Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 21 (22.8.1912)
- Date
- 1912-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. .Jüdische Bottsstimme Seite 5. das mit dem Bemerken zurückwies: ״Ich will keine Pferdemilch haben", sehr aufgebracht und leugnete, daß er Pferdemilch überhaupt verwende. Und das, obwohl die Kundin mit eigenen Augen in seiner Gegenwart das Melken des Pferdes und oas Hineingießen der Milch in das Sammelgefäß genau beobachtet hatte. Für die direkt aus dem Melkeimer entnommene Milch forderte er einen weit höheren Preis, ein Beweis dafür, daß die Vermischung der Pferde- und Kuhmilch bei ihm die Regel ist. Die Anfrage bezieht sich auf etwaige Folgen des bisherigen Bezuges der Milch aus demselben Stalle für die weitere Verwendung des benützten Geschirrs. Die Entscheidung hat für die Oeffentlichkeit um so weniger Interesse, als sie nicht einheitlich für alle dieser Art, sondern jeweilig gemäß den vorliegenden Einzelumständen zu treffen ist. Wohl aber erscheint die Kenntnisnähme dieses Vorkommnisses am hiesigen Orte von Wichtigkeit, weil vielfach geglaubt wird, die Besürchtung der Beimischung von Milch verbotener Tiere sei in unseren Ländern gegenstandslos. Die sorgfältige Beachtung der einschlägigen Bestimmungen (Joreh Deah 115) bietet auch gegenüber Ueberraschungen geschilderter Art genügend Sicherheit." Frankfurt a. M. Wie uns mitgeteilt wird, soll anfangs Oktober d. I. in der früheren Klinik der Herren Prof. v. Noorden und Sanitätsrat Dr. Lampe (Schifferstraße 84/86) ein streng rituell geführtes Sanatorium für diätische Kuren, insbesondere für Zuckerkranke, errichtet werden. Die Leitung wird Herrn Dr. med. I. Lange, bisher Sandweg 141, unterstellt werden. Herr Sanitätsrat Dr. Lampe hat seine Klinik in den Neubau, Schifferstraße 78/82, verlegt. Zürich. Dem zurzeit hier tagenden Internationalen Kongreß des Weltbundes gegen die Vivisektion und Tierschutz wurde auch eine Tagesordnung auf Mißbilligung des Schächtens von tierschützlerischer Seite vorgelegt. Der Kongreß lehnte es aber nach kurzer Verhandlung ab, sich in diesem Sinne auszusprechen. Konstantinopel. Der Großrabbiner der Türkei, Rabbi Haim Nahum, hat von seiner Regierung ehren sechswöchentlichen Urlaub erhalten, den der Chacham Baschi zum Teile in einem Kurorte verbringen wird. Rabbi Haim Nahum will die Gelegenheit benutzen, die reichen und einflußreichen jüdischen Organisationen und Persönlichkeiten in Europa für eine Anzahl notleidender jüdischer Institutionen im türkischen Reiche zu gewinnen. Die geplante Reise nach Amerika zu demselben Zwecke wird der Großrabbiner diesmal nicht machen, da er mit Rücksicht auf die momentanen politischen Verhältnisse in der Türkei nicht auf längere Zeit von seinem Amte fernbleiben will. Er beabsichtigt jedoch ausschließlich zu dem Zwecke einer Reise nach Amerika im Spätherbste oder im nächsten Frühjahre einen besonderen Urlaub zu nehmen. Montreal (Canada). Die Jahresversammlung der Zionisten Canadas war von 350 Delegierten besucht. Aus den Berichten und Referaten ging hervor, daß es in Canada mehrere Tausend gut organisierter Zionisten gibt, die seit ihrer letzten Tagung etwa Mark 60.000 für zionistische Zwecke aufbrachten. Der stellvertretende Premierminister, George H. Perley, hielt eine enthusiastisch aufgenommene Rede, in der er von dem vorzüglichen Eindruck berichtete, den die jüdischen Kolonien in Palästina auf ihn gemacht hätten. NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERSICHERUNGS-GESELL- SCHAFT, WIEN, I. ASPERNPLATZ 1 im eigenen Palais. — Versichertes Kapital drka 380 Milionen. 