Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 28 (17.10.1912)
- Date
- 1912-10-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische Volksstimme." Nt. 28 angetreten, Juden müßt Ihr sein und könnt dem Judentum nimmermehr entfliehen. Die Weihe der Jahrhunderte ruht auf Euch, und ob Ihr wollt oder nicht, seid Ihr jüdisch bis in die letzte Faser Eures Wesens, bis in die geheimste Fuge Eurer geistigen Struktur. Hütet Euch vor den falschen Propheten, die Euch zuraunen, Euer Judentum zu verbergen, unter fremder Hülle Eure Eigenart zu verleugnen. Zeit Eures Lebeus würdet Ihr wie Sklaven an den Ketten Eurer eigenen Persönlichkeit liegen und feige winselnd die Schranken enipfinden, die Abstammuug und Geschichte um Euch getürmt. Und so heißt das erste, unerläßliche Gebot der akademischen Freiheit, freudige Selbstbejahung, freu- Ligc Anerkennung des Judentums in Euch —: und was noch eben Kette war, wandelt sich int Nu in frei gewählte Gestaltung'. Aber freilich! Nicht auf halbem Wege dürft Ihr stehen bleiben. Und was ist jüdische Abstammung, was jüdische Geschichte ohne jüdische K u I t u r! Jüdische Kultur aber ist jüdische Religion, und wollt Ihr Euch selbst bejahen, dürft Ihr der jüdischen Religion nimmer die Treue brccheu. Hütet Euch vor den falschen Propheten, die mit dem Hauche ihres Mundes neue jüdische Werte zu schaffen sich vermessen, denen jüdisches Volkstum nicht das schlichte Gefäß für unschätzbare, Menschheit beglückende Ideale, sondern der willkommene Boden ist, in spielerischer Willkür das Gebäude ihrer Phantasie zu errichten, oder gar das vergötterte Idol, das sie im Paroxismus leidenschaftlicher Abwehr als Zweck an sich, als geschichtliche Notwendigkeit hinstellen. Nein und abermals nein! Was wäre jüdisches Volkstum, wenn nicht jüdische Religion ihre unverjährbaren Ansprüche gerade an es geknüpft hätte. Darum erkennet klar die Bahn, die Euer harrt, und lasset Euch nicht rechts und nicht links von ihr ablocken. Keine Asiimilanten und keine Trutzjudeu, sondern Juden schlechthin, Vollblutjuden in Gesinnung und Tat, wie Eure Väter und Großväter gewesen, sollt auch Ihr sein, und wie Ihr ganze Juden zu sein Euch entschließet, werdet Ihr auch ganze Menschen, werdet in freudigcr Selbstbejahung freie jüdische Akademiker, auf die Mutter Zion in stolzem Vertrauen rechnet: Jüdische Abiturienten, das ist Eure Bahn, und Ihr zaudert noch? Froh betretet Ihr diese Eure Bahn, froh als Helden sie zu laufen! Jawohl, als Helden! Denn freilich Helden müßt Ihr sein, wenn Ihr solche Bahn Euch erkoren. Eure Bahn führt Euch mitten hinein in das Getriebe der Wissenschaft, mitten hinein auch in die Kämpfe, die heute schärfer als je um die Reinheit des Sittengcsctzcs gefochten werden. Welcher Fakultät auch immer Ihr Euch anschlicßt, in jeder nchdas viele Geld hcrnehmen! Der sechste Hut Heuer! Er soll au der Hafcrhausse viel verdient haben. Und wie sie schon die kleinen Fratzen hcrausputzt! Bein! Kindcrabend hat das sechsjährige Kind ein gesticktes Flanellkleidchen gehabt, das ein Heidengeld gekostet haben muß. Nach Scheweningen soll sie nicht weniger als dreißig Blusen ,nitgenommen haben. Und war zwei Monate dort mit zwei Kindern, zwei Dienstboten und Französin. Gewöhnt ist sie es von Jugend auf! Ihre Mutter ist am Dorfe mit dem Tuche um den Kopf Tag und Nacht in der Greislcrci gestanden. ״Hort Israels, stehe auf zur Hilfe" . . . . Kleid ist Übermacht!! Sie hat das Devant und die Aermcl aus Seide Herstellen lassen. Den Hut hat sie auch schon lange! Sie hat außerdem das grüne Kleid mit dem Unilegkragcn, das sie beim Konzert trug, das lilafarbene Kaschmir und Schluß. Den Glockenhut aus Parmaveilchen und Rosen hat man den ganzen Sommer auf ihrem Kopfe gesehen! ״Hort Israels, stehe auf zur Hilfe" . . . . Guten Tag, Frau Holzmann, wie fesch! Sie lassen in Wien arbeiten? Der Hut ist reizend! Lila und grau! Was sagen Sie zur Löwinger! — ״Ich weiß nichts! . . . Ah so . . .! das wievielte?" — ״Das Fünfte!" — ״Guter Himmel, wie kann