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Jüdische Volksstimme · 1912-09-26 · Heft 26 (26.9.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 26 (26.9.1912)
Date
1912-09-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 stube erkämpfen, muffen die Herrschaft der völlig unbercchtigten ״Führer" erschüttern und stürzen. Wer ein wenig nur den Blick in die Geschehnisse - der letzten Jahre versenkt, wird leicht wiffen, wie es denn überhaupt dazu gekommen, daß wir solche Leute als Führer bekamen, die unsere Gesinnung gar nicht vertreten, die im Gegenteil uns ihre Gesinnung aufdrücken wollen. Früher, in der sogenannten liberalen Acra, als unsere kurzsichtigen Stammesbrüder in eitel Entzücken alle Vorurteile geschwunden wähnten, wenbeten sie sich — zu unserem Glücke, wie wir jetzt sehen — von den jüdischen Angelegenheiten gänzlich Nb und fischten in internationalem Revier. Später, als der Antisemitismus entstand, beschenkte er uns hohnlöchelnd mit den Zurückgestoßenen. Wir wußten gleich, ein Geschenk dieses Gebers könne nicht gute Früchte tragen. Wie recht war diese Anschauung! Nur wenige Juden .zogen aus diesen moralischen Prügeln die notwendige Konsequenz. Nur wenige suchten die alten Fehler durch verdoppelten Eifer bei der Förderung jüdischer Angelcgenheiten gut zu machen. Die anderen — aus dieser Kategorie stammen unsere heutigen ״Führer" — wollten ihren in arischen Kreisen verlorenen Einfluß auf 'Koste« der urplötzlich wieder zu ihnen gehörenden Brüder zurückgewinnen. Und, man muß sagen, leider ge- 'lang cs ihnen! Denn das Geld, durch das sie früher '.n den seligen liberalen Zeiten Einfluß hatten, dieser ׳elende Mammon verschaffte ihnen auch bei uns die führende Stelle. Nicht die Kenntnis des Judentums, nicht ein gutes Herz und edler Menschensinn sind heute ausschlaggebend, wenn es sich um die Wahl eines die religiösen Interessen der Judenhcit — und nur das sind die Kultusintereffen — zu wahrenden Vertreters handelt, sondern alleinig maßgebend sind die Geldrollen, die der Gewaltige erworben; mag er sonst sich viel besser in den auf- und absteigenden Preisen des Spiritus, des Branntweines und anderer geistvollen Dinge, vielleicht auch, wie es Vorkommen soll, in Landcsprodukten und ähnlichen Sachen auskcnnen als etiva, Gott behüte, in den Hieroglyphen des Gebetbuches oder in der Bedeutung der rituellen Gebräuche — von einer verständnisvollen Würdigung der jüdischen Geschichte gar nicht zu reden — tut nichts, die übrigen Juden werden verbrannt von der Flamme der Tyrannei! Lächerlich — ich möchte den Rabbiner sehen, der, ohne dem Kehillagewaltigcn hundert Staatsvisitcn zu machen, irgendetwas, selbst in dem ihm allein unterstehenden Religionsunterrichte ausführen könnte! Ausnahmen, zu viele gibt cs deren nicht, das kann ich ruhig versichern, bestätigen nur die Regel. Ich möchte die Bale-Batim sehen, die in politischer Hinsicht frei sind! Ich möchte die Gemeinde sehen, die im Sinne des Judentums verwaltet wird, der das Fortbestehen desselben so sehr am Herzen liegt, daß sie, wenn auch nur die a l l e r k l c i n st c », der drohenden Zukunft vorbeugenden Maßregeln ergriffen hätten! Nichts von dem! Vielleicht daß »och hie und da die Schein- und wesenlose Wohltätigkeit (für minderwichtigc Sachen als die Jugenderziehung) an das einstige Judentum erinnert! Ihr, jüdische Bürger, seid schuld an diesem Verfalle! Euch wird die heutige Generation schuld geben, >veu» in euren Gemeinden, die das echt Jüdische peres mir ausbedungen aus der Erbmasse. Alles andere lies; ich anderen. Aber die Karte, verstehen Sie, die Karte brauche ich. Ihr war sie ein Ehrenzeichen. Mir soll sie ein steter Mahner sein, ein Mahner, der mich nicht mehr ruhen und rasten lassen wird, um das Land, das solche..