Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1912)
- Date
- 1912-08-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische BoMstkmse Gelte S. Nr. 20. ' Krakau. Dem Israelit wird geschrieben: I» dem galizischen Kurorte Szczatvmca herrsche«» wie uns von dort berichtet wird, ganz merkwürdige Sitte«. Die zahlreichen Kurgäste, dizumeist aus Jude« bestehe« dürfen wohl die teure« Mietpreise bezahle«, erhalten aber die Heilbüder und Mineralwässer nur dann zugewiesen, wenn sie ein ärztliches Zeugnis vorweise«, welches ihnen die Benützung dieser Heilmittel vorschreibt. Diese an sich ganz merkwürdige Verfügung der Kurverwaltung wird jedoch seltsamerweise nur gegen die jüdischen Kurgäste angewendet, während die übrigen von dieser Maßregel unberührt bleiben. Ein angesehener galizischer Rabbiner, der sich darüber beschwerte, wurde von einem Polizisten deshalb gröblich mißhandelt. Dies war auch der Anlaß zu einer Protestversammlung der jüdischen Kurgäste, die vorige Woche stattsand, und in welcher nach eingehender Besprechung der unglaublichen Zustände die folgenden Resoluti» onen gefaßt wurden: 1. Der Polizeimann, der sich gegen den Rabbiner so arg vergangen hat, soll seines Amtes enthoben werden. 2. Die unglaubliche Verordnung bezüglich der Ausfolgung der Mineralwässer, die sich ausschließlich gegen die Juden richtet, ist außer »rast zu setzen. 3. An die Angestellten der Badeverwaltung soll der Auftrag ergeben, daß sie sämtlichen Kurgästen ohne Unterschied der Konfession eine gleich menschliche Behandlung zu teil werden lassen. 4. Jnsolange die Verwaltung den jüdischen Kurgästen nicht volle Genugtuung verschafft, verpflichten sich die Kurgäste, sämtliche Einrichmngen der Kurve!» waltung zu boykottieren. Diese Protestresolutionen wirb der Kurverwaltung durch eine Deputation überreicht und in den jüdischen Blättern zur Darnachhaltung veröffentlicht. Eiseustadt. Dienstag, den 6. d. M., wurde die Leiche des ehrwürdigen Rabbiners L. Aron Fürst. Sohn des Rabbiners der Schiffjchule, aus Wien hierher überführt. Unter überaus zahlreicher Beteiligung fand daS Leichenbegängnis statt. Sehr ergreifend war der Anblick des traurigen Bildes. Der alte, ehrwürdige Rabbiner, der Vater des Verewigten, stand am Sarge ganz gebrochen. Der Bruder, RabbinatSkandidat Gabriel Fürst, sprach tiefempfundene Worte des Abschiedes .ת״נ״צ׳ב״דד Pistyau. König Ferdinand von Bulgarien, der gegenwärtig in Bab Pystian gutjtut weilt, hat dem hiesigen Oberrabbmer eine Spende für das zu errichtende jüdische Kurhospital üvermittett. Belovar. Am 31. Juli ist in Gleichenberg unser Mitarbeiter Dr. Bernhard Rehberger, Advokat in Belovar, im 55. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war ein guter Jude und einige Zeit Vorsteher der dortigen Gemeinde. Das Begräbnis fand am 4. August unter Beteiligung der gesamten Bevölkerung statt. Ehre seinem Andenken I Berlin. Vorsicht beim Einkäufe von Butter! Der hiesige Butterhändler Gustav Werriicke wurde samt seiner Frau am 30. Juli wegen Levens- Mittelverfälschung zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Bei der öffentlichen Entnahme von Butterproben hatte die Marklpolizei wohl nie einen Anstand gefunden; als sie aber geheime Proben anstellte, fand sie jedesmal 50—90 Prozent Margarinezusatz. Darum jüdische Hausfrauen Vorsicht