Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 25 (19.9.1912)
- Date
- 1912-09-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. ״Jüdische BolkSstianne." Skr. 25. Aus der palästinischen Kolonie Chedera. Unsere Kolonie, die zukunftsreichste, war auch zugleich die schmerzensreichste aller südischeu Kolonien. Der bekannte hebräische Schriftsteiler Achad-Haam hat vor 12 Jahren in dem zweiten Band seines Werkes ״Al Paraschath Derachim" (״Am Scheidewege") eine Liste der in Chcdcra gefallenen Opfer der Malaria, die sich dort häufig zu einem Schwarwasserfiebcr stcigertc. veröffentlicht. Danach sind ganze Famiiic» in den ersten Jahren der Kolonie, die nun schon über 20 Jahre zählt, vom Tode hingcrafft worden. Dabei darf die Liste Achad-Haams auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben. Und auch nach Aufnahme dieses Verzeichnisses sind noch viele Menschenleben durch die Tücke des Fiebers vernichtet worden. Es schien in der Tat ein hirnverbrannter Gedanke, Chedcrah nicht aufgebcn zu wollen. Die Zukunft jedoch hat denen recht gegeben, die mit unvergleichlichem Heldenmut den Glauben an Chedcrah nicht verloren haben. Eine Besserung trat bereits ein, als man in großzügiger Weise die umgebenden großen Sümpfe, die Geburtsstättcn des Fiebers, durch Anlage von Eukalyptuswäldern sanierte. Die Wälder Chederahs sollen über eine halbe Million Bäume enthalten. Wenn also dadurch der Gesundhcitszustand sich verbesserte und die Zahl der Opfer immcr geringer wurde, so bot die Kolonie doch im ganzen noch einen recht dürftigen Anblick, weil cs dort nur wenige Einwohner gab. Und auch diese wagten cs nicht mehr, im Sommer in Chedcrah zu bleiben, sondern pflegten sich in der heißen Jahreszeit nach der mehr als zwei Stunden entfernten Kolonie Sichron Jakob zu gegeben. Die Lage der Kolonie verbesserte sich, als vor sechs Jahren die Gesellschaft ״Agudath Netaim" und auch Privatleute anfingen, in Chederah Pflanzungen von Orangen, Mandeln und Oclbäumen anzulcgen, wofür der dortige Boden besonders geeignet ist. Dadurch kam neues Leben in die fast verwaiste Kolonie. Vor dritthalb Jahren war die Kolonie finanziell so weit gekräftigt, daß sic einen eigenen Arzt engagieren konnte. Tie Wahl fiel aus Dr. Brünn, ein Mitglied der Berliner ״Hasmonäa", der damals Palästina als Tourist bereiste, und bald sollte cs sich zeigen, das; die Wahl eine sehr glückliche >var, denn Dr. Brünn war es Vorbehalten, vieles zur günstigen Entwicklung der Kolonie beizutragcn. Gleich in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Chedcrah fiel Dr. Brünn das ungehörige Verhalten der nichtjüdischen Wächter auf, die sich als die Herren der Kolonie betrachteten. Er berief daher die Kolonisten zu sich, um zu beraten, wie diesem Ucbelstand, derbercits schroffe Formen angenommen hatte, abzuhelfen sei. Es wurde beschlossen, sofort die ״Wächter" zu entlassen und bis auf weiteres die Kolonie durch die Einwohner selbst bewachen zu lassen, was auch bis zur Ucbergabe der Wacht an die jüdische Wächterorganisatian ״Haschomer" geschehen ist. In dieser Versammlung wurde auch über die allgemeinen Maßnahmen, die zum Wähle der Kolonie führen würden, beraten. Um die Einlvobuerzahl zu vermehren, wurde beschlossen, das jüdische Arbeiterelcmcnt durch Errichtung von Ledigcnhcintcn sowie von Familienwohnungen zu stärken. In beiden Hinsichten waren die Bestrebungen von Erfolg gekrönt. Bekanntlich hot der Jüdische Nationa!fonds in Chedcrah ein Arbeiterhaus <Ledigenheim) erbaut, dem in Bälde ein weiterer Flügel ungegliedert werden soll. In diesem Ledigenheim befindet sich auch die Arbeiterküche und das Lesezimmer der Arbeiter, und das Ledigeuhcint dient bereits heute als Lammelpunki und Stätte der Geselligkeit rü 1־ die jüdischen Landarbeiter. Auch hat der jüdische Nationalfonds bereits begonnen, in Chedcrah 20 Häuschen ans Zemcutsteinen für die ausSüdarabicn eingcwanderten Inden (Jemcuiteni zu