Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 22 (29.8.1912)
- Date
- 1912-08-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdische Volttstimme. Nr. 22. I Seite 10. i ן Siebe, Erlösung von der Seelenpein, ohne den?tacken unter der Strenge des Gesetzes zu beugen. Weil aber das Christentum alleninfasiende Reitgion werden wollte, mußte sie auch allein nur seligmachend werden. Die logische Äonsequenz ist die Unduldsamkeit im engeren Sinne, ist die Sucht, andere zu bekehren. In der allumfasienden Menschenliebe liegt das Streben, auch andere mit dein alleinselligntachenden Glauben zu beglücken. Wer von dem Gedanken durchdrunden, daß man nur im Glauben, dem man selbst angebört, glücklich, selig werden kann, er muß als guter Mensch von dem Streben durchdrungen seitn alle, die diese Wohltat entbehren, damit zu beglücken. Freilich ist es traurig, wenn übereifrige Hetzkapläne, die Quelle vergessen, aus welcher das Christentum hervorgegangen, in den Brunnen speien, aus welchem sie getruuken, und die Unduldsamkeil von der Sache auf die Person übertragen. Glauben Sie mir, diese Unduldsamkeil und Lieblosigkeit, dieser Haß gegen die jüdische Religion, wird sich am Christentum selbst bittet rächen. Das Bolkshirn ist sein Kasten init Schubfächern, in welchem Haß und Liebe friedich beieinander Hausen können, für die Synagoge lick, beieinander Hausen können, für die Synagoge Haß. für die Kirche Liebe enthaltend, die erweckten Geister des Hasses und die Lieblosigkeit verschwinden immer spurlos: hat einmal der Haß Plan gegriffen, dann hält er auch vor den Kirchentnren nicht stille. Bleibeit Sie ein guter Christ, ballen Sie fest an ibrent Glauben und zeigen Sie, daß man ein guter Christ sein feinte, ohne dabei Indenseind sein zu müssen." Lolche und ähnliche Gespräche führte der ))uibbinee zuweilen mit dem ehrsamen Tischler- Meister׳, doch kebren wir wieder zu Lemel und leite zurück. Sie lebten glücklich, waren zufrieden und ihr lNntk wurde grenzenlos, als ihnen ein Sohn geboren wurde, welchem der Name Cheskel in die Wiege gelegt wurde; leite nannte ihn Hermann. Nach der Geburt Cheskels wuchs lelees Ehrgeiz, und es wurde ihr sehnlichster Wunsch, daß Lemel Gemeindemitglied werde. Er war bisher kein Steuerträger, ein Chuz (außerhalb der Gemeinde Stehender), denn sogroß auch die Armut des Gemeindesäckels war, einen Lemel batte man doch nicht zur Steuerleistnng herangezogen. Seine Gattin quälte ihn, und so ging er denn kurz vor Chanuka — die Stenerbemessung fand am Lichtweihefeste statt — zu dem Vorsteher )heb Mendel und bat ihn, er möge doch seineu Cinslnß dahin geltend machen, daß man ihn als Gemeindemitglied anfnehme, und eine seinen Vertnögensverhältnissen angemessene Aufnahmsgebühr fordere. An jährlichen Steuern wolle er den geringsten Steuersatz, zwei Gulden Schein, gerne entrichten. )lieb Mendel war seinem ehemaligen Haussnngen sehr gewogen und gab ihm das Versprechen, daß er sich für seine Aufnahme einsetzen werde. Der große lag der Steueranlage war herangenaht. Die Sleuerkommission bestand aus achtzehn Mitgliedern; )lieb Mendel war der Vorsitzende. Ehe die .Kommission an die Erledigung der Tagesordnung schritt, erschien der Rabbiner und verpflichtete die .Vommissionsmitglieder durch Handschlag an Eidesstatt, daß sie ihres heiligen Amtes in Irene nndHingebung walten. ״Alle, die sich mit Gemeindeangelegenheiten beschäftigen, so heißt es in der Gebetsormel, werden