man nur so.... Freilich rennt man dann eine ganze Saison in einem Hut herum met ihr ungeheuere Fortschritte wahr, seht die Macht der Menschen durch ihr Wißen ins Unendliche gesteigert, und mit ihrer Macht auch ihr Machtbewußtsein, das Bewußtsein trotziger Menschensouveränität, die Gottes Herrschaft nicht ouldet. Und in welchen Kreis von Menschen Ihr auch hineinkommt, ja selbst mit dem zunehmenden Erwachen Eurer eigenen, der Zeit unterworfenen Willensart, werdet Ihr das Ringen um neue sittliche Werte merken, Werte, die nicht mehr in der freien Unterordnung der Menschenpersönlichkeit unter ewige Gesetze, nicht mehr in der Zügelung der Unermeßlichkeit ihres Wollens, sondern in ihrem vollen, durch nichts gehinderten Sichausleben bestehen und denen das Heiligkeitsideal der jüdischen Religion längst eine irrationale Größe geworden. Ihr aber sollt das Wissen Eurer Zeit in Euch aufnehmen, sollt ihre sittlichen Probleine, die in Eurer eigenen Brust, heute noch vielleicht Euch selber unbewußt, ihren Nachhall finden, mst innigem Verständnis begreifen und sollt all Euer Wissen, sollt all Eure Probleme in Euch selbst verarbeiten, durch sie Euch läutern zur einheitlich freien jüdischen Menschenpersönlichkeit! Jüdische Abiturienten! Das ist das Ziel, das Euch winkt, wenn Ihr wirklich Helden seid. Hütet Euch vor den falschen Propheten, die da lehren, es lasse sich die Mcnschenperfönlichkeit mosaikartig aus hunderterlci bunten Steinchen mühselig zusammensetzen oder es lasse sich das lautere Gold der Wahrheit in Scheidemünzen verschiedenster Prägung ausmünzen. Wollt Ihr als Juden ganze Menschen sein, müßt Ihr Euch ganz mit der jüdischen Wahrheit durchdringen und also gerüstet als Helden den Götzen der Gegenwart, als Männer heiligen Berufs ihrer Entartung entgegentreten. Fort mit der jammervollen Halbheit, dem verheerendcn Fluch unserer Zeit! Wahrlich, nicht darum nennt man Euch Akademiker, hält Euch fern vom profanen Markte des Lebens und gönnt Euch jung zu sein länger als allen anderen, damit Ihr hingeht und im Schweiße Eures Angesichts Wissen auf Wissen häuft als rechte Pflugstiere im Acker der Wissenschaft, oder gar als leichtbefiederte Schmetterlinge von Blume zu Blume eilet und überall ein wenig Honig naschet, bis die erste rauhe Hand den Glanz Eurer Schwingen hinwegrafft: Vielmehr verdient Euch den schönen Vorzug, Akademiker zu sein, lohnt Euren Eltern, lohnt dem Judentum, indem Ihr zu Beginn Eurer Laufbahn in freudiger Begeisterung Euch gelobet, als jüdische Akademiker allezeit voranzuleuchten durch Kenntnis jüdischer Lehre, durch musterhafte Reinheit Eurer Sitten, durch kernige Einheit Eurer ganzen Weltanschauung. Um dieses Ziel zu erreichen, tretet heraus aus Eurer Vereinzelung, schließt Euch den Gleichgesinnten an, auf daß sie Euren Mut beleben, wenn er zu Wanken droht. Euren Willen stärken, wenn er jemals erlahmt, und eine geschlossene Garde zusammensteht, so oft der Ruf erschallt: Das Judentum in Gefahr, jüdische Aakademiker voran! * * * Der Sammelpunkt aller gesetzestreuen jiidischen Studenten ist die ״Vereinigung jüdischer Akademiker" in Wien. Jede Auskunft erteilt: Jur. Max Jung, Wien, Universität. ״Deutsche Arbeit." Man hat sich nachgerade und nicht mit Unrecht daran gewöhnt, deutsche Arbeit mit antisemitischer Propaganda zu identifizieren und in der Tat kann der Beobachter feststellen, daß im Laufe der letzten zehn Jahre der Judcnparagraph auf die verschiedensten Methoden in die Statuten bisher gut freisinniger Institutionen hineingeschmuggelt wurde. Das hat sich besonders im Vereinsleben gezeigt. Ueberall trat die Tendenz zutage, bestehende Korporationen, die mit jüdischein Gelde mühsam aufgerichtet waren und sich durch jüdische Opferwilligkeit ansehnliche Fonds geschaffen haben, zunächst in arische Hände zu spielen, um dann im geeigneten Augenblick die Juden vollständig hinauszustoßen. Das hat man in Prag an einer ganzen Reihe von Organifationen erlebt und man kann noch heute sehen, daß der Wurm des Antisemitismus