beim Buttereinkaufe. Stuttgart. Heinrich Sontheim, der berühmte Tenorist, ist — 92 Jahre alt — verschieden. Sontheim bildete mit Niemann und Wachtel das glänzende Tenoristen-Dreigestirn, das während der letzten Hälfte deS vorigen Jahrhunderts die deutsche Buhne beherrschte. Diesem gotwegnadeten Künstler war es alljährlich eine reine Freude, in seiner kleinen Heimatgemeinde Jebenhausen an den hohen Feiertagen vorzubeten. Lodz. Unter reger Beteiligung seiner Mitglieder fand hier vor kurzem die Generalverjammlung deS Vereines zur Unterstützung jüdischer Mittelschulen statt. Herr Dr. M. Braude eröffnete die Versammlung Mit einer Rede, in welcher er auf die Notwendigkeit jüdischer Mittelschulen hinwies, in welchem die Kinder eine Erziehung in jüdisch-ttaditionellem Geiste erhalten könnten. Dar» auf wurde Herr Dr. Braude zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt, der zu Beisitzendea die Herren Henryk Hirschberg und Uryjohn und zum Schriftführer Herrn Artur Goldstatt berief. ES wurde beschlossen, das jüdische Gymnasium, zu dessen Eröffnung Herr Dr. Rabinownsch die Konzession erhallen, unter das Protektorat des Vereines zu nehmen. In diesem Jahre sollen von den acht Klassen, welche das Programm dieser Lehranstalt umfaßt, nur die beiden Vorbereitungsklassen sowie die erste und zweite eröffnet werden. Das Ausgabenbudget des ,Gymnasiums für das Lehrjahr 1912/13 wird mit 24950 Rubel veranschlagt, die Einnahme mit 20.640 Rubel. Die Bersammlung bevollmächtigt die Verwaltung, das an der Magistrackastraße 5 gelegene Gebäude als Schullokal zu mieten und dem Organisationskomitee alle gehabten Ausgaben zurückzuerstatten. Der Verein zählt 300 Mitglieder, von denen jedes 300 Rubel deklariert hat. Eingezahlt wurden bis jetzt 12.750 Rubel. Nach lebhaften Debatten wird beschloffen, daß Kinder von Mitgliedern von der Zahlung der 100 Rubel Einschreibegebühr befreit sein sollen. Es werden noch die Anttäge des Herrn Ad. B. Rosenthal, betreffend die Gründung einer Finanzkommisfion, und des Herrn Dr. Braude um Nachsuchung einer neuen Konzession zu einem Gymnasium angenommen. Herr Dr. Braude wird alsdann zum Ehrenmitglieds deS Vereines erwählt und dem Organisationskomitee der Dank deS Vereines für erfolgreiche Tätigkeit ausgesprochen. Odessa. In der letzten Sitzung der Börsenkammer wurde beschloffen, als Kandidaten der Börsen für den Staatsrat einen Juden zu nominieren. Bei der hierauf vorgenommenen Kandidatenwähl wurde der jüdische Großkaufmann Weinstein einstimmig als Kandidat für die kommenden Wahlen in den Staatsrat (nicht zu verwechseln mit der Reichsduma) nominiert. Petersburg. In den Sommerwohnungen bei Smolensk sind 53 Juden verhaftet worden, weil sie auf den Dörfern kein Wohnrecht haben. AuS dem Gouvernement Cherson sind in den letzten Tagen mehr als 100 jüdische Familien, die aus den Dörfern ausgewieseu wurden, nach Amerika ausgewandert. London. Auf Beraulaffung des Oberrabbiners Dr. Jung fand eine Konferenz der Vorsteher der Federation of SynagogueS statt, um wegen der Errichtung einer technischen Schule für jüdische Knaben zu beraten. Rabbiner Dr. Jung führte aus, daß nach seiner Meinung der beste Weg zur Stärkung deS Judentums in London der wäre, sich um die Knaben nach dem Verlaffen der Schule zu kümmern und da könnte eine technische Schule, in der