Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1912-09-11 · Heft 24 (11.9.1912) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 24 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2621806-2621807-2621831--1705-2622766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. ״Jüdische VolkSstimme." Nr. 24. Ernst Sommer. Gideons Auszug. Wir Juden sind ein seltsam Geschlecht. Wir lieben nicht das Allgemeine, uns zieht bloß das Besondere an. Ist es deshalb, weil unser Schicksal nur unglückliche Besondernheit kennt? . . . Schreiben wir Juden Bücher, dann schreiben wir nicht solche über Vetter Hinz und Kunz und über seine Familie, weil das Leben dieser Gesellschaft uns zu geradlinig verläuft; dann schreiben wir lieber über Menschen, die totgeborcn werden, oder über Menschen, die irgendeine Krankheit, eine Besondernheit, einen Spleen haben. kurzum über Leute, die aus der Art geschlagen sind. So machen cs die ״großen Juden der Moderne", so tun es die ״kleinen Juden", die da hcranwachscn und auch einst groß werden wollen. Weniger deshalb, weil es die andcreu so tun, sondern weil nun einmal das Sprunghafte, das Phantastische, das Erfassen des Besonderen und das Beiseitlassen des Naheliegenden in dem Blute der meisten modernen jüdischen Schriftsteller liegt. Den ״modernen" Juden, der einen Volksroman schreibt; ich will bescheidener feilt, der nur seine Helden aus einem alltäglicheren, gesunden Milieu holt, der Gestaltcn zeichnet, die weder erblich belastet find, noch an Migräne oder an Lues, ant Herzen oder an der Lunge leiden, die weder Diabetiker noch Melancholiker sind, möchte ich kennen lernen. So darf es uns nicht wundernehmen, wenn wir in Ernst Sommers Buche nur lebensmüde Menschen finden, die zum Kampfe keine Kraft haben. Der Zionismus kann ihnen nichts sein als ein farbloses Ideal, das sie anbetcn, an dessen Verwirklichung sic aber nicht initarbciten können. Sic sind zu dekadent, stecken viel zu sehr in dem Sumpfe der Assimilation, ihnen kann der Zionismus keine Gesundung bringen. Bald sind sie zu schwach und müssen sterben, bald denkeit sic von Hochgefühlen sonderlichster Art erfüllt allzusehr darüber nach, welches Mittel das beste wäre, um an dem großen zionistischen Heilswerke mitzuarbeiten und ob des Nachdenkens über das Mittel vcrgesien sie den Zweck. ״Gideons Auszug" ist kein Zionistenroman, wenn er auch zufällig von Juden und blutleeren Zionisten handelt. Das Buch kennt nur Menschen, die mit dem Leben fertig geworden sind: ihren Todcskampf, ihren Tod und über diesem großen Sterben steht groß und verheißend, aber in nebelhafte Fernen gerückt, der Zionismus. Den Inhalt dieses merkwürdigen Buches anzugeben geht schwer, und es ist gerade das Seltsame an diesem Buche, daß es nicht so sehr der Inhalt, die ״Helden" des Buches es sind, die uns den .Noman wert machen, sondern die Stimmungen, die Ernst Sommer festzubannen verstanden. Mag auch der Stil sich in seinem Wohl klänge und Farbenreichtunie an mancher Stelle allzusehr über das gewohnte Maß erheben, so daß cs oft ganz so scheint, als habe der Autor die Stimmungsbilder bloß deshalb lnngesetzt, um die Uebcrfülle seiner Vergleiche anzubringcn und geistreichen gesinnungsgenössischeu Kritikern Gelegenheit zu geben, billige Sati reu zu reißen, überall verkümmert der Stil das warme Gefühl, die Schönheit der vollendet skizzierten Stimmungen doch nicht. Ernst Sommcrs Meisterschaft liegt in der Schilderung, in dem feinen Erfassen von Stimmungen: Die düstere, traurige, Schwerinut einer Kneipe, die keine Fröhlichkeit aufkommcn lassen will, denn cs haben sich bei diesem Tische Menscheu vereint, die schwer an ihrem Leben, an ihrer Persönlichkeit tragen. Tie zarten Worte des Liedes erstarren auf ihren Lippen, die warme, feine Melodie des Liedes wird schwerwütig und traurig; es herrscht der grelle Mißklang, den gemachte, unechte Freude erzeugt. Sie kommen alle mit schwerem, traurigem Gemüt, unbewußt traurig, die Kneipe, der Wein, das Lied sollen die Lust, die Freude bringen; sic konnncn aber