Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 27 (10.10.1912)
- Date
- 1912-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621834--1743-2622807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 27 ״Jüdische volk»sti««e." Leite S. bringen! Denn wahrlich, wie die Nation als solche im großen, haben es ihre Glieder, die Gemeinden, dringend nötig, daß mit dem neuen Jahre auch neues, reges Leben in sie sich ergieße und ihnen Lebensgeist einflöße. Denn die Neste des einst starken Judabaumes sind nahe daran, zu verdorren. Einzelne freudige Erscheinungen gemahnen an den Patriarchen Abraham, der für Sodom und Gomorrha vom Ewigen Verzeihung erflehte, weil sich dort vielleicht noch fünf Fromme fänden. Das Verschwinden einst blühender jüdischer Gemeinden in Böhmen sollte unseren Führern in der Hauptstadt und der Landesjudenschaft zu denken geben. Hier heißt es nicht mehr: Principiis obsta! Tenn der Wurm der Zerstörung ist leider schon zu tief ins Gesunde gedrungen, als daß von einem Anfang gesprochcn werden könnte, dem gesteuert werden soll. Tie Uebcrtritte, Konfessionsloserkläruugen mehren sich in geradezu erschreckender Weife und die Religionslosigkeit grassiert unter der Jugend gleich einer verheerenden Pest. Bekennen wir es nur: das nationale Bekenntnis ist der letzte Faden, mit dem die Jugend am Judentum hängt. Und ich stelle mir dasselbe als von der Religion unlösbares Ganzes hin, das durch noch so starke Betonung des nationalen Momentes ohne Betätigung des religiösen, gewiß überwiegenden Teiles auf die Dauer eben unmöglich if und Schaden nehmen muß. Es wird nicht zugründe gehen, denn eine glaubenstreue, wenn auch geringe Schar, wird das religiöse Leben verinnerlichen, immer mehr vertiefen und durch vorbildliches Beispiel die Schwankenden mitreißen. Inwiefern das Haus und die Schule hierin bisher gefehlt haben, sei bloß gestreift. Seit die jetzige Generation die jüdische Hausfrau missen muß, seit die Judenschule, das mit Unrecht so arg verlästerte Cheder aufgelöst ist, an dem die Ncuinann, Schwager, Königsberg, Springer usw. gewirkt haben, von tiefer Religiosität erfüllte, echte Pädagogen, gewirkt haben, seitdem krankt unser jüdisches Leben und wartet des Arztes, der es von den Auswüchsen, Assimilierung an uns fremde Bräuche, die unserem Wesen so gar nicht passen wollen, befreien soll. Wo war unsere schulfreie Volks-, Mittel- und Hochschuljugend au den hohen Feiertagen, wo sind die Lehrer, die, gleich dem Katecheten, sich ihrer angenommen und zum Gottesdienst angeleitet haben? Mit unzulänglichen Mitteln — in Prag z. B. durch Gottesdienst in einem profanen Tanzsaal — wird man bei der Jugend wohl kaum Begeisterung für den Besuch des Gotteshauses Wecken, zumal niemand von den Berufenen sich der loh- ״Du durftest mich nicht finden," erwiderte sie klanglos. ״Warum nicht?" ״Weil es dein Schicksal, deine Bestimmung war." Und auf dieser jahrelangen Suche nach dir," hob er im selben verschleierten Tone an, ״habe ich mein Leben versäumt, meine Seele verloren." ״Die hast du nie besessen," cntgegnete sie mit plötzlicher Leidenschaft, ״sonst hätte sie mich bei dir gehalten, wie mit unsichtbaren Fesseln, ich hätte sterben mögen bei dir und nie, niemals hätte sie jenen Augenblick uugelebt, ungenossen vorüberziehen lassen, sie hätte gefühlt, daß meine Seele ihre Arme nach ihr ausstrcckte, sie wäre mit ihr verschmolzen zu einem einzigen Liebesakkord. Doch du bist ohne Seele geboren und deshalb warst du damals so stumpf, so kalt überlegt, während meine Jugend, mein Blut nach dir schrie. Weißt du denn nicht mehr? Wir saßen da oben, wie heute, in der heißen Johannisnacht. Es war überall um uns so heilig still, alles in einem einzigen Traumversunken und die Liebe schwebte über dcrErde. Ich habe dcutlich das Rauschen ihres samtweichen Gewandes gehört, wie sie aus dem Flöten einer Nachtigall sehnsüchtig zu uns sprach, ihren Duft gefühlt, wie sie betäubend aus ihren Blumen zu uns heraufduftete, ihren brennenden Atem an meincr Wange gespürt, mit dem sie mich erhitzte, ihren lohenden Blick in