Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 22 (29.8.1912)
- Date
- 1912-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Jüdische Volkrstivrme Seite 5. die beiden Söhne des Reichsgrafen Rudol- Wrbna-Kaunitz, als auch der jugendliche Grcm Draschkovic erschienen waren. Die Regie des Abends führte der hier zu Gaste weilende Schaufpieler Herr Alfred Winardt-Weinreb, dem für seine umsichtige und verständnisvolle Leitung wärmster Tank gebührt. Sowohl am Vortragstische als auch als Schauspieler entledigte er sich seiner Aufgabe unter allgemeiner Anerkennung. Fräulein Sophie Freimann, die eine Arie aus Kienzls ״Evangelimann" zum Vortrag brachte, erfreute abermals die Zuhörer durch ihre entzückende Stimme. In dem zur Aufführung gelangten Einakter ״Ter Flüchtling" von Herz! errangen die beiden Damen, Fräulein Stella und Erika Knopf stürmischen Applaus, ebenso dielt sich Fräulein Thea Platschik (Gödingt rech tapfer. In der darauffolgenden Operette ״Die süsten Grisetteu" bewiesen die Damen, Fräulein Hedda Kulka und Fräulein Margit Meise!, ihr Soubrettentalent und auch Fräulein Hilda Engel (Brünn) sowie Fräulein Grete Weiß (Wien) gewannen durch ihre gediegene Darstellungsweise die Zuneigung aller. Unter den Herren, die sich freudig in den Dienst der guten Sache stellten, muß ganz besonders hervorgehobeu werden Her cand. für. Mar Michalowsky. der mit seinem ausgezeichneten- Spiel in der erwähnten Operette rauschenden Beifall erntete. Anklang fand auch Herr David Meisel, Oberkantor in Karlstadt, mit der Einstudierung zweier Chorgesänge und einem Solovortrage. Der sich anschließende Tanz hielt die animierte Gesellschast bis in die Morgenstunden beisammen. Es war alles in allem ein voller Erfolg. P. R. Holleschau. Die jüd. akad. Ferialverbindung «Zephyra" in Holleschau hat unter der Leitung Sr. Ehrwürden des Herrn Rabb. Dr. I. Freimann einen allgemein Zugänglichen Feriallurs für jüdische Geschichte und Literatur eröffnet. — Bei dem bereits am Sonntag den 25. d. M. gehaltenen ersten Vortrage: ״Der jüdische Kaufmann in kulturhistorischer Beleuchtung" fand sich ein zahlreiches Publikum aus allen Kreisen der Bevölkerung ein, das den glänzenden Ausführungen des allverehrten Redners mit gespannter Aufmerksamkeit folgt. — Diese populär-wissenschaftlich gehaltenen Vorträge des Herrn Dr. I. Freimann finden von nun ab in kurzen Zwischenräumen statt. — Außerdem hält Herr Dr. Freimann in einem Konvente der ״Zephyra" allwöchentlich ein Seminar ab. Diskonto-Gesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschälte, hauptsächlich auch für den Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. Nikolsburg. Verflossenen Sonntag trugen wir die irdischen Ueberreste der nach langem Leiden im 00. Lebensjahre dahingeschiedeuen Frau Charlotte Biseuz. Dieselbe vereinigte Herzeusgüte mit Frömmigkeit. So oft ein Armer kam, so oft betätigte Frau Biseuz ihren Wohltätigkeitssinu, und zwar spendete sie ansehnliche Gaben. Solange es ihre Gesundheit erlaubte, ging Frau Charlotte Bisenz in die Synagoge, um den Gottesdienst beizuwohnen. Eine wahre, pflichtgetreue Tätigkeit entwickelte die Verblichene als Borstandsdame des alten Frauenvereines. Sie ging in dieser Eigenschaft zu sterbenden Personen weiblichen Geschlechtes, verrichtete dort die vorgeschriebenen Gebete und beteiligte;ich auch an den rituellen Reinigungen der Verstorbenen. An dem Leichenbegängnisse beteiligte sich ein zahlreiches Publikum, darunter eine Abordnung des alten Franenvereines. Rabbiner Dr. Morih Lewin hielt eine ergreifende Rede, in welcher er die Tugenden der edlen Verblichen hervorhob. Sie ruhe sanft! Jägerndorf. Sonntag den 1. September findet (um 11'/., Uhr vormittags im Hotel Bristol) di. Trauung unseres Mitarbeiters und Gesinnungk gen offen Dr. B. , inger. mit Fräulein Anna Kohn statt. Unsere herzlichsten Glückwünsche die Redaktion. Budapest, 17. August. Millionenvermächtnis. Hier starb vorige