Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 22 (29.8.1912)
- Date
- 1912-08-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 JLdische B-l»sti««e Seite 3. wachgerufen, so verstockt sind unsere Juden denn doch noch nicht, als daß sie nicht Sinn für etwas Höheres und Erhabeneres hätten. Es muß nur geboten werden, und dazu sind wohl die Funktionäre ausersehen. Kunstgeschichte und Literatur bildet das Wesen eines Volkes und hierin muß das Judentum eingeführt werden, wenn es dafür begeistert werden soll. Wer weiß, ob nicht die Preisfrage geeignete und vollwürdige Mitglieder aufzutreiben, früher gelöst würde, als wie bis allher, durch das Nichttun und Sichselbstüberlassen und, gesetzt auch für den Fall, daß die alte Generation nicht mehr ganz zu korrigieren wäre, so ist nicht einzusehen, warum man auch zurückschrecken sollte, die Jugend ins richtige Geleise zu bringen. Wahrlich, aus sich selbst sind die Hochschüler, die heutzutage die führende Rolle mit Aufopsermig übernehmen, nicht das geworden, was sie eben sind, gute, begeisterte, offen auftretende Kämpfer für das Judentum, wenn nicht ein Herzl und andere Leuchten durch ihre Vorträge, durch ihre Handlungsweise und durch ihre Betätigung so unaufhörlich und unverdrossen eingewirkt hätten. Gerade diese Männer bewiesen zur Genüge unserem Jsch Jehudi, daß mit unseren Juden noch etwas zn machen ist, wenn nur Anregung gegeben wird. Veritas. Juden als christliche Steuerzahler. Im Deutschland des 20. Jahrhunderts erlebt man gar merkwürdige Dinge. Daß getaufte Juden Kirchenstifter und Kirchenvorstände werden, das gehört nicht mehr zur Seltenheit. Daß aber auch nicht getaufte Juden gezwungen werden, christliche Kirchensteuern zu zahlen, das ist immerhin eine seltene Erscheinung. Aus Allenstein kam die merkwürdige Nachricht, daß das Gericht zu Recht entschieden hat, daß ein jüdischer Gutsbesitzer von Rechtswegen katholische Stenern zahlen muß. Dieses Recht stützt sich auf ein Gesetz, das ein sehr, sehr ehrwürdiges Alter hinter sich hat. Wir wollen hier nicht bezweifeln, daß die Entscheidung juristisch richtig ist. Sinnlos aber bleibt sie für den Laienverstand trotzdem doch. Kirchensteuern beruhen, wie alle Steuern auf Rechten. Wer Kirchensteuern zahlt, der darf auch Rechte in der Kirche für sich in Ansprach nehmen. Die Juden aber besitzen und beanspruchen keine Rechte in der Kirche. Dazu kommt noch, daß Steuern für ideale Tinge mit Begeisterung und Liebe gezahlt werden müssen. Es ist daher eine Anomalie, Leute, die nicht zu diesem Glauben gehören, zwingen zu wollen, für die Bedürfnisse dieser Kirche mit beizutragen. Wir begreifen nicht, daß eine christliche Kirche von solchen Rechten, die ein schreiendes Unrecht darstellen, Gebrauch macht. Wir Juden würden cs unter unserer Würde halten, Leute zu Steuern heranzuziehcn, die nicht zu uns gehören. Die Sprachenfrage in Palästina. Die in Kairo erscheinenden ״Nonvelles Egyptiennes" veröffentlichen in einer ihrer letzten Nummern einen interessanten Artikel über die Sprachenverhältnisse in Palästina, dem wir die folgenden wichtigen Angaben entnehmen: Die Volkssprache in Palästina ist die arabische. Wer in diesem Lande Geschäfte hat, ist gezwungen, diese Sprache zu erlernen. Bei den ungefähr 650.000 Einwohnern Palästinas gibt es kaum 65.000, die die arabische Sprache nicht sprechen oder wenigstens verstehen. Das Protektorat Frankreichs über die Katholiken im Orient hatte zur Folge, daß die französische Sprache in den gemischten Tribunalen neben der arabischen als offizielle Sprache zugelassen wurde. Tie weitere Folge davon war, daß alle Intellektuellen, bei denen während des alten Regimes der nationale Gedanke nicht so eingewurzelt war, als die französische Sprache vollständig beherrscht und sie in Kurs setzten. Die politischen Ereignisse haben es nun verursacht, daß die französische Sprache in Palästina wie überhaupt im ganzen Orient allmählich an Boden verliert. In Palästina dürfte es ungefähr 40.000 Menschen geben, die franzöfisch sprechen. In letzterer Zeit hat die hebräische Sprache im Heiligen Lande eine ungeahnte Verbreitung gefunden. Der Fremde ist ganz