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Jüdische Volksstimme · 1912-08-22 · Heft 21 (22.8.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 21 (22.8.1912)
Date
1912-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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in Mähren noch so sehr für das Judentum inter« effieren, daß sie über die Ursachen des Niederganges und über die Mittel zur Wiederaufrichtung desselben sich Gedanken machen. Nach der allgemeinen Ansicht geht das Judentum die Gemeinde- Mitglieder nichts an und ist die Fürsorge für dasselbe allein den Gemeindefunktionären überlasten, die ja ״dafür bezahlt werden." Leider hat der Einsender, — oder die Einsender — bei der Erforschung der Gründe des Verfalles ganz falsch gegriffen und Schuldige gesunden, die an dem Niedergange gewiß unschuldig sind und eher als Opfer desselben bezeichnet werden .müssen. In einem alten Witze wird die Frage, warum der Mensch alle Nebenmenschen eher als sich selber kennen lernen will, mit der boshaften Erklärung beantwortet, weil er keine schlechte Bekanntschüft machen will. So ist auch den Einsendern aus der Reihe der Gemeindemirglieder ergangen. Sie suchen die Schuldigen anderswo, weil sie die Schuld in sich selber nicht entdecken wollen. Die wahrhaft Schuldigen sind nicht unter den Gemeiudesunktionären, sondern einzig und allein unter den Gemeindemitgliedern zu suchen, die Funktionäre erfüllen in den allermeisten Fällen gewissenhaft ihre Pflicht und ihre Bestrebungen zur Hebung des Judentums in ihrem WirkungS kreise erfolgen nicht wegen der ״Bezahlung", soudern sie sind ihnen heilige Gewissenspflicht. Wenn sie dennoch nur so geringe praktische Erfolge erzielen, so liegt die Schuld daran, daß sie bei ihren Vorständen und Gemeindemitgliedern auf Widerstände und Hindernisse stoßen. Die Anwürfe, welche die Einsender aus dem beschränkten Gesichtswinkel irgendeiner kleinen Gemeinde gegen die Tätigkeit der Funktionäre vorbringen, sind geradezu widersinnig und es ist jedenfalls ungerecht, aus einem engen Gesichtskreise heraus die Amtstätigkeit der Funktionäre im ganzen Lande abfällig zu beurteilen. Denn Kantoren, wie sie die Einsender charakterisieren, dürften woh schwerlich im Lande Mähren anzutreffen sein, und wenn wirklich irgendwo ein solches Monstrum von einem Kantor da wäre, was tangiert ein solcher Kantor das religiöse Gefühl seiner p. t. Gemeinde- Mitglieder, die ins Kaffeehaus lieber als in daS Gotteshaus gehen und das ganze Jahr den Kantor nicht zu hören bekommen? Gar arg wurden in dem Artikel den Rabbinern die Leviten gelesen. Die Rabbiner führen auf dem Lande einen verzweifelten Kampf, einen materiellen und einen schweren Kampf. In ihren Bestrebungen für das Kaschrus, für die Sabbatheiligung, für alles jüdisch-religiöse werden sie durch den Unverstand und den Widerstand der Vorstände behindert. Und nun sollen sie gar ihre Pflicht gegen das Judentum nicht erfüllen. Die Erziehung der Jugend, meint der Einsender, sollen die Rabbiner sich selbst Vorbehalten. Als wenn sie eS schon nicht täten! Welche Kämpfe gegen das Elternhaus sind schon dadurch entstanden, wie wird in den Familien der religiösen Erziehung durch den Rabbiner doch entgegen gearbeitet! In einer mährischen Gemeinde hat der Rabbiner bei der Schuldirektion die Freihaltung der jüdischen Kinder vom Schreiben am Sabbath durchgesetzt und damit einen Sturm der Entrüstung bei seinen Gemeindemitgliedern hervorgerufen, die ihm vorhielten, was ihn denn ״ihr Sabbath" angehe. Der Einsender schlägt ferner vor, daß die Rabbiner populäre Vorträge aus jüdischer Geschichte halten sollen. Inwiefern die Bekanntschaft mit Maimonides, Mendelssohn und sonstigen jüdischen Größen geeignet wäre, unseren Herren Israeliten den Appetit auf Schinken und dgl. zu verderben oder sie davon abzuhalten. an den heiligsten Feiertagen auf die Jahrmärkte zu fahren, soll nicht näher untersucht werden. Aber wie viele der Herrn werden dazu bereit sein, am Samstag nachmittag die Zigarre aus dem Munde wegzulegen und die Tarokpartie zu unterbrechen, um sich zu den jüdischen Vorträgen zu begeberr? Eine richtige Ansicht haben wohl die Einsender im Anfänge des Artikels geäußert und mit geringen Abänderungen könnte vielleicht darin ein