aus sich selbst nicht heraus: die Trauer, der Mißton bleibt, das Leid, das zur Tat unfruchtbar macht, bleibt, die Freude, die Lebensmut bringen soll, hat dort keinen Raum, io ist es bei der Kneipe, bei den ״.Melden" Ernst Sommers überhaupt. Die Schilderung der Kneipe zeichnet die Stimmung des Stimmungslosen. Eine Volksversammlung: Der heftige Widerstreit der Meinungen, der so tief cingreift in die Renaissancebestrebungen der Juden Oesterreichs, jede zionistische Arbeit erschwert. Die Stürme der Begeisterung einer fanatisierten Menge, der Phrasengebimmel eines Groß- Österreichers, in dem auch Juden etwas gelten sollen, den Wohlklang gesunder Arbeit in Palästina ersetzt; die scharfe Opposition, die allen jenen Zionisten begegnet, die da noch träumen, in Zion läge das einzige zionistische Ideal; während da oben schon der dreischwänzige Adler Großösterreichs, der in seinen Fängen die jüdischc Autonomie und dreißig jüdische Reichsratsmandate hält, seine Schwingen ausbreitet, spricht aus dem Stimmungsbilde der Versammgen, doch wenn das Schwarz auch zu dunkel ist, die bittere Wahrheit der inneren Politik, die diese Versammlung bewegt, ist allein — greulich genug. Die Miasmen der Politik, all das Faule, das die hehre Idee des Zionismus, das reine Ideal, an das die Judenheit allmählich glauben gelernt, durch die Verquickung mit dem Inneren Leben eines Staates durchsetzt, spürt man in dem Versammlungsfaale. Das Traurige eines Bruderzwistes, in dem jeder Bruder das Beste will, gibt der stimmungsvollen Schilderung ein eigenes Gepräge. Oder das Düstere, das öde Grau des Scziersaales, in dem ein armer Krüppel von der Hoffnungslosigkeit des Zionismus spricht, der ihm nichts wie ein letztes Aufkrampfen der allmählich in das Erstarren des Todes übergehenden Kräfte des Judentums ist; während wenige Minuten darauf in der Bude die Säbel frisch und fröhlich aneinanderschlagcn, die Kraft gestärkt, der Mut gestählt, die Hoffnung gegeben wird zum Kampfe um das Recht auf Leben, gegen die Widersacher, für die Heimat. Dieses Stimmungsbild ist vielleicht die schönste und einzige zionistische Stelle des Buches, denn sie ist hell und freudig, der Zionismus ist nur hoffnungsfroh. Man mag dem Buche geschraubten Stil vorwerfen, wenn man gerade keinen besseren Vorwurf übrig hat, man mag den Inhalt des Buches unklar finden, wenn man das Buch gelesen hat, den künstlerischen Wert und die Talentprobe kann man dem Buche, wenn man nicht Kritiker ans Voreingenommenheit ist, nicht absprcchcn. Es ist unschwer zu behaupten, daß schon bessere Bücher geschrieben wurden; unwidersprochcn wird es aber bleiben, daß zum Verständnis dieses Buches Leser mit künstlerischem Empfinden und keine literarischen Querulanten gehören. So wären wir denn von dem Buche zu seinen Kritikern gekommen und damit zu der Aufnahme, die das Buch gefunden hat. Die tonangebenden Kritiker sprachen sich über das Buch günstig aus, bis auf einen ironischen Herrn, der aber weniger in Betracht kommt. Es ist mir unbekannt, ob der ironische Buchrichter — nach Börne kommt der Ausdruck von Blutrichter und cs stimmt in diesem Falle — mit demselben Herrn identisch ist, der da einen recht vornehm geschriebenen Artikel über die ״Offene Ausspräche im Kunftwart" veröffentlicht hat; ich will annehmen, daß ja, wiewohl zwischen den beiden Artikeln ein großer Unterschied besteht, wenn ich nun auf diesen Herrn — ich glaube cs ist ein Herr Dr. Hugo Herrmann, der seiner zeit auch Präses der Bar Kochba, Prag, war — zu sprechen komme, so geschieht cs weniger seiner Kritik wegen; denn, anein Gott, es gibt Leute, welche vor der Kultur nur große, ironisch gemeinte Verbeugungen machen, warum sollten sie nicht im Stile Karl Kraufcns einen Roman hcruntcrrcißen, weil dessen Autor einst Mensurcn geschlagen hat; ich wende mich gegen Herrn Dr. Herrmann bloß deshalb, weil die Art, wie er feine Ansicht über das Buch verzapfte, eine unpassende gewesen ist. Man mag über das Buch denken, wie man will, man darf sich aber nicht zu Behauptungen Hinreißen