überrascht, hier diese tote Sprache zu neuem und fruchtbarem Leben erwacht zu sehen. Heute ist die hebräische Sprache die Unterrichtssprache in den meisten jüdischen Schulen. Man wundert Soeben erschiene sich heute nicht mehr in Palästina, auf den Straßen und in den Familien hebräisch sprechen zu hören. Mit einer bemerkenswerten Ausdauer arbeitet das jüdische Volk daran, dieser Sprache die Wichtigkeit von ehedem wieder zu erobern, und es ist kein Zweifel, daß es in diesem Bestreben auch reüssieren werde. An vierter Stelle ist die deutsche Sprache zu erwähnen. Man schätzt die Zahl der deutschsprechenden Personen in Palästina auf 8000. Man unterschätzt im allgemeinen eine andere in Palästina vorherrschende sogenannte Notspräche, nämlich den jüdisch-deutschen Jargon, der von 80.000 Menschen gesprochen wird und wegen seiner Verwandtschaft mit dem Deutschen leicht verständlich ist. Tie englische Sprache, die 5000 Anhänger in Palästina zählt, verdankt diese ihre Verbreitung den Hospitälern und ausgezeichnet geführten Schulen, welche von den Engländern in verschiedenen Städten gegründet wurden und auch heute noch erhalten werden. An letzter Stelle erst figuriert die türkische Sprache mit 5000 Personen, die sich zumeist aus Beamten und dem Militär rekrutieren. Die übrigen Sprachen, welche in Palästina außerdem noch gesprochen werden, sind ganz bedeutungslos und werden auch in Zukunft keine besondere Rolle spielen. Im deutschen Kasino zu Wall.-Meseritsch. ״In Wall.-Meseritsch steht ein Kasino teutsch und fest, dem lauter Israeliten angehören aus Überzeugung und Budapest." Wie aber Jsraeliten von dem Kasinowirte Josef Mosch behanbeit werden, zeigt folgende kleine Begebenheit. Am Donnerstag, 22. August 1012, waren drei jüdische Kurgäste aus Roznan, die Herren Leopold Thieberger, Gastwirt aus Pruchna (Schlesien), Herr Osias Klein, Kaufmann aus Mikalince (Galizien) und Herr Chaim Weinfeld, Angestellter aus Wischnitz (Galizien) nach Wall.- Meseritsch gefahren. Da sie den Zug nach Roznau verspäteten und bis 6 Uhr abends in Meseritsch bleiben mußten, gingen sie ins deutsche Kasino und schafften sich Butter, Eier, Käse u. dgl. an. Ein teutsches Fräulein, die das Trinkgeld von Israeliten bezieht, brachte vier Glas Bier. Als man sie auf ihren Irrtum aufmerksam machte, begann sie bömisch zu schreien. Ter Gastwirt, Herr Mosch, hat mittlerweile alle Türen abgesperrt, packte den Herrn Thieberger beim Rock an der Brust und drohte, sie alle einsperren zu lassen. Die Herren bezahlten fürs Bier und gingen auf die Polizei, wo sie natürlich in der höflichsten Weise abgewiesen wurden. Mittlerweile machten die Herren mit dem Meseritscher Kaufmann Herrn Samuel Berger Bekannt'chaft. Sein Sohn, Herr Berger jun., führte sie nochmals zur Polizei, worauf man ihnen erklärte, daß sie zur Gendarmerie gehen müßten. Bei der Gendarmerie erklärte man, daß man nichts tun könne und daß man eine Klage auf dem Zivilwege einreichen müsse. Tie Herren fuhren schließlich nach Roznau zurück. Nachträglich erfuhren wir, daß Herr Samuel Berger selbst Mitglied des teutschen, antisemitischen Kasino sei. Aron Schwertfinger, Lehrer, Wien. 2. Bez., Leopoldsgasse Nr. 31, derzeit in Roznau, Mähren. Zionistische Konferenz in Berlin. Vom 1. bis 4. September wird in Berlin bas Zentralkomitee der Zionistischen Organifation zusammentreten. Bekanntlich ist die Zionislische Organisation eine internationale. In fast jedem Lande bestehen zionistische Ortsgruppen, die zu Landesverbänden mit besonderen Vorständen zusammengeschlossen sind. Alle zwei Jahre tritt der Kongreß zusammen, der aus sämtlichen Ländern beschickt wird. Je 200 Zionisten wählen dazu einen Delegierten. Ter Kongreß wählt das Aktionskomitee, das aus 30 Mitglieder» besteht, von denen fünf die oberste Leitung, das sogenannte ״Engere Aktionskomitee" bilden. In den Jahren, in denen kein Kongreß stattfindet, tritt das Zentralkomitee zusammen, welches aus den Mitgliedern des Aktionskomitees, Vertretern aller Landesorganisationen und den Leitern der wichtigsten zionistischen Institutionen besteht. Auf der bevorstehenden Tagung wird Hauptsächlich die zionistische