Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 24 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jk. -2 4 Mähr.-schles. Rabbinertag in Prercuu Am 3. d. M. begann um 9 Uhr vormittags in Prerau die diesjährige Generalversammlung des Verbandes der Rabbiner Mährens und Schlesiens. Anwesend waren die Herren: Rabbiner Dr. Freimann (Holleschau), Dr. Oppenheim (Olmütz), Prof. Dr. Tauber (Prerau), Prof. Dr. Reach (Gaya), Dr. Schweiger (Kremsier), Dr. Hofs (Bisenz), Dr. Friedinger (Pohrlitz), Dr. Spira (Mähr.-Ostrau), Dr. Halberstamm (Schaffa), Dr. Keßler (Gewitsch), Dr. gtosenmann (Mähr.-Schönberg), Dr. Kanter (Zwittau), Dr. Goldschmied (Proßnitz), Dr. Flesch (Kanitz), Dr. Hillel (Leipnik), Dr. Steif (Neu-Raußnitz), Dr. Mandel (Neutitschein- Wagstadt). Die übrigen Rabbiner Mährens und Schlesiens gaben größtenteils schriftlich ihren Sympathien für den Verband Ausdruck und wünschten den Verhandlungen desselben in ihren Entschuldigungsschreiben besten Erfolg. Der vom Obmann des Verbandes, Herrn Dr. Freimann, erstattete Tätigkeitsbericht wurde mit lebhaftem Beifall und mit allseitiger Befriedigung zur Kenrrtnis genommen. Ebenso der Kassabericht des Prof. Dr. Tauber. Ueber Antrag des Dr. Schweiger wurde beschlossen, daß eine Kreiseinteilung getroffen werde, damit die einander räumlich nahe wohnenden Kollegen allmonatlich einmal zurBesprechung von rabbinischeu und pädagogischen Fragen zusammentreten: die Rabbiner eines solchen Kreises wählen ihren Referenten, der an die Verbandsleitung beziehungsweise an die Generalversammlung zu berichten hat. Zur Vornahme der Äreiseinteilung wird die Verbandsleitung ermächtigt. Die Resignation Sr. Ehrwürden des Herrn Landesrabbiners Dr. B. Platsche! auf die Ehren- Präsidentschaft des Verbandes wird mit Bedaucrn zur Kenntnis genommen. Zum Präsidenten des Verbandes wird neuerdings Dr. Frcimann, zum Vizepräsidenten Dr. Oppenheim, zum Schriftführer Prof. Dr. Reach und zum Kassier Pros. Dr. Tauber gewählt. In den Vorstand des Verbandes werden des weiteren entsendet die Herren: Rabbiner Dr. Goldschmidt, Dr. Hillel, Dr. Lewin (Nikolsburg) und Prof. Dr. Steiner (Bielitz). Zu Kassarevisoren werden die Herren Rabbiner Dr. Hoff uup Dr. Schweiger gewählt. Herrn Prof. Dr. Rabinowicz, der eine Wiederwahl ablchnt, wird der Dank des Verbandes für seine bisherige Tätigkeit ausgedrückt. Herrn Rabbiner Prof. Dr. Reach berichtet über die Bestrebungen zur Gründung eines Landesverbandes der Kultusgenteindeit Mährens als weiteren Ausbau der Organisation der ״Israelitischen Religionsgenossenschaft". Er Präzisiert den Standpunkt, welchen die Rabbiner in Wahrung der ihnen anvertrauten religiösen und geistigen Güter zu gewissen Punkten des ihnen bckanntgemachten Entwurfes einzunehmen haben und beantragt, es möge der Vorstand des Verbandes ermächtigt werden, mit den Proponenten des Entwurfes gemeinsam zu beraten, beziehungsweise zu beschließen, damit das im Interesse der Judenheit gelegene Werk bald einem gedeihlichen Abschlüsse zugeführt werde. Die Anträge des Referenten werden angenommen und werden den! Vorstände des Verbandes von der Generalversammlung entsprechende Direktiven erteilt. In der Nachmittagssitzung bespricht Herr Dr. Freimann die Bestrebungen der ״Agudas Israel", deren provisorisches Komitee in Frankfurt a. M. seinen Sitz hat. Er definiert in einem geistreichen Vortrage, an der Hand des historischen und halachischen Materials die Begriffe ״orthodor, glaubens- und gesetzestreu" und komint zu dem Resultate, daß die ״Agudah" alle auf bewußt jüdisch-religiösem Boden Stehenden umfassen solle, die Delegierten derselben aber und ihre Vorstände ausschließlich Männer sein müssen, die durch die erakteste Hebung der Vorschriften des Ritualgesetzes rühmlichft bekannt sind. Er fordert die Kollegen zur Werbearbeit für die ״Agudas