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Jüdische Volksstimme · 1912-10-24 · Heft 29 (24.10.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 29 (24.10.1912)
Date
1912-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ״Jüdische Volksstimme." Nt. 29 Zunächst ein kleines Häuflein, nahmen sic mit äußerster Schärfe und unendlicher Begeisterung den Kamps gegen das herrschende Assimilationsbestreben auf. Tie Assimilanten suchten die Mitwelt davon zu überzeugen, daß das Judentum nichts anderes, als eine unmoderne Religionsgemcinschast fei, daß cs keine jüdische Sprache, keine jüdische Kultur und kein jüdisches Leben gebe und sie,waren schon so weit, die letzten Konsequenzen aus diesen falschen Voraussetzungcn zu ziehen. Sie beschuldigten deshalb die Zionisten, baß sie mit den Antisemiten Hand in Hand gingen, da diese ebenfalls behaupteten, daß die Juden eine Ration seien. Dies ist aber nicht richtig, denn nur von der gleichen Prämisse gehen beide aus, doch ihre Schlußfolgerungen gehen weit auseinander. .Es gibt ein jüdisches Leben, cs gibt eine jüdische Kultur und eine lebendige jüdische Sprache. Der Redner wies aus die umfangreiche jüdische Literatur und aus die großen Opfer hin, die alljährlich die russischen Juden ihren Schnlen bringen, und die z. B. den Etat des italienischeu Schulwesens überschreiten. Der theoretische Zionismus findet schon heute seine besten Belege in den Erfolgen des praktischen Zionismus. In den 35 Kolonien Palästinas blüht neues, wahr- Haftes, jüdisches Leben, und in ihnen wächst eine gesunde, lebensfrohe, jüdische Jugend aus. Es bildet sich hier das Zentrum des Judentums, das, wenn sich auch nur ein Bruchteil des jüdischen Volkes hier sammelt, die Judcnsrage lösen wird. Nicht mehr maßnehmcnd, sondern inaßgebend wird der Jude der Zukunft sein." Unter tosendem Beifall schloß der Redner seine Ausführungen mit dem Appell, den Zionismus, insbesondere dessen Institutionen, nach Kräften zu fördern, da die Unterstützung des Zionismus nicht Sache einer Partei im Judentumc, sondern die wichtigste Ausgabe des ganzen Judentums sei. — Herr Pros. Dr. Engel dankte noch dem Redner und schloß die Vcrsammlung mit der Aufforderung, die Zustimmung auch durch die Tat zu bekunden. An den Vortrag schloß sich noch eine gemütliche Zusammenkunft der Prager Zionisten mit dem Referenten, im Hotel ״Goldener Engcl", welche Gast und Gastgeber noch lange Zeit in anregender Unterhaltung vereinigte. Exegetisches zum Wochenab- ,schnitte לך לו Von Rabb. Prof. A. Deutsch. In einem gewissen beschränkten Sinne kann dem vielfach angcwendeten Satze: ״Der Mensch ist immer nur das Produkt der um ihn Herrschcnden Verhältnisse", die Berechtigung durch¬ In ihnen liegt Seele, liegt unnennbares Weh, weinen Tränen . . . Sie erzählen von ungestillter Sehnsucht nach verlorener Heimat, von ungenossenem Glück von großen Leiden. Und die Stiinme des Knaben weint. So oft er diese Lieder singt, beginnt sein Herz zu brennen, seine Augen zu glühen. Tenn er sehnt sich nach der verlorenen Heimat, nach dem Rauschen der Zedern und dem Rauschen des Jordans, nach Sonne. Er kannte sie nie. Auch sein Vater, sein Großvater nicht. Sie haben sie nie gesehen. Aber die Sehnsucht, das traurige Bewußtsein, seit langem etwas Teures verloren zu haben, erbten sie voneinander, Großvater, Vater, er . . . Und deshalb blutet sein Herz. Doch die zweite Heimat, die er verloren, hat er gekannt. Das war das Land, weit weg von hier, da hat man ihn vertrieben, in einer stürmischen Nacht, mit Peitschen, und Vater und Mutter hat sich schlagen lassen und haben mit Blut getränkt die Erde. Dort haben sie das Lebensglück verloren, alles, was sie hatten, Haus, Geld, Glück .... Und deshalb blutete sein Herz-. Dann kommt die Zukunft. Sein Auge