Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 26 (26.9.1912)
- Date
- 1912-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite ״Jüdische Bolksstimme." fti.26 und eignen sich so zur Lösung einer von Gott gewordenen Aufgabe. Desgleichen Men wir auch im Menschenkreise verfahren. Wir tonnten ja wahrhaftig froh fein, wenn wir unter je vier Pflanzen einen Lthrog fanden! Die Reihe der Ethrog-Persönlichteiren ist keine allzu dichte. Die meijlen Menschen gleichen den anderen Pflanzen. Da haben wir zunächst die Myrthen: die Duft- Menschen. Es sind dies wohl tüchtige, aber verknöcherte, langweilige und saumselige Lheoretiker. Sie verliehen cs vorzüglich, eine Idee in allen ihren Konsequenzen zu verfolgen, logisch durchdachte und schon aufgeputzte Theorien aufzustellen, doch fehlt es ihnen an Kraft und an Mut, ihnen elnc greifbare Form zu geben, sie in gestaltende Wirtlichkeit treten zu lassen. Sie bringen es iticht zmvege, sich zu einer praktischen Tat aufzurasfen. Neben diesen haben wir die Lulow-Jndividuen: Trockene Frucht-Menschen ohne Duft und ohne Aroma. Leute ohne oder mit Mangel- Hafter Geistes- und Herzensbildung, die bei jeder Gelegenheit mit ihren Erfahrungen prahlen und auf ihre angeblich untrüglichen praktischen Sinne schwören. Diese hassen alle Theorie und Gedankenarbeit. Sie wollen nicht klügeln und grübeln. Ihre Devise lautet: ״Losstürmen". Doch nicht diese, sondern die Bachweide- Kreaturen bildert die überwiegende Majorität. Es sind dies färb- und geräuschlose Durchschnitts- Menschen, die keinen wie iinmer gearteten Vorzug. ja keinen hervorstechenden Eharakterzug. aufzuweiscn vermögen. Werden nun die drei letzteren Gruppen sich selbst überlassen, gehen sie der Gesamtheit entweder gänzlich verloren, oder sie stiften Unheil mit ihrer schädlichen Einseitigkeit. So lasset sie denn mit den Ethrog-Persönlichkeiten in einen Bund sich vereinen. In der Vereinigung wird jede Gruppe zur Geltung kommen, jede ein ihr entsprechendes Arbeitsgebiet finden. Die Vereinigung macht sie zu einer hö- Heren Einheit und sie erlangen dadurch die Befähigung, die ihnen gestellten großen Aufgaben einer ziclbewutzten Lösung zuzuführen . . . . . . Dies kann aber freilich nur dann geschehen, wenn die Großen und Vornehmen, die Gebildeten und Neichen ihr Wollen und Können in den Dienst der jüdischen Gesamtheit stellen. Wenn es ihnen nicht dünkt, es sei unter ihrer Würde, mit ihren einfachen, schlichten Brüdern Rat zu pflegen, die breiten jüdischen Volks-!nassen zur gemeinschaftlichen Arbeit heranzuziehen. Wenn sie nicht einen ebenso vcrdammenswerten wie lächerlichen Stolz Herr über sich werden lassen und dem Beispiele folgen, das der Ethrog gibt. Wir halten ihn, den prächtigen Ethrog, in einer Hand, und die anderen drei Pflanzen nliteinander verbunden in der andern. Der Ethrog braucht nicht erst mit den anderen Gattungen vereinigt zu werden, um Wert und Bedeutung zu gewinnen, um seine Schönheit und Voutoinmeuhcit hervortreten lassen zu rönnen. Sein Duft und feine Frucht geben ihm absoluten Wert. Dennoch verfchmäht er es nicht, mit den weniger bevorzugten Pflanzen in einen Bund zu treten, um gemeinschaftlich eine Aufgäbe zu lösen. Ja, er hebt sie zu sich und gibt ihnen ein Teilchen von seinein Glanze. Und wer weiß, ob von öeiii Dufte, den der Ethrog uni sich verbreitet, nicht auch etwas an der armseligen Bachweide hasten bleibt, die sich in seiner nächsten Nähe befindet . . . . Ein an Geist und Charakter wahrhaft hervorragender Mensch muß auch andere in den Bannkreis seiner Personlichkeit zu ziehen verstehen, muß sie >nehr oder weniger beeinflussen können.... Allerdings gibt es auch Menschen, denen selbst die hervorragendsten Persönlichkeiten inachtlos gegenüberstehen. Notorische Stänkerer, Störenfriede, Charlatane verschiedener Schattierung, die nicht der Sache, sondern sich selbst dienen und daher um jeden Preis dominieren wollen, eingebildete Dummköpfe, die gerne das große Wort führen möchten, werden sich überall als ungefügiges, schädliches Element erweisen. Solchen Leuten sollen denn auch in der Vereintgung keine Plätze reserviert werden. Sie stiften nur Unheil und unterbinden die gesunde Ent- Wicklung. 