״ Er war verstummt. Mitten im Sähe versrunnnt. Aber aus seinen Augen sprühte ein unheimliches Feuer. So schauen Leute aus, die in einem letzten Kampfe von Liebenden zu Rächern werden. Und seine Geliebte war sein Vaterland. Ich höre schon: Drei spitze Fragen steigen auf. Erstens: Eine gut erfundene Geschichte, nicht wahr? Aber es tut mir leid: es ist keine gut erfundene Geschichte, sondern es ist eine wahre Geschichte. Zweitens: Dann aber wenigstens, nicht wahr, gab es nur früher solche Dinge in Rußland? Es tut mir wieder leid: die Geschichte ist vor gar nicht langer Zeit passiert, und die Riederlassungsgesctze im heiligen Petersburg sind noch dieselben. Drittens: Aber es ist doch wenigstens nur ein Einzelsall geblieben, nicht wahr? Es tut mir zum-dritten Male leid: Es gibt manche Sonja, die eine gelbe Karte nehmen mußte, um ihr Studium in Rußland zu vollenden. ,jüdische VolkSstimme." horreszieren, kein Zufluchtsort sein wird für die sich nach dem Judentums sehnenden Herzen eurer Kinder! Ihr müsset euch zusammentun, organisieren und die Verhältnisse ändern. Es geht schwer, wir glauben cs euch, doch es muß gehen, wenn wir, wie einst beim Auszuge aus Aegypten ״binureinu uwiskeinu neileich" — wenn jung und alt vereint in den Kampf ziehen! Das Roschkaschanah-Fest ruft uns zur Einkehr und zur Rückkehr! Kehret zurück, ihr Brüder alle, lasset ab von den Wegen des Verderbens! Noch ist es Zeit--! Lasset es nicht zu spät werden! W. W- E. Pethach-Thikwah, unsere größte Kolonie. In der letzten Nummer der hebräischen Monatsschrift ״Haschiloach" (Odessa) entwirft I. Barsilia ein interessantes Bild der ökonomischen Lage dieser unserer größten Kolonie. Ihr Areal beträgt 23.854 Dunam, von denen etwa 13.000 mit Pflanzungen bedeckt sind. Hiervon: 1606 Dunam Wein, 5000 Dunam Mandeln, 5500 Dunam Orangen, 700 Dunam Oelbäume. Was kostet ein Dunam von der Zeit der Pflanzung bis zur normalen Fruchttragung? Orangen 1000—1500 Fr., hierzu jährlich für Arbeit 80—100 Fr., Wein 130—150 Fr., hierzu jährlich für Arbeit 15—20 Fr. Mandeln und Oel 100—120 Fr., hierzu jährlich für Arbeit 15—20 Fr. Die normale Fruchttragung tritt bei Oelbäumen nach 15 Jahren, bei den übrigen Pflanzungen nach 7 Jahren ein. Der Nettoertrag beträgt dann pro Dunam: Orangen 150—200 Fr., Wein 20—30 Fr., Mandeln 30—tO Fr., Oel 20—30 Fr. Diese Taten ernlöglichen, den Wert der Pflanzungen von Pethack-Thikwa abzuschätzen. Eine leichte Rechnung ergibt, wenn inan beachtet, daß der Dunam Orangenpflanzung 200 Fr., der Dunam sonst!- ger Pflanzungen 100 Fr. wert ist, daß die Pflanzuirgcn zusammen 8,800.000 Fr. wert sind. Der Reinertrag dieses Wertes stellt sich auf etwa 000.000 bis 1,200.000 Franken. Interessant sind die Angaben über die Kosten der Arbeit in Pethach-Thikwa. Diese betragen zusammen 4854100 bis 620.000 Franken. Rechnet man hiezu die Kosten der in diesem Jahre vorzunehmenden Pflanzungen, die etwa 200 Fr. pro Duman betragen werden, so ergibt sich, daß die Kolonie Pethach-Thikwa jetzt pro Jahr eine Million Franken an Arbeitslöhnen auszahlt. Sie beschäftigt mit diesem Gelde etwa 2000 Arbeiter, von denen leider nur der kleinste Teil — 12 Prozent — Juden sind. Die Kolonie hat 286 Häuser und eine Einwohnerzahl von 1681 Menschen. In der Kolonie sind 36 Geschäftsläden, 7 Gasthöfe und etwa 30 Handwerker. Eine Anzahl von Menschen sind als Aufseher bei den zur Bewässerung verwendeten Motoren beschäftigt. Die Kolonie ist de facto autonom. Sie unterwirft sich freiwillig dem gewählten Gemeinderat (Waad). der über die Besitzungen der einzclnen Kolonisten grundbücherliche Eintragungen führt, nach denen das Darlehenswesen gehandhabt wird. In wichtigeren Angelegenheiten ruft der Waad die Bürger selbst zur Entscheidüng auf: diese erfolgt durch Abstimmung in der Gemeindeversammlung. Es kommt sogar vor, daß die umwohnenden Araber den Waad der Juden zur Entscheidung in Streitigkeiten anrufen. Soziale Probleme in Palästina. In der Kolonisation Palästinas ist die Privatinitiative berufen, eine große Rolle zu spielen und wichtige Aufgaben zu erfüllen. Die Lösung gewisser Probleme ist jedoch in erster Linie der Gesamtheit, in unserem Falle den zionistischen Institutionen Vorbehalten. Es sind dies die sozialen Probleme, die bei uns mit den nationalen zusammenfallen. Das gilt besonders bei Beschasfung von Haus unb Garten für den jüdischen Arbeiter, die es ihm ermöglichen sollen, sich daucrnd mit dem geliebten Boden zu verwurzeln. Dort, wo der Bauer, sei es durch das Vordringen des Großgrundbesitzes, sei es aus anderen Ursachen, besitzlos wird, ist die sogenannte ״Landflucht" der Bauern an! stärksten. Diese Erscheinung