Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 28 (17.10.1912)
- Date
- 1912-10-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ne. 28 ,jüdische Bolk»sti«me." Veite 3. semitismus dort Eingang gefunden hat und sich immer weiter ausbreitet. Das wäre schließlich eine Sache, die die Herren mit sich selber auszumachen haben und die uns nichts weiter angeht. Aber der Zeitschrift scheint der Atem ausgehen zu wollen und sie braucht eine ausgiebige Wattierung ihrer Mittel. Aus diesem Grunde veröffentlicht die Gesellschaft einen Aufruf und bittet um Geld. Da ist es nun an der Zeit, die Juden darauf aufmerksam zu machen, daß sie mit der Verteilung ihrer Gelder vorsichtig sein sollen. Es ist jedes Juden unwürdig, antisemitische Zwecke durch Geld und Abonnements zu unterstützen und für die Verbreitung von Blättern zu sorgen, die antisemitische Propaganda machen und jüdische Mitarbeiter ausschließen. Über 800.000 Kronen für wohltätige Zwecke testiert. Das Testament eines jüdischen Philantropen. Prag, im Oktober 1912. Am 11. Otober wurde der Prager Arzt Dr. Salomon B o n d y zu Grabe getragen. Er ist ein Wohltäter der Menschheit im wahrsten Sinne des Wortes gewesen. Er, der Titel und Würden, Glanz und Ehre, alle die eitlen Nichtigkeiten und Torheiten unseres Lebens verachtete, er ließ den Goldstrom eines arbeitsreichen Lebens ruhig sich sammeln und unbeachtet mehren, blieb in asketischer Zurückgezogenheit und Entsagung fern den Lockungen und Verführungen unserer raffinierten Uberkultur. Seine Entwicklung fiel in eine Zeit, in der es noch keine Mahnungen, keine ärztlichen Rechnungen gab, wo noch kein Ärztetarif existierte und der Arzt sein Einkommen aus den freiwillig fließenden Dankopsern seiner Patienten bezog. Und weil er für jeden Trost und Beistand wußte, jedem, und gerade den Ärmsten zu Dienste war, floß ihm der Dank auch reichlich zu . Er hat ihm gesammelt und sparsam vermehrt, um ihn nach dem Tode wieder der leidenden Menschheit zurückzugeben. Würdiger als jeder Nachruf muß das Denkmal wirkcn, das er sich selbst gesetzt hat. Ein Auszug aus dem Testament des Philantropen möge für seine Charakteristik sprechen: Ich endesgefertigter Med.-Dr. Salomon Bondi erkläre hiermit nachstehendes als meinen letzten Willen: 1. Ich vermache einen Betrag von 80.000 Kronen, sage achtzig tausend Kronen nominal in österreichischer Notenrente zur Begründung einer Stiftung für israelitische Sieche unter folgenden Modalitäten: Obiger Betrag von 80.000 K Notenrente soll der von der israelitifchen Kultusgemeinde-Repräsentanz in Prag begründeten Kaiser-Franz-Josef-Jubiläumsstiftnng für Sieche, und zwar der zweiten Abteilung derselben, welche nicht auf in Prag zuständige ״Jiskor!" Ein schluchzendes Flüstern geht durch den Raum, Sie erhebt sich und betet. Armes Mütterchen! Sie konnte sie nie recht bei sich beherbergen. Das Mütterchen trug eine große rituelle Haube. Sie fürchtete den Spott ihrer Gäste. Und dann gab es oft Streit wegen aller- Hand religiöser Differenzen. Doch hat sie sehr getrauert als Mütterchen starb. Es war auch für die Arme besser; sie war so leidend. Sie trug zum ersten Male tiefe Trauer. Das Kleid war herrlich! Es war die vorteilhafteste Toilette, die sic je gehabt hatte. Das hochgesteckte blonde Haar kontrastierte wunderschön zum schwarzen Schleier, der auch den Teint deckte. Sie sah darin so distinguiert, so nicht jüdisch aus. Wie oft wurde sie damals für eine Christin gehalten! Das Herz hüpfte ihr jedesmal, wenn sie ihre Gestalt in den Auslagsscheiben erblickte. Jetzt schreckt sie Plötzlich zusammen und sinkt vernichtet auf den Sitz zurück. Die Klinger hat denselben Hut! Genau denselben. Schwarzer Samt. Phantasievogelgesteck. Das ist eine Bosheit sondergleichen von ihrer Modistin! Diese Person stolziert in demselben Hut herum. Sie hat ihr auch einen triumphierenden Blick zugewarfen. Sie hatte ihrer Modistin nachdrücklichs gesagt, daß sie keine Uniformen machen möge! Das