Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 27 (10.10.1912)
- Date
- 1912-10-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Se׳t«> 2, ״Jüdische Volksstimme." N». 27 rungsgcsetze, die großen Brände in Kouslantinopel, Vas Erdbeben im Marinaragebiet, alles trifft zuerst Juden. Sind wir denn zu leiden d a? Andererseits: Jede Aufhebung der Beschräukungen, jede Zunahme des Wohlstandes, jedes Vordringen der moderneil Kultur — kurzum jede geringste Besserung der Verhältnisse, entreißt dem Judentum seine besten Kräfte, die Jugenv. Augenblicklich beginnt der Abfall — vorerst der innere — und das Judentum zerfällt wie ein altes fadenscheiniges Gewand. Diese Tragik muß erlebt sein, um vcrstandcu zu werden. Wir gleichen deni Gefangenen, der, nach langer, schwerer Dunkelhaft, voiii ersten Sonnenstrahl getrosscu, stirbt. Deshalb brauchen wir die jüd. Autorität als ein Bleibendes in der Flucht der Erscheinungen. Sie soll dem Unglück trotzen und das Glück ertragen. Sic soll nicht aus-, sondern einschließen. Und soll uns wenigstens die Zukunft retten. Müssen denn die minder mitversinkcn in die Fluten des Unglaubens und des Abfalls? Sollen sie um ihr Judentum, welches sic doch nur aus Neujahrskarten und hebräischeit Grammophonstückeii kennen, betrogen werden? Möge uns nicht die enorme Unmenge von Energie, die in dieser Heranwachsenden, im Abfall erzogenen Jugend schluinmert, unwiederbringlich verloren gehen! Wir brauchen nicht die gönnerhafte Geste, das Judentum zu erhalteii. Das Judentunl ist von Gott eingesetzt und verbürgt und wird alle Zeiten überdauern. Aber die Juden heit dem Judentum gewinnen, den Prozentsatz der Entsremdung möglichst zu reduzieren, das ist unsere Aufgabe. Wenn nach denl Worte unserer Weisen die Rettung eines einzigen Menschen der Rettung der Welt gleichkommt, so gab es wahrlich noch nie eine Zeit, in der wir so Großes, Ewiges vollbringen konnten, als jetzt. Nieinals hatte eine Judenheit das Wohl und Wehe ihrer Zukunft so in Händen als die heutige. Niciuals war uns der Weg zu unserer Bestimmung geebneter, niemals auch der Weg zur Auflösung so offen als heute. Wien. L. Grünhut. Der neue Kurs. Brünn, im Oktober 1!)12. Eine Spanne Zeit erst ist ins Land gegangen, seit die Kriegsverwaltung mit einein neuen Erlaß betreffend das Reserveoffizierskorps aus den Plan getreten ist und heute schon machen sich die Folgen dieser letzten Enunziation in erschreckender Weise fühlbar. Das Erscheinen der Verordnung hat seinerzeit eine forcierte Debatte der ncugcschafsenen Lage in den Blättern nicht wahr sein!" In seinen Worten zitterte eine geheime und schreckliche Angst, wie sie ein Schnldbewußtsein hervorbringt. Ich lüge nicht, ich habe nie gelogen," erwiderte sic fest, mit einer Leidenschaft. ״Aber du, du hast mit keinem einzigen Gedanken wahr gelebt, alle deine Gefühle waren die verkappten Kinder verlogener Hirngespinste. Du, du hast tnich vernichtet, deine stumpfe Vcrständnislosigfeit, dein gekneteter, kleinlicher Charakter, dein wahnwitzig gesteigertes und krankhaftes Ehrgefühl haben mein jtinges, stürmisches Blut geschäitdct, du hast ntein Leben verbrochen, nur du, deitii du warst mein Schicksal." Sie schwieg wieder, wie wenn sie aus eine Antwort wartete und als diese ausblieb, begann sie in einem ruhigen, fast sterbenden Tone: ״Du wirst das vielleicht nicht begreifen. Aber cs ist doch so. Dein Charakter ist unser Schicksal gewesen und daß in ihm der Keim unscrcs Todes lag, wer kann dafür? Aber cs ist doch so. Weißt du noch, ich mußte oft, sehr oft daran denken, ich meine an den lcbensschweren Augenblick, der mich von dir trieb." ״Das war dein größtes Unrecht," unterbrach er sie, von der finsteren Erinnerung gequält, ״denn ich habe auf dich gewartet und trotzdem ich wußte, du mußt wieder kommen, nahte mir oft die Verzweiflung." aller Parteirichtungen hervorgerufen und allgeinein wurde das Rückschrittliche, Undemokratische