Woche im Alter von 83 Jahren ein Mann namens Ignaz Hay, der während seines ganzen Lebens den Eindruck einessehr armen Mannes machte. Er bewohnte ein kleines Kabinett, blieb unverheiratet und hielt auch keine Bedienung, die ihm sein dürftiges Heim in Ordnung gehalten hätte. Nach feinem plötzlich erfolgten Tode fand man ein Testament, aus welchem hervorging, daß er der Besitzer eines ungefähr zwei Millionen Kronen betragenden Vermögens war, welches er ausschließlich jüdischen Anstalten vermachte. Zur Verwalterin der Legate setzte Hay die Budapester israclitische Religionsgemeinde ein. Budapest. Durch den Tod des Rabbi G. I. Hirschlers hat die Orthodoxie der Pestcr Umgebnng einen herben Schlag erlitten. Bei seiner Beerdigung, die in T. Balint stattfand, waren alle ת׳ה Budapests anwesend. Hespedim hielten Rabbiner Eckstein (Budapest) Rabbi F. Neumann und herzerschütternd sein Schwager Rabbi Jakob Eckstein (N.-Tapolcsany. D. Preßburg. Beim Semesterschluß wurden folgende Hörer der hiesigen Jeschiwa durch Stipendien ausgezeichnet: L. Mai. Ephraim Rosenberg, Salomon Hirsch, A. Zinnnermann, N. Jungreis, S. Neuländer, CH. Katz, Hermann Glück und Nathan Eppstein. Z. B. A. Temesvar. I. Spitzer, ein 93jähriger Beteran des ungarischen Freiheitskampfes, wurde unter großen Ehren zur letzten Ruhe geleitet. Rabbiner I. Schück schilderte in musterhafter Rede den Heldensinn des Verewigten, der sich nicht nur in den Tagen des tobenden Sturmes, sondern in der Betätigung des Alltags als Jude vom alten Schlag offenbarte. Er war Jude als Soldat und blieb Soldat als orthodoxer Jude. Er kämpfte für die Wahrheit mit Unerschütterlichkeit und das verschaffte ihm grenzenlose Würdigung. H. L. Krakau. Anläßlich des Esperanto-Kongresses wurde im hiesigen Tempel ein Gottesdienst mit Es p e r a n t o - P r e d i g t abgehalten. Tausend Menschen waren anwesend, unter ihnen der Führer Zamenhof, der auch Jude ist. Die Predigt hielt Rektor Tapha (Annaberg). Tarnopol (Galizien). Die Gemeinderats- Wahlen endeten mit einem vollen Siege der op- Positionellen zionistisch-rnthenischen Liste. Der Sieg ist umso höher einzuschätzen, als die Polen und Assimilanten im Gefühle ihrer Ohnmacht Wahlabstinenz proklamierten und der Kandidat, gegen welchen sich die Gegnerschaft am stärksten richtete, Tr. Israel Waldmann, während der ganzen Wahlkampagne krankheitshalber abwesend war. Berlin, 9. August. Der soeben erschienene Rechnungsabschluß der Hauptverwaltung der Jüdischen Gemeinde von 1910 bis 1911 gewährt ein überaus lehrreiches Bild von dem gewaltigen Umfange der Berliner Gemeindeverwaltung. Der Etat balanciert in Einnahme und Ausgabe mit -P/״ Millionen Mark. Hiervon werden durch Stenern ungefähr 2*/., Millionen Mark aufgebracht. Die Hälfte dieser Stenereingänge wird für Armen- und Krankenpflege verwendet, ein Viertel entfällt auf den Kultus und ein Viertel auf das Schulwesen. Daß letzteres nur ungefähr eine halbe Million Mark erfordert, ist ür ein Gemeinwesen wie die Berliner Großgeneinde eigentlich recht beschämend. Tanger. Tie marokkanischen Inden und Frankreich. Durch eine Massenpetition, welche von allen Rabbinern Frankreichs und der Kolonien sowie von zahlreichen jüdischen Notabilitäten der französischen Republik unterschrieben ist, suchen jetzt die in Marokko lebenden, nach Tausenden zählenden Juden um ihre Naturaliation en bloc zu französischen Staatsbürgern nach. Sie stützen sich dabei auf den Präzedenzfall der Adolf Eremiex, welches Gesetz 20.000 algerische Inden mit einem Schlage en bloc zn Franzosen machte. Man darf auf Die Aufnahme oer Petition gespannt sein. Bekanntlich hat im Jahre 1870 die französische Delegation auf Veranlassung Adolf Eremiex den eingeborenen Inden Algeriens das französische Bürgerrecht verliehen. Basel. In jüdischen Kreisen macht die vermeintlich antisemitische Haltung einer hiesigen, sehr angesehenen Tageszeitung viel von sich reden. Wir sagen ״vermeintlich", denn