Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 28 (17.10.1912)
- Date
- 1912-10-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Bezugspreis«: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen S 20 ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 660־! Balkan, Frankreich.Franks 12־— Einzelne Nummer 20 h. | Wiener XIII1. Jahrg. Nummer 28 Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petilzeile 30 k. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig! Postipm kajsakonto Nr. 312.842.! Geschäftsstelle, Wien: l., Notenturmstraße Nr. 3t. s Telephon 3009/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr | Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert : Manuskripten ist Rückporto beizusügen. j j-A Brünn—Budapest Wien, 17. Oktober 1912. 6. Cheschwa» 5673 Prag—Lemberg. z An die jüdischen Abiturienten. — Frau Snob bei Maskir.— ״Deutsche Arbeit." — Über 800.000 Kronen für wohltätige Zwecke testiert. — Zum Niedergange der niährischen Kultusgemeinden. — Londoner Brief. — I. G. Fichte. — Ein Baptistendorf, das zum Judentum übergetreten ist. — Brünner Nachrichten. — Wiener Nachrichten. — Korrespondenzen. — Briefkästen usw. — Salomon Dembitzer: Der Tate. — Dr. A. Deutsch: Exegetisches zum Wochenabschnitte. נה. — Dr. F. N. Hcnschel: Lemel. — Ein seltener Besuch. — Büchcrbesprechungen. — An die jüdischen Abiturienten! Nichts ist verwerflicher im menschlichen Leben, als der Leichtsinn, der sich dem blinden Znfall überläßt, die Stumpfheit des Herzen und des Geistes, die alle Ereignisse an sich herankommen sieht und den! Strome der Zeit sich anvertraut, daß er allein Richtung gebe und in ungezügelter Willkür sein Spielzeug mit sich fortrieße. Jüdische Abiturienten! Euch am wenigsten ziemt der Leichtsinn, denn der Strom der Zeit will Euch nicht wohl, und wenn er anderen blühende Gefilde verheißt und stolze Höhen, so hat er für Euch nur felsige Klippen, an denen Ihr elend zerschellen werdet, wenn Ihr nicht aus eigener Kraft den Zug seiner Wellen meistert und dem frei gewählten Ziel in männlichem Streben zusteuert. Die Schranken, die Schule und Haus um Euch errichtet, sind gefallen, die ängstliche Sorgfalt, die jeden Eurer Schritte bisher begleitet, muß schwinden, und frei tretet Ihr aus engem Kreis hervor, bereit, Euch dem Leben zu verwählen, froh wie Helden, Eure Bahn zu laufen. Froh seid Ihr und Ihr dürft Euch freuen. Ein günstig Geschick hat Euch davor bewahrt, nach allzu kurzer Zeit die Wahlstatt betreten zu müssen, wo der furchtbare Ernst des Lebens gebietet und die bitteren Kämpfe ums Brot ausgefochten werden. Euch hat die Stille der Schule umgeben zu einer Zeit, da Eure Altersgenossen längst mitten in jenen Kämpfen standen, und nun auch, da Ihr die Schule verlasset, ist es nicht das Leben selbst, sondern nur Borspiel des Lebens, das Euer harrt, erwartet Euch eine Tätigkeit, die den Alten als Muße erschien: Arbeit ohne Zwang, Abwechslung in reichem Blaß. Raum genug zu freier Entfaltung der Kräfte, die Ihr selber erst ahnt, Zeit genug, sie hinlänglich zu erproben, ehe Ihr Euch endgültig ihnen anvertraut. Seid Eures glücklichen Loses Euck ganz bewußt und genießt dies Bewußtsein in de Gegenwart, damit nicht erst die rückschauend» Reue einer späten Stunde ein verlorenes Pa radies Euch beklagen läßt, das Ihr in dnmp hindämmerndem