kann nur in der Provinz passieren. Es ist aber der letzte Hut, den sie hier kauft! Sie klappt das Gebetbuch zu und rausche davon; ihr Gottesdienst ist zu Ende! B. Sieche beschränkt ist, zufallen und für besten Verwendung sollen im allgemeinen die von der genannten Repräsentanz für diese Siechenstiftung beschlossenen und noch zu beschließenden Normen maßgebend sein. Jedoch soll der von mir hiermit vermachte Betrag von 80.000 K ausdrücklich als ״Markus und Anna Bondische Stiftung" zu der Hauptstiftung bezeichnet und die aus den Erträgnisten zu verleihenden Stiftungsplätze als Markus und Anna Bondische Stiftungsplätze ausgeschrieben und verliehen werden, damit das Andenken meiner Eltern dauernd in der hiesigen Gemeinde erhalten bleibe. Auch sollen den nächsten Anspruch auf die Bondischen Stiftungsplätze würdige und dürftige, der israelitischen Konfession angehörige Abkömmlinge meiner Großeltern, nämlich der Eltern meines Vaters Markus Bondi (Samuel Bondi und Anna Bondi, geb. Bondi) und der Eltern meiner Mutter Anna Bondi geb. Lowositz (Berman Lowositz und Eva Lowositz, geb. Por-;es) ohne Rücksicht auf ihre Gemeindeangehörigheit, ihren Wohnsitz und ihr Alter haben. Unter Abkömmlingen sind nur direkte Nachkommen bis ins vierte Geschlecht zu verstehen. Auch soll selbst bei nicht verwandten Bewerbern der israelitischen Kultusrepräsentanz gestattet sein, in besonders berücksichtigungswerten Fällen bezüglich der Bondischen Stiftungsplätze von einem für die Hauptstistung etwa vorgeschriebenen Normalalter abzusehen. Endlich soll es der genannten Repräsentanz gestattet sein, auch nicht verwandte Bewerber, die in Prag wohnen, zu berücksichtigen. 2. Ich vermache der Prager israelitischen Kultusgenwinde zum Bau eines israelitischen Hospitals einen Betrag von 80.000 K, schreibe achtzig tausend Kronen in Rentenpapieren. Davon sollen 60.000 K direkt verwendet werden, vom Restbetrag von 20.000 K, schreibe zwanzig tausend Kronen, sollen die alljährlichen Zinsen zum Kapital geschlagen werden, um einen Spitalsond zu schassen, dessen Verwendung ich der Disposition der Kultusgemeinderepräsentanz überlasse. 8. Ich vermache ferner einen Betrag von 80.000 K, schreibe dreißig tausend Kronen, noniinal österr. Rente der Babette v. Lämelschen Bersorgungsanstalt in Prag zur Begründung von zwei neuen Stiftungs- Plätzen an derselben und zwar einen für einen Mann und einen für eine Frau. Bezüglich der Bezeichnung, Ausschreibung und Verleihung dieser Stiftungsplätze als Markus und Anna Bondische und des Vorrechtes der, der israelitischen Konfession angehörigen, dürftigen und würdigen Abkömmlinge meiner Großeltern ohne Unterschied der Angehörigkeit und des Wohnsitzes gilt das in Absatz 1 Gesagte. In den besonders berücksichitgungswerten Fällen kann der Kurator dieser Stiftung selbst unter das Alter von 55 Jahren heruntergehen. In Ermangelung geeigneter Bewerber aus meiner Familie können auch Nichtverwandte nach den für die Babette von Lämelsche Versorgungsanstalt bestehenden Norinen zur Aufnahme in dieselbe qualifizierte Israeliten der Stiftung teilhaftig werden, und zwar mit der Erleichterung, daß fünfjähriger Aufenthalt in Prag oder dessen Vororten genügt. Die Angehörigkeit zur Lämelschen oder Edelesscheu Familie begründet kein Vorzugsrecht. 1. Zur Begründung zweier Markus und Anna Bondischen Stiftungen für israelitische Aerzte vermache ich 40.000 K, schreibe vierzig tausend Kronen in Rentenpapieren. Bewerbungsberechtigte einer jeden dieser zwei Stiftungen sind erwerbsunfähige, dürftige, israelitische Aerzte. Jede der zwei Stiftungen ist auf zwei Jahre zu verleihen, kann aber auch demselben Bewerber wiederholt verliehen werden. Stirbt der im Genuß einer Stiftung Befindliche vor Ablauf der Zeit, für welche ihm die Stiftung verliehen wvrden ist, so kann das Ttistungserträgnis für die restliche Dauer seiner Witwe oder seinen unversorgten Waisen belassen werden. Verwaltung und der näheren Modalitäten