Palästinaarbeit, die Propaganda und die allgemeine politische Lage erörtert werden. : ״Hickls Jüdischer Bezalel. Die Kunstgewerbeschule ״Bezalel", die den Zweck verfolgt, die arme jüdische Bevölkerung Palästinas zu wirtschaftlich produktiver Tätigfeit zu erziehen 1111b ihr Arbeitsgelegenheit zu schaffen, wächst sich bereits zu einem großen industriellen Unternehmen aus und erweitert stänbig ihren Absatz auf Dem Weltmarkt. Soeben ist im Warenhaus A. Wertheini in Berlin eine neue Sendung von Erzeugnissen des Bezalel eingetroffen. Es befinden sich darunter Kupfer- und Silbersiligranarbeiten. Elfenbeinschnitzereien, sowie Schmiickgegenstände für Svnagogen. Bekanntlich fand im verflossenen Winter in der Volkskunstabteilung bei Wertheim eine Ausstellung von Erzeugnissen des Bezalel statt, die außerordentlich großes Interesse gefunden hat. Das Warenhaus Wertheim, das bereits damals einen größeren Posten von Waren vom Bezalel bezogen hat und einen guten Absatz der Erzeugnisse feststellen konnte, hat auch die neue Sendüng in fester Rechnung bezogen. Durch die Permanenten Sendungen der Bezalel-Erzeuguisse. die nach und nach auch bei den Warenhäusern in anderen größeren Städten ansgestellt werden sollen, hofft der Bezalel seinen regulären Absatz immer mehr zu steigern. Ter Judeneid in Kroatien. Im Jahre 1897 leitete der Vorsteher der Esseg-Oberstädter Kultnsgemeinde, Herr Dr. Hugo Spitzer, eine Aktion ein, um die Elimi nierung des besonderen Judeneides aus dem Prozeßverfahren im Wege der Gesetzgebung zu erwirken. Trotzdem seine an den Landtag der Königreiche Kroatien-Slawonien und Dalmatien gerichtete, erschöpfend motivierte Petition von allen Kultusgemeinden des Landes gutgeheißen und unterstützt und auch vom Landtage der :>tegierung zur Würdigung abgetreten wurde, wollte die Sache nicht vorwärts kommen. Die Landes regierung arbeitete zwar wiederholt Entwürfe aus. allein der stete Regiernngs- und Svstem- Wechsel brachte es mit sich, daß keiner dieser Ent würfe Gesetz wurde, ja nicht einmal zur ver fassungsinäßigeu Behandlung vor den Landtag kam. ')tun hat der königliche Kommissär in Kroatien-Slawonien, Erzellenz v. Envaj, eine Laudes-Gesetzgebungskommifsion eingesetzt, welcher von kroatisch-slawonischen Juden Vorsteher Dr. Hugo Spitzer, Abgeordneter Dr. Ludwig Schwarz (Agram) und Bankdireklor Weißmayer (Essegg» als Mitglieder angehören, und eine der ersten Arbeiten dieser Kommission war die Schassuug eines Gesetzes zur Abschaffung des Jndeneides. Der von der Kommission entsendete Ausschuß, dessen Präsident Abgeordneter Domberr Dr. Radicevic und Vizepräsident Knltusvorsteher Dr. Spitzer ist, hat in seiner am 30. Juli abgehaltenen Sitzung die Regierungsvorlage in Ver- Handlung gezogen und mit einigen Abänderungen angenommen, so daß bei dem demnächst zn erwartenden Zusammentritt des Landtages das Gesetz, mit welchem der Judeneid in Kroatien- Slawonien abgeschafft wird, endlich zur Tat werden wird. Das Angola-Projekt. Die Stimmen, welche sich gegen die Ansiedlung von Juden in Süd-Angola hier erheben, berufen sich im wesentlichen daraus, daß durch die Ansiedlung größerer jüdischer Massen im vor - tugiesischen Kolonialgebiet der gefürchtete Einsluß der Großmächte wachsen könnte, da diese Juden aus europäischen Ländern stammen. In der Presse wird besonders ein ״Das Hochland von Judäa" überschriebener Leitartikel in der großen Lissaboner Zeitung ״Diario de Noticias" vom 20. Juli sehr beachtet, in dem n. a. aus geführt wird, daß aus einer solchen ausgedehnten Niederlassung bedeutender jüdischer Manen auf den Hochländern von Süd-Angola für Portugal Verwicklungen und Gefahren entstehen könnten, die man wohl überlegen müsse. Ter Verfasser des Artikels schreibt, daß ihn keinerlei Animosität gegen die Juden beherrsche, keinerlei Haß, Abneigung oder auch nur ein Schatten schlechter Laune gegen jene intelligenten, arbeitsamen, entbehrungsreichen Leute; daß er im Gegenteil stets hohe Achtung vor den großen intellektuellen Fähigkeiten und der zivilisatorischen Mitarbeit jenes zerstreuten Volkes gehabt habe. Nur die hohen Interessen des Ansehens und der souverä- Volkskalender".