lassen, die unqualifizicrbar sind und verallgemeinern, wie die tendenziöse Entstellung von Tatsachen, die ihren Grund darin zu suchen hat. weil Herrn Tr. Herrmann als ״Vereinsler" alles, was Verbindüng heißt, haßt. Ich weiß nicht, ob überhaupt Grund vorhanden ist, sich über all das in der Kritik Gesagte aufzurcgcn, denn Herr Dr. Herrmann ist in diesem ״Sc!bftwchr"-Feuilleton so ironisch — wirklich ironisch — daß ich schier daran zweifeln muß, daß diese Kritik des Buches, des Autors und der jüdischen Verbindungen überhaupt ernst zu nehmen ist und wenn Herr Dr. Herrmann sagt: ״jüdische Ferialverbindungen züchten blasierte Aestheten und Wortejäger — so hat man Beispiele", die das Gegenteil beweisen. Ich weiß nur, daß nicht nur Leute aus Verbindungen, sondern auch aus Vereinen, nachdem sie genügend Schekel gesammelt, sich ihr weißes Haus am Meere bauen, ich weiß aber auch, und dafür spricht die Kritik des Herrn Dr. Herrmanns, daß die Herren vom ״Vereine" ihre Gesinnungsgenossen von den Verbindungen so hassen, als ob sie einen eigenen Antiseinitenkursus beim R. v. Stransky absolviert hätten. Ich weiß zum zweitenmal nicht, ob es notwendig war, über eine gehässige Kritik, die ihren Zweck verfehlt und darum nicht ernst zu nehmen ist, soviel zu sprechen. Herr Dr. Herrmann hat in dieser Kritik von neun Spalten Ernst Sommer tot gemacht, sein Buch eingestampft; ich dachte mir aber doch, einige Worte des Nekrologs, dem ironischen Kritikus und seinem Opfer gewidmet, könnten nicht schaden; damit man nicht sagt, auch ich wäre parteiisch! Karl Lang. HOTEL. ־ — ■ vorm. Hotel Romania Neu eröffnet! Wien II., Kleine Sperlgasse Nr. 5. 5 Minuten vom Stadtzentrum, in unmittelbarer Nähe des Nord- und Nordw» stb ihnhofes. t'RACHTNEUBAU! 100 ZIYMER. Elegantes Familienhotel. Zentralheizung. Kaltu. Warmwasser in jedem Zimmer. Bäder im Hause — Elegante Halle, Musik-, Schreib- und Lesezimmer — Exquisite und rituelle Küche. WU- Zimmer von K 3*60 aufwärts. WH Besitzer Karl .Geiringer Offener Brief an die Direktion der Ersten böhntischeu allgemeinen Bcrsichernngsgcscllschaft in Prag. Geehrte Herren! Geschäft ist Geschäft und es nimmt uns darum nicht Wunder, daß Sie die Gerüste an Ihrem Neubau beim Spinka (Ecke Graben und Wcnzelsplatz) zu Plakatierungszwecken vermieten. Geschäft ist eben Geschäft und darum stellen Sie diese Ecke allen, die ein Bedürfnis danach haben, zur Verfügung. Aber es gibt auch Geschäfte, die dem, der sie abschließt nicht immer Ertrag bringen, und die zumindest in moralischer Beziehung Verlust nach sich ziehen. Ein solches Geschäft dünkt cs uns, wenn Sie die besagte Ecke einer antisemitischen Zeitung zu scnsationellen Angriffen auf die jüdische Bevölkerung Prags zur Verfügung stellen, wenn Sie gestatten, daß dort in Bild und Wort gegen einen großen Teil der Bevölkerung unseres Vaterlandcs in rohester Weise gehetzt wird, wenn Sie gestatten, daß diese friedliebende Bevölkcrungsgruppen als eine Gesellschaft von Mördern von Ncligions ׳wegen hingestellt wird. Der Hauseigentümer, der solches duldet, schließt sich selbst aus der Reihe der gesitteten Menschen aus, denn es gibt keinen gebildeten Menschen, der heute noch an das Märchen vom Ritualmorde glaubt. Doch Geschäft ist Geschäft und moralische :Rücksichten sind dabei nicht immer maßgebend. Und darum erlauben wir uns noch eine bescheidcnc Anfrage: Glauben die Herren, daß sich ihr Geschäft besonders bei Juden durch solche Vorkommnifsc sehr heben wird, oder sind Sie der Ansicht, daß Sie beim Pöbel, der allein daran Gefallen findet, Ersatzgeschäfte für die Ihnen entgehenden jüdischen finden werden? Wir wifscn cs nicht. Wir geben Ihnen aber den Rat, die Inhaber einiger Tabaktrafiken zu f.ragen, warum sie die aufreizenden Plakate desselben Blattes, dem Sic solche Propaganda machen Helfen, entfernt haben? Vielleicht auch, weil Geschüft Geschäft ist! ^ם|0]}0)0301|ם fo"| □!□|0![ם|ם|0|ם|0|ם|ם! Achtung auf den kleinen Anzeiger. 1ם8ם8ם8ם8ם8ם1ם1ם8ם11ם1ם11ם8ם1ם11ם1ם1סוי

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.