Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 29 (24.10.1912)
- Date
- 1912-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag XIII|l. Jahrg. Nummer 29 s---m Bezugspreise: I jüt Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen ö20׳ ganzjährig.Kronen 10־— Leutschlanb, ganzjährig. Mark 1V — Rußland, ganzjährig. Rubel 6‘&0 Balkan, Frankreich.Franks 12־— Einzelne Nummer 20 h. | 0-K Herausgeber: Max Hickl, ן Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 k. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig i IPostspaikassakonto Nr. 312.842.! Geschäsisstelle, Wien: I., Rotenturmstraße Nr. 3l.! Telephon 3009/Vlll. Sprechstunde» von 10—12 Uhr Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert Manuskripten ist Rückporto beizufügen. iS-----■9 Brünn—Budapest. Wien, 24. Oktober!912. 13. Cheschwa» 5673. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Tragödie des Judentums. — Ignaz Rosenfcld, Wien: Skizzen. — Prof. Dr. A. Deutsch: Eregetisches zum Wochenabfchnitte . — Allgemeine jüdische Kolonisationsorganisation. — Prager Brief. — Proßnitzer Brief. — Die Vorbedingungen einer jüdischen Organisation. — Josef Grob. — Die jüdische Bevölkerung in Australien und Neuseeland. — Zum Fall Juschtschinski. — Wiener Nachrichten. — Korrespondenzen. — Agudas-Versammlung. — Briefkästen. — Das Peckele. — Die Leiden eines Seelsorgers. — Dr. F. R. Heinschel: Lemel. — Bürcherbcsprechungen. Tragödie des Judentums. Die Prager zionistischen Vereine haben die Saison mit einer Monstreveraustaltung erössnet und dürfen einen erfreulichen Erfolg auf ihr Konto buchen. Es war ein glücklicher Gedanke, Schemarjahu L e w i n wieder einmal nach Prag zu berufen, jenen Mann, der mit der Kraft des Wortes und der Tiefe der Ueberzeu-- gung gründliches Wissen verbindet. Den Mann, der aber nicht bloß gelesen und studiert, sondern vor allem gesehen hat und der unter dem Eindrücke miterlebter Ereignisse das Thema von der Tragödie des Judentunis behandeln \ konnte. So war auch der Saal schon vor Beginn des Publikums weit überfüllt, an die zweitausend Zuhörer wurden gezählt, die alle in atemloser Spannung den nicht immer leichten Ausführungen des Redners folgten. Lewin sprach klar und übersichtlich. Ohne störendes Beiwerk ging er sofort auf den Kern des Themas ein und legte dessen Grundgedanken eindeutig dar. Pom Standpunkte der Allgemeinheit, objektiv ist die Judenfrage zu betrachten. Ueberall, wo der Jude einseitig, in seinem persönlichen Gegenwartsinteresse, Stellung zur Judenfrage nimmt, verläßt er den richtigen Weg. Bei ganz objektiver Betrachtung ergibt sich, daß das Judentum einer These und Antithese unterworfen ist. Doch zeigt die jüdische Geschichte, daß diese Erscheinung zu einer algebraischen Formel für die Juden erstarrte, die von den ältesten Zeiten bisaus die Gegenwart zur Auflösung des Juden- Problems benützt wurde. Tie heutigen Juden, in der Stärke von 12—1?. Millionen, leben als der einzige Stamm über die ganze Welt verstreut, überall versprengt unter stärkeren, fremdtat,analen Bevölkerungselementen. Letzter.׳ ei!!׳! pfinden die Juden als etwas Fremdes, etwas!?! noeres, als sie selbst sind, als etwas, las der j Einheit ihres Wesens gefährlich werden könnte׳, m: darum muß es verschwinden. Dies .sc nicht! nur die Forderung der erklärten Antisemiten,! sondern es haben auch die führenden Gei- \ ster auf den Gebieten der Kunst und Wissen-; schaft, die im öffentlichen Leben Stellung gegen den Antisemitismus genommen haben, wie z. P. Renan. Ed. v. Hartmann nnd Mommsen, in ihren Schriften verraten, daß ihr ״unbewußtes 1 Ich" dem Antisemitismus nicht fernstehe. i Gegen diese theoretische Begründung des! Antisemitismus mußten die Juden Stellung! nehmen. Noch ganz unorganisiert nehmen sie ven! Kampf, jeder auf eigene Faust, auf. Es standen ihnen zwei Wege der Verteidigung offen: Enrweder man leugnet den Ausgangspunkt oder die Schlußfolgerung. Die zweite Art der Verteidigung ist etwas schwierig, deshalb haben die einzelnen Personen (denn organisiertes Judentum gab es noch nicht) den leichteren Weg gewählt. Sie sagten: ״Wir sind kein Volk, wir sino nichts anderes wie ihr, deshalb ist eure Schlußfolge, ruug, daß wir untergehen müssen, schon von selbst hinfällig." Und doch waren die Aiistreiigungen der Antisemiten vergeblich! Wem glaubt man. wenn er in eigener Sache als Zeuge auf tritt und sein ״Ich" verleugnet? Es kommt daher immer auf die anderen au. und von diesen zweifelt niemanb daran, daß die Juden eine Eiubeit bilden. Fehlt den Juden auch etwas von den Merkmalen einer Nation, die