von Gott ihren Lohn empfangen, weil der Mitmenscheu Tank ihnen in der Regel versagt bleibt. Möge es euch gelingen, in Frieden und Eintracht eures Amtes zu walten, mögt ihr nach bestem Wissen und Gewissen handeln, damit nicht die Brandfackel des Hasses und des Zwiespaltes in der Gemeinde entflammt werde." So oder ahnlich lautete in der Regel die Ansprache des Nabbiners bei diesem Anlasse. Zuerst wurde über die Aufnahme der neuen Mitglieder verhandelt. Lemels Aufnahme vollzog sich nicht ohne ,Vamps. Der Geist der stets verneinte, zumal wenn es galt, Neb Mendel Opposition zu machen, )lieb Awrohom mit die Kücken in die Mücken, war dagegen. ״Neb Awrohont mit die Kücken in die Mücken", so genannt, weil er am Versöhnungstage das Vespergebet vortrug, in welchem ״ekukint, ttekukim, bekukim" vorkontmt, war eilt Gegner Neb Mettdels, weil dieser das Glück hatte, Kolnidrea") und Schachri*•'13) vorbeten zu dürfen. Reb Mendel erfreute sich einer schönen, angenehmen Baritonstimme, Neb Awrohom krächzte wie ein Rabe. Freilich wenn Neb Awrohom auf sein Vorbeten zu sprechen kaut, da gab es keinen Sänger weit und breit, der sich dieses heiligen Dienstes schöner, weihevoller entledigen konnte als er. ״Ich/" so pflegte er zu sagen, ״entzücke meine Zuhörer tticht nur durch den Schmelz meiner Töne, sondern auch durch die Tiefe meines Empfindens, durch mein verständnisvolles Vorbeten. Neb Mendel, er soll es mir verzeihen, ist ein braver Mensch, ein ehrlicher Jude, vielleicht sogar auch ein guter Vorsteher, aber ein Baltefilloh^) ist er tticht; er ist ein Drougaa), ein Zahnbrecher. Er hat das Glück Roschhakohol^o) zu sein, deshalb erweist tnatt ihm auch im Norbeten die größere Ehre, aber er verdient diese Ehre gewiß tticht." )Neb Awrohottt betete auch am Simchastoraha׳) das Mußafgebet vor, und zwar entledigte er sich dieser Aufgabe in choralischer Weise. Doch kaum, daß er damit begann, flogen Gebetmäntel, faule Äpfel über Neb Awrohoms Haupt; er meinte, das seien Betfallssalven. (Fortsetzung folgt.) ü Sternhof I bestes aller Bitterwässer. i3ücfrer&e|'p£ceftungcn.*) Leuchtende Stunden. Eine Reihe schöner Bücher, herausgegeben von Franz Goerke. Erster Band: Gegorg Hermann, Aus guter alterZeit. Mit ca 100 Bildern. Berlin Vita-Verlag. K 2.10׳ ״Bor wenigen Jahren ging einmal eine Notiz durch die Presse. Irgendein wohlhabender und kunstliebender Franzose hatte mit seinem Automobil eine Rundfahrt durch Deutschland gemacht und schrieb nun über seine Eindrücke in einem großen Pariser Blatt. U d am meisten wunderte er sich darüber, daß er auf seiner Reise eine Uniumme aller Städte und Städtchen gesehen hätte, die voll wären von den liebenswürdigsten Dingen der Kunst, überreich an feinsten architektonischen Reizen und die eigentlich kein Mensch in Deutschland — geschweige denn irgend im Ausland kennt. Wären diese Dinge in Frankreich, das ihnen nichts Achnliches gegenüberzustellen har, — schloß er — sie wären längst der Wahlfahrtsort aller Gebildeten und Kunstfreunde geworden." Mit diesen Worten leitet Georg Hermann, dessen währende Anhänglichkeit an das Alte man aus seinen Romonen kennt, das vorliegende Buch ein. Mit seinen vielen Bilder» aus all den versteckten Winkeln Deutschlands, deren Schönheit die Reiseführer und Reisenden nicht entdeckt haben, ivill das Buch zeigen, daß auch Deutschland ein würdiges Reiseziel ist, daß man nicht erst über die wandern muß, um schöne Höfe, mächtige Treppenhäuser, zierliche Baikone, alte Schloßparke zu sehen und zu genie. ßen. So wird das Buch sicher viel dazu beitragen, die sehr wichtige und wenig gepflegte Kultur des Reifens zu fördern. Dr. Max Grüuwald, Die Hygiene der Juden, Dresden 191t; Bei lag der histor. Abteilung der Internat.