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Jüdische Volksstimme · 1912-09-19 · Heft 25 (19.9.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 25 (19.9.1912)
Date
1912-09-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 ,jüdische BokkSstimme." «ettrS. als Hauptfaktor zur Erhaltuna bewähren. Wir haben in Mähren eine ziemliche Menge öffentlicher deutscher Schulen, de facto werden sie Judenschulen genannt. Junge Leute finden ihr Auskommen, sie sind in ihrer Stellung ganz unabhängig als Lehrer, das berechtigt die Herren noch immer nicht, das Judentum so ganzlich abzustreifen, ist doch ein solch öffentlicher Lehrer berufen und verpflichtet, oftmals den Religionsunterricht selbst zu leiten, welche Erfolge sind aber zu erwarten, wenn solche Persönlichkeiten nicht einmal das Decorum wahren und am Samstag mit der Zigarre im Munde' im Kaffehaufe beim Kartenspiele von ihren Schülern angetroffen werden, selbst stets ein öffentliches Aergernis geben. Nein, meine Lieben, so geht es nicht weiter, ihr seid zwar unabhängig, weil eure Bezüge aus der Landeskassa laufen, aber nur so lange, so lange die Judengemeinden bestehen, in den Christengemeinden bekommt ihr nicht so leicht eine Stelle, und wenn, wie wenig würde so ein Lehrer wagen, den Sonntag zu entweihen, drum erfüllet eure Pflicht als Juden, als Jugendbildner und Jugenderzieher, erziehet und bildet die Kinder als begeisterte Juden heran, durch eure Methode, durch euer Wissen und euren Bildungsgrad werdet ihr gewist, sobald der Wille vorhanden, mehr leisten können, als einstens die Buchorim und ihr werdet dazu beitragen, das Judentum frisch zu beleben und aufzurichten. Nicht verklungen und nicht ohne jegliche Rückwirkung scheinen die berechtigten Wehklagen über die traurigen Zustände der Judengemeinden Mährens geblieben zu sein. Vielmehr erhebt, alle übrigen Stände fast beschämend, zunächst eine Frau ihre mahnende Stimme, eine kluge, erfahrene, geistreiche, tiefgebildete Frau zeigt mutig die Wege an. den die Frauen einzuschlagen haben, um religiöse Stärkung und Begeisterungim inneren Haushalte des Judentums zu bringen, um ein jüdisches Haus zu erhalten, und es wieder neu zu begründen. Ein jedes ihrer Worte ist eine kostbare Perle und verdient tief im Herzen bewahrt zu bleiben und als Anregungsmittel zur prompten Ausführung ihrer Forderung beobachtet zu werden. Hierin bewahrheitet sich Spruch 14,1 aufs deutlichste. Der Frauen Klugheit baut Häuser auf. ihr Leichtsinn reißt sie nieder! Mein Aufruf zur Mithilfe erging wohl an ganz Israel, somit auch unbedingt an die Frauenwelt, und wenn ich mich nicht allsogleich speziell an die Frau heranwagte, so will ich vielmals um Entschuldiqung bitten, cs nicht als eine Unhöflichkeit anzusehen, sondern es einzig und allein als eine Art Feigheit aufzufassen, die darin ihre Begründung haben mag, weil ich nicht wußte, wie die Sache am besten anzupacken, und wo zunächst anzufangen. Nun bietet sich ein rettender Engel, eine Beihilfe, die ich nicht geahnt, mit einem Vorschlag, der gottvoll ist. dar. Es erübrigt nun, einen Apell an sämtliche jüdische Frauen, die gleich denken, ergehen zu lassen, und solche gibt es wohl einige wenige in jeder jüdischen Geineinde, daß sie Versanunlungen von Frauen und erwachsenen Mädchen einberufen und unermüdlich klarlegen und durch Beispiele erörtern, wie leicht die Pflichten einer jüdischen Frau zu erfüllen sind, wie ruhinrcich der Erfolg sodann gekrönt bleibt, ein schönes Heim für alle Zeiten dem um das Hauswesen bekümmerten Mann geschaffen zu haben, denn nur durch eine allseitige Betätigung, durch vereintes Eingreifen vermögen wir unserer geistreichen Frau die größte Dankbarkeit entgegen zu bringen und ihren Vorschlag zu verwirklichen. So hätte ich die wichtigsten Faktoren aufgezählt, welche berufen wären, solange es noch Zeit ist, für das Judentum einzutreteu. Ich wünsche allen, die sich für meinen Antrag begeistern, die mit mir gleich denken und gleich zu handeln denken: Gemar wachasimoh Towoh! Zur Reichsratswahl in Neutitschein. Ende dieses Monats