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In den Jahren, in denen kein Kongreß stattsindet, tritt das Zentraltomitee zusammen, welches aus den Mitgliedern des Actions-ComitäS, Vertretern aller LandeSorganisationen und den Leitern der wichtigsten zionistischen Institutionen besteht. Auf der bevorstehenden Tagung wird Hauptsächlich die zionistische Palästinaarbeit, die Propaganda und die allgemeine politische Lage erörtert werden. Arünner Nackrtckten. Kaiserfeier. Wie alljährlich fand im hiesigen israelitischen Tempel aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers die Kaiserfeier statt. Josef Jellinek. Freitag, den 16. August, fand unter zahlreicher Beteiligung das Begräbnis des Herrn Josef Jellinek statt. Dem Begräbnisse wohnten Abordnungen der Vereine Bikur Choulim, dessen langjähriges Ausschußmitglied der Verstorbene war, weiters die Mitglieder der Humanitätslogen ״Moravia" bei. Herr Rabbiner Dr. Levy hielt dem Verstorbenen einen Nachruf. Namens der Benei Brith sprach Herr Dr. PH. Schreier. Krankheiten der Nerven, des Magens, Darmes etc. werden mit Erfolg in Dr. Kutb<m$ Sanatorium in TISCHNOWITZ kuriert. — Prospekte. ütundfcbau. Letzte Ehrung eines jüdischen Arztes. Vorige Woche wurde in Riga der wegen seiner großen Menschenfreundlichkett allseits beliebte Arzt Dr. S. Steinfeld von einem seiner Patienten, bei dem, wie festgestellt wurde, plötzlich der Wahnsinn ausgebrochen war, überfallen und ermordet. Bon dem überaus großen Ansehen, besten sich der auf so tragische Weise aus dem Leben geschiedene A^t in Riga und seiner Umgebung zu erfreuen hatte, lieferte sein Leichenbegängnis einen erschütternden Beweis. Nahezu die ganze Stadtbevölkerung nahm an dem Leichenbegängnis teil, 200 Rigaer Aerzte bildeten ein Ehrenspalier und die Rigaer Zeitungen schätzten die Zahl der Menschen, welche dem Sarge bis aus dem Friedhof gefolgt waren, auf nahezu 30.000. Die Blumen und Kränze, welche dem beliebten Arzte alz letzte Ehrenbezeigung gewidmet wurden, füllten mehrere Wagen. Als der Sarg in die Erde versenkt wurde ging ein markerschütterndes Weh. klagen durch die trauernde Menge, denen Dr. Steinfeld ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle Zugehörigkeit und Berater gewesen. Das Leichenbegängnis, bei welchem eine große Anzahl von Trauerreden gehalten wurden, nahm 8 Stunden in Anspruch. Mähr.-schlef. Studeutentag zionistischer Studenten in Göding. Wir ersuchen diejenigen Teilnehmer, welche Aufnahmen des StudententageS wünschen, uns ehestens dies mitzuteilen, damit wir die Bilder bestellen und dann expedieren lassen können. Bei größerer Abnahme wird der Preis maximal 2 K betragen. ״Gamala." Renegateneifer. Der Fluch des Propheten Jesaias: ״Deine Zerstörer und Deine Verderber sind aus deiner eigenen Mitte hervorgegangen," ist der furchtbarste. Zu allen Zeiten waren unsere Renegaten in den vordersten Reihen tätig, um das Judentum zu vernichten. Solche Beispiele sind auch in der jüngsten Zeit nicht selten. Ein interessanter Fall wird soeben aus Frankfurt am Main verkündet. Vor kurzem sprach ein antisemitischer Abgeordneter in der schönen Mainstadt gegen das geplante Heine-Denkmal. Mit wie viel Geist und Witz, kann man sich ungefähr denken. Es gibt, im Grunde nicht Törichteres und Komischeres, als wenn die Vertreter der engherzigsten und unmodernsten Richtung über den größten deutschen Lyriker zu Gerichte sitzen. In den ״Frankfurter Nachrichten" erschien nun zur selben Zeit, um die Stimmung gegen Heine zu fördern, aus der Feder des Chefredakteurs Dr. Ferdinand Runkel ein langer Artikel über Heine. Runkel macht Heine — wie uns scheint, nicht mit Unrecht — den Vorwurf, daß er keine richtige Stellung zu Gott finden konnte, weil er von einer Religion in die andere ohne innere Ueberwindung schwankte. Nu» wird jetzt in der ״Allg. Zeitung d. Judent." festgestellt, daß der Verfasser dieser Betrachtung der Sohn eines getauften Juden ist, der stets Proselitenmacherei treibt und mit Vorliebe in den Logen Vorträge auf diesem Gebiete hält. Um die Sache noch ironischer zu gestalten, existiert sein Blatt in der Hauptsache von jüdischen Inseraten. Es ist wirklich schwer, hier keine Satyrs zu schreiben. Das Renegatentum ist nicht nur eine ttaurige, sondern auch fast immer eine lächerliche Erscheinung. Eine christliche Retterin des jüdische» Theaters in London. Wie berichtet wurde, war es schon feststehende