- Hyg.-Ausstellung Dresden. (Im Anschluß an die Internat-- Hyg.-Ausstellung.) Es ist im allgemeinen ein dankenswertes Beginnen, die Resultate der vorjährigen Ausstellung durch eine Reihe wissenschaftlich bearbeiteter Abhandlungen zu popularisieren; das Berdienst, eine solche Sammlung betr»ffs der ״Hygiene der Juden" organisiert und herausgegeben zu haben, gebührt Herrn Dr. Max Grünwald Wien, der damit seinen erfolgreichen Bemühungen um das Zustandekommen der jüdischen Abteilung aus der Dresdner Hygieneausstellung einen würdigen Abschluß verleiht. In dem Werke gelangt eine Anzahl bedeutender Fachgelehrte zu Worte, deren jeder einzelne sein Spezialgebiet unter Benützung reichen Literaturmaterials behandelt. Eine prachtvolle Leistung ist die Abhandlung Baneths über ״Das jüdische Ritualgesetz in hygienischer Beleuchtung," deren einzelne Abschnitte über Schächten, Speijegesetze, Sexualhygtene re. ganz überraschend Zusammenhänge zwischen modern-wiffenschaftlicher Forschung und mosaischer Gesetzgebung ausdccken. Weiters liefert Dr. B a m b e r g e r- Wandsbcck interessantes Material zur ״Hygiene der Beschneidung," Felix A. Theilhaber über die ״Sterblichkeit der Juden," Direktor Dr. Friedberger Wien über ״Taubstummenfürsorge in jüdischer Borzeit." Namentlich die letzterwähnte Abhandlung behandelt in vorbildlich prägnanter Uürze das spärliche Material und weist an der Hand lalmudischer Zitate nach, wie unendlich die Stellung deS attjudi!chen Schrifttums den Taubstummen gegenüber Höher steht wie die der gleichzeitigen Kulturnationen. Shmpatisch ist auch die Abhandlung Dr. Zirkers über ״Die jüdische Turnbewegung," die einleitend Max Nordau und Pros. Mandelstamm als Väter der jüdischen Turnidee bezeichnet und statistisches Material über den Stand der jüdischen Turnsache liefert. Bon dem übrigen Inhalte scheinen besonders erwähnenswert drei in einander greifende und einander ergänzende Aussätze über ״Hygiene der Bibel" (Grunwald— Wien), ״Hygiene des Talmud" (Funk—Boskowitz) und ״Hygiene des Schulchan Aruch" (Bamberger—Schönlanke, ״Emtges zur jüdischen Fteischhygiene" (Kellner.) Mehr von dem Inhalte des Werkes im Rahmen einer kurzen Besprechung anzuführen, scheint leider nicht möglich. Es erübrigt nur noch die ausdrückliche Bersiche« *) Sämtliche Bücher sind zu beziehen durch den ״Jüd. Buch- und Kunstverlag", Brünn, Adlergasse 9. rung, daß die Herausgabe des Werkes eine weitklaffende Lücke unseres modern-jüdischen Schrifttums beseitigt und daß das gebotene Material durchwegs anregend und inter» effant ist. Wenn das Buch wirklich, wie Dr. Neustätter— Dresden in seinem Vorworte wünscht, auch in jüdischen Gclehrtenkreisen als Anfang — nicht als Abschluß — des Studiums über die Hygiene der Juden ausgcsaßt würde, dann könnte in absehbarer Zeit wohl noch recht viel hochwichtiges Material in altjüdischen Quellen aufgezeigt werden, daß sonst der wissenschaftlichen Durchforschung unzugänglich bleiben müßte. Aber eines ist im Jntereffe des Werkes und seiner Verbreitung sehr zu bedauern! Es ist ein Hinderniß daß der schwersten Grades, exorbitant hohe Preis das Buch dem Jntereffe des Mittelstandes