und vor allem Schädliche des Ukas kritisiert und erläutert. Die Heeresverwaltung ließ sich aber durch solche Äleinigkeitcu nicht irre machen und segelte flott in dem neuen Fahr- Wasser weiter. Die Reserveoffiziers-Prüfungen des letzten Jahrganges der Einjahrig-Freiwilligen wurden nun naturgemäß das Sprungbrett, von dem aus die Elastizität des Erlasses des ״gutsitzenden Fracks" zum erstenmal ausprobiert werden sollte. Und man muß sagen, die Probe ist, im Sinne der Heeresverwaltung natürlich, mehr als positiv ausgefallen. Die Liste derer, die den Anspruch aus die Charge des Reserveofsiziers hatten, wurde so gründlich durchgesiebt, daß im allgemeinen mehr als fünfzig Prozent der Anwärter mit ihren Ansprüchen abgcwiesen und ohne Offiziersportepee nach Hause geschickt wurden. Aus allen Städten ist die Hiobspost eingetroffen, daß unter den Einjährig-Freiwilligen kaum fünfzig Prozent die Befähigung für die Charge des Reserveoffiziers erlangen konnten. Alles andere ist unbrauchbar und wird im Troß der Armee verschwinden. Wollte man nun aus diesem kläglichen Resultat schließen — und logischerweise müßte inan so konkludieren —, daß die Brauchbarkeit der Jntelligenztruppe unserer Jugend in solch erschreckendem Maße abgenominen hat, so müßte man 11m sehr gemischten Gefühlen in die Zutunst blicken. Und das Ausland, das in die Mysterien unserer Verordnungspraxis nicht so genau eingcweiht ist, wird auch seine Meinung über die österreichische Intelligenz um einige Zoll niedriger schrauben. Dem Eingeweihten aber ist cs klar, daß die Prüfungsergebnisse durchaus nicht aus eine geringere Befähigung der Aspiranten, sondern eben allein auf das Konto des famosen Erlasses zu setzen sind. Durch diesen Erlaß wurde der Ofsiziersversammlung eine Macht in die Hand gegeben, die sich mit den demokratischen Grundprinzipien unseres Heeres in keiner Weise vereinbaren läßt. Die Offiziers- Versammlung, die ja ohne Zweifel nicht immer aus den weisesten Elementen besteht, hat mit noch nie dagcwesener Sclbstherrlichkeit ohne die Kontrolle einer übergeordneten Instanz über das Schicksal der Freiwilligen zu entscheiden und darf sich dabei noch aller Raffinements und Finessen bedienen, die zwischen den Zeilen des neuen Erlasses zu lesen sind. Und da nun das Offizierskorps durchaus nicht frei vom Antisemitismus ist, vom geheimen natürlich, der aber weit gefährlicher ist, so resultiert, daß bei den Prüfungen eine Großzahl von Juden nicht bestehen dürste, oder überhaupt nicht zugelassen wurde. Und das sozusagen unter der Kontrolle ״Wieder eine Lüge im Angesichte des Todes." Ein heiseres, aufkreischendes Lachen. ״Das ist wahr, blutige Wahrheit, Adele!" Sie fühlte im selben Moment, wie auf ihre Hände heiße, schwere Tropfen niederfielen und hörte ein stoßweises Schluchzen. Der Mann neben ihr hielt ihre Hand umkrampft und weinte. Sie preßte fester ihre Lippen auseinander und stumm, mitleidlos ließ sie ihu gewähren. Sie konnte nicht mehr solchen Leidcnsausdruck sinden, in dem Leben, das sie geführt, haben sich unrettbar die Tränen, die Schmerzenskinder der Hoffnung, verloren, sie hatte sie vielleicht vergessen irgendwo auf der Bühne eines blendlichterfüllten Nachtlokals oder sic sind ertrunken in den schäumenden Gischt des Hellen Champagncrs. Weinen konnte sie nicht mehr. Irgendetwas hatte das Leben in ihr zerrissen. Und deshalb berührte es sie so seltsam, den Mann neben sich weinen zu hören. Als er sich beruhigt hatte, begann sie wieder mit derselben Unerbittlichkeit eines Richters. Sie kam ja abzurechnen mit ihrem Schicksal, kurz vor dem Tode ihrer Jugend. Und wer nicht getäuscht und nicht verspottet werden will, muß streng, hart, oft grausam sein, das hatte sic das Leben schon oft gelehrt. Darum sprach sie wieder: ״An jenen Augenblick, von dem mein Leben abhing, mußte ich oft, öfter als mir lieb war. des Gesetzes und im Einverständnis mit der obersten Kriegsverwaltung. Jeder