gleichzeittg hebräisch, jüdische Geschichte und Religion gelehrt wird, sehr wertvoll sein. Einer der Hauptgründe zu seinem Vorschläge sei die Tatsache, daß eine große Anzahl der schulentlassenen Knaben sich heutzutage veranlaßt sieht, den Sabbath zu entweihen. Dem Referate schloß sich eine eingehende Diskussion an, die fortgesetzt werden wird. Hoffentlicht verwirklicht sich das Projekt, denn wenn bei der Jugend noch einige Jahre mehr auf ihre jüdische Erziehung verwendet werden können und sie erst dann in das Berufsleben tritt, wenn sie auch schon gefesteter ist» kann das nur von Vorteil sein. Anch gewährt die Erwerbung technischer Kenntnisse größere Aussichten im Fortkommen, was gleichfalls für die Beobachtung des Sabbaths von Bedeutung ist. New-Uork. Präsident Taft empfing kürzlich eine Deputation von Rabbinern, welche ihm für die gute und gerechte Behandlung dankten, die der Präsident den Juden stets hat zuteil werden lassen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Präsident: ״Ich habe niemals loyalere Leute als die Juden gesehen, und ich fteue mich, ihre Gunst zu besitzen. Wie mein Vater, der jeder Rasse gleich liberal gesinnt war und der die Juden besonders liebte, da sie aus einem Lande der Bedrückung in ein Land der Freiheit kamen und die Freiheit zu schätzen wissen, bettachte auch ich die Juden als meine besten Freunde." Dr. Rudolf RaMcky gew. rette» <lrr I.chttg.-ldteilung Ser rsnSerUrsnuensurtalt wohnt: ecke Terdinand$ga$$e und Zobanuergarre <»*«׳״ ״-«,.> ordiniert täglich von 2 dir 4 Ohr nachm. Fernrprecver Nr. 303. Künzell au Ein aufsehenerregendes Testament. Das Testament des vor einigen Wochen verschiedenen Sir Edward Sassoon ist geöffnet nnd dem englischen Publikum sein Jnhatt bekanntgegeben worden, da in England dem Gesetz zufolge jedes Testament der öffentlichen Kritik unterliegt. Sir Edward Sassoon hinterläßt seinem Sohne die ansehnliche Summe von 22 Millionen Mark in bar und ein großes Vermögen in Immobilien — aber keinen Groschen für wohltätige Zwecke. Da in England alle Wohlfahrtsanstalten, wie Kranken-, Siechen- und Waisenhäuser nicht von Staat, sondern von der Gesellschaft unterhalten werden, ist eS üblich, daß jeder reiche Mann den öffentlichen Wohlfahrtsanstalten einen Teil seines hinterlassenen Vermögens (oft das ganze Vermögen) bestimmt. So hat der vor kurzem verstorbene jüdische Lord Wandsworth sein ganzes Vermögen im Betrage von 30 Millionen Mark Wohlfahrtsanstalten vermacht. Die wohlhabenden Juden deS Landes sind von jeher für' ihre generösen Testamente bekannt und berühmt. Die Tatsache, daß der verstorbene Sir Edward Sassoon von der Regel abgewichen ist, hat in speziell jüdischen Kreisen peinliches Aufsehen erregt. Lie allgemeine, speziell die konservativ-antisemitische Presse hat das Sassoon'sche Testament scharf kitisiert, aber am peinlichsten hat die Tatschache berührt, daß der verstorbene Sasson sein egoistisches Testament mit einer unangebrachten Kritik an dem englischen Erbschafts-steuergesetz begründet. Weil Legate, so heißt eS in diesem Testament, auch diesem Gesetz unterworfen sind, zieht er es vor, nichts für wohltätige Zwecke zu vermachen. Die Presse ist dieser Ausrede mir der Antwort begegnet, daß er auch während seines Lebens in England verdient habe. Auch die Art, wie er seinen Erben mahnt, dem