Fingerzeig für die mögliche Besserung der Zustände gewonnen werden. Die Schuld an all-m Uebel trägt hauptsächlich der Umstand, daß häufig die Vorstände der Gemeinden aus Männern bestehen, denen das Judentum Hekuba ist. Eine Besserung könnte möglicherweise noch erzielt werden, wenn mit dem System gebrochen wird, daß die Reichsten in die Gemeindevorstände gewählt werden, daß vielmehr prinzipiell das Ehrenamt eines Kultusvorstandes nur an wahrhaft ftomme Männer verliehen werde, an Männer, die da- Judentum kennen und schätzen und eS pflichtgemäß üben, die dann die Gemeindeftrnktionäre in ihrem Streben nach H ebnng des religiösen Lebens unterstützen und durch ihre Lebensführung auf rie Gemeindemitglieder beispielgebend wirken werden. Nun entsteht aber die Preisfrage: Ja wievielen Gemeinden wird noch eine genügende Anzahl solcher geeigneten und vollwürdigen Mit- )lieber aufzutreiben fein, um einen Kultusvorstand zu komplettieren^? Darüber mögen die Herren Einsender gefälligst Nachdenken. Jsch Jehudi. ״Er hat gerettet." Auf dem über 300 Jahre alten ״Guten Ort" oder בית החיים dem ״Hause des Lebens* — so wird in alten Gemeinden der jüdische Fried- Hof genannt — zu Battelau, im JglauerKreise, in Mähren, steht ein alter, mehr in die Breite gehender Grabstein aus Granit, der durch seine schwer zu entziffernde Inschrift meinen hochgelehrten gottseligen Vater, so oft er die auf der Spitze eines Hügels malerisch gelegene, weichin sichtbare Stätte ewiger Ruhe besuchte, stets fesselte. Mit den Fingern tastend versuchte er eS, auS den unregelmäßigen Vertiefungen Buchstaben und Worte zusammenzustellen, die sich um das in der Mitte der Grabschrift befindliche, deutlich sichtbare Wort והציל was ״und er hat gerettet" bezeichnet, gruppierten. Die Entzifferung der schwer lesbaren Inschrift gelang meinem teuern Vater und dieselbe lautet: ״Hier ruht ein biederer, israelitischer Mann, dessen Name schon seit langeher bekannt ist, er rettete von der Zahlung eines unerschwinglichen Lösegeldes durch seine süßen Worte, Mende Sohn des Leb (dies sein Name) verschied am 17. Schewat 5492 (1732). Seine Seele sei vereint im Bunde der Ewiglebenden!" Welcher Art dieses Lösegeld war, ob es einem einzelnen seiner Gemeinde oder dieser selbst — unerschwinglich war es in jedem Falle — auferlegt war, oder ob es eine Art Kontribution oder Kopfsteuer war. darüber ist nichts bekannt. In jedem Falle war Mendel*) ein Wohltäter seiner Glaubens genossen und seit der Entzifferung der Inschrift dieses Steines durch meinen guten Vat^r unterlaffen es die Besucher unseres Friedhofes niemals das Grab dieses edlen Mannes zu besuchen. So ließen sich auf manchen alten Friedhöfen wer erinnert sich nicht der alten, berühmten jüdischen Friedhöfe zu Prag. Wien, Nckolsburg usw. die heute zu den größten Sehenswürdigkeiten ge hören — unserer alten Gemeinden**) auf dem Lande manche interessante Gräber ausfinden und deren Denkmalsinschriften veröffentlichen. Unsere Jugend insbesondere möge, durch die obige Mitteilung angeregt, erst recht mit Liebe und Interesse unsere heilige Sprache studieren, um auch diese steinernen Blätter unserer ruhmreichen, wenn auch leidenvollen' Vergangenheit lesen zu können und, stolz auf unsere Geschichte und Abstammung, die unseren ersten Patriarchen ergangene göttliche an Verheißung: ״Werde zum Segen!" zur Wahrheit auch in unserer Zeit werden zu lassen. Moritz Antscherl. Der internationale Eugenistenkongreß und die jüdische Hygiene. Der internationale Eugenistenkongreß hat vor kurzem in London stattgefunden. Die Eugenistik ist eine junge, in England emporgekommeue Wissenschuft, die die Erforschung der Bedingungen zur zur Erzeugung und Erhaltung eines körperlich und geistig gesunden Menschenschlages zum Ziele hat. Auf dem Kongreß wurden als wesentliche Voraussetzung der Förderung des Lebens die Ernährungsweise, der regelmäßige Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe, und natürlich vor allem die Auswahl bei Eheschließung und das Eheleben behandelt. DaS sind längst bekannte Forderlmgen unseres jüdischen Gesetzes, die unsere Thora unter dem Begriff der LebenSherligung zusammensaßt, und es ist daher erklärlich, daß einer der bedeutendsten englischen Gelehrten, Prof. I. A. Lindsay, über die