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Jüdische Volksstimme · 1912-10-10 · Heft 27 (10.10.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 27 (10.10.1912)
Date
1912-10-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 27. Geheimrat Dr. Hermann Munk gestorben. Nach langem schweren Leiden verschied am 6. Oktober in Berlin der frühere Ordinarius der Physiologie an der tierärztlichen Schule zu Berlin, Geheimrat Pros. Dr. Munk, einer der größten und fruchtbarsten Forscher auf dem Gebiete, der Physiologie; mit seinem Namen ist unlöslich die Erforschung der Physiologie der Großhirnrinde verbunden. Im Jahre 1839 gebaren, wurde er 1862 ׳Privatdozent, 1869 außerordentlicher Professor der Physiologie an der Berliner Universität, 1876 an der tierärztlichen Hochschule. Im Jahre 1880 wurde er ordentliches Mitglied der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften, 1897 ordentlicher Honorarprofessor der Universität. Wirklicher Ordinarius konnte er trotz seiner überragenden Bedeutung nicht werden, weil er Jude war und blieb. Bei seiner Beerdigung am jüdischen Friedhofe in Wcißensee nahmen außer dem Rektor der Univcrsität und der tierärztlichen Hochschule, Vertrcter des Kultusministeriums, der Akademie, sämtlicher gelehrten Gesellschaften teil. Uebcr Wunsch des Entschlafenen wurde die Trauerfeier in den einfachsten Formen gehalten, was aber nicht hinderte, das; viele Kränze seitens der Hochschulen und Studcntenkorporationen gcwidmct wurden. Der Rabbi von Sadagora gestorben. Sonntag den 29. September ist im Alter von 36 Jahren der älteste Sproß der Großrabbincrdynastie Friedmann, Herr Großrabbiner Aron Friedman n, einer tückischen Krankheit, die ihn seit Monaten ans Krankenlager gefesselt hielt, erlegen. Im vergangenen Sommer hatte sich der Wunderrabbi im Sanatorium Fürth in Wien der schweren Operation einer Mastdarmfistel unterzogen, die einen günstigen Verlauf genommen hatte. Trotzdem hatte er an den Folgen schwer zu leiden, die sich mit der Zeit derart verschlimmerten, daß der Kranke in steter Lebensgefahr schwebte, um so mehr, als die Krankheit auf tuberkulöser Basis beruhte und infolgedessen an eine Genesung nicht zu denken war. Trotzdem wirkte die Todesnachricht auf alle hiesigen Bcvölkerungskreife erschütternd und bei Verkündung derselben umstand eine tausendköpfigc Menschenmenge wehklagend und jammernd das Palais des verstorbenen Großrabbiners. Um 11 Uhr vormittags fand die Beerdigung statt. Ein tausendstimmiges Wchgcschrei durchzitterte die Luft, als der Zug der Leidtragenden sich in Bewegung setzte. Sämtliche Geschäftslokale hatten zum Zeichen der Trauer die Läden geschlossen. Eine unabsehbare Menschenmenge folgte, unausgesetzt jammernd und klagend, dem Sarge. Kaum wicderzugcbcn sind die Szenen, die sich am offenen Grabe abspieltcn. Die perschiedencn Aeußcrungen der Trauer und der Klage um den Verstorbenen spotten jeder Beschreibung. Großrabbiner Aron Friedmann war der älteste Sohn des vor sechs Jahren verstorbenen Großrabbiners Israel Fried 111 a 1111 aus deslen erster Ehe. Der Verblichene hintcrläßt eine Witwe mit fünf unversorgten Kindern im Alter von vier bis sechzehn Jahren. Der Nachfolger des Verstorbenen wird der älteste Sohn des Großrabbincrs Israel Friedmann ans zweiter Ehe, Großrabbiner Jakob F r i e d in a 1111. Professor David Blaustcin gestorben. In einer Sommerfrischc von Nordamerika ist Tr. David Blaustcin, Professor der philantropischen Wissenschaften an der Kolumbia-Univcrsität, im 46. Lebensjahre plötzlich gestorben. Der Verschiedene war in Rußland geboren, hatte in Deutschland studiert und ist dann nach Amcrika ausgcwandcrt. Dort war er zuerst als Direktor der Educational-Alliance in New Uork und dann in gleicher Eigenschaft