an den Grundfesten so manches freisinnigen Gebäudes nagt. Der Zusammenbruch bleibt nur eine Frage der Zeit. So erscheint hier in Prag seit zirka elf Jahren eine Monatsschrift, ״Deutsche Arbeit", für das geistige Leben der Deutschen in Böhmen, die im Aufträge der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen herausgegeben wird. Diese Zeitschrift hat cs sich seinerzeit zur Aufgabe gemacht, in ihren Spalten die Künstler und Literaten Deutschböhmens zu Worte kommen zu laßen. Und uin der Wahrheit die Ehre zu geben, muß konstatiert werden, daß nicht selten die Namen von Juden, die in Deutschböhmen geboren oder ansässig sind, zu lesen waren. Nun aber scheint man auch in der Redaktion der ״Deutschen Arbeit" anderes Sinnes geworden zu sein. Tatsache ist, daß die Beiträge von Juden immer seltener werden, daß so mancher früher geschätzte Mitarbeiter seine Arbeiten zurückerhält. Auch innerhalb der Redaktion wurden Veränderungen getroffen, die darauf hindeuten, daß eben vieles nicht mehr so ist, wie früher. Es ist eine unleugbare Tatsache, daß der Anti¬ und läßt Kleider übermachen." — Haben Sie es auch bemerkt? . . . ״Gewiß, nur Devant und Aermcl sind neu. Die Frau ist zu bedauern." Haben Sie die Rosentahl gesehen? Nein? Zweite Bank links. Batistbluse, vorne eine Jabotleiste mit Ajour-Arbeit, die Aermel mit breiten Spitzcnvolants. Nicht mehr an der Zeit. Sie hat noch kein rechtes Herbstkleid. Der Hut ist Rotzhaar, der Reiher ist hübsch, nicht wahr? Adieu Frau Holzmann. ״Heilig, heilig, heilig ist der Ewige." Die Spitzer! Schwarzer Seidenvoile, gelb unterlegt, es wird Satin liberty sein! Jettperlenbesatz! Hoch elegant! Die Tüllsäumchen sind hübsch! Dazu braucht man aber eine andere Gestalt, als die Spitzer ist! Man merkt nicht, wie elegant sie ist, bei dieser Figur. Wie viel Kleider hat sie sich bereits machen lassen, das himbeerfarbene Leinenkleid mit breiten,, weißem Plastron und gleichem Hute, das blaue Samtkleid, das graue Kammgarnkleid, das dunkelblaue Foulardkleid mit dem Leitereinsatz. Die Leute haben Geld! Die Blumenthal hat Wunder erzählt, wie es bei ihren Soireen aussieht. Sie haben einen livricrten Diener, der früher beim Grafen Lobeczky bedienstct war; der arrangiert ihnen die Abende. Es verkehren auch Christen dort! Die Präsidentin des christlichen Kinderasyls hat sie jüngst geladen. Allerdings wurde ihr diese Ehre teuer berechnet. Sie wählt sich aber seitdem ihren Verkehr. Man sieht sie nicht mehr mit der Goldberger, mit der sie so intim war. ״Der Ewige, der Ewige ist barmherzig." Da kommt diese Person, die Steinwald! Nur über sie hinweg sehen! Die Lilienfeld wollte sie jüngsthin vorstellen, was mit kühlem: ״ich mache keine neuen Bekanntschaften mehr", abgelehnt wurde. Wird ihrer in der Gesellschaft Erwähnung getan, so sagt sie ostentativ: ״ich kenne sie nicht". Sie hat arme Verwandte hier wohnen. Man kann nicht wißen, mit wem man bei ihr zusammen kommt. Mit einem großen Aufwands , von Hüten gehört man noch nicht zur haute! volee. Der braune Filzhut ist der siebente, wenn nicht der achte Hut! Gelber Hut mit Rosen, eins; Touque mit Jettperlen, zwei; der große Federn- Hut, drei ...... Die Kondor! Der Hut ist viel zu jugendlich , für sie! Daß sie das nicht einsieht! Das Kleid ist eine Pracht! Der unten eingezogene Paletot ist sehr apart! Ottomanseide! Sitzt großartig! — Die Strauß! Wie man nur so gehen kann,!wenn man so reich ist. Das Wollkleid trägt sie!das fünfte Jahr! Und der Hut! Das trägt doch heute keine Arbeiterin mehr! Gott, wenn sie das Geld der Strauß hätte! Freilich ist sie hochgebildet und von gefürchteter Intelligenz. Sie verzichtet aber auf eine, solche Intelligenz, wenn rnm! dabei fünf Jahre im selben Wollkleide herumlaufen muß. Mährisch-schlesische Bank Brünn! Tataptoan Hr. 3fc0, PlraWlM; Ferdinandsga^se Nr. 29 Tebphnn Er. W, W■ rinnt ■tob», , verzinst EINLAGEN gegen F 1i 0! gebundene Einlagen laut Überonko®mefl. Baak- Mhfcei*1u1d t, lMiaütr att Tkp ertrhlftrdftrrArt,Dine■ a. WechNwachMto,