Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 27 (10.10.1912)
- Date
- 1912-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Xllljl. Jahrg. Nummer 27 L ■iä- B^ugSpreise: Für Österreich-Ungarn. halbjährig . . Kronen b 20 aan»iähria..Kronen 10•— Deutsch« ganzjährig. Wad 10- Rußland, ganzjährig ........ Rubel 660־ Balkan, Frankreich.Franks 12־— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Memm, Leipzig Geschäftsstelle, Wien: I., Rotenturmstraße Nr. 31. Telephon 3009/Vlii. Sprechstunden von 10—12 Uhr Postsparkafsakonto Nr. 312.842. Unverlangte redaktionelle Beitrüge werden nicht honoriert Manuskripten ist Rückporto beizufügen. » Brünn—Budapest. Wien, K Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: , L. Grünhut, Wien: Die Notwendigkeit einer, jüdischen Autorität. — Der neue Kurs. — W. ׳ Klein: Zum Beschlußfest. — Zur Neutitscheiner Reichsratswahl. — Geheimrat Dr. H. Munk gestorben. — Der Rabbi von Sadagora gestorben. — Prof. David Blaustein gestorben — Eine 100.060-Kronen-Spende. — Das Talmudische' Seminar in Heidelberg. — Ein Störenfried in der Frankfurter Hauptsynagoge. — Jüdischer! Antisemitismus. — Ein Heldensaal im Jüd. Museum. — Korrespondenzen. — M. Antscherl, Wien: Die Thora. — Rab. Prof. Dr. A. Deutsch: Auszug aus meinem ersten heurigen Bibelvortrage. — Dr. F. N. Heinschel: Lemel. Die Notwendigkeit einer jüdischen Autorität. Jede und auch die gegenwärtige Niedergangsperiode innerhalb des Judentums hat ihre innere Ursache in Unkentnis oder Verkennung des jüdischen Lebensgesetzes und Lebensodcms, der Thora. Die Thora allein ist der Boden, auf welchem die Judenheit als solche gedeihen kann. Nun sind die Hüter und Pfleger dieses Bodens geschwunden und er liegt brach. Die Entfremdung der Judenheit vom Judentunr, die das traurige Wahrzeichen unserer Geschichte im vorigen Jahrhundert bildet, rückt noch heute vom Westen nach Osten vor. Wie Mephistopheles den Faust, hat uns das Irrlicht des ״Fortschrittes" in allen Verirrungen herumgeführt, denen Europa anheimfiel und trotzdem dieser Fortschritt niemals so weit gedeihen kann, um sich auch nur annähernd mit dem Geiste des Judentums messen zu können, mußte er zum Symbol des Abfalls werden. Anstatt in ihm den Beginn der Erlösung aus den Golusleiden zu erblicken, begrüßte man ihn als Befreier von der Religion. So entwickelte sich die traurige Erscheinung, daß dort, wo das physische Golus aufhört,augenblicklich ein intensiveres geistiges an seine Stelle tritt. Nun sind wir׳ heute vor Vas Problem gestellt, ob sich das Exil der zehn Stämme im größten Maßstabe wiederholen soll: ob von zwölf Millionen Juden zehn Millionen dem Judentum definitiv verlorengehen sollen oder nicht. Und eine noch ernstere Frage rollt sich vor ilns auf: ob das Judentum selbst der allererste sittliche Faktor der nienschlichen Zukunft, der Träger der positiven Gottesidee, der Vorkämpfer des Menschheitsideals gegen das Machtideal sein, oder ob es als ״Religion" neben anderen Religionen, als Predigtaufputz und Pfründe für Seelsorger in leeren Tempeln ein kümmerliches Dasein fristen soll, bis eine spätere, fähigere Generation seinen u n e r m e ßliehen Wert erkennt. Wenn uns das bißchen Freiheit wirklich so geblendet hat, dann wollen wir nicht mehr den neunten Ab betrauern, den Tag, an dem sich die Pforten unseres Heimatlandes hinter uns schlosse n, sondern den Tag, an dem sich die Ghettotore öffneten, an dem unser tausendjähriges, in der nienschlichen Geschichte einzig dastehendes Judentuin ״Religion" wurde! Wir müssen allen Ernstes die Frage vorlegen: Können wir der Verelendung, der fortschreitenden Erstarrung und Erschlaffung des jüdischen Lebens Einhalt gebieten? Kann selbst die stärkste Kraft, die wir aufbringen, imstande sein, die Hunderttausende, oder wenigstens einen Teil derselben, die mit dem Judetnum noch nominell zusammenhängen, diesem wirklich wiedergewinneu? Die heilige Schrift, unsere spätere Ge¬ Feuikketon. Ein Schicksal. Erzählung von Ignaz Rosenfeld. Juda Goldberger zugeeignet. sNachdruck verboten.