9ticht solchen haben wir das Wort geredet. Solche haben ja mit der Bachweide nichts gemein. Solche gleichen dornigen oder gar giftigen Pflanzen. Dornige oder gar giftige Pflanzen sollen nimmer mit dem Ethrog in einem Bunde erscheinen. Die Bachweide ist ganz anderer Art. Wohl hat sie keine Vorzüge, aber auch keine hervorstechenden Fehler. Sie tut niemandem wehe und nimmt einen ganz bescheidenen Platz ein. Sie bläht sich nicht auf, als ob sie der Ethrog wäre, sondern ist sich der eigenen Bedeutungslosigkeit bewußt und senkt darob wehmütig das Haupt. Die Bachweide repräsentiert die breiten jüdischen Volksmassen. Diese müssen liebevoll behandelt und für die großen Ideen und Ziele des Judentums empfänglich gemacht werden. Deren Heranziehung zur praktisch-religiösen, nationalen und kulturellen Betätigung bedeutet ein hervorragendes Erziehungswerk und die Kräftigung des jüdischen Volkes nach innen und nach außen. ״Und nehmet euch am ersten Tage Frucht vom Prachtbaume, Zweige von Palmen und Zweige vom Myrthenbaume und Bachweiden, und freuet euch vor dem Ewigen, eurem Götte sieben Tage." Rabbiner Jakob Hoffman n. Zum Verfalle der Judengemeinven in Mähren. Das Entstehen dieser Rubrik und die zahlreichen Zuschriften aus allen Gemeinden sind für die mährischen Verhältnisse symptomatisch. Man hält endlich doch so weit, daß selbst dem einfachen Manne im Volke schon die elende Verrottung der Verhältnisse innerhalb des Judentums seines Landes ausfällig erscheint. Was der Grund dieses Niederganges ist? Denn ich glaube unter den vielen Ursachen, die hier korrumpierend am Werke sind, läßt sich eine ganz besonders heroorhebcn, so daß wir vor allem von dieser sprechen wollen. Diescr Grund wird von allen gekannt, und doch hat niemand den Mut, statt um den Brei herumzugehen, rücksichtslos die Wahrheit zu äußern. Die Ursache des kaum aufzuhaltendcn Rückganges und — wenn keine Ändcrung eintritt — des schlietzlichen Unterganges des Judcntums in Mähren — sind die von der Behörde anerkannten ״offiziellen" Vertreter der Judengemeindcn. Wenn ein witziger Kopf eine Revue dieser Spitzen der Gesellschaft veranstaltete, so käme eine Galerie von Unverstand, gepaart mit dünkelhaftem Stolz und lächerlicher Wichtigtuerei heraus, eine Galerie sage ich, die ihresgleichen kaum fände. Wir wissen nicht, ob gerade die Rabbiner die Mitschuldtragenden sind. Für jeden Fall gab es und gibt cs noch heute eine stattliche Anzahl von mährischen Rabbinern, die gerne für das Judentum arbeiten würden, stellten ihnen nicht gerade die offiziellen Vertreter der Gemeinden die größten Schwierigkeiten in den Weg. Will da ein erst vor kurzem ausgenommener Rabbiner den hebräischen Unterricht verbessern. Flugs sind Herren da, die sonst für allgemein jüdische Angelegenheiten keine Sekunde übrig haben, und finden vom ״modernen" Standpunkte aus einen derartigen Plan für reaktionär. Freilich, wenn cs hieße, unseren alten, zu Herzen dringenden Gottesdienst durch Mädchenchor und Orgel zu verbessern, wenn es überhaupt hieße, jeden Funken von jüdischem Mannesstolz zu verleugnen, in sklavischer Nachahmung fremder Gebräuche Rekorde aufzustellen, ja dann — wer zählte die Menge der einhertorkelndcn Retter, wer fände den Griffel, um ihre Aufrichtigkeit, den Enthusiasmus zu schildern I I Doch auch die jüdischen Bürger sind schuld! Sie müssen sich endlich einmal Zeit nehmen, dieser Lebensfragc des Judentums mehr Aufmerksamkeit zuzuwendcn und aus ihrer