am Hebrelv- Institute in Chicago tätig, welche beide An- Italien vornehmlich den Bildungszwecken der jübischen Einwanderer zu dienen haben. Im Jahre 1910 erhielt der Verstorbene an der Kolumbia- Universität eine Professur für philantropische Wisienschaft, die ihm reiche Gelegenheit bot, seine Erfahrungen auf dem Gebiete der Einwanderung zu verwerten. Inmitten dieser Tätigkeit ist er plötzlich erblindet und dem Siechtum verfallen. Für kurze Zeit wieder genesen, erlag er nun einem Schlaganfall. Die amerikanische Judenheit verliert einen ihrer tüchtigsten Volksbildner. Eine 100.000-Kronen-Spende. Wie die Lemberger Zeitungen berichten, hat der Bankdircktor A. H. Reich, Mitglied des israelitischen Kultusvorstandes und der Handelscamincr, für jüdische wohltätige Zwecke einen Betrag von 100.000 K gespendet. Einem jüdischen Journalisten gegenüber äußerte sich Herr Reich über seine Spende folgendermaßcn: ״Anläßlich meines 50. Geburtstages habe ich mich entschlossen, hunderttausend Kronen zu Ipcnden. Ich habe bereits am letzten Mittwoch oem Kultusvorstande ein Schreiben übermittelt und demselben hunderttausend Kronen Renten angeschlossen. In dem Briefe habe ich erklärt, Daß ich diesen Betrag für einen wohltätigen, von mir noch näher zu bestimmenden Zweck spende. Tic Gemcindekanzlei war jedoch gesperrt, und ich werde daher erst morgen diesen Betrag übergeben können. Für welchen Zweck ich diese hunderttausend Kronen bestimmen werde, weiß ich noch selbst nicht. Es wäre mir am aller liebsten, wenn hiefür eine Kinderbcwahranstalt oder ein Asyl für Obdachlose gegründet werden könnte. Das hiesige Waisenhaus nimmt nur Kinder an, die bereits schulpflichtig sind. Die zu gründende Anstalt hätte daher den Zweck, noch nicht schulpflichtige Kinder armer Eltern, die den ganzen Tag beschäftigt sind und sich daher um ihre Kinder nicht kümmern können, tagsüber zu Pflegen und zu erziehen. Es wäre aber auch ein Asyl notwendig, wo arme Juden, die arbeitslos oder in momentaner )Notlage sind, eine kurze Zeit unentgeltlich Unterkunft und Verpflegung finden könnten. Ich warte noch, bis der Kultuspräsident Doktor Schaff, der verreist ist, zurückkehren wird, um mich mit ihm zu beraten. Ich werde aber auch die Vertreter einiger großer jüdischer Wohltätigkcitsvcrcine zu Rate ziehen, um von ihnen zu hören, was im Interesse der jüdischen Bevölkerung von Lemberg dringend nötig wäre. Das Talrmidische Seminar in Heidelberg. öffnet dieser Tage, mit Beginn des Winterseinestets, wieder seine Pforten unter der rühmlichst bekannten Leitung des Herrn S. B. Nabinkow seinen Hörern Gelegenheit zu geben, sich mit den verschiedensten Gebieten jüdischen Wissens, vor allein dem Talmud, vertraut zu machen. Es werden Kurse für Anfänger und Fortgeschrittenere eingerichtet werden, so daß jedem einzelnen die Möglichkeit gegeben sein wird, sich mit den Quellcnschriftcn des Judentums vertraut zu machen. Die alten Freunde des Heidelberger Talmudischeu Seminars werden mit neuer Begeisterung zu dem ihnen lieb gewordenen Kreise zurückkehren, und die sich ihm zum erstenmal anschlicßcn, werden sich bald an dieser Stätte des Thorastudiums heimisch fühlen. — Zu jeder näheren Auskunft ist gerne bereit: Dr. I. Simon, Weberstraße 6. Ein Störenfried in der Frankfurter Hauptsynagoge. Ein 47jährigcr Arbeiter drang am Kolnidre-Abeud gegen halb 9 Uhr mit einem Dachdeckerhammer in die Hauptsynagogc in Frankfurt während des Gottesdienstes ein, und bedrohte einen Teil der Andächtigen, so daß er sofort hinausgcwicsen und arretiert wurde. Er lvurdc am anderen Tage nach Protokollierung wieder aus freien Fuß gesetzt, später weidete er sich beim Kastellan der Synagoge und bereute seine Tat. Jüdischer Antisemitismus. Das Wort klingt töricht und doch lebt