Welt siebt darüber binweg und empfindet ganz richtig, daß die Grundläge der Nationalität, durch die eigene Jndivi Dualität gebildet wird. Wenn die Jndividualitat der Masse sich frei entwickeln kann, bildet sie ihre Sprache aus schafft sie sich ihre politische Organisation, mit anderen Worten, sie schafft die sichtbaren Merkmale einer Nation. Diese sind aber nichts anderes als nur die Koiequeuzen der notwendigen Individualität. Wer will nun leugnen, daß sich die jüdische Masse, mit ihrer ausgesprochenen Individualität, die durch zwei Jahrtausende in ihrer normalen Entwick-!!mg behindert war. bei gegebener Eutfaltungs Möglichkeit zu einer Nation in vollstem Sinne entwickeln würde? Daß man an einem so alten Volke, welches bereits mit eigener Sprache und Verfassung in die Weltgeschichte eingetreteu m, zweifelt, daß man ihm die gegenwärtige Eri üeuzberechtiguug abspricht, beruht auf einem Irrtum über die O-ualität einer Nation, deren Essenz die eigene Jndivitnalität und nicht po!!tische Organisation und Sprache bilden. Das Verdienst, dieses Mißverständnis auf gedeckt zu haben, nehmen die ersten Verfechter des jüdisch-nationalen Gedankens für sich in An sprach. 1 , Feuilleton. Skizzen meinem Freunde I. Sonnenschein von Ignaz Rosenfeld, Wien. 1. In der Ringstraße. Eine schiebende, drängende Menschenmenge. Manchmal staut sie sich, wie an einem Hindernis, dann setzt sie mit sorglosem, stumpfem Gesicht den Weg fort. Ein feiner, stäubender Regen schauert nieder vom Himmel. Manches Auge schweift gelangweilt hinauf, in graue Unendlichkeit, ob es nicht ein bißchen Bläue erspähen könnte. Aber droben bleibt alles düster, trostlos. Schon die zweite Woche.- Er lehnt an der feuchten Mauer des großen, gelben Gebäudes und sieht mit müden, verloschenen Augen den Leuten nach. Den samtencn Hut hat er vom Kopse gezogen und hält ihn hin. Gabenheischend. Aber die Menschen haben Augen, die schauen und nicht immer sehen. Auch wenn manchmal ihr Auge an dem gebrechlichen Alten haftet, sieht es nicht. Und Stunden gehen vorüber, die Leben bcdeuten und die Hand , die den abgebrauchten Filzhut entgegenstreckt, hört auf zu zittern, sie wird starr. Ter feine Staubregen streichelt sie milde und wie ein feuchter, langentbehrter Knß legt er sich liebkosend auf das verwittertegramdurchfurchte Antlitz. Neben ihm steht ein fünfjähriger Knabe, ii it scbwarzem Haar und schwarzen Augen. Er drückt sich zitternd an den Alten, als ob er Angst hätte, und seine Augen wandern hinauf zu ihm, wie stumme Fragen. Und dann folgt ein trauriger Blick in den hohlen, leeren Hut. Und die kleine Hand langt empor an dem .Körper und streichelt ihn und streichelt ihn. ״Tateschi-" Ta fährt ein Auto vorüber. Einige weißgekleidete Kinder sitzen darin mit lachenden Augen. Ter Knabe schaut hin. Und in seinem Blicke beginnt es zu glühen. Etwas wie Haß und Sehnsucht ist aufgeschossen in dem kleinen Herzen. Seine Augen folgen dem langsam entfahrenden Auto mit den lachenden Kindern und die , Flamme, die plötzlich aufglühte in ihm verlosch. Du darfst nicht. —- Das weiß er. Daran gewöhnte er sich. Nur etwas weiß er nicht: Warum?- Und er schaut hinauf zu seineni Vater, der die traurigen Augen fragend auf sich geheftet fühlt. Und er versteht ihre stumme Sprache. Leise gleitet seine Hand über das schwarze Haar seines Kindes und Tränen stehlen sich aus seinen Augen. Das Kind verstellt auch. ״Ich werd' dich nicht mehr fragen. Oateschi." Die Menschenmenge wogt vorüber, das Kaleidoskop des Glückes und geschmiukten Elends dreht sich um die abseits Stehenden. Niemand begreift sie. Nur Ser Himmel weint ,ס Jeden Sonntag um dieselbe Stunde steht er unten im Hofraum und singt. Stets dieselben Lieder in derselben Reihenfolge. Und die Leute kommen zu den Fenstern und werfen hinunter klingenden Segen, aus Mitleid, aus Bewunderung. Und der füufjäbrige Knabe mit dem schwärzen Haar und den traurigen?lugen lest die Gaden auf und ein Blick von Dank und Webmut fällt von seinen?luge». Er singt — Die Leute werden stumm. Denn das sind nicht Lieder von der Straße, die man vor sich hinpfeift, wenn sie ans Ohr klingen, keine luftigen Gassenhauer, die die Nerven aufpeitschen. in Füßen und Händen prickeln .... das sind Lieder, die stumm machen, wer sie hört. Große Auswahl!! Shuagogenornate auch Lnsterkntte» und schöne seltene Gelegenheitskäufe im SpezialhauS für Synagogenoruate Rudolf Goldstein, ISN, 111 Taborstraße 54?elepho« 21990 (internrban). Wiederverkäufer Rabatt! Lieferant zahlreicher in und ausländischer Kultusgemeindeu nnd k. k. Feldrabbiner Reich illnstrierte Preisliste»!