erbauen. In bezug aus die Erbauuug von Familienhäusern für verheiratete Landarbeitet׳, ist es Dr. Brünn gelungen, den Verein ״Esra" in Berlin dafür zu gewinnen, dort 25 solche Häuschen im Werte von je 1500 Franken I zu erbauen, von denen 10 Häuschen bereits im j laufenden Jahre fertiggestellt werden sollen, j Jede Arbeiterfamilie erhält noch außerdem 25 Dunam Boden und 375 Franken bar zur An- ׳ schafsung von Inventar. Natürlich werden die Arbeiter diese Kredite in einer Reihe von Iahrcn abzutragen haben. — Auch hat der genannte Verein für den Bau eines Krankenhauses in Chedcrah 10.000 Franken und für die Anlage einer Wasserleitung 20.000 Franken bewilligt. Die 20.000 Franken für die Wasserleitung wird die Kolonie innerhalb zehn Jahren abzahlen. Jetzt wird jedes Haus Wasserleitung erhalten, die ihm gutes Trinkwasser aus einem gesunden Brunnen zuführen wird. Ein besonderes Rohr wird-nach dent Dreschplatz der Kolonie geleitet werden, um im Falle einer entstehenden Feuersbrunst in Funktion zu treten. Der Motor wird mit Eukalyptusholz geheizt, das ja hier in Hülle und Fülle vorhanden ist. Seit Dr. Brünn als Arzt in der Kolonie wirkt, haben die Kolonisten aufgehört, im Sommcr die Kolonie zu verlassen. Der Gesundheitszustand hat sich gebessert. Trotzdem hat das hier von dem bekannten amerikanischen Philantropen Nathan Straus begründete Gesundheitsamt in letzter Zeit die Einrichtung getroffen, daß sämtliche Einwohner, Juden und Araber, täglich eine Dosis Chinin erhalten. Zu dieser Maßregel ist Dr. Brünn, der Leiter des Gesundheitsamtes, nach seiner Reise durch Italien, wo er sanierte Malariagegendcn besuchte, gelangt. lieber das Gesundheitsamt selbst sowie über manches andcre will ich Ihnen demnächst berichten. HOTEU Wien,! -־־= vorm. Hotel Romania Neu eröffnen׳ J en II., Kleine Sperlgasse Nr. 5■ Minuten vom Stadtzentrum, in unmittelbarer Nähi des Nord- und Nordw! stbihnhofes. KACHTNEUBAU! . 100 ZIV MER Elegantes Familienhotel. Zentralheizung, altu. Warmwasser in jedem Zimmer. Bäder im Haus! Elegante Halle, Musik-, Schreib- und Lesezimme׳ — Exquisite und rituelle Küche- DM** Zimmer von K 3*60 aufwärts. Besitzer Karl Geiringer Zur Kiewer Knabenmordasfäre. Die Komödie der ״erneuten Untersuchung" naht ihrem Ende. Man hat freilich im Laufe dieser ״Untersuchung" sehr interessante Details an den Tag gefördert. So hat z. B. Frau Diakonowa, die Hauptzeugin Brasul-Bruschkowkys, die bekanntlich Rudsinsky, den Bruder der Tschebirjak, und Latyschew als die Mörder des Knaben Juschtschinsky bczeichnete, diese dunklen Ehrenmänner erkannt. Untersuchungsrichter Maschkcwitsch lies; die Diakonowa nach dem Gefängnis kommen, wo sie Rudsinsky, der dort irgendein Verbrechen abbüßt, unter elf Sträflingen sofort erkannte. Dieselbe Probe wurde mit Latyschew im Kerker gemacht, und Frau Diakonowa erkannte auch ihn unter fünfzehn anderen. Trotzdem diese Tatsache in Gerichtskreisen großen Eindruck machte, sollte man sich bald überzeugen, daß alles beim alten bleiben dürfte. Sehr verblüffend wirkte die Tatsache, daß Fürst Äarajew und der Student Malachin, die zu den wichtigsten Zeugen Brasul-Bruschkowskys gehörcn, kurz darauf wegen angeblicher anarchistischer Umtriebe verhaftet wurden. Tie überzeugnden Aussagen Brasul-Bruschkowskys und Krassowskys hatten den Nerteidigcr Beilis', Rechtsanwalt Grusenbcrg, zu einem neuen Versuch zugunsten seines.Klienten ermutigt. Vor kurzem richtete er an Untersuchungsrichtet׳ Maschkcwitsch ein Gesuch um Haftenilassung Beilis' gegen Kaution. Dieses Gesuch wurde nun abschlägig beschieden. Das arme Opfer des böswilligen Ritualmordwahns wird voraussichtlich noch lange int Gefängnis schmachten. Wie die gut unterrichtete ״Nowoje Wremja" zu melden weiß, sollen die Verhandlungen gegen Beilis im Laufe des Iahres 1912 nicht mehr stattfinden. Es hat auch keine Eile damit. Vorläufig ist ja die Affäre ein trefflicher Bissen für unsere Patrioten. Ramentlich wird