^ Sie saßen beide oben am Bergesgipfel und blickten schweigend in den Sonnenuntergang. Zwei Menschen, die eine Zeitlang auf der großen Landstraße des Lebens zusammengewandert sind, dann sich irgendwo verloren und heute nach einer Reihe von Jahren wieder gefunden haben. Und heute haben sie sich so wenig zu erzählen gehabt. Früher, als sie noch ganz jung waren, als das Gestirn ihres Lebens erst im Aufgange war, sind sie stundenlang miteinander einhergegangen und haben geplaudert mit der unbefangenen Redseligkeit junger, glücklicher Menschen, Heute aber saßen sie schweigend oben am Bergesgipfel und blickten in den Sonnenuntergang. In seinem Antlitz lag unbarmherzige Härte eines tückischen Schicksals, die düsteren Mienen, die Schwermut in den Augen, seine von Furchen zerrissene Stirn trugen Spuren eines hartnäckigen Kampfes, in ihren Mienen lag eine ungestillte Sehnsucht, in ihren Augen glomm die unruhige schichte, das ganze Wesen des Judentums belehrt uns über die innige Abhängigkeit unseres Gedeihens von einer starten, geistigen Zentrale. Die jüdische Frage war und bleibt immer eine Frage der Erziehung, der Einwirkung der führenden Geister auf das Volk. Wenn wir auch heute die Blüte — im Sinne des überlieferten Judentums — unserer Gesamtheit zu einer großen, idealen Autorität einigten, wenn ein weises, würdevolles 2 y nh e d r i o n nach allen Richtungen hin helfen, heilen, aufrichten, beleben und vor allem b e l e hr e n würde, wenn wir einen solchen Freund und Beschützer besäßen, mit Hellem, weitausschauendem Blick, hoheitsvollem Charakter und tiefstem Verständnis des Judentums und der Gebrechen uilserer Zeit, könnte da überhaupt die gevankenlose Zersplitterung, diese ekle Lethargie auch nur einen Tag länger andauern? Was benötigen wir denn dringender als die starke, weise Hand, die uns in dem Komplex von Widersprüchen, Tragik, Häßlichkeit, Zweifel, Ironie und Ent-- täufchnngen, der sich als Leben bezeichnet, sicher leitet und freundlicheren Zeiten, einer neuen Glanzepoche entgegeniührt! Freilich die Mehrzahl der Juden ist dieser Autorität schon im voraus entwachsen. Aber jenen, die das Judentum suchen und nicht finden, die an der treulosen Wirklichkeit verzagen, ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, nach ihrem Ich sich ausleben zu dürfen. Wer dem Verlaufe des türkisch-italienischen Krieges aufmerksam folgte, konnte feststellen, daß jede einzelne Phase des Ztonfliktes zuerst Inden betraf. Ter Unwille Oer Marrokkaner über die französische Invasion äußerte sich sofort in Judenmetzeleien. Tie Ablehnung einer russischen Anleihe durch Frankreich, die Verschärfung der amerikanischen Einwande- Flamme vernichteten Lebens und ein unnennbares Leid und Wehmut .... > Sie saßen schon eine Zeitlang da droben i und merkten nicht, daß um sie herum die Däm-, merung in die dunkle Nacht zu verschwimmen' begann. Der westliche Himmel spann sich wie^ ein in Blut getauchter Baldachin über dem fernen Horizont und einzelne Strahlen zitterten golden auf den Halmen und Gräsern und Bäu-' men des Waides. Wie verloren drang das einsame Zirpen einer Grille zu ihnen und das leise Blätterrauschen wehte ihnen die geheimnisvolle Ahnung des ersehnten, unerreichten Friedens zu. ״Ist es nicht seltsam, daß wir uns so wenig! zu erzählen haben?" unterbrach er das längeres Schweigen. Sie antwortete nicht und blickte unverwandt noch immer in den Sonnenuntergang. ״Hättest du jemals gedacht, daß wir uns wieder treffen werden?" Ein wortloses, kurzes Nicken war die Antwort. ״Ich habe es auch gewußt. Ich habe mit Bestimmtheit auf den Augenblick gewartet, mit einer rastlosen Angst Stunden gezählt, bis wir uns trafen. Sie wandte das Haupt und blickte ihn mit seltsam traurigem Blick an. wie wenn es ihr unglaublich schienet" ״Ich habe mir aber unser Wiedersehen doch ganz anders vorgestellt. Oft ist es mir im Traume erschienen, aber in einem ganz anderen Licht, als heute. Wie wunderlich doch diese Ironie ist. Und, weißt du, wenn wir uns im Traume wiedersahen, so habe ich dich so geseb'n wie heute. Nie, kein einzigesmal, wie damals, als wir uns verloren haben, und ich habe nicht einmal gestaunt, so wie wenn es selbstverständlich wäre. Und doch Haft du mir leid getan." Warum Hab' ich dir leid getan?" fragte sie dumpf und tonlos. ״Aus demselben Grund, wie damals, als du das Ansinnen an mich stelltest, daß ich dir niemals erfüllen konnte und durfte. Weil du ein besseres Schicksal verdient hättest. Aber, warum lackm du?" Um ihren Mund zog sich ein verhärmtes Lächeln, kurz und lebensbitter, als sie erwiderte: ״Weil dein Wahnsinn mich zugrunde richtete, weil du nie, nie ein Herz, eine Seele, ein Gefühl für mich hattest, weil alles, alles, was du geschworen, Lüge war. aber so hell, so feurig, daß ich, daß mein Herz in ihrem Widerschein zu glühen begann und verbrannte." Hastig, fast keuchend hatte sie diese Worte hervorgestoßen, ohne mit einem Blicke den Mann anzusehen, der in Verwirrung ihr zur Seite saß. ״Ich verstehe dich nicht. Adele, das wird Große Auswahl!! 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