Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 26 (26.9.1912)
- Date
- 1912-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag XI»!,. Jahrg. Nummer 2k -____—-8 Bezugspreise: I jüt Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen 520׳ ....... Kronen 10•— . Mark 10 — > . Rubel 650־ ..Franks 12־— Nummer 20 h. I ganzjährig. ... ... Leutschland, ganz!ahr!g Rußland, ganzjährig . Balkan, Frankreich Einzelne Herausgeber: Max Hickl. m«. Inserate: die 8 spaltige Petitzeile 30 h. I Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm. Leipzig.! Geschäftsstelle. Wien: I.. Rotenturmstraße Nr. 31. > Telephon 3009/VHI. Sprechstunden von 10—12 Uhr. | Postsparkassakonto Nr. 312.842. i Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert l Manuskripten ist Rückporto beizufügen.! Brunn—Budapest. Wie», Prag-Lemberg. Aus dem Inhalte: :)iobb. Jak. Hoffmann: Der Feststrauß. — Friv Rtüller: Die gelbe Karte. — Zum Verfalle der Judengemeinden in Mähren. — Pethach- Thikwa, unsere größte Kolonie. — Soziale Probleme in Palästina. — Prager Brief — Spanier und Juden. — Brunner Nachrichten: Zur Reichsratswahl in Ncutitfchein. — Fanny Wolfffohn, Korrespondenzen, Rundschau, Briefkästen usw. — Max Antscherl: In der Laub- Hinte. Jda Barber: Was jedes Mädchen lerneu sollte. — Dr. F. N. Heinschel: Lemel. — Fabins Schach: Alte und neue Marannen. Die Empfänger werden höfttchst ersucht, das Abonnement einzufmden. Der Feststrauß. Eine Snkkoth-Vetrachtung. Wenn ein großzügiges Werk, ein sich hohe Ziele stellendes Unternehmen für die Tauer bestehen tmd die erwünschte, gedeihliche Entwicklnng nehmen soll, müssen, soweit nur möglich, recht diele zur einträchtigen, zielbewußten Mitarbeit herangezogen werden. Woht kann auch einer Vieles vollbringen, wenn sich bei ihm Kraft und Mut mit Begeisterung und Ausdauer paarcn, dennoch verinag er keine sichere Gewähr für das Bestehen und Gelingen eines großen «feiiiffeion. Die gelbe Karte. Von Fritz Müller (Zürich). Ein russisches K u l t u r b i l d. Auf dem gleichen Flur mit mir wohnt ein Russe. Heißen wir ihn Dimitri. Er ist fleißig und gefällig. Alle haben ihn gern im Hause. Ich auch. Wie's so geht, wurde» wir gut Freund mit der Zeit. Oft kam er zu mir herüber, wenn' der Teekessel sang, und erzählte nur von Ruß-!and. Er liebt sein Vaterland leidenschaftlich. Aber es ist eine unglückliche Liebe. Denn er ist ein Jude, und das Vaterland hat ihn schlecht behandelt. Von Stadt zu Stadt getrieben hat es ihn und schließlich hinüber über die Grenze. Und trotzdem liebt er es. Wie man Frauen liebt, die uns schlecht vergelten .... Dimitri hat mir mitgeteilt, daß seine Swwester gestorben sei. Seine Schwester Sonja war Aerztin im Bezirk Wologda. Er hatte oft von ihr erzählt. Was das für ein hartes Leben sei für eine Aerztin auf deni Flachland in den weiten Steppen. Wie der Aberglaube, das Mißtrauen. dir׳ Unverständigkeit der Landbewohner oft noch schwerer zu bekämpfen seien als die! Krankheit. Was für Wege sie zu machen habe mitten in der Nacht. Wie sie Apotheker, Kranlcnschwester, Lehrer und Behörde mit -ihrem' Werkes zu bieten. Tauchen doch gar oft unversehens gewaltige Hindernisse und Hemmnisse auf, welche die Kräfte des Einzelnen oder der Einzelnen übersteigen und sie dann auf Dem halben Wege zusammenbrechen lassen. Nur dort, wo viele Kopse denken und viele Hände sich emsig regen, kann etwas wirklich Großes und Hervorragendes geschaffen werden. Daß diese Tatsache heutzutage allgemeine Anerkennung und Würdigung findet, zeigen zur Genüge die unzähligen Vereinigungen aus kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete. Alle, die einer Berufsart oder einer Jnteressengemeinschast angehören, fühlen die Notwendigkeit, sich brüderlich die Händezu reichen, der Schwäche des Einzelnen durch Zusammenschluß der Kräfte entgegenzuwirken. >- Doch kaum gab es ein Volk, bei welchem diese Erkenntnis sich früher durchgerungen und klarer in Erscheinung getreten wäre als bei dem jüdischen. Aussprüche unserer alten Weisen, wie: ״Die Gesamtheit stirbt nicht und die Gesamtheit ist nicht arm", oder: ״Entweder Vereinigung oder Tod" und zahlreiche andere, die sich im Talmud und Midrasch zerstreut oorfinden. geben Zeugnis von deni hohen Wert, den sie den Vereinigungen, die der idealen Arbeit gelten, zuerkannt haben. Aus dieser Erkenntnis heraus entstanden die jüdischen Genreinden. Wohin auch unsere Vorfahren in größerer oder geringerer Anzahl versprengt wurden, erkannten sie es als ihre heilige Pflicht, Gemeinden zu gründen und zu erhalten, die sich zu allen Zeiten als mächtige Bollwerke jüdischer Lehre und jüdischen Lebens bewährt haben. Diese Erkenntnis führte ferner zur Gründüng zahlreicher Vereine innerhalb dieser Ge¬ .1gem.w)en Berufe verbinden müsse. Und wie sie abgeschnitten sei von der Kultur da draußen. Diese Sonja war jetzt tot. Und in seiner Trauer drängte es den Bruder, es niit mitzuteilen. Es ward ihm leichter nachher, Russen sind so weich. Ihr Gemüt braucht Genossen bei allen Erschütterungen im Guten und im Schlimmen. Aus der Zeitung las er mir mit Stolz Berichte vor. Sie waren voller Anerkennung und Liebe für die Verstorbene׳.