fast ganz unzugänglich macht und selbst kleineren Vereinsbibliotheken die Anschaffung sehr erschwert. Dr. Jakob Fromer, Salomon Maimons LebcnSgcschichte, München, Georg Müller, 1912. Über die ״polnt|u)cn Juden", wie sie heute sind, über die Einzelhciten ihres Familien- und Gcsellschaftslebens sprechen die ersten Seiten des Buches und ihnen folgt ein Exkurs über ihre Herkunft, der nach einigen Betrachtungen über die Allgemeinheit überleitet zum Lcbcnsschicksale Salomon Maimons. ״Ist cs schon ein Unglück, geboren zu werden, so ist es ein doppeltes Unglück, als Jude auf die Welt zu kommen; ein dreifaches, als Polnischcr Jude. Das Schlimmste, was einem geschehen kann, ist: dem Ghetto zu entstammen." ״Salomon Maiturnt ist wenigstens dieses Mißgeschick erspart geblieben." Wir hören, daß der junge Maimon mit 7 Jahren in die Stadt gebracht wurde, um die Talmudschule zu besuchen hören, daß er schon mit 11 Jahren hätte Rabbiner sein können und daß er in diesem ״Alter" verheiratet wurde. Nach einem halben Jahre verläßt aber der junge Ehemann seine Frau und nimmt irgendwo eine Hauslehrerstelle an. Damals beginnt er seine umfassenden Studien der jüdischen Literatur; Neligtonsphilosophie des Maimonides und Wesen des Ehasidismus beanspruchcn sein intensives Interesse. Aus dem Talmudfoliantcn, in dem hie und da einzelne Noten in deutschen Buchstaben bcigedruckt sind, errät er das deutsche Alphabet; die ersten Bücher, die er von einem benachbarten Rabbi entlehnt, sind medizinischen Inhaltes, deren Inhalt er mühselig entziffert. Nachdem er einige Zeit hindurch schon dem Glauben gelebt hatte, nunmehr ein fertiger Arzt zu sein, Kranke besucht und Rezepte geschrieben hatte, entschließt er sich, nach Deutschland zu gehen und da Medizin und andere Wissenschaftcn zu studieren. Er kommt nach Königsberg, muß von dort nach Berlin, too er aber gleich im Artncnhause als ״Epikuros" erkannt wurde, so daß ihm von der jüdischen Gemeinde die Erlaubnis, Berlin zu betreten, verweigert wird. Er erkrankt und bettelt sich, kaum genesen, bis Posen durch. Hier verbringt er die nächsten Jahre. Berlin, wo er durch Mendelssohns Fürsprache Apothekcrlchrling wird, der Apothekerkunst aber nur ״theoretisches Interesse" widmet, Amsterdam und Hamburg sind die nächsten Wanderstationcn. Mittenunterdesscn fällt ein Selbstmordversuch, die Absicht zum Christentume übcrzutretcn, ohne seine Dogmen anzunchmcn und ein zweijähriger Besuch des Gymnasintns in Altona, der ihm ein Zeugnis voll höchster Anerkennung für seine geistige Befähigung etnträgt. ״Jedes Wissen," heißt cs darin u. a., ״was den meisten Aufwand von eigener Tätigkeit fordert, ist ihm das angenehmste und Beschäftigung der Denkkräfte scheint sein größtes, wo tticht einziges Vergnügen zu sein." Über Salomon Maimon ist viel gesagt, seine Leöcnsschicksale sind vielfach erzählt worden; nichts von all dem aber läßt so tief in sein Inneres blicken, wie die Ausführungen seiner Selbslbtographic, die gleich einem Roman anmutet und doch wahr zu sein scheint bis ins kleinste Detail, subjektiv wahr toenigstcns, da Maimon in seinem unendlichen Selbstvertrauen wohl kaum imstande ist, die Ercigniffc objektiv zu beurteilen. Die Neuausgabe der Biographie wird gewiß vielfache Freunde finden. — Die Ausstattung — Druck und Papter — sind vorzüglich und des vornehmen Verlegers würdig. O. Es ist höchste Zeit das Abonnement zu erneuern! U*fhtAilat. Kttkk 1״iMi»4»4r