Jisrael" auf, welche sich in Ortsgruppen gliedern wird, die wiederum zu Landesverbänden zusammengefaßt werden sollen und verteilt die entsprechenden Drucksorten. Seine Ausführungen werden sehr beifällig aufgenommen. Schluß der Generalversammlung 4 Uhr nachmittags. ״Jüdische Bolksstimme." Die neue jüdisch-akademische Verbindung. Sehr geehrter Herr Redakteur'. In Ihrer letzten Nummer las ich die Mitteilung, daß eine begeisterte Anzahl gesetzestreuer jüdischer Akademiker die Bildung eines Vereines in Wien beschlossen haben, der seine Mitglieder im gesetzcstreuen Geiste zu selbstbewußten Juden heranbilden soll. Hätte ich es nicht selber schwarz auf weiß gelesen, wahrlich, ich hielte es nicht für möglich!*) Wer, wie ich, zur Zeit der sögenannten liberalen Aera die Universität in Wien frequentierte, den nur zu raschen Umschwung dieses Pseudo-Liberalismus in rohen Rassenantiscmitismus mitmachte, wer, wie ich, das würdelose Sichanschmiegen der jüdischen Studeuten an ihre arischen Freunde, das Sich-nicht- Hören-machen und charakterlose Augenzudrücken beobachtet hat, darauf mit Freude die Entstehung der vielen jüdisch-nationalen Verbiudungen als Vorboten einer jüdischen Renaissance begrüßte — wer, wie ich, also alle Phasen der Entwicklung vom Assimilanten zum selbstbewußten Juden an seinen Kommilitonen hat mitansehen müssen, dem steht wohl ein kleines Recht zu, auch über diese neue Verbindung, deren Aufruf mir zuging, seine eigenen Gedanken zu haben und Sie, sehr geehrter Herr Nedakteur, um freundliche Ausnahme dieser Zeilen zu ersuchen. Ich glaube Wohl nicht, fehlzugehen, wenn ich diese neue Verbindung als den folgerichtigen Abschluß des eben geschilderten Entwicklung»- Prozesses ansehe. Der Antisemitismus schuf zuerst Juden mit negativen Idealen. Sie wollten sich ihre Menschenrechte von den anderen Nationalitäten nicht streitig machen lassen und erschöpften in diesem negativen S t r eb e n ihre ganze Kraft. Als der Zoinismus entstand, entwickelte sich aus den Juden mit negativen Idealen die auf ihre Nationalität pochende jüdische Jugend, die bestrebt ist, durch das Studium der jüdischen Geschichte und zum Teil auch jüdischer Literatur Positives zu schaffen. Sie hat einen schönen Rahmen, eine schöne Form gefunden, doch der I n h a l t k a n n nicht befriedigen. Tenn all diese Vereine und Verbindungen wollen jüdisches Selbstbewußtsein erzeugen und vergessen dabei au das Wichtigste: an die jüdische Kultur. Die jüdische Kultur ist mit der jüdischen R e l ig i o n aber so innig verknüpft, daß eine ideale jüdische Erziehung ohne intensives Studium der jüdischen Gesetze, vornehmlich der Thora, nicht gedacht werden kann. Ter neuen Verbindung, die sich offenbar Dieses Ziel gesteckt, wird daraus kein Vorwurf gemacht werden können, daß sie ihre Mitglieder n u r aus dem Kreise der gesetzestreuen Akademiker nehmen will. Nicht I s o l a t i o n s s u ch t oder Furcht vor der Meinung ihrer anders denkenden Kollegen dürfte sie dazu bewogen haben. Sie geht diesmal von der unbestreitbaren Voraussetzung aus, ״daß die Heranbildung jener jüdischen Studenten, die es noch ernst meinen mit dem Judentume nnd seinen Gesetzen, nicht dem blinden Zufall des Erziebungswerkes eines buntscheckig zusaminengesetzten, die Gegensätze der Weltanschauung verhüllenden Vereines, vielmehr dem h a r m o n ischen Zusammenwirken g l e i ch g esinnter Kräfte, nur dem ermunternden und belehrenden Worte erprobter. Führer anvertraut werden könne." ״Die neue Verbindung e r w a rtet von dem die Universität beziehendenden jüdischen Studenten keine fertige religiöse U e b e r z e ugung. er will ihn nicht bereits frei willen von jedem religiösen Zweifel und hocherhaben über all die Fragen, all die Probleme, die die Kultur der Gegenwart jedem offenen Kopfe entgegenhält. Eine gefestete religiöse Welt- und Lebensanschauung ist kein Angebinde der Natur, kein Geschenk des Himmels: Sie will erworben, errungen sein! Aber eben weil der jüdische Student um Weltanschauung erst kämpft, ein sittliches Ideal erst erwerben soll, gerade deshalb verlangt die Verbinduna von ihm. daß er nicht in svielerischem Leichtllnne, in kindischer Selbstüberschätzung mit schnellfertigem Urteil das Erbe seiner Väter, dos Kleinod des jüdischen Gesetzes, um dellen Rettung und Erhaltung die Ahnen ihr Herrhlut aeovtert. mit Achselzucken verwerfe und gleich einer wert-! *) Anmeldungen an jur. Leo Jung. Ung.