Tatsache, daß das Londoner große jüdische Theater unter der Direktion Feinmann mangels ausgiebiger Unterstützung seitens der Juden seine Hallen schließen mußte. Nun kommt uns aus London die interessante Meldung zu, daß die Existenz dieses mit so großen Opfern erbauten jüdischen Theaters wenigstens für die nächste Saison wieder gesichert sei, und zwar habe sich eine Dame der englischen Aristokratie, Lady Warmington, für die Sache zu interessieren begonnen und hat aus eigenen Mitteln 500 Pf. Sterling, das sind 12.500 Kronen, für das Theater zur Verfügung gestellt und überdies eine Aktion unternommen, um auch andere Kunstfreunde der Londoner Gesellschaft für das Theater zu gewinnen. Bemerkenswert ist, daß die reichen Juden von London selbst auf die Intervention der genannten Dame ihre Unterstützung verweigerten, weil sie nach wie vor der Meinung sind, das ein jiddisches Theater in London heute keine Existenzberechtigung habe. Maffenausweisungen von Juden. Wir Wir stehen zurzeit in einer Aera großzügiger Ausweisungen, die alles in den Schatten stellt, was seit den großen Moskauer Ausweisungen von 1891 ein bis zum Delirium gesteigerter Judenhaß auf diesem Gebiete geleistet hat. Neben den Ausweisungen aus dem Kreise Telschi, aus den Gouvernements Grodno und Jekaterinoslaw, haben uns diese Tage eine neue Ueberraschung gebracht, die auch in der Aera der jüngsten großrussischen ״nationalen" Politik ihresgleichen sucht. Die patriotische Siegespalme errang sich diesmal der Chersoner Gouverneur, Herr von Grevenitz. Er annullierte einfach aus eigener Machtvoükommenheit das bekannte Stolypinsche Wohnrechtszirkular, und verfügte über mehr als 10.000 Juden, die kraft dieses Zirkulars auf dem Lande leben, die kurzfristige Ausweisung. Daß die Vollstreckung dieser harten Maßregel den völligen Wirtschaftlichen Ruin für die Betreffenden, die von dem in dieser Kornkammer Rußlands sehr ausgedehnten Getreidehandel leben, bedeuten würde, braucht nicht erst gesagt zu werden. Man sollte aber glauben, daß die Rücksicht auf die Interessen der Landwirtschaft, der mit der freien Konkurrenz eines lebhaften Bermittlerdienstes die günstigen Absatzbedingungen abgeschnitten werden, unsere weisen Sattapen von dieser unsinnigen Aktion abhalten würde. Allein, unsere idealistisch gesinnten Vaterlandsretter kennen keine merkantillen Interessen, wenn die Ehre und der Ruhm des Vaterlandes auf dem Spiele stehen. Besonders bedroht ist die jüdische Bevölkerung von Nikolajew, wo von 23.000 Juden etwa die Hälfte verjagt werden dürften. Die Jüdische Gemeinde von Konstantinopel. Die hiesige Gemeinde befand sich seit längerer Zeit in einer Krise, weil zwischen dem Großrabbiner und der aschkenasischen Gemeinde ein heftiger Konflikt ausgebrochen war. Nunmehr ist, insbesondere dank der vermittelnden Tätigkeit der Loge ״Bne Berith", der Friede wieder hergestellt worden. Die aschkenasische Gemeinde hat sich mit dem Großrabbinat geeinigt, nachdem sie ihre Hauptforderung durchgesetzt hat, und der ״Medschlis dschismani", das Konsistorium der Judenvon Konstantinopel, ist so zusammengesetzt worden, daß den verschiedenen Richtungen eine entsprechende Verttetung gewährleistet ist. Ei» Wort des ungarischen Unterrichts- Ministers. Bekanntlich strebt gegenwärtig die ungarländische Judenheit mit erfreulicher Energie die Erlangung der konfessionellen Autonomie an. Jüngst sprach eine Deputation beim ungarischen Unterrichtsminister, Grafen Johann Zichy, vor. um ihn für die Sache zu gewinnen. Graf Zichy antwortete in einer längeren, wohlwollenden Rede, der wir folgende markante Sätze entnehmen, die ungemein bezeichnend sind: ״Sie können überzeugt sein, daß das Schicksal des Judentums auch in dieser Frage in die Hände des Judentums selbst gelegt ist. Jnsoferne Sie mit dem Gewichte, mit dem einheitlichen Willen auftreten können und wollen, die zu der vollständigen Ausgestaltung einer derartigen Angelegenheit notwendig sind, werde ich mit größter Achtung aus den kleinen Anzeiger.