׳ Das tröstete ihn wieder. ״Ein braves Mädel," sagte er, ״ein braves Mädel. Sie rieb sich aus in dem Berus. Jnuner hat sie Helsen wollen, anderen helfen, schon von Juaend aus. Und die Schwierigkeiten, bis sie Aerztin wurde! Ich verstehe es heute noch nicht, wie sie die Erlaubnis bekam, in Petersburg zu studieren —״ ״Wieso, die Erlaubnis?" ״Sie ist ja Jüdin." ״Ja, aber —" ״Juden, die in Stellung oder Rang nicht zu den obersten Schichten gehören, bekam nien keinen Niederlassungsschein in Petersburg." ״Aber das kann doch nicht sein —" ״Seien Sie versichert, ich muß das wissen. Habe es am eigenen Leib verspürt." ״Aber Ihre Schwester hat es durchgesetzt?" ״Ja. mir ist es heute noch ein Rätsel. Aber wissen Sie, sie war zäh in ihrem Wollen, zäher als wir Slawen sonst sind!" meinden, die einem bestimmten Zweige ves religiösen und Humanitären Lebens sorgfältige Pflege angedeihen ließen. Auch heute tut uns diese Vereinigung nol. In noch viel größerem Maßstabe und Umfange denn je. Tie Vereinigung aller, die ihrem Volte und!einen religiösen und nationalen Gütern ihre Liede und Wertschätzung erhalten haben. Tie Vereinigung macht uns stark. Wären wir einzeln noch so schwach, unsere Mittel noch ge-! ringsügig, wenn wir von jüdischer Begeisterung erfüllt, unsere Kräfte znsamentragen. vermögen wir viel mehr als wir selber zu hoffen wagten. In der Vereinigung gewinnt jeder an Kraft, Wert und Bedeutung. In der Vereinigung hat jeder vw Möglichkeit, die seinen Fähigkeiten und Mitteln angemessene Arbeit zu leisten. Wäre auch diese Arbeit an sich gering und winzig, durch die Arbeit anderer wird auch sie ivertvoll und nützlich. Diese Lehre können wir der symbolischen Sprache des Feststraußes entnehmen, wenn wir uns einer sinnigen Auslegung des Midrasch als Grundlage bedienen. Vier verfchiedene Pflanzenarten werden hier zu einem gemeinschaftlichen Zwecke vereinigt. Ter Ethrog hat sowohl Frucht als Dust. Ter Lulow Frucht, aber keinen Tust. Tie Myrthe hat Tust und keine Frucht. Tie Bachweide hat weder das eine noch das andere. Somit ist es der Ethrog allein, der mit seiner Frucht und seinem Tust eine vollendetere, nach jeder Richtung hin tadellose Persönlichkeit repräsentiert. Tie anderen Gattungen erscheinen mit Mängeln behaftet. Werden sie jedoch mit dein Ethrog zu einem Bunde vereinigt, ergänzen sich ihre Vorzüge und Mängel gegenseitig Am andern Tage steckt^äus Versehen Dimitris Zeitung in meinem Brieskasten. Ich brachte sie ihm. Am Rand war etwas angeürichen, sah ich. mit einem roten Bleistift. Und ein Ausrusungszeicheil war dahinter. Dimitri dankte und warf einen Blick hin ein. Plötzlich erbleichte er und schrie etwas ans Russisch. Ich wollte gehen. Aber er hielt inich. ״Hören Sie! Horen Sie," sagte er. ״lvas diese Halunken wagen! Ist es nicht entseviich? Noch im Tode Wersen sie einem Schmutz und Lüge nach." ״Betrifft es Ihre Schwester?" ״Ja, denken Sie, hier steht: ״Beim Oedneu ihres Nachlasses hätte sich heransgestellt. das: die von allen hochgeschäbte Aerztin drei Jahre lang-die gelbe Karte in Petersburg besessen habe —" ״Die gelbe Karte?" ״Sie wissen nicht, was ״die gelbe Karte" ist?" ,?Nun, so will ich's Ihnen sagen: Die Pro stituierten voit Petersburg haben gelbe Karten, verstehen Tie?" ' . ״Um Gotteswillen - und Ihre Schwester?" ״Soll sie besessen haben, die gelbe Karte, ja. hier steht es. Es jst infam. Ter Judenhaß läßt es nicht zu, daß eine Jüdin als tüchtige Aerztin stirbt in Ruüland. Darum warfen sie Große Auswahl!! Shuagogenoruate auch Lüsterkutte« und schöne seltene Gelegeuheitskäufe im Spezialhaus für Synagogenornate Rudolf Goldstein, Wien, III. Taborstraße 54 Telephon 21990 (iuterurbau). Wiederverkäufen Rabatt! Lieferant zahlreicher in- und ausländischer Kultusgemeinden und k. k. 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