findet im Neutitscheiner Wahlkreise die Ergänzungswahl für das durch den Tod des Abgeordneten Ullrich freigewordene Mandat statt. Von seiten der deutschbürgerlichen Parteien bewerben sich drei Kandidaten um dieses Mandat, und zwar der Deutschradikale Dr. ״Bodirsky", der Deutschfortfchrittliche Bürgermeister ״Kunovsky" und der deutsche Arbeiterführer ״Bohuminsky";- von seiten der Sozialdemokraten ist Gemeinderat W. Nießner (Brünn), der diesen Wahlbezirk bereits vom Jahre 1907 bis 1911 vertreten hat, aufgestellt. Da nun von den drei bürgerlichen Kandidaten nur der Radikale Dr. Bodirsky in eine etwaige Stichwahl kommen könnte, so ist der jüdische Wähler von vornherein außer Zweifel, wem er seine Stimme zuzuwenden hat. Man muß unwillkürlich staunen, mit welchem Eifer in diesem Falle die deutschliberalen Zeitungen für das Wohl der hiesigen Juden eintreten. Die ״Neue Fr. Presse", der Brünner ״Tagesbote", die ״Ostrauer Zeitung" und wie sie nur alle heißen mögen, sie alle sind darin einig, daß kein Jude am Wahltage für Dr. Bodirsky stimmen dürfe. Ich habe schon vorher erwähnt, daß es in diesem Falle, nach neuerlicher Feststellung des antisemitischen Programmes der deutschradikalen Partei durch K. H. Wolf, keinem Zweifel unterliegt, für wem die Juden des hiesigen Wahlkreises, welchen Anschauungen sie auch immer huldigen mögen, einzutreten haben. Wir verzichten daher gerne auf all diese unnützen Ratschläge liberaler Blätter; wir verzichten aber auch recht gerne auf die selbstverstündlichen Ratschläge, mit welchen uns Herr Fleischer in der letzten Monatsschrift der israel. ״Union" beglückt, da wir es nicht dulden mögen, daß wir im nächsten Jahresberichte der ״Union" lesen können, daß es der ״aufopferungsvollen ausklärenden Arbeit des Sekretärs der ״Union" gelungen ist, bei der Reichsratsersatzwahl in Neutitschein einen Antisemiten zu Falle gebracht zu haben. Der starke Prozentsatz der jüdischen Wähler des Neutitscheiner Wahlbezirkes möge in Zukunft nur die Taktik befolgen, sich die Taten seines Abgeordneten besser zu besehen und ihn namentlich dann, wenn im Parlamente jüdische Angelegenheiten zur Sprache kommen, stets erinnern, daß er seine Wahl einzig und allein den ausschlaggebenden jüdischen Stimmen verdankt hat. Qu—. Die Ternpeleinweihung inTachau. An Stelle des der Brandkatastrophe vom 28. April 1911 zum Opfer gefallenen Tempels wurde nach den Plänen des Architekten Alfred Grotte, konigl. preuß. Professor in Posen, ein neuer Tempel erbaut, der am 10. September 1912 feierlich eingeweiht wurde. Das Bauwert verrat in seinen Forinen die heimatliche Bauweise, wie sie die alten Synazogen des Egerlandes oftmals ausweisen, die Architektur entspricht der zweiten Hälfte des Id. Jahrhunderts. Die Bundeslade wurde der aufgelassenen Synagoge in Neu-Zedlisch entlwmmen und bildet eure Sehenswürdigkeit der Frührenaissance, nachdem sie von Herrn Rumpler, einen Bruder des berühmten Malers, Professor Rumpler, neu aufgesrischt wurde, es ist ein Kunstwerk der Holzschnitzerei, der Stil derselben wurde auch auf das Aeußere übertragen, überhaupt ist die Architektur ganz eigenartig, gar nicht schablonenartig, stimmungsvoll öeui erhabenen Zwecke angepaßt, von künstlerischer Bedeutung, einfach eine architektonische Sehens- Würdigkeit. Tie Pläne wurden bis ins kleinste Detail vollkommen kostenlos von Herrn Prof. Grotte ausgearbeitet. Zur feierlichen Einweihung erschienen die Spitzen der Behörden, der Bezirkshauptmannschaft. des Bezirksgerichtes, der Stadt- und Bezirksvertretung, der Finanzwache, Gendarmerie, Feuerwehr und anderer Vereine, Abordnungen der Kultusgemeinden Pilsen, Mies, Kuttenplan, Türrmaul, Marienbad, Königswart mit ihren Rabbinern, der Lehrkörper sämtlicher Schulen mit den Direktoren und Bezirksschulinspektor usw. usw. Nachdem vom Baummeister Brandner dem Architekten die Schlüssel übergeben wurden, hielt Herr Professor Grotte eine Ansprache, in welcher er seine Anerkennung für die exakte Ausführung des Baues und den Dank an den Kultusvorstand für die tatkräftige Unterstützung bei Verwirklichung