebungen der A. I. K.-O. die wärmste Aufnahme seitens der mahgebenden Kreise der jüdischen Gemeinden. Von besonderer Bedeutung für die weitere Entwicklung und die praktische Tätigkeit der A. I. K.-L. Ware» die Ergebnisse ihrer Bemühungen in Rußland. Auf Grund vorangegangcner Besprechungen mit hervoragenden Vertretern der jüdischen Finanzkreise Rußlands! begaben sich im März 1912 der Ehrenpräsident der j A. I. K.-O-, Dr. Isidor Ginsberg, der 1. Vorsitzende ' Kommerzienrat Simon Gerson und der Vorsitzende des Geschäftsführern Ausschusses Dr. Alfred Nossig nach Petersburg, wo;ur Unterstützung der Zwecke der A. I. K.-O. zwei Komitees ins Leben gerufen ivurden. Während eine Gruppe von Finanziers für das neue Institut unter gewissen Bedingungen eine namhafte Beteiligung zusagte, erösfnete ein anderer Kreis Zeichnungen für die ״Orient Colonising Company. Ltd." sowie für den Betriebs- und Kolonisationsfonds der A. I. K.-O. Andere Ziele verfolgte die A. I. K.-O. in Moskau, wo hauptsächlich der Generalssekretär Dr. S. Rawikowitsch tätig war. Hier wurde die Gründung einer Boden-Erwerbs-Genossenschaft auf einer neuen festen Basis angeürebt. Dank der eifrigen Tätigkeit der der Kolonisationsidee ergebenen Kreise sowie der Ratschläge hervorragender jüdischer Juristen gelang eS nach mehrmonatlichen Bemühungen, eine vorbildliche Organisationsform zu finden, und die B. E. G. ״Kadimah" zu legalisieren. Tie neue Boden-Erwerbs-Genossenschaft soll mit der ״Orient Colonising Company, Ltd." in einem engen Kooperations-Verhältnis verbleiben. Die Vorzüge der neuen Organisationsform besiehe» darin, daß an Stelle loser Gruppe׳- ein kommerzielles Institut tritt, das von den Behörden anerkannt und kontrolliert lvird und dessen Mitgeilder bindende finanzielle Verpflicht»»- gen übernehmen. Da die Anteile ratenweise eingezahll werden, können auch Minderbemittelte Boden erwerben. Gemeinsam mit der Boden-Erwerbs-Genossenschaft zu Bialystok hat die A. I. K.-O. die Vorbereitungen zur Bildung einer Kolonie in der Nähe einer Stadt auf dem jüdischen Ansiedlungsgebieie soweit gefördert, daß die Uebertragung des Bodens dem Abschlüsse nahe ist und die Uebersicdlung der ersten Partie der Kolonisten bevorsreht. Tie Mehrzahl der zur Besiedlung des Terrains ausersehenen Familien haben sich bereits in Rußland mit der Landtvirtschaft befaßt. Auch an einer zweiten Kolonie, tvelche gleichzeitig auf der Sinaihalbinsel vorbereitet wird, wird die A. I. K.-O. beteiligt sein. Aus dem vom Schatzmeister der A. I. K.-O., Bankier Alois A. §. Marcus, vorgelegten Rechnungsberichte ging hervor, daß die Ausgaben der A. I. K.-O. im Jahre 1911 10.335 M. 39 Pf. betrugen, denen Einnahmen in gleicher Höhe gegenüberstehen. Tie VertvaltungSspesen der ״Orient Colonising Company, Ltd." sowie die .Kosten der Vorbereitung des neuen Finanzinstituts sind in dieser Summe nicht mit einbegriffen. Im Namen der Revisionskoinmissiou beantragte Handelsrichter Bernhard Lilienfeld die Erteilung der Decharge, die die Versammlung einstimmig beschloß. Aus den Wahlen ginge» die bisherigen Mitglieder des Vorstandes und des Zentralrates der A. I. K.-O. hervor, überdies ist Herr Bernhard Lilienfeld in den Vorstand gewählt. In den Aufsichtsrat der ״Orient Colonising Company Ltd." wurde Herr Georg Lachman» neugewählt. Zu der Mitgliedarversammlung waren von den auswärtigen Vorstandmitglicdern der A. I. K.-O. die Herren Tr. Abrabim Hirsch-Halbcrstadt und Kominerzieurat George M,׳rr-Königsbcrg eingetrofsen. Prager Brief. Das große Ereignis der letzten Tage ist das Teslament des im Alter von fast 30 Jahren verstorbenen Arztes Tr. Salonion Bondy. Ter jüngeren Generation fast unbekannt, von den älteren als einer der bewährtesten Aerzte geschätzt, dessen Rat man immer noch erbat, ist er berufen, den spätesten Geschlechtern Beispiel zu geben für jüdische Größe, jüdische Einfachheit utid jüdische Wohltätigkeit. Er galt als Sonderling, weil er bedürfnislos leb׳׳׳, eil er sich nicht, tvie viele seiner Kollegen n uk1׳! wollte, aus der Torheit ringe bildeter - > kutzen zu ziehen. Barsch gegen den eingebildete׳! .ranken, opferwillig im höchsten!Krade, wo es galt, Li denden zu helfen, tvurde er von den 11111־- sten verkannt, mir die wenigsten wußten von den vielen Wohltaten, die er insgeheim erwies, am ivenigften tvnßten die Empsäno״r über den Spender, denn nichts >var diesem Manne haßter, als ein Wort des Tankes. Seine Beschei it und Große zeigte sich auch in seinein letzten Jeder Nachruf ist darin strenge verboten, »ich. 11׳ die Stunde des Leichenbegängnisses durfte vc!gegeben tverden, von den vielen Stiftungen, die uit dem Aufwande von fail einer Million errichtete, oarf auch nicht eine seinen :'kamen Tragen, sie sollen ausschließlich der Ehrung des Andcnkens seiner Eltern dienen. Daß eine solche jüdische Großtat den Neid der Nichtjuden und die Wut der Antisemiten Hervorrufen muß, ist klar, es stünde nicht dafür, zu erwähnen, daß das edle Brüderpaar ״Czech" und 20״. Vek" darüber aus dem Häuschen geraten. Aber es ist nur gut, anzunageln, ivelcher Verlogenheit sich der 20״. Vek" bedient, bei Ereignisscn, die sich unter den Augen seiner Leser abspielen, tveil man daraus ermessen kann, wieviel Lug und Trug zusammengebraut iverden möge», ivenn es örtlich oder zeitlich entfernten Ereignissen gilt. Ter 20״. Vek" behauptet in seinem lcichenschändecischen Eifer,

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