meinem Auge gefühlt und ihr fieberndes Blut entbrannte das meine und meine Jugend begehrte und bebte und schrie nach dir in unbezähmbarem Verlangen. Doch du verstandst es nicht, ganz leblos warst du. währcnd meine Seele brannte, so gefühllos, so brutal, blind für meine Leidenschaft, taub für den nenden Mühe unterzieht. Und die Erwachsenen? Zum Lob der guten Hälfte sei es gesagt, daß Kaufleute an den Jomim noroim ihre Läden und Schreibstuben und Werkstätten in Prag geschloffen hatten und nur ein Bruchteil ganz offen hielt, während ein nicht geringer Teil das Hasten und Jagen kaum erwarten konnte und am Nachmittag beziehungsweise gegen Abend öfsnete. Es wird Sache der Kultusgemeinderepräsentanz sein, hier eine Aktion einzuleiten, um dergl. beschämende Erscheinungen aus der Welt zu schaffen. Man hat uns die großen, von körperlicher und geistiger Knechtschaft befreienden Feste, Peffach und Schewuos — ganz zu schweigen vom herrlichen Straußsest Sukkoth — äußerlich zu Arbeitstagen gemacht׳. ist Israel das Volk, das der Menschheit das wahre Licht brachte, das letzte unter den Völkern geworden, das andere Völker Feiertage zu halten lehrte, selbst aber sich verwerfen will? Da sei Gott davor! Noch ist es Zeit, die Jugend auch für die Religion zu ge- Winnen und unser geistiges Leben jüdisch zu gestalten, zu verinnerlichen, wie es noch vor zwei Jahrzehnten war. Wie schon oben erwähnt: die jüdische Hausfrau und der jüdische, d. i. jetzt der Religionslehrer, sind imstande, diese Wandlnng zu vollbringen. Nur beherzt ans Werk und den! Ewigen vertraut, wie es zum Schluß des Psalmes heißt, der am Hoschanoh Rabbo zuletzt gesagt wird: Chasak wejamez libecho wekawe el adonoy. W. Klein. Zur Neutitscheiner Reichsralswahl. Wie wir bereits in der letzten Nummer berichteten, ist in diesem Wahlbezirke der deutschradikale Dr. Bodirsky gewählt worden. Das führende Organ der deutschfortschrittlichen Partei, der ״Tagesbote", hat vor den Wahlen eine derart lächerliche Haltung eingenommen, daß sogar ein deutsches Blatt, das ״Brünner Montagsblatt" gegen die den Juden Sand in die Augen streuende Politik Stellung nimmt. Das ״Montagsblatt" schreibt: Wie müßte diese Komödie eigentlich heißen? ״Ter Raubzug eines Wahnwitzigen"? Oder: ״Hochmut koinmt vor dem Fall"? Oder: ״Die Gespenster am Totenbette der alten Tante"? In allen diesen drei Titeln läge der ganze Inhalt eines Schauspieles, das sich im Zeichen der sagenhaften Gemeinbürgschaft in Brünn abspielte und mit Neutitschein befaßte. Man muß nur die Artikel im ״Tagesboten" seit Wochen lesen! Ter schneidige Redakteur wildeit Lebensschrei rneines Blutes, ganz unmenschlich warst du, so erbärmlich feig, daß ich hinlies und meinen jungen Körper in der Welt tötete und an seinem Tode bist du schuld." ״To ward mein Charakter, meine Religion zuin Verbrechen." Tie lachte kurz auf. ״Religion? Mensch, Mensch solltest du vor allem sein, alles andere sind hohle Worte, Charakter ist Frevel, wenn er nicht menschlich ist, Religion Tünde. wenn sie das Menschliche bekämpft." ״Das war das Schicksal," sprach er dumpf. ״Es hat uns zu einander gebracht, nur um uns dann einander zu entreißen. Aber heute bleiben wir zusammen, unzertrennlich, für immer. Adele." Er faßte ihre Hand und küßte sie überwältigt und sie überließ sie ruhig seinen stürmischen Zärtlichkeiten. Tann sagte sie plötzlich: ״Komm, wir wollen die Gräber unserer Erinnernngen besuchen und auch unserer Jugend die Totenfeier halten und dann voneinander gehen auf immer. Ich darf nicht länger bei dir bleiben, morgen nacht gehöre ich wieder der Welt." ״Adele! Fühlst du kein Mitleid. Meine Zerknirschung. meine Reue. Tu sollst es besser bei mir haben. Adele, ich werde dich lieben und Pflegen und es wird wieder werden. Adele, wie es sollte, unsere unverbrauchte Jugend-" ״Tie ist verloren, mit unserer Seele gestorben, es kann nicht anders werden, ich bin ja ganz, ganz elende Du ahnst ja gar nicht, was das heißt, so elend sein, ich würde dich krank machen, denn ich bin krank, ich würde dich töten, weil du mich getötet hast, und das will