passiven, hinstechendcn Existenz heraustrcten! Sie müssen dem altjüdischcn Dcinokratentum wieder den Eintritt in die Gemeindeihr noch eine gemeine Verleumdung ins Grab hinein." ״Was werden Sie tun?" ״Was ich tun werde? Abreisen werde ich. Heute noch. Die Larve werde ich den Verlcumdern vom heruntcrreißen. Diese Hunde.' Seine Augen blitzten. So hatte ich Dimitri noch nie gesehen. Ich gab ihm die Hand. ״Auf besieres Wiedersehen, Dimitri." Drei Wochen war er fort. Aus einmal stand er wieder da in meinem Zimmer, im Reiseanzug, und sagte: ״Da bin ich wieder. Ich habe dem Zeitungsschreibcr damals unrecht getan. Er hatte recht. Sonja hatte ein gelbe Karte." Er sah mich mit einem dunklen Blicke an. Mir ward unheimlich. ״Armer Dimitri —״ ״Nichts da. Ich bin nicht arm. Sonja auch nicht. Arm ist der Staat, der miserable Staat, der . . . ." Es würgte ihn. Aber, dann gewann er seine Fassung wieder. ״Sonja ist ein Heldin. Verstehen Sie?" ״Nein ich verstehe nicht. Aber setzen Sie sich, Dimitri. Hier ist heißer Tee. So. Und nun müssen Sie erzählen, gelt?" ״Erzählen! Er ist rasch erzählt: Sonja war eine Jüdin, das ist alles!" Er war wieder aufgesprungen. ״Kommen Sie, Dimitri, kommen Sic. Sie müssen es mir sagen. So — sehen Sie — jetzt sind Sie schon ruhiger." Er hatte sich wieder gesetzt. Und dann erzählte er mir's. Schlicht und ohne Beiwerk. Trocken fast, wie ein Berichterstatter, der seinen eigenen Anteil an der Geschichte scheinbar überwunden hat: ״Habe ich Ihnen nicht gesagt, cs wäre mir ein Rätsel, wie die Sonja zum Studium zugelassen worden ist in Petersburg? Nun — jetzt ist es mir kein Rätsel mehr. Die Sache ist einfach genug. Die Juden bekommen keinen Niederlasiungsschein in Petersburg, auch die Jüdinnen nicht. Nur in einem Falle drückt die Polizei ein Auge zu vor dem Glaubensbekenntnis. Dann nämlich, wenn die Jüdin eine gelbe Karte nimmt. Als Prostituierte bekommen sie den Niederlassungsschein. Verstehen Sie?" ״Um Gottcswillen. Und da hat Ihre Schwester' —?״ ״Ja, was blieb ihr übrig? Aerztin wollte sie werden um jeden Preis. Sic hatte alles an das Studium gehängt. Auch ihre Ehre, ihre sogenannte Ehre. Der Staat ließ ihr keine andere Wahl. Auf Grund der gelben Karte bekam sie einen Wohnungsschein. Und auf Grund des Wohnungsscheines wurde sie immatrikuliert, studierte sie drei harte Jahre, wo sie Stunden geben mußte nebenbei, mit der Not des Lebens in allen Formen rang. Wo sie zu Füßen der Katheder saß neben Kameraden, die scheu vor ihr geflohen wären, hätten sie gewußt, daß in der Wohnung Sonjas zwischen Geburtsschein und Schulzeugnissen eine Karte lag, eine gelbe Karte . . . ״Aber, da ist ja eine ärztliche Kontrolle für die tocuochen, die —" ״Ganz richtig. Jeden Dienstag und jeden Freitag mußte Sonja sich einer pünktlichen ärztlichen Kontrolle unterwerfen. Drei Jahre lang. Und am Ende hat ihr der Bezirksarzt — ich habe ihn gesprochen — kopfschüttelnd ein Zeugnis gegeben, das bestätigte, daß Sonja, daß Sonja — je nun, daß sie ein Mädchen geblicben war . . . Und dann war sie Aerztin, hatte den Beruf, den sie erstrebte, für den sie alles hingegeben hatte. Und die gelbe Karte gab sie nicht zurück. Die nahm sie mit. Die bewahrte sie auf, so wie ein anderer seine Ehrenzeichen aufhebt. Und eben diese gelbe Karte fand sich vor nach ihrem Tode. Ein böses Auge sah sie, und den Rest verstehen Sie, nicht wcM?" Er schwieg. Und ich sagte: ״Ja, Dimitri, Ihre Sonja war eine Heldin." Er nickte. Nach einer Weile fuhr er leiser fort, indem er auf seine linke Brustseite klopfte: ״Hier habe ich ihr Ehrenzeichen. .Ich habe Mährisch-schlesische Bank Brünn! TaUphon Hr, SSO, QTr»ktt—. Ferdinandsgasse Nr. 29 Trtpphan Nr. Uttt, Wutotofab•. verzinst EINLAGEN gegen £ II 01 gebundene Einlagen laut Oberdnkomneii. Bank vund in lasfcafer Rarhnaf atf j2 p ־ ' ‘ ־־ “ ““־* ־־־־” ' *“