überzieht ein Flor. Sein Kopf aus nicht abgcsprochen werden. Mag sein Geist und sein Trachten noch so sehr auf ein Sondergebiet, das von den Interessen der Allgemeinheit weit abseits liegt, gerichtet sein, so können ihn dennoch ncuaustretende Tatsache mit unwiderstehlicher Gewalt auch zu Handlungen bewegen, welche man seiner ganzen Eigenart, seiner Gemüts- und Seclenanlage sonst gar nicht zugcmutet hätte. _ Während jedoch schwache, oder selbst mittelmäßige Charaktere, einmal aus dem Geleise ihrer persönlichenangeborenen oder ancrzogcncn Neigungen geworfen, in der neuen Richtung ganz aufgehen, ihren Zusammenhang mit der Vergangenheit verlieren, wird eine stark ausgeprägte Individualität ihre Größe und ihren Sonderwert erst dadurch erhärten, daß sie jeder noch so starken Strömung des Allgemeinen zu widerstehen verinag, daß sic in ihr nicht nur nicht unbemerkt untergehen will sondern allen Anfechtungen zum Trotz der Tradition ihres eigenen Wesens Treue bewahrt und jeder ihrer Taten eine stark persönliche Note gibt. Nicht nur der Edelstein uno das Edelmetall steigen in dem gleichen Verhältnisse an Wert und Schätzung, wie viel Zeit und Mühe ihre Läuterung von allem fremden Beisatz, ihre Kristallisierung zu einem lichtspendcnden und lichtstrahlendcn Körper in Anspruch nimmt, sondern auch der mcnschliche Charakter gewinnt eine desto höhere Bedcutung und Vollendung, je größer die Gefahr der Versuchung gewesen, aus welcher er wie aus einein Schmelzofen unversehrt und in ungctrübter Reinheit hervorgegangcn. Nach diesem Maßstabe haben wir nun auch das Leben und Wirken unseres ersten Stammvaters Abraham zu bestimmen, soll dessen überragende Größe in ihrer ganzen Vielseitigkeit uns zum Bewußtsein kommen. Aus Gottes Befehl mußte Abraham aus seiner Heimat Urkasdim fortziehen, die natürlichen Bande seiner Familientradition, weil diese in Abgötterei wurzelte, aus seinem Innern reißcn und in ein Land ziehen, das er noch gar nicht kannte. Frei von all den Beziehungen zu seiner früheren Umgebung, die trotz der örtlichen Nähe seinein Geiste schon längst fremd gewesen, stand ihm nunmehr die Bahn offen, die Keime seiner Herzensidcale ungehemmt in jenem Lande zur vollen Reife und Entfaltung zu bringen, das von Gott dazu ausersehen ward, um auf dessen Boden im Leben seiner Nachkommen die bedeutungsvolle Verheißung zu verwirklichen: נאעשך לגו• גדול ואברכך ואגדלה שמך והיה ברבה ״Und ich mache dich zu einem großen Volke und ich segne dich und erhöhe deinen Namen, aus daß du zuin Segen werdest." — .והיה ב ר כ ה Du sollst zum Segen werden. Das war das sinkt nach rückwärts, und hinauf in den Himmel greift sein Blick. Wie frohe Gebete tönen seine Lieder. Er sieht nicht die Köpfe, die herunterstaunen zu ihm, nicht die kleine Schar von Äindcrn, die sich um ihn gesammelt. Jetzt ist er im Himmel. Seine Heimat lebt, er hört das weiche Wellenrauschen ihres Stromcs, das geheimnisvolle Raunen ihrer Wälder, hört den Jubel seines neugeborenen Volkes. Und er jubelt mit in schwärmerischer Entzückung, wie in jauchzendem Triumph steigen seine Lieder empor in blaue Höhe. Und doch zittert seine Stimme wie von unterdrückten Tränen ... vor Freud' und Leid ... Und hinunter fällt klingender Segen. 