ich nicht, ״—s" nimmt Schwert und Spieß in die Hand und die Kriegsdromette in den Mund, besteigt das berühmte Roß, das seinerzeit der nunmehr selig in Gott ruhende Ton Quirote geritten, und zieht in den Krieg nach Neutitschein. Wie sagt doch das Sprichwort: ״Neunundneunzig Juden und ein Zigeuner, machen noch lange keinen Neutitscheiner." Ter ״Tagesbote" schimpfte hin und schimpfte her und die Neutitscheiner lachten sich eins in die Faust. Ter ״Tagesbote" protzte, prahlte, log in gewohnter und vornehmer Weise — er ist doch laut seiner Bricfpapierköpse das meistgelesenste und vornehmste Organ Mährens — wacker darauf los und die Neutitscheiner hatten inzwischen ihr Tchäflein im Trockenen. Tie Partei des ״Tagesboten" ist nicht nur zertrümmert, sie wird nicht nur nicht mehr ernst genommen im ganzen Lande, sondern jedermann bei uns zu Hanse macht gerade und justament immer das Gegenteil von dem, was diese so gut Gehaßten anbesehlen. Weil der ״Tagesbote" so schneidig losgegangen ist. gerade deshalb hat seine Sache so kläglich Tchissbruch gelitten. Ter Krieg, in den der kühne Mann aus der Liechtensteinstraße so begeistert gezogen, hat aber auch von vornherein alle Anzeichen eines lächerlichen Hurrageschreies an sich gehabt. Zuerst hat Herr Redakteur ״—s" behauptet, der Wahlbezirk sei stark liberal, ja vielleicht der stärkste liberale Bezirk in Mähren. Das Endergebnis der ersten Wahl am 2;». September zeigte jedoch, daß dies eine kühne Lüge ist. Von rund 7 0 0 0 S t i m m e n sind bloß 8 0 0 Ttimmen auf den liberale n Kandidaten entfallen und unter diesen 800 Stimmen sind 2 00 A r b e i t e r st i m 111 e n! Woher der Herr Redakteur ״—s" die Behauptung hergenommen hat, daß der Neutitscheiner Bezirk liberal ist, ist einfach unbegreiflich. Wie überall, so auch in Neutitschein, hat sich die liberale Partei nie um die Wähler gekümmert. Lächerlich war auch die Kandidatur selbst. Herr Lehrer Kunowskh ist dermalen Bürger- Meister in Leipnik. Wer Leipnik kennt, weiß, daß es nur von den Inden gehalten wird. Herr Lehrer Kunowskh ist dermalen offiziell liberal. Er ist jedoch zugleich Vertrauensmann der deutschradikalen Partei. Im Stadt Liebau und Bautsch reklamieren ihn die Schönerianer als ihren Mann, der ja auch pünktlich den Jahresbeitrag entrichtet. Tie deutsche Arbeiterpartei hat ihn zu wiederholten Malen als ihren Mann bekannt. Ter Tagesbote hat so fürchterlich gegen Bodirskh gewettert, weil er dentschradikal ist und den Schönerianer Kunowskh empfiehlt er seinen Lesern! Ist das nicht lächerlich? ich gehöre dem Leben seit damals und dort werde ich sterben." Sie erhob sich rasch, wie wenn sie von hinnen eilen wollte. ״Adele, wart' aus mich!" Mil einem Sprung war er bei ihr und hielt krampfhaft ihren Arm umklammert. ״Wenn du mir versprichst, kein Wort mehr davon zu sprechen, dann will ich gemeinsam mit dir die Stätte unserer Vergangenheit aussuchen, wenn nicht —!" Sie blickte ihn lange und tief an und sah deutlich wie der Mann neben ihr kämpfte. Tie gramvolle Verzweisliing über ihr verlorenes, durch ihn verschuldetes Leben sprach aus seinen Zügen, der unheimliche Brand seiner unge schwächten, ungestillten Liebe flackert aus seinen Augen und dazu die entsetzliche Angst, sie wieder verlieren zu müssen. ״Sei du menschlich, Adele, jetzt, da ich's nicht früher war." ״Trum laß uns geh'u," erwiderte sie tonlos. So schritten sie langsam und stumm, ihre Jugend zu begraben. Sie gingen vorüber an den Lieblingsplätzen ihrer Vergangenheit und ein seltsamer, unbekannter Geist umschwebte sie. Nirgends, an keinem Baume, an keinem Hügel fanden sie mehr Spuren ihres früheren, reinen Glückes, über alles hatte die Zeit ihren rastlosen und zerstörenden Schritt gesetzt. Sie suchten, aber fanden nicht den Weg hinüber. Ganz dunkel war es bereits geworden und die beiden Ver lorenen wandelten noch immer zwischen den Gräbern ihrer Erinnerungen, wie im Traum, in dem die Schatten der Vergangenheit in die Zukunft herüberdrohten. Erst gegen den grauenden Morgen war ihr Rundgang beendet, der Schlußstein ihres Lebens gesetzt.