Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 22 (29.8.1912)
- Date
- 1912-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. XIII/I Jahrg, Beilage zur ״ Wiener Jüd. Volksstimme" 29 August 1912 Seite S Jüdische Feste. Der beste Maßstab für den ethischen Charakter der jüdischen Feste ist der Eindruck, den dieselben auf den noch nicht verbildeten Menschen, auf das Kind ausüben. Von allen meinen Jugenderinnerungen ist nicht eine so tief haften geblieben, als die an die freudige oder wehmütige Stimmung, welche die verschiedenen Feste kennzeichnet. War schon das Gefühl, welches die wöchentliche Sabbathruhe mit sich brachte, so ganz verschieden von dem alltäglichen, so war der tiefe Ernst des Judentums noch mehr ausgeprägt in der Stimmung vor und an dem heiligen Neujahrsfeste. Da trieb die Dankbarkeit, da trieb die Kindesliebe ihre tiefsten Wurzeln. Wenn die schwere Aufgabe, die ich als ältestes von acht Geschwistern zu erfüllen hatte, vollendet, alle Wünsche für die Eltern geschrieben und auswendig gelernt waren; wenn alle Kinder, in dem an das Speisezimmer grenzenden Zimmer versammelt, ungeduldig der Rückkehr der Eltern aus dem Tempel harrten und endlich, endlich! auf ein gegebenes Zeichen des Vaters erst das Jüngste in das hell beleuchtete Zimmer trippelte, der Vater mit gutgespieltem Ernst den blau- oder rotberänderten Wunsch entfaltete und mitlas, was der kleine Held stammelte, die Mutter aber bald mit zärtlich stolzem Lächeln, bald mit Rührung die ״Leistung" verfolgte. So ging es nacheinander vom Jüngsten bis zum Ältesten. Wieviel Liebe, wieviel Dankbarkeit, wieviel Gottvertrauen hat mein Herz in alle diese Wünsche gelegt! Strahlend wie das Licht des festlich geschmückten Zimmers ging in meinem Herzen die Hoffnung auf Vergeltung aller elterlichen Müh' und Sorge auf. Und der Versöhnungstag mit seiner heiligernsten Weihe! Wenn wir vor Beginn des Gottesdienstes den elterlichen Segen empfingen und wir in heiliger Scheu unsere Eltern anblickten, die — in Erinnerung an das Gute und an das leider oft nur allzu Trübe des vergangenen Jahres — sich des Schluchzens nicht erwehren konnten, da flössen auch unsere Tränen, indem wir um Verzeihung alles begangenen Unrechtes baten, und mit dem Wunsche, daß unsere Teuren sich alles Gute ״ausbeten" mögen, begannen wir das Fest der Versöhnung und Entsagung. Auch das Zwei- und Dreijährige durfte an diesem Abende keinen Tropfen Wasser bekommen, und wer war stolzer als ich, wenn ich am Schlüsse des Fastens noch warten konnte, bis die ganze Tafelrunde gespeist war und dann erst, ohne Hast, den ersten Bissen nahm. So regen die Vorschriften des Judentums zu einer Selbsterziehung an, die vor jedem Ausschreiten der Sinnlichkeit bis ins Alter hinein schützt. dasselbe Maß von Enthaltsamkeit eignete ich mir durch die Peßachfeier an. Am letzten Festtage bat ich um die Erlaubnis, das ersehnte Brot besorgen zu dürfen. Um nicht gierig zu erscheinen, wartete ich, bis der erste Stern am Himmel erschien, dann erst kaufte ich das Brot und aß erst bis die jubelnden Geschwister befriedigt waren. Was für Gefühle dieses Herrliche Fest sonst noch in mir hervorgerufen hat? Stolz auf mein Volk, dessen Geschicke an den beiden Sederabenden bis in die späte Nacht fröhlich besungen wurden und ein so erhebendes Glücksgefühl, so viele Gäste, darunter auch Arme, bedienen zu dürfen, daß es mir unfaßbar schien, als Großmutter, müde von der Arbeit der letzten Tage, einst sagte: ״Gott sei Dank, daß diese zwei Abende vorüber sind." Muß ich nun noch eingehend darüber sprechen, mit welchem Zauber von Ehrfurcht und Fröhlichkeit das Blumenfest Schewuoth und das Freudenfest Sukkoth aus das kindliche Gemüt wirkten? Und erst Chanuka und Purim, mit ihren hehren und prächtigen Geschichten, wo der kindlichen Fröhlichkeit keine Grenzen gesteckt wurden! Der lichterfüllte Chanuka, wo wir die Seligkeit des Nehmens empfanden (denn es gab Geschenke fr uns Kinder) und der fröhliche