3. klare Ziel, das wie eine Feuersäule die Wege seiner Wanderung einer unbekannten Zukunft entgegen erhellte. Das Land aber, das der Herr ihm und seinen Nachkommen zum ewigen Besitz verheißen, hatte die Bestimmung, die geeignete materielle Grundlage für den Aufbau des durch ihn zu errichtenden Tempels zur Anbetung, des Einen Einzigen zu sein, dessen erhaben heiliges Bild unter allen Erdensöhnen nur feine Seele zu erkennen vermöchte. ״Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken." Dieses schöne Dichterwort erschließt erst so recht die Bedeutung der unserem Stamm- Vater gewordenen hohen Bestimmung: ״D u soll st z u m Segen werde n", die ihm gleich nach seiner Auswanderung aus dem väterlichen Hause zur Gründung einer neuen Weltanschauung unter den Menschen, gleich zu Beginn seiner Erhebung zum Gottesboten zuin Endziele all seines Strebens und zur ständigen Nacheiferung gegeben wurde. Denn sie allein gab seiner Seele den Schwung für das ideal Hohe und seinein Geiste die Klarheit der Erkenntnis der Wahrheit und des Guten, so daß selbst die rauhesten Ereignisse seines späteren Lebens ihn von der einmal vorgczeichneten Bahn eines Segenspenders nicht mehr abzudrängen vermochten. Am deutlichsten zeigt sich die wohltätige und heilsame Wirkung dieses unserem Stammvater gestellten hohen Zieles: ״und du sollst zum Segen werden", als er sich gezwungen sah, zur Besrciung seines Brudcrsohnes, des Lot, sich zu bewaffnen und in eincin gefährlichen Kantpf mit dem sieggewohnten Heere von vier Fürsten cinzulasscn, also etwas zu tun, was seiner friedfertigen Natur gewiß sehr zuwider war. Er selbst lebt mit aller Welt im besten Einvernehmen, in der schönsten Eintracht, für derart Er- Haltung er ja bekanntlich in der früheren Zeit einmal in bereitwilligster Weise gerade zu diesem Lot die bezeichnenden Worte gesprochen hatte: ״Ist nicht das ganze Land vor dir? Trenne dich doch von mir! Gehst du zur Linken, so will ich rechts gehen, gehst du zur Rechten, so will ich links gehen." Und was ist das Motiv, was der Beweggrund, die ihm diesmal die tötende Waffe in die Hand drücken? ״Es hörte Abraham, daß sein Bruder in Gefangenschaft geraten" und ohne Zögern sucht er auch schon der schweren Pflicht zu genügen: ואח לצרה יולד in der Not des Verwandten sich hilfreich wie ein Bruder zu bewähren. Aber auch der Erfolg des nachherigen Siegcs, die reiche Beute, die ihm in die Hand gefallen und das Bewußtsein seiner überlegenen Kraft, selbst diese nur allzu weltlichen Mittel dienen dazu, um Abrahams Ansehen als eines sie weinen auch nicht. Haben es sich abgewöhnt, als der Hunger Gast wurde bei ihnen, dauernd Platz nahm an ihrem schmalen Tisch. Nur ihre großen, leiderfüllten Augen schreien nach Hilfe, nach Brot. Vor diesem stummen Schrei hat sie so Angst, der durchbohrt ihr das Herz. Drum schließt sie die Augen. Und weint.- Die Fenster erbeben. Aus der Straße fährt ein ächzendes Schwerfuhrwerk. Irgendwo schnarrt ein Leierkasten ein Lied ab. Sie hört und denkt: Immer dasselbe, ohne Seele, aber desto weher ist's. Da tönen Schritte im Hausflur. Alle sehen sich an, die Mutter, die Kinder, der Säugling. Das ist ein Sekundenblick voll Hoffnung und Zins. Sie sitzt beim Fenster und weint. Der Saug-, ng liegt an ihrer Brust und schreit nach 9M}־' 1mg. Ihre Taille ist geöffnet, sie bietet ihm ,re Brust, die schlaff herabhängt, aber keine 'ahrung. Sie läßt den Kleinen weinen. Es berührt c schon nicht mehr. Wird schon cinschlafen, wird ch schon müde schreien. Wie sie, denkt sie bei sich, j Zwei andere Kinder sitzen beim kalten Ofen' nd kauen ihre Nägel. Sie sprechen schon nicht,! Angst. Merkwürdig: man ist nie elend genug, für ein bißchen Hoffnung, für ein bißchen Wunsch. Die Tür geht ans, eine kleine, einflügelige Sie schauen alle zu Boden. Instinktiv. Mit verhaltenem Atem. Wollen sich noch auf die Folter spannen, noch in erwartender Ungewißheit schweben. Dak wir immer vor einer Entscheidung Mährisdi-schlesische Bank Brünn. Tctephon Nr. 350, Direktion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Kr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen /'I Ol gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Büchel und in laufender Rechnung mit T0| 2| ־ geschäfte aller Art, Börsen-u. Wechslergeschäfte.

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