seiner Ideen ausdrückte und ersuchte den Kultusvorsteher, den Tempel zu eröffnen. Herr Kultusvorsteher Heinr. Steiner dankte den Anwesenden für ihr Erscheinen, sprach seinen Dank aus allen Förderern des Werkes und öffnete die Pforten des Tempels. Unter Klängen eines Harmonium hielten alle Anwesenden ihren Einzug in den festlich beleuchteten Tempel. Herr Oberkantor Josef Schön stimmte mit dem trefflich geschulten Chore das Ma Towu an, worauf von den Rabbinern die Thorarollen abgeholt wurden, der Psalm 24 von Naumburg angestimmt und unter den Klängen von Sulzers ez Chajim hi in die Bundeslade gestellt. Herr Rabbiner Dr. Moritz Wohl entzünbete das ewige Licht mit den Worten: ״So möge dein ewiges Licht von diesen Hallen ausstrahlen, das ewige Licht der Religion." In der hierauf von demselben gehaltenen Festrede wies er hin auf die Bedeutung und die Notwendigkeit der Gotteshäuser, wie nicht minder der Religion für den Menschen, in zündenden Worten erklärte er den Bibelspruch: ״An allen Orten, wo du mich anrufen wirft, werde ich deiner gedenken" usw. Tie Rede war ein Kabinettstück rabbinischer Gelehr- und Beredtsamkeit. Das Gebet für den Landesvatcr und die Volkshymne bildeten den Schluß des Einweihungsfestes. Von Seite des Kultusvorstandes wurde an Se. Majestät ein Hudigungstelegrainm abgesendet. Die Einweihungsfeier machte durch die exakte lind gelungene Durchführung einen äußerst günstigen Eindruck und wird allen Anwesenden lange in Erinnerung bleiben. Prerauer Brief. Nach längerer Zeit hatten wir wieder einige gemütliche Stunden verbracht, wo wir rein inlerne jüdische Angelegenheiten besprachen. Tie judisch-atademische Ferialverbindung ״Masjada" hatte sich in den heurigen Ferien als Ausgabe gestellt, in größerem Maße unter den hiesigen Juden in austlarender Weise über judischnanonale Fragen aufzutreten. Als einleitenden Redner war es uns gegönnt, am 27. Juli 1912 in einer Vertrauensmanlieroerjaminlung aus dem Munde des geehrten Gg. Dr. H. Kadijch ein Referat über die Schaffung einer politischen Reichsorganisation, wie selbe aus der politischen Küilserenz in Wien vorgejchlagen wurde, zu hören; weiter zeigte er aus die Notwenbigtelt der Umwandlung der Kultusgemeiiiden zu Volksgemeindeu. Dieses Dyema gab Anlaß zur Bildüng eines fünsgueorigen Komitees, welches sich weiter mit den oben angeführten Fragen, deren Ausbau befassen soll. Diesem Referate folgte dann ein Vortragszyklus. Am 21. August 1912 sprach Dr. A. Low, der in einer längeren Rede auf die Schäden der Assimilationspvlitik hinwies und empfahl streng, Nationaljnden zu sein, denn nur aus diese Art können wir unser langbegehrtes Ziel erreichen. Als nächster Redner trat Dr. O. Horner am 20. August 1912 auf. Sein Vortrag ״lieber die Ausgaben einer Reichsorganisation" halte folgenden Verlauf: Tie Voraussetzungen der Schaffung dieser Reichsorganisation sind vor allem die Nationalisierung der Juden und ihre Anerkennung als Nation, die Erweiterung der Kultusgemelndeil in national-völkischer Beziehung. Tie Aufgaben selbst sind die Zusammenfassung aller Juden des Ost- und Westens wegen der genieinsamen Interessen. Ten Zyklus beendete am 10. September Jur. H. Mandl mit einem interessanten Vortrag über ״Das Verhältnis der Jüdischnationalen zu den anderen Nationen". Ter Redner besprach in eiiigeheuder Weise die innere Geschichte unserer Monarchie bis zum heutigen Tage. Er skizzierte kurz die Ereignisse des 48er Jahres; ging über auf den Ausgleich mit Ungarn, zergliederte die Staatsgrundgesetze, Hauptsächlich den Artikel 19, befaßte sich mit den Nationalitätenkümpfen und mit der Stellung der Juden zu anderen Parteien. Diese Vorträge wurden mit großem Beifall ausgenonlinen, und hoffentlich werden sie unserer Idee zu Nutzen sein. Die Zeit vergeht — andere Nationen schreiten zu ihrem Vorteil immer Weiler, nur wir bleiben durch die Indolenz unserer bürgerlichen Kreise zurück. Also an die Arbeit mit frohem Mut, dann werden wir alle noch einhoien. ü Sternhofi bestes aller Bitterwässer.

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