Purim, der uns die Seligkeit des Gebens (Schlachmones) lehrte und wo der Maskenaufzug am Abend die freudige Stimmung bis zum jubelnden Übermute steigerte! Achtung Und hoher ethischer Wert liegt auch in der Freude, welche ist und bleibt: ״Die Feder in der ewigen Natur." Flora Grünwald. Die österreichische Sammelstelle des ״Jüdischen Nationalsonds" versendet folgenden Ausruf: Liebwerte Gesinnungsgenossen! Erez Israel, unser Palästina, tritt immer mehr in den Vordergrund des zionistischen, wie des allgemein jüdischen Interesses. Demgemäß verlegt die zionistische Organisation, allen ihren Institutionen aber weit voran, der Jüdische Nationalfond das Schwergewicht seiner Arbeit in dieses Land und hat auch schon in der kurzen Zeit dieser seiner Tätigkeit ganz Bedeutendes geleistet. Alte Fehler vergangener Epochen wurden gut gemacht, noch mehr aber Neues geschaffen. Die beginnende Neuaufsorstung des Landes im felsigen Judäa, die faktische Pazifizierung Galiläas, die hygienische und wirtschaftliche Sanierung der bestehenden Siedlungen, die Anlage einer ganzen Gruppe neuer, um den Liberiassee herum, und in anderen Teilen des Landes, die Schaffung neuer, moderner Stadtteile, kräftige Beihilfe für Schulen aller Art. nicht zuletzt Erwerbung von Boden für das jüdische Volk sind nur ein Teil der bisherigen Leistungen dieser populärsten jüdischen Institution, die keine Gelegenheit, das Land jüdischer, produktiver Arbeit zu erschließen, ungenützt vorübergehen läßt. Leider sind seine Mittel im Verhältnis zu der Riesenarbeit, die der Nationalfond auf sich genommen hat, allzuklein. Der allergrößte Teil seiner Fonds ist bereits in Palästina investiert und auf längere Zeit gebunden. Und schon steht er wieder vor neuen Aufgaben, die zur Ausführung drängen und die durchgesührt werden nrüssen, soll das in vollem Aufblühen begriffene Land in seiner Entwicklung nicht aufgehalten, ja vielleicht auf Jahrzehnte zurückgeworfeu werden. Gerade jetzt bieten sich günstige Gelegenheiten zu größeren Bodenerwerbungen. Soll man sie aus Geldmangel vorübergehen lassen, ja vielleicht Zusehen, daß dieser Boden in den Besitz von anderen Europäern fällt? Der Weg, den der Nationalfond beschritten hat, aus seinen Besitzungen jüdische Landarbeiter auszubilden und die Kolonien auf diese Weise mit qualifizierten, guten, jüdischen Kräften zu versorgen, hat sich als überaus wohltätig erwiesen und bewährt. Soll diese beste und wichtigste Arbeit ins Stocken geraten, weil es im jüdischen Volke an Opfersinn fehlt? Ein ganzer, jüdischer Stamm, vielleicht ein Teil der langgesuchten zehn Stämme, schmachtet im jemenitischen Golus nach Erlösung auS langen Qualen. Viele Hunderte von ihnen, die bereits nach Palästina geflüchtet sind, haben sich geradezu als vorzügliches Element erwiesen. Denn diese traditionsstarken, thoratreuen Jemeniten sind gleichzeitig verläßliche, anspruchslose und willige Arbeiter. Sowohl im Bezalel als Filigranarbeiter, als auch in den Kolonien als Landarbeiter haben sie sich durchaus bewährt. Auch ihrer hat sich der Nationalfond angenommen, hat ihnen menschenwürdige Wohnräume gebaut, Arbeit verschafft, sie unterrichtet und sogar einen gelungenen Versuch geinacht, mit ihnen die landwirtschaftlich - gewerbliche Musterkolonisation zu beginnend ie jetzt weiter ausgebaut werden muß. Diesen ersten Einwanderern erscheint Palästina als ein Eden gegenüber dem Jemen, wo sie Haß, Leiden und Ver folgungen ausgesetzt waren, und sie berichten ihren in Golus zurückgebliebenen Brüdern s, günstig, daß ihrer zehntausend stündlich zur Heimreise nach Erez Israel drängen und doch zurückgehalten werden müssen, weil eine so gewaltige Einwanderung bei den erschöpften Mitteln des Nationalfonds eine Katastrophe werden könnte. Und dabei würde deren Einwanderung mit verhältnismäßig kleinen Mitteln in zwei Jahren eine Verdopelung der, in dreißig Jahren mühsam und unter ungeheuren Opfern erreichten bisherigen Kolonisation bedeuten. Juden! Zionisten! Brüder! Wollt