tatsächlich können wir — und mit uns noch sehr viele — eine judenfeindliche Tendenz in dem betreffenden, als sehr seriös bekannten Organe absolut nicht erblicken. Vielmehr müßten wir unserer Verwunderung und unserem Bedauern über die ganz unbegreifliche und allzu große Empfind- Krankheiten cier Nerven, de5 Vagens, Darmes etc. werden mit Erfolg in Dr. Kutbans Sanatorium In TISCHNOWITZ kuriert. — Prospekte. lichkeit gewisser Leute Ausdruck geben, namentlich aber über die wenig rühmenswerte Art, wie, sowohl in der Presse wie and) in anderer, total ungerechtfertigter Weise über die erwähnte Zeitung hergefallen und gegen dieselbe agitier! wird. Ganz unbegreiflich ist es uns, wie sich sogar eine jüdische Zeitschrift zur Mithelferin einer derartigen, haltlosen Anrempelnng machen kann. Sonst pflegt man erst zu schreien, nachdem man geschlagen ist, hier ist das Umgekehrte der Fall. Die Sache ist rein vom Zaun gerissen und eher dazu angetan, das Rischus zn schüren als dasselbe zu beseitigen. Warschau. Ein geradezu fürstliches Begräbnis ist dem in einem Frankfurter Sanatorium verstorbenen Ingenieur Jan Kirschrot geworden, denn Tausende erwiesen ihn! die letzte Ehre. Sofia. Tie Festgottesdiensle in den Synagogen des Landes anläßlich des 27,jährigen Regiernngsjnbilänms des Zaren Ferdinand nahmen einen glänzenden Verlauf. In der hiesigen spaniolischen Hauptsynagoge waren beim Festgottesdiensl n. a. der armenische Bischos, der Regierungsvertreter Dimitrow und Armeekom- Mandant Oberst Jeljawski anwesend. Tie Rede des Großrabbiners Ehrenpreis war sein pointiert und machte sichtlichen Eindruck. New Aork. Die bekannten Spielerskandale, bei welchen einige Inden eine beschämende Rolle spielen, haben die Leitung der vereinigten Inden New zßorks veranlaßt, folgende Erklärung zu veröffentlichen: ״Da kürzlick) gewisse Stau dale ans Licht gekommen ünd, in ivelche In dividnen verwickelt sind, die Inden sein sollen, und da diese Skandale einen entsevlichen 0'n׳ad von moralischem und politischem Niedergange in dieser Stadt enthüllt haben, so wird beschlos sen, daß wir, als Bürger der Stadt und als Inden, mit tiefster Entrüstung die Prosanie rung desjüdischen Namens belraduen, die dnrd) diese Ereignisse veranlaßt worden ist, und dadurch, daß Judene in Praktiken und Laster verwickelt sind, die bis vor wenigen Jahren unter unseren Leuten absolut unbekannt ivareu: es wird ferner beschlossen, daß die jüdische Gemeinde Sdiritte ergreife, um ein Vigilanzkomitee zu bilden, welches sich bemühen soll, das Gewissen der Bürgersdiaft auszurüttelu, so daß es zur Erkenntnis der moraliidien und politischeu Korruption kommt, für die der Fall Ro senthal nur ein Smuptom ist; es wird ferner beschlossen, daß die jüdisdie Oiemeiude mir allen Kräften aufrichtige öffentliche und private Bemühungen, die Verzweigungen des zur Untersnd)nng stehenden Lasters anszudecken, unterstütze; es wird endlich beschlossen, daß die jüdische Gemeinde Schritte ergreife, ein Bureau für Information und Untersuchung ins Leben zu ru sen, in dessen Räumen, Nr. :'>7,0 zweite Ave., Mitteilungen über korrupte Zustände entgegengenommen werden." Diese deutliche Absage an gewisse Verbrecher, die dem jüdischen Namen Unehre machen, wird ihren Ztveck nidit verseli len. Auch in manchen anderen Ländern und Städten würde eine solche öfsentlid)e Abwehr manchmal von Nutzen sein! jttiiidjcluiit Von der Ehalukah. Der Jahresbericht der ״Pekidim und Amarkalim der israelitischen 0>e meinde des heiligen Landes zn Auisterdam" für das Jahr 7>r>71 zeigt, daß diese Jusrillition, die es früher anssdiließlich als ihre Aufgabe be trachtete, frommen Juden in Palästina milde Gaben znznweuden, ihren Anfgabenkreis in ver ständnisvoller Weise erweitert hat. Das Onüem des Almosenverteilens, ivie es früher geübt wurde, mußte ein ״Schuorrertnm" großziehen, das für die Entwicklung Palästinas in Wirt schastlicher und moralischer Beziehung schädlich