Brüten zu durchwandern ve, absäumt habt. Freut Euch, denn Ihr seid di Bevorzugten des Glückes. Worum Jahrhundert mühsam gerungen, woran de: Schweiß von G» neration klebt, was die besten Köpfe der Mensck heit ersonnen: mit lachendem Munde tretet Jh die Erbschaft an und erwerbet sie zu dauernden Besitztum. Tenn Ihr seid reif befunden, Bürge: einer Welt zu werden, die die Notdurft des Le bens nicht kennt und das Handeln nach Ent schlüssen des Angenbilcks nicht fordert, in de die Leidenschaft des Alltags schweigt und da- Kleine selbst aufhört kleinlich zu sein, einer Welt in der nicht am Gängelband starrer Kausalitä die Geschehnisse einander ablösen, sondern di Freiheit der Theorie, das ist des Anschauens herrscht, die eigentliche akademische Feiheit, di mit praktischer Zügellosigkeit längst nichts melr rkeullleton. Frau Snob bei Maskir. Sie erwacht des Morgens mit dem träum- Haft dunkeln Gefühle, welches auch ihren ganzen Schlaf begleitet hatte, daß der heutige Tag irgend eine besondere Bedeutung für ihre, dem Mondainentum geweihte Lebensweise haben müsse. Dann leuchten klar die zwei Begriffe auf: Maskir, holzbraunes Seidenkaschniirkleid! Ihr Blick langt nach der jüngsten Meisterschöpfung ihrer Bekleidungskünstlerin und geleitet zärtlich über den entzückenden Soutachebesatz, den reizend gestickten Fichu .... Die Schneiderin war gegen eine Goldstickerei, es tut ihr aber leid, daß sie nicht darauf bestanden hat, der getupfte Tüll ist auch etwas pauvre, ihr hätte ein Plastron aus Spitzenstoff, wie ihn die Blumenfeld auf ihrem grünen Taffetkleide hat, eher zugesagt. Aber schließlich darf man sich auf den Geschmack der Rotfeld ruhig verlassen. Die Premiere des Kaschmirkleides hat sie für Maskir bestimmt. Der Ort, die Synagoge, ist wohl keine vornehme Gelegenheit, aber man trifft dort den ganzen gewissen Kreis beisammen, dem zuliebe man sich kleidet. Alles, was da um das blaue Band der ersten Mondaine strebt, ist heute dort —sportlich ausgedrückt — im gedrängten Felde beisammen. Es läutet! Tie Friseurin. Endlich! De. Mann ist längst im Tempel. Er gibt noch etwas, auf derlei. Die Männer emanzipieren sich schwe rer. Die Friseurin arbeitet heute mit fliegende. Hast. Sie hat heute ein Dutzend Köpfe mehr. Doch weiß sie in Eile zu erzählen, daß die Lö wental in einem braunen Tuchkleide mit Biesenbesatz, Crepe de chine-Bluse und Paletot erscheineu werde. Tie Kondor hat gestern aus Wien einen sensationellen Hut mitgebracht. Ein riesiger, prachtvoller weißer Filzhut mit herrlichen Strautzfedern! Das heißt — fügt sie mit fliegenden Fingern hinzu, da das Lob des weißen Filz- Hutes anscheinend unangenehm berührt hat — er ist ja viel zu jugendlich für die Kondor, auch ist er lächerlich groß. Tann huscht sie rasch davon. Eine halbe Stunde später tritt das Holzbraune Seidenkachmirkleid seinen ersten Gang an. Ter Tag ist wunderschön. Das vom Grün ferner Bäume eingesäumte Straßenbild ist vom goldgelben Scheine der mildwarmen Herbstsonne umfloßen. Ein lachendes, leuchtendes Blau umschließt die sonnige, strahlende Welt. Tie letzte, warme Umarmung der״scheidenden Sonnenzeit'. Frau Snob überschreitet den Fahrweg, indem sie das Kleid mit jener eleganten Haltung rafft, die sie nachsorgfältigem Studium der Gräfin Hoffmannsthal abgeguckt hat. Aus der Seiten- , gasse kommt die