derselben innerhalb Verleihung der Stiftungen und die Festsetzung der näheren Modalitäten derselben innerhalb der von mir getroffenen Bestimmungen übertrage ich der israelitischen Kultusgemeinderepräsentanz in Prag. Wo immer ich meinem Testa- I mente ein Legat in Rente ausgesetzt habe, kann diese in Rente oder in Barem oder in pupillarsicheren Wertpapieren zu 4 Prozent in Kronenrente, Silberrente, 4 Prozent Pfandbriefe der Hypothekenbank, 4 Prozent Kominunalschuldscheine der Landesbank entrichtet werden nach Ermessen meiner Testamentserekutoren ohne Rücksicht aus den Kurs. 5. Ich verinache dem Nächstliebeverein in Prag, dessen Direktor derzeit Herr JUDr. Ludwig Bendiner ist, den Betrag von 30.000 K, schreibe dreitzig tausend Kronen in Rentenpapieren behufs Begründung einer Markus und Anna Bondischen Stiftung für arme Israeliten. Tie näheren Modabilitäten dieser Stiftung überlasse ich dem Vorstande des genannten Vereines im Einvernehmen mit meinen Testamentserekutoren und der Kultusgemeinderepräsentanz sestzuschen. Ich bestimme noch folgende Legate: Ich vermache der deutschen Sektion der Aerztekannner in Prag den Betrag von 6000 K, sage sechstausend Kronen, zugunsten notleidender Aerzte, deren Witwen und Waisen ohne Unterschied der Konfession, ferner den Armen der Stadt Prag 1000 K, sage eintausend Kronen. Ich vermache den Wohltätigkeitsanstalten und zwar der Klarschen Blindenanstalt, dem Unterstützungsvereine für Taubstunnne, dessen Vorstand der verstorbene V. S. Bondi war, je 200 K, sage zweihundert Kronen, dem Vereine für Volksküchen 300 K, sage dreihundert Kronen, dem Vereine für Wärmstuben 200 K, sage zweihundert Kronen. Dem Asyl für Obdachlose 400 K, sage vierhundert Kronen, dein Barmherzigenspitale 400 K, sage vierhundert Kronen, dem Franz Joses Kinderspitale (Direktor Regierungsrat Pros. Tr. Bayer- 400 K, sage vierhundert Kronen. Der sodann etwa verbleibende Rest fällt der israelitischen Kultusgemeinde in Prag zu, welche ich hiermit zu meinem Erben einsetze, ihr aber die Verpflichtung auferlege, den gesainten, ihr aus meinem 'Nachlasse zukommenden Betrag zu einer den ׳Namen »!einer Eltern tragenden wohltätign Stiftung für Israe- Uten zu verwenden. Die näheren Bestimmungen des Zweckes und der Modalitäten überlasse ich der israelitischen Kultusgemeinde in Prag im Einvernehmen mit meinen Testamentserekutoren. Urkund dessen habe ich diesen meinen letzten Willen eigenhändig geschrieben und unterschrieben. P r a g, am 18. Dezenlber 1910. Med.-Dr. Salomon Bond i. * Die im Vorstehenden niedergeschriebenen Bestimmungen, meinen Nachlaß betreffend, ändere ich resp. ergänze ich wie folgt: 1. Die Knltusgemeinde ist berechtigt, von dem ihr zufallenden Nachlasse Teilbeträge bereits bestehender Wohltätigkeitsanstalten als Markus und Anna Bondische Zustistungen zuzuweisen uild illsbesondere auch an die Sektion des Zentralvereines für Krankenpflegerinilen, falls diese Institution als wohltätig sich bewährt und an das israelitische Wöchnerinnenkomitee. Urkund dessen habe ich diesen meinen letzten Willen eigenhändig geschrieben und untersckirieben. Prag, am 20. Dezember 1910. Med.-Dr. Salomon Boildi. Zum Niedergange der mähr. Kultusgemeinden. In den letzten zwei Monaten brachten wir mehrere Artikel, einer Jereiiliade gleich, die sich mit dem Niedergänge der mährischen Kultusgemeinden beschäftigten. Es wird in den Artikeln den Vorstandsmitgliedern der Knltnsgemeinden, den Rabbinern, Religionslehrern, Kantoren, desgleichen der B!׳r»',kerung, die Schuld an dem Niederga ׳:;eschrieben. Unserer Meinung nach, wr. ie Frage genügend erörtert und könnten mV io viel gutgehaltene Artikel, die herüber und nnüber schießen, diesem Uebelstande keinesfalls abhelfen. Hier heißt e s h a nd e l u. Es muß endlich an die Schaffung einer großen, mächtigen Organisation der gesamten Bevölkerung chritten werden. Tie Organisation muß < reitester Grundlage aufgebaut sein. In der׳/ müssen die Vertreter der Kul-