eigentümliche Stellung der jüdischen Rasse zegenüber den Krankheiten einen längeren Borrag gehalten hat. (Der Gelehrte hätte wohl richtiger von der Eigentümlichkeit der jüdischen Re- 'igionSgemeinschaft gesprochen als derjenigen der Raffe.) Er sagte unter anderem: ״Die Juden leiden weniger wie ihre Umgebung unter dem Alkoholismus, den Geschlechtskrankheiten und in manchen Beziehungen unter den epidemischen Rankheiten. Sie neigen nicht zum Selbstmord. Sie liefern zu den illegitimen Ehen und zu den Totgeburten einen relativ geringen Prozentsatz ... Andererseits sind sie mehr wie ihre Umgebung ausgesetzt der Zuckerkrankheit, den Hämorrhoiden, len nervösen Erkrankungen im allgemeinen, besonders der Blindheit und der Taubstummenheit und dem Irrsinn. Die Sterblichkeit der jüdischen Kinder unter 5 Jahren ist viel geringer wie bei der übrigen Bevölkerung. In bezug auf die Schwindsucht sind die Meinungen verschieden. Große medizinische Autoritäten haben behauptet, daß die von den Juden vertretenen Rate an der Lungenschwindsucht gegründete Wahrnehmungen erweisen das Gegenteil. Dieser Punkt ist sehr wichtig, und es ist sehr bedauerlich, daß er nicht geklärt ist. Lungenentzündung soll unter den Juden relativ selten sein, doch ich kann keine bestimmten Angaben darüber in der Wissenschaft finden. Um die Bedeutung der angegebenen Tatsachen richtig zu würdigen, müssen einige wohlbekannte Umstände festgehalten werden. Der Jude ist Hauptsächlich ein Städter. Ec hat keine Neigung zum Landleben und zur Landwirtschaft. Er ist nicht in ansehnlichem Maße unter der industriellen Arbeiterschaft zu finden. So ist er ein geistiger Arbeiter und von sitzender Lebensweise. Inzucht ist unter den Juden verbreitet. Selten arbeitet die jüdische Mutter außer dem Hause. Diese Tatsachen werfen einiges Licht über das Vorherrschen der Zucker- und der Nervenkrankheiten und der Verhältnismäßig niederen Kindersterblichkeit unter den Juden ... Der Umstand, daß der Jude in allen Gegenden und Lebenslagen mäßig im Alkoholgenuß ist, dieser Umstand, der über jedem Zwetfel erhaben ist, ist geeignet, auf die viel umstrittene Alkoholfrage einiges Licht zu werfen. Er scheint, daß die Mäßigkeit eine jüngere Angewöhnung des jüdischen Stammes ist, da in dem jüdischen Schrifttum häufige Hinweise auf die Unmaßigkeit Vorkommen. Die Juden beweisen, daß der Alkoholmißbrauch unabhängig vom Klima ist, denn die Juden sind unter allen Zonen mäßig. Sie beweisen auch, daß die Armut und das Elend an und für sich nicht die Ursachen des Alkoholismus sind, denn die Juden des East-End in London bleiben mäßig unter den härtesten und schwersten Lebensbedlngungen. Auch beweisen die Juden, wie unrichtig die Behauptung ist, daß Nationen, die vor einigen Generationen reichliche Gelegenheit zum Alkoholgenuß hatten, sich allmählich von dem Alkoholdefekt befreit haben, daß sie sich gewissermaßen ״nüchtern getrunken haben". Möglicherweise kommen bei den Jud.n andere Gründe in Betracht, möglich, daß bei den Juden eher geistige als körperliche Gesetze den Schlüssel zur Erklärung ihrer Mäßigkeit bieten und daß letztere hauptsächlich auf die sittliche Befähigung dieser bemerkenswerten Menschenrasse zurückzuführen ist. Doch diese Frage gehört zu denjenigen, über die ich es vorziehe keine bestimmte und endgültige Entscheidung zu fällen." *) Hebräisch ״ מנחםder Tröstende"; Leb ״ Löw' wird hebräisch nun׳ genannt, dessen Stammwappen der Löwe war. (l. B. Moses 49, 9.) **) Auch in der benachbarten Stabt T r i e s ch ist ein alter, sehr merkwürdiger jüdischer Friedhof, dessen Inschriften gesammelt zu werden verdienen. Diskonto-Gesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung ln Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschäfte, hauptsächlich auch für den Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. Raubmord in Rischon le Zion. In der Nacht des 9. Ab wurde in der Kolonie Rischon le Zion ein gräßlicher Raubmord verübt, der durch die Frechheit der Ausführung auch die Ermordung des Deutschen Fritz Unger, die vor zwei Jahren eine allgemeine Empörung wach» gerufen hat. in den Schatten stellt. Der Wächter David Sacharow wurde in seiner Wachstube von Achtung auf den kleinen Anzeiger!

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