vernünftige Mensch muß natürlich auf den ersten Blick einsehen, daß unter solchen Umständen die Militärssreudigkett der österreichischen Jugend und besonders der-jüdischen Jugend Oesterreichs nicht gehoben werden kann. Riskiert doch jeder Freiwillige, der sich am ersten Tiensrtage in einem schief sitzenden Frack dem Kompagniegewaltigen vorstellt, daß er infolge dieser Schlamperei seines Schneiders sofort auf die schwarze Liste gesetzt wird. Denn der Erlaß gebietet ja, aus das Aeußere das Hauptgewicht zu legen und die dienstliche und militärwissen- Ichafuiche Eignung erst nachher ins Kalkül zu ziehen. Ebenso muß der Freiwillige, dessen Va- 1er etwa ehrlicher und arbeitsamer Hausierer ist, wissen, daß für ihn das goldene Portepee ein unerreichbares Ideal bleiben wird, da seine ״privaten Verhältnisse" den Anforderungen nicht entsprechen, die das k. k. aktive Offizierskorps an die gesellschaftliche Stellung der V äter der Freiwilligen stellt. Daß nun der Kaufmannsstand und die Gewerbctreibenden von den Offizieren als gesellschaftlich nicht erstklassig angesehen werden, äst erfahrungsgemäß bekannt. Und gerade die Söhne der Kaufleute und Gewerbetreibenden, die großtenteils ihre Ausbildung an Hochschulen genießen stellen ein bedeutendes Kontingent der Einjährig-Freiwilligen und unter ihnen wieder sind die überwiegende Mehrzahl Juden. Aus dieser einfachen Ueberlegung sieht man, wohin der neue Kurs mutatis mutandis führt. Und doch sind gerade die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden des Staates beste Steuerzahler. Aus ihren Taschen fließen die Unsummen, welche für militärische Zwecke angefordert und eingchoben werden. Zuni Dank dafür werden ihre Söhne unter ein Ausnahmsgesetz gestellt. Die ersten Prüfungen nach dem neuen Erlaß sind vorüber. Sie haben ein beredtes Bild ausgezeigt und die Absichten derer von oben unverhüllt klargelegt. Es ist kaum anzunehmen, daß man bei dem erzielten Resultate stehen bleibei wird. Jetzt ist es hoch an der Zeit, entgegenzutreten. Sonst können wir es erleben, daß auch die Charge eines simplen Leutnants in der Reserve nicht anders alsauf dem Wege übers Tausdecken zu erklimmen rst. Zum BeschLußfest. Die Feiertage in Prag und Böhinen. Ein neues Kalenderjahr hat begonnen und nach der in Prag herrschenden Tradition werden wir das am Neujahrsfest beschlossene, am Versöhnungssest besiegelte Geschick am Haschanoh Rabbo heimtragen. Möge es ganz Israel Heil denken. Ich hätte vielleicht nicht einmal seine Schwere empfunden, aber, weil er so oft und in den widersinnigsten Situationen meines Lebens an die Oberfläche cmporstieg, drang er mir immer mehr zum Bewußtsein. Wenn ich von den Brettern herablachte, fühlte ich deutlich seine Nähe, wenn ich in den Armen der ungeliebten Männer lag, da trieb er mich aus ihnen und bis in die dunkelste Nacht verfolgte er mich ahnungsschaurig und qualvoll. Anfangs Hab' ich Tränen gefunden, doch später kamen sie nicht, es war ein unnennbarer Schmerz, der sich nicht in Tränen lösen konnte, so brennend war er." Sie schwieg wieder, wie in Nachsinnen verloren. Der Mann neben ihr richtete sich auf und in seinem Antlitz war stumme Verzweiflung. So saßen sic wortlos nebeneinander, wie wenn sie ihre Gedanken hörten und der Worte zum Austausch nicht bedurften. Da fragte er mit hohler Stimme: ״Warum hast du mich dann nicht gerufen, wenn du so elend warst?" ״Weil ich dich hassen müßte und davor batte ich Angst." ״Und dennoch hatte ich auf deinen Ruf gewartet," sprach er seufzend vor sich hin und starrte hoffnungslos in die Weite. ״Ich habe dich umhergesucht. überall, und konnte dich nicht finden. Dich nicht heimbringen." Mährisch-schlesische Bank Brünn! Trttpban Kr. 3iJ, MnckM». Ferdtnandsgasse Nr. 29 T«te»h«B יr. Wt, WaAidBtutn, > verzinst EINLAGEN gegen 0( gebundene Einlagen Uu3t ÜberesRkonsmea. Bank- 9MKl*1UMi i* 1udtmta AadauMg »M N P gcBchifa ■ftcrArt, B6r»q-u-Wec*gtenc»cbifcB.