ist z. B. im Osten Deutschlands, in Polen, Ungarn und einem Teile Englands zu «eite S. beobachten. In letzterem Lande beschäftigt sich die öffentliche Meinung gerade jetzt sehr eifrig mit dieser Frage, wobei als eines der Gegenmittel die Ueberlassung von ״Cottages" mit einem Stück Gartenland an die Arbeiter vorgeschlagen wird. Wenn die Frage der Landflucht bei Völkern, die seit Jahrhunderten dein Ackerbau obliegen, eine brennende geworden ist, um wieviel eher wäre diese Erscheinung bei jüdischen Städtern zu erwarten, die sich erst in Bauern verwandeln sollen und nicht einmal Haus und Hof ihr eigen nennen. Ter Jüdische Nationalfonds, dessen Grundgedanke ein sozialer ist, hielt es darum für seine Pflicht, auch an die Lösung dieses Problems heranzutreten. Besondere Gelegenheit bot sich ihm durch den Notstand der eingewanderten?)einenitenfamilien. Hier mußte sofort eingegriffen werden, wenn unsere Brüder, die vor den unerträglichen Verfolgungen in Südarabien flie- Heu, nicht vom Regen in die Traufe geraten sollen. Wir rechnen zuverlässig darauf, daß unsere Gesinnungsgenossen durch energische Agitation für die Hausspende die Sehnsucht der jetzt vielfach notdürftig in Zelten untergebrachten Demeniten nach ״Batim" (Häuser) erfüllen werden. Die Frage der Arbeiterhäuser beschränkt sich jedoch nicht auf die Jemeniten, vielmehr beschäftigt sie im Hinblick auf das eingangs Gesagte die Nationalfondsverwaltung schon seit langem. Ten Anfang bildete die Errichtung von je einem großen Arbeiterheim in Petach Tikwah und Cbedera und fünfzehn Einfamilienhäusern in den verschiedenen Kolonien aus dem Wolfssohn-Fonds. Nunmehr hat das Nationalfondsdirektorium anläßlich der Jahreskonferenz in Berlin beschlossen, durch die Einführung von ständigen Sammlungen für ״Arbeiterheimstätten" diese Frage einer Lösung näher zu bringen. Unter dem letzteren Titel sollen von nun an alle Häuserspenden in der ״Welt", sowie in allen Ausweisorganen der Landessammelstellen erfolgen. Ein Hausspende wird mit 1000 Franken — 800 Mark festgesetzt. Um auch Vereinen. Gemeinden und sonstigen Gruppen, die nicht auf einmal 1000 Franken anfbringen können, die Stiftung eines Hauses zu ermöglichen, sollen auch Ratenzahlungen entgegengenommen werden. Doch muß die erste Rate mindestens 50 Franken und die weiteren sollen mindestens 10 Franken betragen. Die Frist zur Vollzahlung eines Hauses wird bis Ende 1013 festgesetzt. Jedes voll eingezahlte Haus wird unter einer bestimmten Nummer in einen künstlerisch ausgestatteten Kataster eingetragen und das zu errichtende Haus in Palästina mit der gleichen Nummer versehen. Das Direktorium faßte ferner einen Beschluß, der gewiß unsere Gesinnungsgenossen mit Befriedigung erfüllen wird. Da sich nach der Berechnung von Architekten und sonstigen Sachverständigen ein Arbeiterhans selbst aus Steinmaterial auf höchstens 700 Franke» stellt, soll nun für den Rest der 1000 Franken 1—2 Dunam für Hof und Garten erworben und für jedes -Haus n׳r Verfügung gestellt we׳׳den. Natürlich soll das alles den Arbeitern nicht geschenkt werden, sondern sie sollen dem Nativnalfonds solange eine Miete entrichten, bis de׳- investierte Betrag zu angemessenen Bedinanngen verzinst und amortisiert ist. Der Grund und Boden soll dauernd Eigentum des Indischen Nationastonds bleiben. An unseren Gennnnnasaenossen und den Freunden des Nationalsonds ist es nun, diesen schauen Gedanken, der die i,",8iMn> Kolo״i,',-,lmn im heiliaen Lande um ein mächtiaes Stück vorwärts brinaen wird. IN möglichst grossem Manstabe nermir^s,'ck>en >,!! besten. M,',- erwarten, dass ieder bewusste F,,de seine Vflichf aeaennber unseren tanfere» Vianieren, die aanz andere Opfer für unser Siel briuaen. erfüllen wird! Das Hauptbnreau des Jüd. Nationalsonds. Prager Brief. Der letzte Brief hat der ״Volksstimme" die Ungnade des ״Rozvoj" neuerlich zugezogen. Wie kann man aber auch gleich so sehr rückschrittlich sein, die Hetze des 20״. Pek", den Boykott des Svaz und die Verteilung der ״Josefsblätter" durch Jude׳- zu verurteilen, gleich drei Fakta auf einmal, deren jedes einzelne dem Rozvoj als Beweis genügt, für die Rückschrittlichkeit des

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