sie in der gegenwärtigen Wahlkampagne reichlich ausgenützt. Die Wahllosung der ״patriotischen" Parteien, speziell im Südbezirk, lautet: ״Nitualmord". Und man muß cs unseren Behörden lassen: sie wissen den Grundsatz der Wahlfreiheit hvchzuhalten, — wenn es sich um die ״Rechte" handelt. — Ein Beispiel für viele. Während die unschuldigsten Vorträge über literarische und wissenschaftliche Gegenstände sehr häufig ״mit Rücksicht auf die öffentliche Ordnung" verboten ׳werden, wurde cs dieser Tage dem berüchtigten Pogromhäuptling, Student Golubcw aus Kiew, gestattet, in Jekaterinoslaw einen öffentlichen Vortrag über ״die rituelle Ermordung Juschtschinskys in Kiew" abznhalten. Hochherzige Stiftungen. Der Warenhausbesitzcr Tietz, der Inhaber der Firma Hermann Tietz und seine Frau in Berlin, haben aus Anlaß ihrer Silberhochzeit Stiftungen im Gesamtbetrage von 1,000.000 Mark errichtet. Die Hälfte dieses Betrages ist, wie der ״Confectionnair" mitteilt, zur Errichtung einer Stiftung, die den Namen ״OSkar und Betty Tictz-Stiftung" führt, verwendet worden, deren Einkünfte zur Unterstützung hilfsbedürftiger Personen oder gemeinnütziger Bestrebungen im Deutschen Reiche zu verwenden sind. Hierüber verfügt ein von Herrn Tietz berufenes Kuratorium. Eine Stiftung von 100.000 Mark ist für das Personal der Firma Hermann Tietz errichtet worden. Während durch die früher mit einer Spende von 800.000 Mark seitens des Herrn Tietz errichtete Pcnsionskassa für den Fall der Dienst- Unfähigkeit oder des Ablebens Vorsorge getroffen ist, berücksichtigt diese Stiftung hilfsbedürftiger Angestellte und ihre Angehörigen in besonderen Fällen. Ferner ist der Geburtsort des Herrn Tietz mit einem Betrage von 00.000 Mark bedacht, welcher für eine städtische Turnhalle, Badeanstalt und Speisung armer Schulkinder Verwendung findet. Auch der Hilfsvcrein deutscher Juden erhält 50.000 Mark, ferner sind bedacht:. die Städte Berlin, München, Gera, Charlottenburg, die Berliner Schutzmannschaft und Feuerwehr, die jüdische Gemeinde, das Rote Kreuz, der Brüdcr-Vercin sowie zahlreiche gemeinnützige Vereine. Funde altisraelitischrr Maße und Gewichte. Vor kurzem erschien ein interessanter Bericht über die Ergebnisse der von den französischen Asumptionistcnpatrcs in Palästina durchgcsührten Grabungen. Aus diesem Briefe geht hervor, daß wir heute bereits im Besitze von Exemplaren aller jener Maße und Gewichte sind, welche i» der Bibel erwähnt werden. So kennt man heute schon Form und Wert des Lug, Kab, Hin, Vath, Omer, Kikar, Ephah ustv. Unter anderem wurde auch ein ganz kleines Aiaß gefunden, dessen Bedentung bisher unbekannt blieb. Nun soll cs endlich gelungcn sein, durch vergleichende Messungen fcstzustellen, daß dieses kleine Hohlmaß zum Messen des Zehents gedient haben soll. Diese Entdeckung wird für die weiterc archäologische Forschung sowohl, wie auch für die Kenntnis der Geschichte der Bibel von großem Werte sein. Die Juden in Marrakesch. Der ״Morning Post" in London wurde aus Tangcr telegraphisch gemeldet, daß die im Ghetto eingcschlosscnc jüdische Bevölkerung von Marakcsch in einer verzweifelten Lage sich befinde, da sie sich keine Lebensmittel verschaffen könne. Nach dem letzten Bulletin der Alliance wohnen in Marrakesch 17.500 Seelen. Rohhcitsakt eines tunesischen Soldaten. Dem ״Berliner Tageblatt" wird aus Tunis gemeldet: Die Eingeborenen haben jetzt die Fastenzeit des Ramasan. Eine zwanzigjährige jüdische Frau hatte in Tunis Einkäufe besorgt. Auf dem Rückwege ins Judcnvicrtcl naschte sie von diesen. Ein alter Eingeborcncr eilte ihr nach und sagte ״Was, du ißt im Ramasan?" Die junge Frau erwiderte, daß sie Jüdin sei. Ein junger eingeborener Soldat kam hinzu und vie schönste Schrift in Kürzester Zeit erreicht jedermann! K K. deh. auf, Schreibschule Professor Rudolf Rouhitscbek « » Pr an Zil£tt7?kt)1lt7 17 Bach auswärts brieflicher Unterri«5J, um1£tl*pia14 4/ T|cfttnacheig.ges.gesch.Methode