-Brod. Seite 3. losen Last von sich weise, fordert die neue Verbindung vielmehr, daß der jüdische Student als treuer Sohn seiner Ahnen um deren Erbe kämpfe und ringe und mit heiligem Ernst sich bemühe, sich selbst denn Vatererbe zu erhalten. Gesetzestreu ist 0er Verbindung jeder jüdische Student, der von solchem Ernst erfüllt und darum entschlossen ist, nicht kurzer Hand das jüdische Gesetz zu verletzen, vielmehr seinen Anforderungen im Lebenswandel zu entsprechen, um in ehrlichem, mannhaftem Streben als teuersten Bestand seiner Ueberzengung die ewige, Weltbezwingende Idee sich zu erringen, deren Ausfluß die jüdische Lebenspraris ist. Die Verbindüng ist der Bund derer, denen es ernst ist um das Judentum, die es des KampefS noch für wert erachten. Aber mau kämpft nicht um das Judentum, wenn »tan es von Anbeginn uugescheut verletzt. Nicht Fanatismus und nicht Isoliernngssucht, vielmehr der Zweck der Perbindüng fordert daher mit logischer Notwendigkeit als grundlegendes Prinzip die Beschränkung auf solche Kommilitonen, die dem Gesetze die Treue wahren." Tie Verbindung will ihre Mitglieder für die jüdische N a t i o n und die j ü d i s ch e Religion begeistern. Sie will und wird hosfentlich dem schönen Rahmen den schönen Inhalt geben. Es kann nur gewünscht werden, daß einem so idealen Streben von all jenen, denen die Fortentwicklung des historischen Judentums am Herzen liegt. Hilfe und Mitarbeit sich zur Verfügung stellt Ein ehemaliger Student. וינבה יי צבאות במשפט והאל הקדוש;קדש בצדקה: ״Hocherhaben ist der Ewige Zebaoth im Gerichte und der heilige Gott wird geheiligt in Gerechtigkeit." Prophetenniuud hat uns verkündet Daß Jakobs Gott Rechtspflege halt Daß Liebe Er in uns gezündet Der freie Schöpfer dieser Welt. Er richtet nach der Handlungsweise Die Menschen vornehm und gering, Wohl dem, der auf der Lebensreise Die Zeichen seiner Huld empfing. Auf der Straße saß 'ne Alte Mit dem bleichen Angesicht, In die Höhe hob die kalte Hand sie, wie beim Schwurgericht. ״Schaddei Rachamim! Du zahle: Rief sie aus mit bitt'rem Weh'. Denn er hat vom kargen Mahle Mich entfernt, daß ich vergeh'." Lange Jahre pflegte treulich Sie Oes Stiefsohns Vater mild, Nun, dafür war so abscheulich Er des Uudauks Schreckensbild. Warf nach seines Vaters Scheiben Bald die ״Alte" aus dem Hatis, Ja, die Aermste mußte leiben Not und Schmach im Wintergraus, ״^:chaddei Rachamiin! gedenke. Dir nur kommt das Richten zu! Schwach 1111t) krank sind die Gelenke, Bald deckt mich die Grabesruh. . * --eine Knaben sah verscheiden Jener undankbare Sohn, Auch der Gattin schweres Leiden Hielt er für den Sündenlohn. Siehe da! znm zweiten Male Ging die Alte vor das Haus, Bei dem sanften Mondesstrahle Rief sie in die Nacht hinaus: ״Schaddei! halt die Hand ein oben. Ich verzeih! Erbarm Dich sein, Deinen Namen will ich loben. Mach' ihn frei von aller Pein. ״'Nicht das Böse ihm gedenke, G n ä d i g b i st a l l e i n 111t r D 1t! Seiner Frau das Leben schenke Seinem Herzen Frieden, Ruh'." Von dem Siechen-Krankenbette ׳Ltand sein Weib genesend auf: Doch an ihm wie eine Klette Hing der Gram im Lebenslauf. Prophetenniuud bat uns verkündet Daß Jakobs Gott Rechtspflege halt. Daß Liebe Er in uns gezündet j Der freie Schöpfer dieser Welt. I Malvine Grünwald.