Ihr Helfen. Tausende Eurer Volksgenossen aus dem Golus zu erlösen, wollt Ihr helfen, unser großes Befreiungswerk mit einem Schlage zu verdopauf den kleinen i peln, wollt Ihr helfen, unser Erez Israel in jüdische Hände zu bringen? Wenn Ihr es wollt — und welcher Jude wollte das nicht! — dann werbet für den Jüdischen Nationalfond, werbet unablässig bei Jung und Alt, bei Arm und Reich, werbet eher heute als morgen. Stellet Euch an die Spitze der Opferwilligen in Israel, bann werden Euch alle folgen. Trachtet Euer Möglichstes, damit der Jüdische Nationalfond fein gewaltiges Werk der Befreiung des jüdischen Volkes, der Erschließung des jüdischen Landes so ersetzen könne, zun: Segen für Volk und Land. Wir wollen nicht zurücksleben und werden Euch, wann immer Ihr uns ruft, bei dieser Arbeit auf alle mögliche Weise fördern und unterstützen. Wir grüßen Euch, indem wir Euch nochmals zum Opfer und zur Arbeit rufen, mit brüderlichem Zionsgrnß Die österreichische Kommission des Jüdischen Tationalfonds Wien, Türkenstraße '■>. Lemel. Dr. F. R. Heinschel. (Hl. Fortsetzung.) ״Ja sehen Sie, Herr Christoph, da haben Sie wieder einmal übers Ziel geschossen. Ich habe eine kleine Berufsgemeinde, kann mich mit Leichtigkeit unr jedes einzelne Gemeindeglied kümmern. Ter Herr Pfarrer aber hat in einer so großen Gemeinde die Seelsorge zu versehen, hat viele Amtsgeschäfte, hat Stiftungen zu verwalten, Meßbücher in Ordnung zu halten und wie könnte er sich bei solch anstrengendem Dienste auch noch um die Verhältnisse seiner Pfarrkinder kümmern. Er übt gewiß Wohltaten im Geheimen, von denen kein Sterblicher etwas ahnt. Und warum sollte er auch bei dem anstrengenden ceelsorgerdiensr nicht auch Zerstreuung suchen? Seine Religion verbietet ihn: das nicht. Verlangt es von ihm sich unter das Joch des Gesetzes zu beugen? Glauben muß er, der Glaube aber verbietet niemals Genuß oder Vergnügen. Ich würde vielleicht auch ins Wirtshaus gehen und mich dort vergnügen, Zerstreuung suchen, aber meine Religion verbietet mir das, ich muß jede Minute meiner freien Zeit de!» Torasludium widmen, denn das ist meine heiligste Pflicht. ״Herr Rabbiner," erwiderte Hol;wurm, ״das ist schön von Ihnen. Sie verteidigen immer unfern Herrn Pfarrer; er tut das nicht, er läßt an keinem Inden ein gutes Haar. Sie müßten einmal am Palmsonntage in der Kirche sein und znhören, mit welchen: Haß er das Evangelium verliest, wie er die Kreuzigung des Heilands erzählt, und wenn er das Wort Jude ausspricht, dann sprühen ihm die Funken des Hasses aus den Augen. Sie können sich ja von der Undnldsamkeit dieser Leute keinen Begriff machen. Wenn unser Herr und Heiland auferstehen würde und sehen möchte, was ans dem Christentum geworden, er würde die Religion, die er gefristet, gar nicht erkennen; das wichtigste Postulat des Christentums, die allumfassende Menschenliebe, harret noch immer seiner Erfüllung." ״Herr Christoph," antwortete der Rabbiner, ״Sie sind nicht objektiv, auch geht Ihnen das Verständnis für die Mission des Christentums ab. Als die Götterstatuen morsch geworden und in nichts znsammenstürzten, da sehnte sich die Menschheit nach den: Glauben an ein höheres, überirdisches Wesen. Das Judentum war die einzige nwnotheistische Religion und hätte zn jener Zeit Weltreligion werden können. Allein das Judentum kannte und kennt keine Proselyteninacherei, es darf sie Liebe für seinen Glanden nicht durch äußere Macht»:ittel erwecken, es sei denn, dieser steht von selbst. Das konnnt daher, weil das Judentum lehrt: ״Tie Fronunen aller Nationen und Bekenntnisse haben Anteil am Jenseits." Das Judentum kennt aber auch keinen Glauben ohne Gesetz. Jene Menschen sehnten sich aber nur nach den: Glauben, das Gesetz wollten sie nicht auf sich nehinen. Tie Tochterreligio:: hat es übernommen, Weltreligion zu werden. Ter aus jüdischen: Hause hervorgegangene, von: jüdischen Geiste gezeugte Stifter der Kirche, brachte derMenschheit den Glauben, die