Levay. Frau Snob verlangsamt ' die Schritte, um sie passieren zu lassen. Sie hat gemein hat, Oie Freiheit im Anschauen uni) durch Anschauen, uic sich über die Notwendigkeit des Werdenden erhebt, indem sie sie allüberall erkennt, unb Oie bas Gewordene nach eigenen Maßstäben als gut und als schlecht, als schön und als häßlich bewertet. Und Bürger einer solchen Welt sollt Ihr werben! Freut Euch! Die Tage, die Ihr soeben durchkostet, an der Grenzscheide zwischen Schtile und Hochschule, so hoffnungsgetränkt, so sonnendurchleuchtet keheen sie nimmer im Leben Euch wieder. Tie Sonne reiner Begeisterung wärmt Euer Herz und steigert den Puls Eures Blmes. Die Hofsuung ans eine Zukunft voll edler Genüsse schwellt Eure Brust und läßt Euer Auge frei in die Ferne .׳litzen. Und also tretet Jtzr Eure Balm an. Und oohi Euch, dreimal wohl Euch, jüdische Abituienten, wenn es wirklich eine Batzn ist, die Jtzr .,!tretet, wenn es Eure Balm ist, die Ihr zu urchmessen Euch anschickt. Tenn nimmer also lieft Ihr Euren Beruf erfassen, daß Ihr den .odesspruug ins Ehaos wagt, in tollem lieber- .ut aus Eures Lebens Tafeln anslöscht, was .-egende Erzieher mit weisrm Borbedacht darauf erzeichnet, und sie mit trunkener Hand blank er Zukunft entgegen haltet, harrend, welch neuer Inhalt ihnen werde. Hüter Euch vor den falschen Propheten, die im Namen der Freiheit Euch zur Willkür laden. 'Nicht dazu ward Euch der Borzug .tkademifchen Bürgertums, daß Ihr Euch selber .׳erlieret und im Taumel der Selbstvergessen- .,eit Eure Kräfte selber vernichtet. ״Nach dem Gesetz, wonach Tn angelrelen. So mußt Du sein. Dir kannst du nicht eutflielm." Das Gesetz, wonach Ihr angelrelen, sollt Ihr Euch selbst zum Bewußtsein bringen und also frei die Bahn der Notwendigkeit wandeln. Jüdische Abiturienten! Als Juden seid Ihr das Moirekleid an, von welchem die Baunuvald oeim gestrigen Jour Wunder erzählt hat. Bah! die Rosenkranz hat dasselbe bereits im Früh jahr getragen, nur daß die Bordüre am Ausschnitt eine andere war, neu ist die Echarpe aus Monsselinchiffon. Bor dem Tempel steht eine (gruppe von Damen, anscheinend in zwanglosem Gespräche, tatsächlich zum Zwecke, das Desilee der interessanteslen Toilettendebuls abzuwarten. Die Haitung der Snob versteift sich einigermaßen im Kreuzfeuer der prüfenden Blicke. Nun stößt sie die Spiellüre der Frauenabteilnng ans und schwebt mir vornehm abweisender Haltung durch die Reihe der unteren Klasse, welche beim Eingang siedelt, horcht aber mit Pergnügen auf das bewundernde Geflüster, das hinter ihr entsteht. Jedes Haupt erhebt sich für eine Sekunde, nm mit einem Augenblicke das ganze Bild mit allen Details in sich auszunehmen. Sie läßt sich erschöpft ans ihren Siv nieder, mechanisch das Machsor ausschlagend und blät ternd. ״Segnet den Ewigen!" Tie Kohner kommt in einem neuen Empirekleid aus Schantungseide. Steigelsestische Arbeit, agnosziert sie. Zu erkenneu an den ausgenähten Schnürchen, die sie überall anbringt! Zugespitzter Paletot mit Fellbesatz, jedenfalls neu. Der Reiherhut muß minbestens hundert Gulden kosten. Wo die Leute Große Auswahl!! Synagogeuornate auch Lüsterkutte» uud schöne seltene Gelegeuheitskiiufe im Spezialhaus für Synagogenornate Rudolj Goldstein, Wien, T Taborstraße 54 Telephon 21990 (iuterurbauj._ Wie-erverkäuier Rabatt!_! ■f. 4 3 fi cj i | 1 ] i d 1