Geschäfte nachzugehen, hat sehr mißfallen. Man sagt hier, daß ein solches Testament für das Judentum nur Antipathien erwecken könne. I» Elberfeld wurde zum ersten Male eine Frau in die Schulkommission der Synagogengemeinde gewählt. I» Frankreich werden gegenwärtig an alle Personen, welche am Kriege 1860/71 teilgenommen haben, Erinnerungsmedaillen verteilt, darunter auch an mehrere Rabbiner und zwar au 1 Oberrabbiner von Versailles, E. Levy, Direktor des Rabbinerseminars in Paris, Dr. Josef Lehmann, sowie Rabbiner R. Lövy-Paris und Jsaac Bloch-Nancy. Auch 2 Frauen erhielten diese Medaille, Madame Therese Haas in Saargemünd und Madame Edmond Goudchaux, weil sie sich den Verwundeten angenommen haben. Jewish Colonial Trust (Jüdische Kolonialbank) London. Nach dem Bericht war in den ersten 8 bis 9 Monattn des Geschäftsjahres 1911 das Geschäft sehr befriedigend. Nach dem Ausbruch des türkisch-italienischen Krieges habe man aber daS Geschäft allgemein eingeschräntt, um bare Mittel in Bereitschaft zu halten. Diese Politik erwies sich als sehr richtig, denn Gold wurde sehr knapp in Palästina und große Beträge mußten der Anglo-Palästina-Company in Jaffa überwiesen werden. Die Anglo-Palästina- Gesellschaft habe ganz zufriedenstellend gearbeitet. Die Ergebnisse der Anglo-Levantine Banking- Company in Konstantinopel übertteffen die vorjährigen. Die Filiale in Whitechapel habe sich befriedigend entwickelt. Der Bruttogewinn beträgt L. 17,300 (i. V. L- 18.000). Die Ausgaben stellen sich auf L. 6850 (L. 8600) bei einem Aktienkapital von L. 258.574. Der Reingewinn beträgt L. 7544. Hieraus soll eine steuerfreie Dividende von 7 d. auf dre Aktie von L. 1, d. s. rund 3 Cts. zur Verteilung gelangen. Ein jüdisches Mädchen als Preisträgeri» beim Stevographen-Wettbewerb. Wiener illustrierte Blätter bringen das Bild und die Lebensbeschreibung der vierzehnjährigen ״Dame" Leopoldine Hauser, deren Leistung auf dem stenographischen Gebiete säst beispiellos dasteht. Bei dem diesjährigen Preisauschreiben des Wiener Stenographen > Zenttalvereines, das in diesem Jahre nicht weniger als 370 Mädchen zum Wettbewerb unter sehr schweren Bedingungen vereinigte, errang die vierzehnjährige Leopoldine Hauser als alleinige Preisträgerin den ersten Preis. Ihre Leistung wird als einzig dastehend in der stenographischen Fachwelt des In- und Auslandes bezeichnet. Bei einer Diktatsgeschwindigkeit von 120 Worten in der Minute, die selbst langjährig geübten Berufstätigen gewisse Schwierigkeiten bereitet, hat die Hauser den ersten Preis errungen. Nach Feststellung Ser Leitung des Stenographen- Zentralvereines schreibt die vierzehnjährige ״Dame" auch bei einer Geschwindigkeit von 140 bis 150 Worten in der Minute politische und andere, schwierige Themen in vorzüglicher Weise nach. ES ist dies eine Leistung, die der vollen Höhe der parlamentarisch-praktischen Schnellschriftan- Wendung entspricht und die selbst bei Personen, die sich durch Jahre für die stenographische Praxis trainieren, nur selten anzutreffen ist. Leopoldine Hauser wird u der Presse als ״junge Champion- Stenographiu gepriesen, deren Leistung berechtigtes Aufsehen erregt." Der neue Kriegsmiuister und die Juden von Bagdad. Die Bagdader Juden richteten warme Glückwunschdepeschen an den neuen Krieg. Achtung auf den kleinen Anzeiger.