leider dieser jüdische Antisemitismus. Es ist. traurig, aber wahr, es gibt Juden, die sich durch ihren Antisemitismus gewissermaßen als Deutsche lcgitimicrcn wollen und die mit dieser Häßlichkeit öffentlich prunken. Vor kurzem nahm ein Jude in der ״Kreuzzeitung" das Wort zur Verteidigung des angegriffenen Adels. Nun ist dieser Adel nicht etwa von den Juden, sondern von einem Standesgenossen, von einem veritablen Grafen, angegriffen worden. Aber bei uns geht es ja nicht anders, wenn der Adel angegriffen wird, dann melden sich die׳ antisemitischen Gefühle. Darüber wundert man sich nicht mehr. Traurig aber ist es, daß ein Jude es mit seiner Ehre zu vereinbaren glaubt, in einem ausgesprachen antisemitischen Organe sich auf seiten der Antisemiten zu stellen und das Judentum ungerecht und gehässig anzugreifen. Nach der Meinung dieses merkwürdigen Juden haben die Juden nie etwas für die deutsche Kultur getan und ihre Rolle sei immer eine zersetzende gewesen. Die jüdischen Dichter und Künstler sind in seinen Augen gänzlich unbedeutend, die jüdischen Philosophen nur oberflächliche Schwätzer. Auch der Geschmack der Juden findet in seinen Augen keine Gnade. Nun, wenn man so geschmackvoll ist, als Jude in einer antisemitischen Zeitung antisemitische Gedanken zu produzieren, dann ist man allerdings dazu legitimiert, über Geschmack zu sprechen. Die ganze Sache ist so häßlich und widerlich, daß man sich schämt, als Jude darüber schreiben zu müssen. Leider aber scheint die Unsitte immer mehr um sich zu greifen, über jüdische Dinge in allgemeinen oder gar antisemitischen Zeitungen zu schreiben. Da soll und muß ausgesprochen werden, daß ein Jude, der sein Judentum liebt und achtct, sich niemals dazu hergebcn darf, in konservativ-antisemitischen Zeitungen über jüdische Verhältnisse zu schreiben. Wer diese Verirrung mitmacht, der dient nur dem Antisemitismus. WIEN: יי-: =.. vorm. Hotel Romania Neu eröffnet! Wien II., Kleine Sperlgasse Nr. §. 5 Minuten vom Stadtzentrum, in unmittelbarer Nähe des Nord- und Nordw.stbahnhofes. r'RACHTNEUBAU! 100 ZIMMER. Elegantes Familienhotel. Zentralheizung. Kalt• u. Warmwasser in jedem Zimmer. Bäder im Hause — Elegante Halle. Musik-, Schreib- und Lesezimmer _ — Exquisite und rituelle Küche. IM- Zimmer von K 3*60 aufwärts. -WW Besitzer Karl Gelringer Ein Heldensaal im jüdischen Museum. Die Leitung des ungarländischen jüdischen Museums in Budapest hat, wie von dort berichtet wird, eine sehr schöne Idee gefaßt. Sie errichtet einen Saal, in welchem die Andenken gesammelt werden, welche sich an die jüdischen Helden der ungarischen Freiheitskämpfe knüpfen. Bekanntlich haben die Juden an den Freiheitskämpfen der Ungarn mit Gut und Blut teilgenommen, so daß diese wertvolle und interessante Sammlung sehr reichhaltig zu werden verspricht. Mit Rücksicht darauf, daß mancher jüdische Kämpfer, der in den Jahren 1848 und 1849 für die Freiheitssache der Ungarn wacker mitgefochten hat. dann ins Ausland emigrierte, so erwartet die Leitung des ungarisch-jüdischen Museums (Budapest, 6. Bez., Podmaniczkystraße 73) von diesen etwa noch im Auslände lebenden Freiheitskämpfern oder ihren Nachkommen, daß sie etwa in ihrem Besitze befindliche Reliquien, Dokumente, Bilder, Waffen usw. mit der die Gegenständc erläuternden Erklärung dem Museum;11y_ ewigen Verwahrung überlasten. Unseres Wissens wird, falls dem Aufrufe der Museumsleitung in entsprechendem Maße Folge geleistet wird, dies der einzige jüdische Heldensaal der vk schönste Schrift in Rfirzester Leit erreicht jedermann! K R. ded. aut, Zedrelvrcvuie Professor Rudolf Roubitscbek iüiisSiES PrdA iü£tt7£l<f)1rlt7 Bl hach auswärts brieflicher Unternag, ncvtnacheig.ger.gereh.Methode

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